mini|Gedenkstein für die abgerissene Synagoge Waren Die Genisa Waren ist eine Geniza aus der Synagoge von Waren (Müritz) im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, deren Schriften, Gebetbücher und rituelle Gegenstände nach dem Verkauf der Synagoge 1936 entdeckt und im Heimatmuseum eingelagert wurden. Sie ist die einzige Genisa in Norddeutschland und wurde 1994 dokumentiert.

Fundumgebung und Hintergrundgeschichte In Waren gab es seit 1795/96 eine Synagoge, die sich im alten Stadtkern nahe der Marienkirche in einem Hinterhaus befand.Arne Benkendorf, Dorothea Rother: Waren/Müritz. In: Irene Diekmann (Hrsg.): Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern. S. 295–317, hier S. 304 Ende der 1920er Jahre wurde die Synagoge nur noch zu hohen Festtagen genutzt und nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 fanden keine Gottesdienste mehr statt. 1936 musste sie auch auf politischen Druck an einen Privatmann verkauft werden. Daher blieb das Gebäude von den Novemberpogromen 1938 verschont. Nach einem weiteren Verkauf wurde die Synagoge 1954 abgerissen.Arne Benkendorf, Dorothea Rother: Waren/Müritz. In: Irene Diekmann (Hrsg.): Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern. S. 295–317, hier S. 308–310Kniesz et al.: Der Genisa der jüdischen Gemeinde in Waren, S. 25, S. 27

Die genaue Fundlage der Genisa auf dem Dachboden mit Ort, Lage und Umfang ist nicht überliefert. Die Fundstücke wurden 1936 in einem Pappkarton in das damalige Heimatmuseum eingebracht und lagerten nahezu unbemerkt im Magazin des Museums. Nach der Wiederentdeckung, Restaurierung und Präsentation in einer Sonderausstellung 1996 werden die Fundstücke im Stadtgeschichtlichen Museum Waren aufbewahrt. Die wissenschaftliche Untersuchung in Hinblick auf Entstehungszeit oder der Drucke der einzelnen Texte steht aus.Kniesz et al.: Der Genisa der jüdischen Gemeinde in Waren, S. 3f.Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-08078-9 (Online-Version)

Religionsgeschichtlicher Hintergrund Nach jüdischer Tradition werden rituelle Gegenstände und liturgische Schriften, die nach langem Gebrauch nicht mehr benutzbar sind, entweder auf dem Friedhof bestattet oder in einem eigens dafür bestimmten Ort abgelegt. Meist dient hierfür der Dachboden der Synagoge. Dieser Ort wird als Genisa (im Plural Genisot) bezeichnet, das Schatzkammer, Archiv, Depot bedeutet. Sämtliche unbrauchbar gewordenen Schriftstücke, die den Namen Gottes enthalten, werden in einer Genisa abgelegt, um sie vor Entweihung zu schützen.Frowald Gil Hüttenmeister: Die Genisot als Geschichtsquelle. In: Monika Richarz, Reinhard Rürup (Hrsg.): Jüdisches Leben auf dem Lande. Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte. Mohr Siebeck, Tübingen 1997, ISBN 3-16-146842-2, S. 207–218, S. 207f.Falk Wiesemann (Hrsg.): Genisa – verborgenes Erbe der deutschen Landjuden. Ausstellungskatalog, Bertelsmann, München 1992, ISBN 3-570-10501-6, S. 16

Die Fundstücke Gefunden wurden knapp 60 Fragmente von liturgischen und weltlichen Büchern und Schriftstücken unterschiedlichster Art sowie liturgische Sachgegenstände. Fast die Hälfte der Funde sind Taschenkalender, die bei der Datierung der Genisa halfen. Alle Teile stammen aus der Zeit von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zum ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die Fundstücke wurden 1996 dokumentiert.zu allen Fundstücken: Kniesz et al.: Der Genisa der jüdischen Gemeinde in Waren, S. 5–19

Schriftstücke Unüblicherweise dominieren in der Warener Genisa nicht Gebetbücher und andere liturgische Schriften. Dennoch bilden die liturgischen Texte die wichtigste Gruppe. Enthalten sind zwei Fragmente von Torarollen, Fragmente einer Pessach-Haggada, ein hebräisches Jahresgebetbuch, Tischgebete zu Birkat Hamason sowie mehrere Pergamentrollen für Mesusa oder Tefillin.

Mit 26 der Fundstücke bilden Taschenkalender die größte Gruppe. Sie stammen aus den Jahren 1760 bis 1836 und helfen bei der Datierung der Genisa.Kniesz et al.: Der Genisa der jüdischen Gemeinde in Waren, S. 19f. Weiterhin waren in der Genisa gut zehn nicht zu identifizierende Fragmente von Drucken bzw. Buchseiten enthalten. Dazu kommen vier deutsch-jüdische Blätter zur wirtschaftlichen Tätigkeit, die Rechnungen und Belege enthalten.

Sachgegenstände Die Zusammensetzung der Sachgegenstände ist vergleichbar mit vielen anderen Genisot: Zu ihnen zählen zwei Toramäntel, Tefillin-Kapseln mit Pergamentröllchen, Tefillin-Beutel sowie eine Holzkugel, die wahrscheinlich als Gewicht genutzt worden war.

Literatur Jürgen Kniesz, Claus Müller, Arne Benkendorf, Dorothea Rother, Joachim Kluge: Der Genisa der jüdischen Gemeinde in Waren (Schriftenreihe des Warener Museums- und Geschichtsvereins Heft 11), herausgegeben vom Warener Museums- und Geschichtsverein e. V., Waren 1996 (ohne ISBN). Irene Diekmann (Hrsg.): Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, ISBN 3-930850-77-X.

Weblinks Synagoge Waren (Müritz), auf Website juden-in-mecklenburg.de

Einzelnachweise

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