Dortmund (Quartet) 1976 ist ein Musikalbum von Anthony Braxton. Die am 31. Oktober 1976 live beim Festival „Jazz Life“ in Dortmund als Produktion des Westdeutschen Rundfunks entstandenen Aufnahmen erschienen 1991 auf HatHut Records.
Hintergrund Dieses Quartett bestand nur ein halbes Jahr – sein „Kern aber war mit Braxtons kompositorisch und konzeptionell hochkomplexer, doch zumindest hier unmittelbar ansprechender Musik bestens vertraut gewesen“: Dave Holland und Barry Altschul gehörten Anfang der 1970er-Jahre mit Braxton zu Chick Coreas bedeutender Formation Circle, die der Pianist dann „aus ideologisch-monetären Gründen“ zugunsten von Return to Forever auflöste, schrieb Mátyás Kiss. Braxton setzte die Arbeit von Circle dann ohne Tasteninstrument, aber mit Kenny Wheeler als zweitem Bläser fort (New York, Fall 1974).
Der Posaunist George Lewis gehörte Anfang 1976 zu seinem Creative Orchestra (Creative Orchestra Music 1976). Im Juni 1976 gastierte Anthony Braxton mit Lewis im Duo auf dem Moers Festival (Elements of Surprise), gefolgt von einem Ensemble Concert in der New Yorker Carnegie Hall, mit Muhal Richard Abrams, Dave Holland und Barry Altschul.Tom Lord The Jazz Discography (online, abgerufen am 11. Juli 2026) George Lewis hatte den eher introspektiven Trompeter Kenny Wheeler abgelöst. Im Anschluss an ein Duo-Konzert mit Lewis bei den Donaueschinger Musiktagen (dokumentiert auf Donaueschingen (Duo) 1976) trat er mit der pianolosen Besetzung als Quartett im Herbst in Mitteleuropa auf: Ein erster Mitschnitt des Quartetts entstand am 28. Oktober in Graz (Quartet (Graz) 1976), erschienen 2011 auf Braxton Bootleg. Am 29. Oktober gastierte die Formation in Willisau und am 31. Oktober beim ersten Dortmunder Jazzfestival. Am 6. November konzertierte das Quartet auf den Berliner Jazztagen (The Montreux/Berlin Concerts, 1977). Das kurzlebige Tandem mit dem Posaunisten George Lewis „eröffnete gleichzeitig eine klanglich neue Phase in seiner Quartettmusik, während der er mit einem Posaunisten (später Ray Anderson) die Frontline bildete“.
Titelliste Anthony Braxton: Dortmund (Quartet) 1976 (hat ART CD 6075) Composition 40F / Composition 23J 26:10 Composition 40 (O) 6:40 Composition 6C 9:48 Composition 40B 13:58
Die Kompositionen stammen von Anthony Braxton.
Rezeption mini|George Lewis, moers festival 2009 Steve Loewy verlieh dem Album in Allmusic die Höchstbewertung von fünf Sternen und schrieb, Braxton hat im Laufe der Jahre viele hervorragende Aufnahmen veröffentlicht, doch nur wenige würden sich so deutlich von der Masse abheben wie diese „inspirierte, energiegeladene Darbietung“. Braxtons Kompositionen seien durchweg brillant und vereinten Marching-Band-Themen, blitzschnelle, vom Hardbop beeinflusste Läufe sowie Folgen nicht synkopierter Achtelnoten, die alle zu einem Gefühl des Staunens und der Begeisterung beitragen würden. Zudem sei Braxton auf seinen verschiedenen Holzblasinstrumenten in hervorragender Form und zaubere ein schier unerschöpfliches Arsenal an Ideen hervor. Sein langes Solo in „Composition 40 F“ dürfte zu seinen besten Aufnahmen zählen und habe vom Publikum eine wohlverdiente begeisterte Reaktion geerntet. Indem er Lewis in die Gruppe holte, habe Braxton dazu beigetragen, einen der erstaunlichsten und technisch virtuosesten Posaunisten des gesamten Jazz zu fördern.
Der junge Lewis lasse sich von der Starbesetzung der Gruppe kaum einschüchtern und liefere von Beginn an atemberaubende Darbietungen, die dem Saxophonisten Ton für Ton in nichts nachstünden, so Loewy. Ob offen oder mit Dämpfer – Lewis war einer der überzeugendsten Interpreten von Braxtons komplexen Kompositionen. Auch Schlagzeuger Barry Altschul und insbesondere Bassist Dave Holland würden hervorragende Beiträge leisten, doch es seien vor allem die verschlungenen Kompositionen selbst und die unglaublichen Soli der Bläser, die dieses Album in die Liga der ganz Großen heben. Graham Locks sachkundige, fundierte Begleittexte seien ein großes Plus, um diese schwierige, aber äußerst lohnende Musik besser zu verstehen.
Der Chicagoer George Lewis sei wie Anthony Braxton Mitglied der dortigen Musiker-Kooperative AACM gewesen, schrieb Mátyás Kiss in seiner Besprechung für Rondo. Wie beim Art Ensemble of Chicago, dem namhaftesten AACM-Exponenten, würde das Beherrschen oder doch zumindest Heranziehen der unterschiedlichsten Klangerzeuger als „Ehrensache“ gelten. Für den Multiinstrumentalisten Anthony Braxton sei dies ein Leichtes gewesen: Allein auf diesem hervorragend abgemischten Live-Album spiele er neben drei verschiedenen Klarinetten und seinem Hauptinstrument Altsaxophon das Sopranino- und das Kontrabasssaxophon, also die beiden entgegengesetzten Enden der Saxophonfamilie – „nicht aus Effekthascherei, sondern in hochvirtuoser, strukturell sinnvoller Manier“. Trotzdem sei der Humor keineswegs aus der Musik verbannt: An einer Stelle würden Braxton und Lewis klingen, als würden sie sich geräuschvolle Küsse zu werfen oder „die Klangkulisse eines Zoos“ imitieren. Obwohl die Spontaneität eine wichtige Rolle für ihr künstlerisches Gelingen spiele, habe Braxtons Musik wenig mit dem Free Jazz gemeinsam; seine Vorstellungen von Musik würden Karlheinz Stockhausen, John Cage und anderen Zeitgenossen näher stehen als den Klischees des Jazz; das klingende Ergebnis allerdings wurzle nach wie vor fest im Boden afroamerikanischer Musik.
Einzelnachweise
Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Album (Neue Improvisationsmusik) Kategorie:Album 1991 Kategorie:Livealbum Kategorie:Anthony-Braxton-Album