mini|Künstlerheim Techentin auf einem Aquarell von Werner Hänel (11. August 1946) Die Etablierung der Werkstätten für Bildende Kunst in Techentin 1946–1948 war ein kulturpolitischer Versuch in Ostdeutschland, in der Nachkriegszeit ein künstlerisches Bildungsprojekt für junge Künstler zu schaffen. Die damals teilnehmenden Künstler der Arbeits- und Interessengemeinschaft waren ab Oktober 1945 Mitglieder des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands.

Geschichte 1945 bis 1946 mini|hochkant|Vera Kopetz in den 1990er-Jahren mini|Joachim Wermann im Jahr 2000 mini|Hans-Jürgen Schlieker im seinem Studio in Bochum (2009) mini|Werkstätten für Bildende Kunst in Techentin: Stempel Werkstätten Techentin (Ludwigslust) Im Dezember 1945 entwickelten unter Federführung des Techentiner Kunstmalers Hermann Schepler die Künstlerin Vera Kopetz und die Schepler-Schüler Helga Zemke, Joachim Wermann und Hans-Jürgen Schlieker die Idee, eine Gemeinschaft zum Zwecke gemeinsamer künstlerischer Arbeit, Lernen und gegenseitigem Austausch zu bilden.Unterlagen Hänel, Dresden, Schriftliche Auskunft Jochen Wermann vom 25. März 2014 an Andreas Hänel Die Künstler waren seit Oktober 1945 Mitglieder der am 28. August 1945 in Schwerin gegründeten Landesorganisation des Kulturbundes Mecklenburg-Vorpommern.Landeshauptarchiv Schwerin, Verzeichnis des Mitglieder des Kulturbundes, Sektion Bildende Kunst, Oktober 1945 Unterstützt wurde die Initiative vom Oberregierungsrat Erich Venzmer, damals Referent für Bildende Kunst und Museen in der Landesverwaltung Mecklenburg-Vorpommern. Der Kunstmaler Schepler erhält mit Schreiben des Präsidenten des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Abteilung Kultur und Volksbildung, am 28. Januar 1946 eine Bescheinigung ausgestellt mit dem Auftrag, die künstlerische Leitung der Werkstätten für Bildende Kunst in Techentin zu übernehmen.Grabower Heimatmuseum, Schreiben des Präsidenten des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Abt. Kultur und Volksbildung an den Kunstmaler H. Schepler, vom 28. Januar 1946 Mit diesem Schreiben werden alle politischen Dienststellen gebeten, Schepler bei der Errichtung dieses für den kulturellen Aufbau bedeutenden Unternehmens zu unterstützen. Schepler und Wermann nehmen dann bereits an der in Ludwigslust am 30. und 31. März 1946 stattfindenden Ausstellung Zeitnahe Kunst teil.Landeshauptarchiv Schwerin, Reg.-Nr. 6.11-21/2929, Schreiben der Stadt Ludwigslust, Kultur- und Volksbildungsamt, an die Landesverwaltung Mecklenburg-Vorpommern, Abt. Kultur und Volksbildung, vom 8. April 1946 Im April 1946 wurde für die Arbeit der Künstler das Wohnhaus Büdnerei 28 in Techentin bei Ludwigslust in Anspruch genommen. Zur finanziellen Unterstützung der Arbeit beantragte Erich Venzmer am 15. Mai 1946 bei der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung (Kunst und Literatur) in der sowjetischen Besatzungszone 10.000 RM als einmalige Beihilfe zur Einrichtung und Unterhaltung der Werkstätten für Bildende Kunst in Techentin.Landeshauptarchiv Schwerin, Reg.-Nr. 6.11-21/2908, Antrag Präsident des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Abt. Kultur und Volksbildung, vom 14. Mai 1946

Zur Unterstützung der neuen Arbeitsgemeinschaft, mit den zu übernehmenden Aufgaben als Künstler, Lehrer und Heimleiter, übersiedelt Werner Hänel aus Dresden am 2. August 1946 nach Techentin. Schepler und Hänel studierten an der Dresdner Kunstakademie und waren eng befreundet.Archiv der Hochschule für Bildende Künste Dresden Schepler hatte ihm bereits im Mai 1946 die Mitarbeit in den Werkstätten angeboten. Ende November 1946 zieht auch seine Ehefrau Franziska nach Techentin. Von Sommer 1946 bis Sommer 1947 sind die Künstler sehr produktiv. Diese Zeit kann als die ergebnisreichste Phase der Arbeitsgemeinschaft eingeschätzt werden. Neben umfangreichen eigenen Werken übernehmen die Künstler öffentliche Aufträge. Bekannt aus dieser Zeit ist der Auftrag an Hermann Schepler und Joachim Wermann, eine Wand im Haus der SED in Ludwigslust auszumalen. Für die Anfang September 1946 stattfindenden Gemeinde- und Kreistagswahlen erhalten die Künstler den Auftrag, Wahlplakate zu fertigen.Unterlagen Hänel, Dresden, Brief Werner Hänel an Franziska Hänel vom 14. August 1946 Weiterhin wurden die Künstler aufgefordert, in unterschiedlicher Beteiligung, u. a. einen Entwurf zur Ausmalung des Ludwigsluster Theaters anzufertigen, die Weinstube in Grabow malerisch zu gestalten, Ausmalen von Schulen zu realisieren, z. B. in Güritz, einen Plan zur Ausmalung der Kunstscheune in Ludwigslust vorzulegen. Auch kommt es vor, dass die im Ort befindlichen Angehörigen der Sowjetarmee sich porträtieren lassen. Die Fotos, die von der Arbeit der Künstler in der Gemeinschaft Zeugnis ablegen, sind aufgenommen von dem Techentiner Lichtbildner Heinrich (Heini) Grundey.

1946 bis 1948 Im November/Dezember 1946 nahmen die sechs Künstler und der Lichtbildner Heini Grundey an der Ausstellung Kunst der Gegenwart im Jugendheim zu Ludwigslust teil.Katalog Kunstausstellung vom 23.11.-01.12.1946 im Jugendheim zu Ludwigslust, Herausgeber: Kultur- und Volksbildungsamt der Stadt Ludwigslust Der 2. Teil der Schau wurde unter dem Titel Künstlerkollektiv Techentin den jungen Künstlern Helga Zemke, Joachim Wermann, Hans-Jürgen Schlieker und ihren Unterstützern Vera Kopetz, Hermann Schepler sowie Werner Hänel eingeräumt. In der Presse erhalten die präsentierten Werke der Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft außerordentlich positive Einschätzungen.Unterlagen Hänel, Dresden, Artikel in der Landeszeitung vom 28. November 1946 und weiterer Artikel ohne Datumsangabe Eine weitere Teilnahme der Künstler, außer Vera Kopetz, findet an der Ausstellung Eine Stadt stellt sich vor vom 15. bis 18. Juni 1947 im Haus der Kultur (ehemals Palais Bülow, Kanalstraße 28) statt. Auch Heini Grundey stellt Kunst-Fotografien aus.Katalog Eine Stadt stellt sich vor – Leistungsschau der Lindenstadt Ludwigslust/Mecklenb., 15.-18.06.1947. Veranstalter: Der Bürgermeister der Stadt Ludwigslust Im Mai 1947 arbeiten Franziska und Werner Hänel mit Erich Venzmer an einer Heim- und Künstler-Ordnung.Unterlagen Hänel, Dresden, Brief Franziska Hänel an Ruth Ulich vom 25. Mai 1947

Wegen mangelnden Interesses der Mecklenburger Kulturpolitik an dem Bildungsprojekt wird das Fortbestehen der Einrichtung immer unrealistischer. Auch die Mitglieder der Gemeinschaft suchen persönliche Möglichkeiten der akademischen Ausbildung. Hans-Jürgen Schlieker und Joachim Wermann verlassen im Sommer 1947 die Werkstätten, um in Hamburg bzw. München zu studieren. Helga Zemke beginnt im gleichen Jahr ein Studium an der Hochschule für bildende Künste Berlin.Universität der Künste Berlin, Archiv Vera Kopetz zieht nach Schwerin und arbeitet freischaffend. Die verbleibenden Mitglieder der Gemeinschaft Hermann Schepler, wohnhaft in Techentin Haus-Nr. 99, und Werner Hänel, wohnhaft mit seiner Ehefrau im Künstlerheim, Büdnerei 28, können die Werkstätten ohne Künstlerzuwachs nicht weiter betreiben. Trotz des Einsatzes des Landrates des Kreises Ludwigslust, Herrn Eginhard Alland, die Werkstätten zu erhalten und für eine Ausbildungseinrichtung auszuweiten, scheitert das Kulturprojekt. Das 1946 ohne Vertrag in Anspruch genommene Grundstück Büdnerei 28 in Techentin wird nun ab 1. April 1948 vertraglich von der Eigentümerin, der Tochter des Ludwigsluster Baumeisters Leopold Bernhardt, für 5 Jahre dem kreiseigenen Betrieb der kulturellen Wirtschaftsbetriebe des Kreises Ludwigslust verpachtet.Landeshauptarchiv Schwerin, Reg.-Nr. 5.12-9/3, Pachtvertrag zwischen Hannelore Bernhardt und dem kreiseigenen Betriebe der Kulturellen Wirtschaftsbetriebe des Kreise Ludwigslust vom 24. April 1948Unterlagen Hänel, Dresden, Brief Franziska Hänel an Ruth Ulich vom 11. Mai 1948 Zukünftig soll das Haus nicht mehr nur als Heim für Kunstmaler, sondern auch für Menschen mit anderen künstlerischen Berufstätigkeiten dienen so z. B. Architekten, Dichter, Bühnenbildner und weitere.

Im Juni 1948 erhalten Franziska und Werner Hänel vom Landrat die Mitteilung, dass jeder im Heim lebende Künstler das Künstlerheim nur insgesamt sechs Monate nutzen kann. Das heißt für das Ehepaar Hänel, dass auf der Grundlage des mit der Eigentümerin abgeschlossenen Pachtvertrages vom 1. April 1948 deren Wohn- und Arbeitsnutzung am 30. September 1948 ausläuft. Als letzte Nutzer und Künstler in den Werkstätten verlassen Werner und Franziska Hänel Techentin Ende September 1948.

Rückblick mini|Das Künstlerheim in der Büdnerei 28 in Techentin ist heute ein Kindergarten (Zustand 2014) Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war nicht geeignet, politisch gelenkte Künstlergemeinschaften mit überwiegend Laien aufzubauen. Es gab kein ausreichendes Material für die Künstler, die Verpflegung war ärmlich und die räumlichen Voraussetzungen nicht ideal. Auch die politischen Verhältnisse konnten diese Initiative nicht unterstützen. In der sowjetischen Besatzungszone war es nicht gelungen, im Land Mecklenburg-Vorpommern und in deren Kommunen demokratische Strukturen zu schaffen, damit Künstler frei denken und handeln konnten.

Von November 2025 bis Januar 2026 wurde im Rahmen einer Ausstellung im Rathaus Ludwigslust der Gründung der Werkstätten für Bildende Kunst in Techentin und dem Wirken seiner damaligen Künstler nach 80 Jahren erstmals erinnert. Die Ausstellung fand durch Unterstützung der Stadt Ludwigslust und den Nachfahren/Lebenspartnern der Künstler Hermann Schepler, Vera Kopetz, Hans-Jürgen Schlieker, Joachim Wermann und Werner Hänel statt.

Literatur Hartmut Brun: Ludwigslust, Ein Lesebuch, Hinstorff Verlag GmbH, Rostock 2001, ISBN 3-356-00891-9, S. 232 ff. Gisela Schlieker: Sie kennen mich sicher schon!, S. 12, Herausgeber: Dr. Anna-Claudia Guimbous, 2012 Monika Buschey/Sebastian Buckup: Die gebrochene Linie, Monika Buschey, 2025, S. 20 f. Hermann Schepler: Zum 100. Geburtstag des Malers und Grafikers, Katalog zur Ausstellung in der alten Post Ludwigslust vom 27.8.-02.10.2011, Herausgeber: Kunst- und Kulturverein Ludwigslust Wege zur Stadt, Teil 4, Chronik Techentiner Geschichte(n), Herausgeber: Stadt Ludwigslust, Absatz 3.8 Büdnerei Nr. 28

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