Die Frau in den Bergen. Eine heitere Plauderei über ernste Dinge. ist ein Artikel von Emmy Eisenberg, der 1924 unter ihrem Ehenamen Emmy Hartwich in den Mitteilungen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins erschien. Eisenberg war eine der besten Bergsteigerinnen ihrer Zeit, und sie beschrieb in dem Artikel in Form einer „heiteren Plauderei“ die Erlebnisse einer Frau im männerdominierten Alpinismus. Der Artikel löste in der Zeitschrift Reaktionen aus und wurde kontrovers diskutiert. Seit Ende des 20. Jahrhunderts wurde Eisenbergs Artikel gelegentlich in Texten aufgegriffen, die sich mit der Geschlechtergeschichte des Alpinismus befassten.

Vorgeschichte Hatte vor dem Ersten Weltkrieg das Frauenbergsteigen im Alpenvereins-Schrifttum noch ein Schattendasein geführt, wurde die Alpinistin in der Nachkriegszeit diskursiv entdeckt. Dabei ging es nicht mehr um die Bekleidungsfrage „Rock“ oder „Hose“, sondern um die Frage: „Was heißt Frauenalpinismus?“ Die Auseinandersetzung wurde von Emmy Hartwich eröffnet.Dagmar Günther: Alpine Quergänge: Kulturgeschichte des bürgerlichen Alpinismus (1870–1930). Campus Verlag, Frankfurt 1998, S. 295–297. Bereits für den November 1921 hatte die Sektion Donauland des Alpenvereins, in der sie Gründungsmitglied war, einen Lichtbildvortrag Hartwichs unter dem Titel Die Frau in den Bergen – Heiteres und Ernstes angekündigt, den die Referentin am 17. Januar 1922 hielt. In einem kurzen Jahresbericht über das „Vortragswesen“ der Sektion hieß es im Folgejahr, dieser Vortrag habe „besonderes Interesse“ gefunden und die Referentin habe das von ihr gewählte Thema „in launiger Weise“ behandelt.Ursprüngliche Ankündigung: Nachrichten der Sektion Donauland, Nr. 4, 1. November 1921 (anno.onb.ac.at); Neuankündigung: ebd., Nr. 6, 1. Jänner 1922 (anno.onb.ac.at); Kurzbericht: ebd., Nr. 19, 1. Feber 1923, S. 14 (anno.onb.ac.at).

In Beiträgen zum Thema der Kameradschaft zwischen den Geschlechtern am Berg wurde in den 1920er Jahren in den Zeitschriften des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins mehrfach Bezug auf eine Aussage des tödlich verunglückten Kletterers Paul Preuß genommen,Tanja Wirz: Eine Geschlechtergeschichte des Alpinismus in der Schweiz 1840-1940. hier+jetzt, Baden 2013, S. 257. die dieser in dem Aufsatz Damenkletterei 1912 in der Deutschen Alpenzeitung veröffentlicht hatte: „Die Frau ist der Ruin des Alpinismus. Dieses Schlagwort ist nicht ganz mit Unrecht entstanden […].“Paul Preuß: Damenkletterei. In: Deutsche Alpenzeitung, XII. Jahrgang 1912/1913, 1. Halbband, S. 10–13, hier: S. 10. Preuß’ Beitrag war nicht leicht zu deuten, schon deshalb, weil er den Text mit dem Bekenntnis versah, er sei selbst „mit 17 jungen Damen“ durch das Kletterseil verbunden gewesen. Die Historikerin Tanja Wirz konstatierte, Hartwich könnte sich zu dem heiklen Thema absichtlich so unklar geäußert haben wie Preuß und einen Artikel verfasst haben, der „seltsam in der Schwebe blieb zwischen Ironie und Ermsthaftigkeit“.Tanja Wirz: Eine Geschlechtergeschichte des Alpinismus in der Schweiz 1840-1940. hier+jetzt, Baden 2013, S. 257ff.

Unter dem Namen Emmy Hartwich veröffentlichte Eisenberg, die bekannt dafür war, viele Touren mit Paul Preuß gegangen zu haben, 1924 in den Mitteilungen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins den Text Die Frau in den Bergen, eine heitere Plauderei über ernste Dinge. zum Thema Frauen und Bergsteigen. Sie bezog sich auf ihre gemeinsamen Klettererfahrungen, die sie als rundum positiv bewertete: „Er war überhaupt das Ideal eines Turengefährten.“Emmy Hartwich: Die Frau in den Bergen. Eine heitere Plauderei über ernste Dinge. In: Mitteilungen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins. Nr. 3, 15. Februar 1924, S. 26–28, hier: S. 28. Dies galt jedoch keineswegs für alle Männer, wie sie unter Verweis auf ihre Erfahrungen am Berg auch ausführte.

Inhalt Einleitend sagt Hartwich, sie wolle untersuchen, weshalb Bergsteigerinnen wenig gewürdigt worden seien. Sie listet bekannte Bergsteigereigenschaften auf und erklärt, einige von diesen wie Orientierungssinn, Geschicklichkeit mit dem Seil und Eignung zum Rucksackschleppen würden der Frau zugegebenermaßen fehlen. Aber: „Alle anderen Bergsteigereigenschaften besitzt die Frau! Nur, da die Nomenklatur von den Männern gemacht wurde, heißen sie bei uns anders. Und zwar: Mut – blöder Leichtsinn, Entschlossenheit – sträflicher Eigensinn, Ausdauer – eine gewisse Zähigkeit, Geistesgegenwart – glücklicher Zufall, und Liebe zur Sache – Liebe zum Mann.“

Als Nächstes wendet sich Hartwich den Beziehungen zwischen den Geschlechtern zu. Jede Frau klettere meist mit einem bestimmten Führer, mit dem sie ein fixes Paar bilde. Davon profitierten die Leistungen beider. So habe sie seit dem Ableben von Preuß und Redlich nie wieder so gute bergsteigerische Erfolge erzielt. Wenn solche Paare gemeinsam geklettert hätten, hätten die Führer auch über die Leistungen der Partnerinnen konkurriert: Jeder habe versucht, seine Partnerin im besten Licht erscheinen zu lassen.

Von den „Ersten“ kämen den Frauen niemals Sorge oder Plage. In Dreierseilschaften könne aber ein Mann als Dritter seine Gleichstellung mit einer Frau nur schwer ertragen. Die Frau müsse den Dritten für sich gewinnen und zum Freund machen, um Frieden zu wahren. Um seiner männlichen Eitelkeit zu schmeicheln, müsse sie vorgeben, seine Ratschläge unbedingt zu benötigen. Keinesfalls dürfe er den Eindruck haben, sie sei besser als er.

Danach erklärt Hartwich, sie meine in ihren Ausführungen immer nur die wirkliche Bergsteigerin, die Gefährtin, und nicht verschiedene andere, oft recht seltsame Typen, denen man in den Bergen begegne.

Hartwich schließt mit dem Satz: „Und die Frau findet in den Bergen eigentlich so recht das, wozu sie geschaffen ist: das Beherrschtwerden von einem Führer, dem sie sich gerne unterordnet, und das verhältnismäßig mühelose, spannungs- und genußvolle Erreichen ihres Zieles, – in diesem Falle des Bergesgipfels.“

Zeitgenössische Wirkung und Rezeption Schon unter den Zeitgenossen sorgte Hartwichs Fazit für Widerspruch. Die Ballonfahrerin und Bergsteigerin Margarete Große kritisierte in einer ReplikMargarete Große: Die Frau in den Bergen, in: Mitteilungen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins, Nr. 7, 15. April 1924, S. 76–78, dass aus dem Unterschied zwischen den Geschlechtern als natürliche Notwendigkeit ein Herrschaftsverhältnis abgeleitet werde, und bestritt einen Mangel an weiblichem Orientierungssinn. Große konzedierte die höhere Körperkraft der Männer, meinte aber, dass im Berg nicht die körperliche, sondern die moralische Leistung zähle.

Der Berliner Alpinist G. Christophe erklärte, die „äußerst witzige Plauderei“ von Emmy Hartwich habe ihm viel Vergnügen bereitet; was den Artikel besonders anziehend mache, sei „die scharfe Beobachtungsgabe der Verfasserin, der fröhliche Humor und ein gewisses Maß von Selbstironie“. Er wundere sich aber, dass in Hartwichs Typisierung der Bergsteigerinnen die führungsfähige Bergsteigerin fehle. Er kenne Bergsteigerinnen, die eine Reihe schwerer Bergbesteigungen geführt oder allein gemacht hätten. Dieser Typ sei zweifellos selten, aber vorhanden. Der Herausgeber der Zeitschrift des DÖAV kommentierte dies, Bergsteigerinnen im strengen Sinne des Alpinismus gebe es nicht, wenn es auch vielleicht sehr vereinzelt Damen gebe, die selbständig Felstouren unternehmen würden und erfolgreich durchgeführt hätten. „Erstrangige Eistouren – von Damen allein oder von Damen geführt – sind meines Wissens noch nie ausgeführt worden.“ Er drückte damit die herrschende Meinung im DÖAV aus, die gemischtgeschlechtliche Seilschaften hierarchisch begriff. Dem hielt der Berliner Alpinist entgegen, man solle die tatsächlich vollbrachten Leistungen fähiger Bergsteigerinnen, die unzweifelhaft als „schwer“ zu bezeichnende Touren geführt hätten, nicht geflissentlich vertuschen.

Analysen und aktuelle Rezeption Dagmar Günther sah 1998 in Hartwichs einleitenden Kommentaren zu dem Bergsteigereigenschaften eine ironische Entzauberung der erhabenen Eigenschaften des Mannes durch die Selbst-Stigmatisierung der Frau, die den männlichen Befähigungsdiskurs in den Grundfesten aushebele. Aber es handele sich dabei um einen rhetorischen Effekt, der den Intentionen des Aufsatzes entgegenlaufe, denn die Frau sei bei Hartwich expressis verbis identisch mit ihrer Bedeutung für den Mann.

Hartwich präsentierte die gemischtgeschlechtliche Seilschaft, so Günther, hierarchisch, in Begriffen von Herrschaft und Unterordnung, Führer und Gefolgschaft, nicht als Gemeinschaft Gleichgestellter wie die Mann-Mann-Seilschaft. Ergänzt werde dieser Diskurs der Differenz bei Hartwich wie auch bei Margarete Große durch einen Diskurs der Komplementarität, bei dem Mann und Frau zur „gegenseitigen Veredelung ans Seil geknüpft seien“. In Hartwichs Worten: „Und wie bei allen solchen fixen Paaren in Kunst, Wissenschaft und Sport zeigt es sich, daß die Leistungen durch gemeinsames Arbeiten besser werden. Es besteht eine undefinierbare Beziehung, eine Suggestion, zwischen solchen Menschen, unter welcher ‚Sie‘ alles besser macht und ‚Er‘ zu kühneren Unternehmungen angespornt wird.“ Hartwichs Aufruf zur Inszenierung weiblicher Unterlegenheit am Berg verdeutliche, so Günther, dass eine überlegene Bergsteigerin für den Mann vor allem eine Gefahr bedeutete. Der von Bergsteigerinnen nach dem Ersten Weltkrieg zur Legitimierung der Frau im Bergsteigen eingesetzte Diskurs der Komplementarität trete hier zum Diskurs der Differenz hinzu, um die Frau als Bergkameradin gebührend in Szene zu setzen.

Der Apologie der Leiden, Schmerzen und Mühen der alpinistischen Männer-Helden setzte Hartwich ein von Genuss bestimmtes Verhältnis zum Bergsteigen entgegen, das in Analogie zur Repräsentation des weiblichen sexuellen Genusses den Genuss aus der klaren, einem Machtverhältnis eingeschriebenen Rollenteilung am Berg zog. In der Passage über das „Beherrschtwerden von einem Führer“ zeige sich die Selbstunterdrückung der Frau ungeschminkt. Sie sei in den Bergen mit einem Führer unterwegs, dem sie sich genussvoll unterordne. Doch ließe sich die Über-Identifikation mit den Zuschreibungen von Weiblichkeit als Taktik deuten: Hartwich könnte petit nègre sprechen, um dem Kolonialherren zu gefallen. Zudem böte sich auch eine ironische Lesart als Fazit an. Der Text berge hier Interpretationsprobleme. Jedenfalls entspreche Hartwichs Aussage dem zeitgenössischen Wissen um den weiblichen Geschlechtscharakter.

Tanja Wirz meinte 2007, Hartwichs Essay bleibe in der Schwebe zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit. Welchen Schluss man aus den Passagen über die Bergsteigereigenschaften ziehen sollte, sei unklar. Seien Frauen von Natur aus als Bergsteigerinnen ungeeignet oder war es bloß die patriarchalische Gesellschaft, die dies so sehen wollte? Hartwich erkläre es nicht. Hartwich habe Verhaltenshinweise aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz gegeben. Mit ihrer Beschreibung der Dreierseilschaft habe sie angedeutet: Die von Alpinisten viel beschworene Gleichheit sei ein Männerbund um einen Führer, und Frauen könnten die Beziehung zwischen bewunderten Führern und eifrigen Adepten nur stören. Ihre Auflistung von Bergsteigerinnentypen nenne Negativbeispiele wie die mondäne Großstadtdame, die knabenhafte, laut Herumpolternde und schließlich die zähe Selbstständige. Dabei habe sie sich, zumindest in ihrem Artikel, die unter Alpinisten gängige Frauenverachtung zu eigen gemacht, indem sie sich gegenüber anderen Typen weiblicher Bergsteigerinnen absetzte und die „wirkliche Bergsteigerin“ als „die angenehme Gefährtin mit halbwegs anziehendem Äußeren“ bezeichnete. Mit dem Statement des „Beherrschtwerdens von einem Führer“ habe Hartwich möglicherweise provozieren wollen – was ihr jedenfalls gelungen sei.