Kapitulation von Michel Decar ist ein in der Ich-Perspektive erzählter Gegenwartsroman, der 2023 im MÄRZ Verlag Berlin veröffentlicht wurde. Die Geschichte erzählt vom Beschluss des dreißigjährigen, erfolglosen Lyrikers László Carassin, nach einer unerwarteten Verleihung eines Kunstförderpreises mit dem Schreiben aufzuhören und mit dem Geld eine Reise durch Europa zu machen.

Der Roman folgt einer kreisförmigen Erzählstruktur, die László über mehrere Stationen schließlich wieder an seinen Ausgangspunkt zurückführt, ohne dass seine ambitionierten Pläne je zur Vollendung gelangen. Er wurde in der Literaturkritik als „locker-flockiger Künstlerroman“ mit Bezügen zur Tradition des literarischen Taugenichts und des Schelmenromans eingeordnet, der mit trockenem Humor und pointierter Prosa zugleich den prekären Kunstbetrieb der Gegenwart reflektiert.

Inhalt Ausgangssituation László Carassin, gerade dreißig Jahre alt, ist seit Jahren als Lyriker erfolglos. Seine Gedichte sind auf Blogs und in Underground-Heften erschienen, ohne dass sich eine nennenswerte Leserschaft dafür gefunden oder er damit Geld verdient hätte. Einzig ein Gedicht aus seinem so genannten Wasser-Zyklus wurde einmal abgedruckt, was dem Erzähler als größter bisheriger literarischer Erfolg gilt. Er lebt in einer Wohngemeinschaft mit einem Drehbuchautor in der Lilienthalstraße am Südstern in Berlin-Kreuzberg, wo beide kaum die Miete aufbringen können. Neben der beruflichen Erfolglosigkeit ist László in eine zerrüttete Liebesbeziehung zu Mercedes Czeminski verstrickt, die er selbst als „melodramatische On-Off-Operette“ bezeichnet. Die Beziehung ist zu Beginn des Romans zerbrochen, und die Erinnerung an Mercedes zieht sich fortan als Leitmotiv durch das gesamte Erzählgeschehen.

In diese Situation hinein erhält László unvermittelt die Nachricht, dass ihm die Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg den Kunstförderpreis ihres Hauses verleiht, dotiert mit 7500 Euro. Warum er ausgezeichnet wird, versteht er selbst nicht. Er soll laut Mitteilung der Stifterin „zusammen mit anderen hoffnungsvollen Talenten“ geehrt werden. Das Preisgeld empfindet er als „absurd schiefe Summe“ – zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben, zumindest im von ihm sogenannten „schrecklichen Berlin“. Gleichwohl fasst er den Gedanken, mit dem Geld aus Berlin zu fliehen und vielleicht an der bulgarischen Riviera einen Minigolfplatz zu eröffnen.

Die Preisverleihung in Wolfsburg Zunächst muss László nach Wolfsburg reisen, um den Preis und das Preisgeld in Empfang zu nehmen. Die Übergabe findet auf einer Gala im Ritz-Carlton-Hotel statt, bei der er seine Gedichte vor dem Publikum vorträgt. Die teilnahmslosen „Sparkassen-Gesichter“ der Veranstaltung lösen bei ihm tiefe Niedergeschlagenheit aus. Noch am selben Abend beschließt er, sein Schriftstellerleben zu beenden und mit dem Preisgeld in 100-Euro-Scheinen eine neue Existenz zu beginnen. Er erklärt Mitreisenden im Zug, er sei nunmehr „Ex-Schriftsteller“. Der zuvor erwogene Minigolfplan an der bulgarischen Riviera wird abgewandelt und schließlich verworfen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Brno entscheidet sich László spontan, zu seinem Onkel Bernát nach Zánka am Balaton in Ungarn zu fahren.

Am Balaton und das Millionen-Gedicht-Plan Bei Onkel Bernát, der ein Anwesen mit einem Wohnwagen im Garten besitzt, richtet sich László ein, um seinen selbst ausgerufenen „Ruhestand“ zu genießen. Er lebt in den Tag hinein, gibt sich dem Nichtstun hin und entwickelt eine ausformulierte Philosophie der Faulheit, die er seinem Freund Diamantis so darlegt: „Allgemein ist Arbeit unnatürlich. Weißt du, was natürlich ist? Freizeit. Arbeit dagegen ist ein Fetisch, den sich die Rechten ausgedacht haben. Arbeit ist kein essenzielles Bedürfnis, Freizeit ist es.“ Zugleich wird ihm klar, dass das Preisgeld rascher schwindet als erwartet: „Mich kotzte es an, arm zu sein. Warum hat mir die Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg nur 7.500 Euro in den Umschlag gesteckt, warum nicht 10.000 oder 15.000?“

Onkel Bernát, der selbst von zahllosen gescheiterten „Eine-Million-Euro“-Geschäftsideen berichten kann, pflanzt seinem Neffen die Idee ein, das ultimative Gedicht zu schreiben – ein „1-Million-Euro-Gedicht“, in dem nach Bernáts Rezept „alle Tiere der Welt vorkommen müssten und Liebe und Eifersucht, und alle Hauptfiguren müssten sterben, und zwar auf die tragischste Weise, genau in dem Moment, in dem man sie lieb gewonnen hat“. Diese Idee bewegt László dazu, seine Selbstbezeichnung als Ex-Schriftsteller fallen zu lassen und die Arbeit am Langgedicht aufzunehmen.

Nikosia und das Fragment Da am verregneten Balaton die nötige Stimmung für das große Gedicht nicht aufkommt, bricht László nach Zypern auf. In Nikosia macht er sich mit viel Enthusiasmus an die Niederschrift, doch auch dort stellt sich die erhoffte Inspiration nicht ein: „Nikosia ist völlig unmöglich. Unmöglich zum Leben, unmöglich zum Atmen, eine regelrechte Schnapsidee ist es gewesen, hier Gedichte zu schreiben. Dieses Wüstenklima hat mich in drei Wochen mehr ruiniert als das schreckliche Berlin in drei Jahren“. Die letzten verbliebenen Reste des Preisgeldes zerrinnen auf den Thekentresen der Stadt. Zehn linierte Notizhefte füllt er mit Gedichtfragmenten, doch das vollendete Werk bleibt aus. In Momenten der Erschöpfung erwägt er, das Epos zu einem einzelnen Punkt zu kondensieren: „Vielleicht würde das Gedicht nur aus einem Wort bestehen. Vielleicht nur aus einem Buchstaben oder einem Satzzeichen. Ja, dachte ich, ein Punkt. Dieses Gedicht würde nur aus einem Punkt bestehen. Ein Punkt, der wie die Sonne am Himmel steht.“

Das Ende der Reise In einer Bar in Nikosia begegnet László der Figur Tigris Lawrence, der er unmittelbar verfällt und nach Odessa folgt. Die zehn mit Gedichten gefüllten Notizhefte lässt er zurück. Sie interessieren ihn in diesem Moment nicht mehr. Tigris hat eine Wohnung und eine Kreditkarte. Eine Weile befindet sich László in einem Zustand, den er selbst als Glück beschreibt, bis sich auch dieses Glück auflöst. Mit aufgebrauchtem Preisgeld und gescheiterten Plänen endet seine Reise in dem Zustand, mit dem sie begann: Am Ende steht László wieder am Ausgangspunkt. Der Roman schließt mit der offenbleibenden Frage nach der Natur der titelgebenden „Kapitulation“.

Figuren László Carassin ist der Ich-Erzähler und Protagonist des Romans. Zu seinen Gedichtwerken gehören eine Dinosaurierlyrik, Weltraumnovellen und ein Zyklus über seinen Škoda. Titelgedichte lauten etwa George W. Bush besucht den Flugzeugträger USS Nightingale oder Easyjetflug 4614. László ist ausgeprägt egozentrisch, neigt zu dramatischen Formulierungen und stürzt sich laut Rezensionen mit Haut und Haar in jede Situation. Die Kritik beschrieb ihn als Figur, die gleichermaßen glücklich und unglücklich sein kann und keinen Mittelweg kennt.

Mercedes Czeminski ist Lászlós ehemalige Lebensgefährtin, mit der er eine lang andauernde, zerrissene Beziehung verbindet. Sie taucht im Romantext als Erinnerungsfigur auf und ist mit dem Berliner Lokal „Tannenbaum“ verknüpft, das László mit ihr in Verbindung bringt. Die Beziehung bildet den emotionalen Hintergrund der Reise. Onkel Bernát lebt in Zánka am Balaton, ein Träumer gescheiterter Großprojekte. Diamantis ist Lászlós Freund, an den László am Balaton seine Arbeitsphilosophie richtet. Tigris Lawrence ist eine Frau, der László in einer Bar in Nikosia begegnet und nach Odessa folgt.

Publikation und Lesungen Kapitulation erschien als dritter Roman Michel Decars im neu gegründeten Berliner MÄRZ Verlag. Dieser war 1969 erstmals gegründet und 1987 aufgelöst worden. 2021 wurde er von Barbara Kalender und Richard Stoiber neu gegründet. In der Laudatio des Berliner Verlagspreises 2025 wurde Kapitulation als eines der prägenden Werke des Verlagsprogramms gewürdigt, das den Verlag im zeitgenössischen Literaturbetrieb positionierte. Der MÄRZ Verlag erhielt 2025 den Großen Berliner Verlagspreis, den die Jury ihm als „Verlag der Gegenkultur, der Kritik und des Experiments“ verlieh.

Vorablesungen fanden am 1. Juli 2023 statt, unter anderem bei der Gartenmesse „Kleine Verlage am Großen Wannsee“ des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB). Der Roman wurde im literarischen Herbstprogramm 2023 präsentiert, so las Decar im Rahmen der Veranstaltung „Wort(g)arten 2023“ am 16. November 2023 in der fabrik Potsdam aus dem Buch. Im März 2024 stellte er den Roman bei einem gemeinsamen Verlagsabend des MÄRZ Verlags im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Salon für Text & Musik“ vor, bei der die Verleger Barbara Kalender und Richard Stoiber ihre aktuellen Werke präsentierten.

Textanalyse Erzählperspektive und Erzählzeit Der Roman ist als Ich-Erzählung gestaltet. Der Erzähler ist identisch mit dem Protagonisten László Carassin. Die Diskrepanz zwischen dem Selbstbild des Erzählers und dem, was der Text dem Leser über die Figur zeigt, wurde in der Rezeption der Literaturkritikerin Marlen Hobrack in der taz als zentrales komisches Verfahren des Romans benannt. Der Protagonist leide – für sich selbst undurchsichtig, für die Leser jedoch sehr offensichtlich – an Selbstüberschätzung und Selbsttäuschung. Diese Fallhöhe erzeuge die komische Wirkung des Textes.

Die Erzählzeit umfasst einen überschaubaren Zeitraum, der die Stationen der Reise von der Preisverleihung bis zur Rückkehr abdeckt. Der Protagonist ist zu Beginn dreißig Jahre alt. Die Schauplätze sind real-geographisch verortet: Berlin-Kreuzberg (Lilienthalstraße am Südstern), Wolfsburg (Ritz-Carlton), Brno, Zánka am Balaton, Nikosia und Odessa. Die Gegenwart der Handlungszeit ist durch Alltagsreferenzen auf zeitgenössische Wirklichkeit verankert. Der Rezensent Michael Opitz hob hervor, Decar gelinge es, „viel gegenwärtiges Flair einzufangen“.

Aufbau und Handlungsstruktur Der Roman folgt einer Reisestruktur, die in der Literaturkritik als Kreisbewegung beschrieben wurde. Die Reise führt letztendlich zum Ausgangspunkt zurück und lässt den Erzähler verändert zurückkehren. Die Reisestationen folgen der sich rasch wandelnden Stimmungslage des Protagonisten. Hobrack wies in ihrer Kritik auf das erzählerische Verfahren hin, literarische Versprechen zu machen und dann fallen zu lassen. So treten zu Beginn zwei Herren mit Bürstenhaarschnitt auf, die einen kriminalliterarischen Handlungsstrang andeuten und dann spurlos verschwinden. Ebenso erscheinen wiederkehrende Dingsymbole wie Uhrenmagazine, denen László geradezu kosmische Bedeutung beimisst – „als Reiseführer in die Tiefen des bundesrepublikanischen Unterbewusstseins, als Sternenkarte und Kodex für das Unaussprechliche“ –, ohne dass ihnen ein erzählerischer Status signifikant zugewiesen wird.

Gattung und Stilmittel Der Roman wird in der Literaturkritik als Künstlerroman eingeordnet und enthält Elemente des Schelmenromans. Als stilistische Merkmale nannten Rezensionen trockenen Humor, schlagfertige Dialoge und eine pointenreiche Prosa mit „flüssigem und griffigem Sound“. Der Deutschlandfunk-Rezensent Maximilian Mengeringhaus charakterisierte den Text als „locker-flockigen Künstlerroman voller Schnapsideen und herausragender Entertainerqualitäten“. Die Besprechung der Schriftstellerin Britta Röder auf booknerds.de hob hervor, Decar jongliere bewusst mit allen Klischees des Künstlertypus – Realitätsferne, Umgang mit Geld, Egozentrismus, Maßlosigkeit – und bereite dem Scheitern eine „knallbunte Bühne“.

Einordnung Literarische Bezüge