Heinz Beutler (* 13. Dezember 1903; † 1988) war ein Oberregierungsrat in der baden-württembergischen Landesplanung, Lehrer und Dorfforscher.

Frühe Jahre Wie viele Raum- und Landesplaner seiner Generation wurde Heinz Beutler durch den engen Kontakt zur deutschen Jugendbewegung geprägt. Er gehörte der Breslauer Deutschen Akademischen Freischar, dem Wandervogel Bunzlau und schließlich auch der Schlesischen Jungmannschaft an. 1922 nahm Beutler an der Großfahrt der schlesischen Jungenbünde, der sogenannten Siebenbürgenfahrt, teil;Jürgen von der Trappen: Die Schlesische Jungmannschaft in den Jahren 1922 bis 1932. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Jugendbewegung. Diss., Universität-Gesamthochschule Essen 1996, S. 51 f. seit 1925 publizierte er in jugendbewegten Zeitschriften. Noch in der Weimarer Republik war Heinz Beutler als Lehrer in Landerziehungsheimen tätig.Für das Boberhaus geht Greiff von einer Lehrtätigkeit Beutlers von 1932 bis 1937 aus (vgl. Greiff 1985, S. 111). Seit 1932 war er Mitarbeiter des Boberhauses in Löwenberg (). So geriet er in den Kontext der sogenannten Arbeitslagerbewegung. Beutler wurde nach Jürgen von der Trappen bald organisatorischer Leiter der am Boberhaus angesiedelten Dorfforschungsprojekte.Jürgen von der Trappen: Die Schlesische Jungmannschaft in den Jahren 1922 bis 1932, Anhang Dokumentationsband, Biographische Daten von Jungmannschaftsmitgliedern, S. 107.

Dorfforschung in Schlesien Inspiriert und angeregt durch die soziologische Landvolk-Forschung in Rumänien (Dimitrie Gusti), rezipiert durch den österreichischen Soziologen Gunther Ipsen (und dessen Mitarbeiter Helmut Haufe), war Beutler wesentlich an den damaligen empirischen Dorfaufnahmen beteiligt. Nach 1933 gerieten diese Studien in das Fahrwasser der Nationalsozialisten (siehe Soziologie im Nationalsozialismus). Nach Peter Dudek war es Heinz Beutler, der sich gegen Eugen Rosenstock-Huessy (mit antisemitischen und antidemokratischen Untertönen) gestellt hatte:

Nach Peter Dudek würden sich solche Äußerungen „wie der erste Schritt zur Selbstgleichschaltung einer Bewegung“ lesen.Peter Dudek: Erziehung durch Arbeit. Arbeitslagerbewegung und freiwilliger Arbeitsdienst 1920–1935, Westdeutscher Verlag, Opladen 1988, S. 160. Dabei war es laut Jürgen von der Trappen gerade Heinz Beutler (gemeinsam mit Ernst BargelZur Person: Ernst Bargel (1901–1967), Wandervogel Lüben, 1919 Wandervogel-Hundertschaft, führend in der Schlesischen Jungmannschaft, Diplomvolkswirt, Redakteur des „Zwiespruch“, Leitung von Boberhaus-Kursen, 1934 Schriftleiter „Volkstum und Heimat“, 1952 bis 1967 in der Abteilung Europa des Bundeswirtschaftsministerium, Bonn. (vgl. Greiff 1985, S. 111).), der 1925 als Student in Breslau die „gedeihliche Zusammenarbeit“ der Schlesischen Jungmannschaft mit dem Soziologen Rosenstock-Huessy angebahnt hatte, die bis 1930 gepflegt wurde.:176

Beutler schwebte 1933 eine Lehrerbildung vor, die im Rahmen von Lagerausbildungen aus Lehrkräften „Volkserzieher“ machen sollte. Zu Beutlers pädagogischen Beiträgen stellt Andreas Kraas darum fest: „Beutlers Arbeit ist ein Dokument pädagogischer Kontinuität über einen politischen Machtwechsel hinweg.“Andreas Kraas: Lehrerlager 1932-1945. Politische Funktion und pädagogische Gestaltung. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2004, S. 37.

Als 1935 die von dem NS-Funktionär Johann Wilhelm Ludowici etablierte Akademie für Landesforschung und Reichsplanung entstand, nutzte Heinz Beutler den Rahmen der NS-Landesplanung, um über die aufgenommenen Dorfforschung-Arbeiten in Schlesien – sehr phrasenhaft – zu berichten.Volksforschung. In: Reichsplanung 1 (1935), Heft 7, S. 193–196.

Laut dem DFG-Portal GEPRIS historisch 1920 bis 1945 beantragte Heinz Beutler gemeinsam mit dem Leipziger Soziologen Hans Freyer im Jahr 1935 ein Stipendium (bewilligt) für die schlesische Dorfforschung; weitere Anträge erfolgten allein durch Beutler, ein Druckkostenzuschuss wurde abgelehnt. Nach GEPRIS historisch war Heinz Beutler die einzige Person, für die Hans Freyer vor 1945 einen DFG-Antrag stellte. Ebenso wurde von dem Breslauer Wirtschaftshistoriker Heinrich Bechtel ein DFG-Antrag gestellt (bewilligt 1933), an dessen Umsetzung Beutler in organisatorischer Hinsicht mitwirkte: Der Antrag bildete die Basis für die sogenannten Dorfaufnahmen. Beteiligt waren die „Deutsche Forschungsgemeinschaft, Wissenschaftliche Akademikerhilfe, Abteilung Standortkunde und Volksforschung in Schlesien“ und die „Wissenschaftliche Nothilfe für Standortkunde und Volksforschung in Schlesien“.Vgl. zu diesem Vorhaben für erwerbslose Jungakademiker: von der Trappen 1996, S. 361 (ff.): "Prof. Heinrich Bechtel übernahm die wissenschaftliche, der Jungmannschafter Beutler die organisatorische Leitung dieser Maßnahme." (ebd.).

In dieser frühen Phase des Nationalsozialismus begriffen sich Forscher als am Prozess der Bildung einer NS-„Volksgemeinschaft“ beteiligt. Das sollte sich als ein Irrtum erweisen, weil die NSDAP auf ihrem Deutungsmonopol bestand. Für den ländlichen Bereich propagierte Beutler in Artikeln und Aufsätzen noch werdende „Dorfgemeinschaften“ – und zwar auch in ausgewiesen nationalsozialistischen Presseorganen.

Forschungen dieser Art wurden weiter verfolgt: Heinz Beutler nahm an der von Gunther Ipsen geleiteten Arbeitstagung des „Bevölkerungswissenschaftlichen Arbeitskreises über Fragen der Dorfforschung“ am 19. Juni 1937 teil. Auf dieser Tagung sollte nach Sonja Schnitzler die „auf unterschiedliche Weise und von verschiedenen Stellen ausgeführte reichs- und auslanddeutsche Dorfforschung […] zentralisiert werden.“Vgl. Sonja Schnitzler: Soziologie im Nationalsozialismus zwischen Wissenschaft und Politik. Elisabeth Pfeil und das „Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik“. Springer, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-18611-5, Kapitel zur soziologischen Dorfforschung, S. 119–124 (hier: S. 119 f.) Nach der Gründung der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) erhielt Heinz Beutler im Jahr 1938 von der RAG 1.000 Reichsmark für seine Untersuchung Die Landflucht in ihren Erscheinungsformen in Schlesien.Vgl. Hansjörg Gutberger: Raumentwicklung, Bevölkerung und soziale Integration. Forschung für Raumplanung und Raumordnungspolitik 1930–1960. Springer VS, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-15129-4, S. 393. Hansjörg Gutberger setzt die schlesischen Dorf-Untersuchungen nach 1933 in den Rahmen einer Planungsforschung für den nationalsozialistischen Staat.Vgl. Hansjörg Gutberger: Volk, Raum und Sozialstruktur. Sozialstruktur- und Sozialraumforschung im "Dritten Reich". Münster u. a. 1996, S. 35 f. Gutberger geht dabei nicht von dem Konstrukt "völkische Wissenschaft" aus, sondern von Forschung/Planung im "völkischen Staat". Ein Unterschied. Seine Darstellung macht verständlicher, warum Heinz Beutler in der Bundesrepublik keine (weiteren) 'völkischen' Bekenntnisse, sondern Beiträge zur Raum- und Landesplanung lieferte.

Landesplanung in Oberschlesien Nach Walter Greiff – ebenfalls eng mit der bündischen Jugendbewegung und dem Boberhaus-Kreis verbunden – war Heinz Beutler in den Jahren 1940 bis 1945 als Referent in der Landesplanung Oberschlesien tätig.Vgl. Greiff 1985, S. 111. Greiff interpretierte rückblickend (1985) landesplanerische Tätigkeiten im NS-Staat als berufliche Auffangmöglichkeiten, wenn nicht gar als ‚Schutz‘ der Jugendbewegten vor Verfolgung: „Die junge Verwaltung der Landesplanung hatte um diese Zeit Ansehen und behördliche Autorität gewonnen und blieb von der ns Parteiideologie weitgehend verschont. So konnten nicht wenige Angehörige der JmGemeint ist: Schlesische Jungmannschaft (Jm). hier eine ihrer Landeserfahrung adäquate Tätigkeit ausüben.“Greiff 1985, S. 94 (Schreibweise im Original). Siehe zum Kontext Landesplanung, Dorfforschung und Beutler auch, Greiff 1985, S. 64 f. Greiff nannte als Zentralfigur den Architekten Gerhard Ziegler.

Greiffs Interpretation der NS-Landesplanung als 'unpolitisch' entspricht schon seit den späten 1980er Jahren nicht mehr dem Stand der Geschichtswissenschaft.Vgl. zum Forschungsumfeld: Mechtild Rössler: Die Institutionalisierung einer neuen „Wissenschaft“ im Nationalsozialismus. Raumforschung und Raumordnung 1933–1945. In: Geographische Zeitschrift. Bd. 75, Nr. 3, 1987, S. 177–193, JSTOR:27818463. Die Bedeutung von Personen des (konservativen) Widerstands für die nationalsozialistische Raum- und Landesplanung zu klären, ist gleichwohl bis heute eher ein Forschungsdesiderat.

Nach 1945: Landesplaner in der Bundesrepublik Deutschland Für Beutlers berufliche Orientierung nach dem Zweiten Weltkrieg blieb das Netzwerk der Raum- und Landesplanung entscheidend, denn er kam erneut in diesem Bereich unter. Er arbeitete u. a. mit den Landesplanern Gerhard Ziegler und Gerhard Isenberg gemeinsam in der Landesplanung von Württemberg-Hohenzollern; später dann in der Sonderplanungsstelle für die Sanierungsgebiete in Stuttgart. Das Bonner Institut für Raumforschung führte 1950 „Dr. Beutler, Köln“ als Mitglied seines „Arbeitskreises für Raumforschung“ auf.Vgl. Institut für Raumforschung (Hrsg.): Das deutsche Flüchtlingsproblem. Sonderheft der Zeitschrift für Raumforschung, Eilers, Bielefeld 1950, ohne Seitenangabe (Klappentext).

Am 31. März 1969 schied Heinz Beutler aus der Beamtenlaufbahn aus.Siehe Hauptstaatsarchiv Stuttgart EA 2/150 Bü 93.

Schriften (Auswahl)

mit Kramm, unveröffentlicht: Verzeichnis der Archivalien des Kreises Löwenberg aufgestellt von Dr. Beutler — Löwenberg und Dr. Kramm, Löwenberg, ohne Jahr.Ein Vorname wird nicht genannt: Vgl. die Abschrift des Verzeichnisses in: Doris Baumert: Die Gemeindeakten des Kreises Löwenberg (Schlesien), Selbstverlag, Stadtoldendorf 2006 (siehe: https://www.doris-baumert.de/Dokumente/gemeindeakten_kreis_loewenberg.pdf) Das Verzeichnis bezieht sich auf die Jahre 1328 bis 1927. unter dem Pseudonym Hans Trotzendorff: Die Gruppe im Arbeitsdienst. In: Jugend im Dienst, Heft 3 (1932), S. 86 ff. Die Dorfwochen der Schlesischen Jungmannschaft. In: Die Dorfgemeinschaft. Monatsschrift für Landkunde und ländliche Erziehung, 1. Jg., Heft 6, Juni 1933, S. 121–130. Die junge Generation und die pädagogische Aufgabe. In: Die Erziehung (1933), S. 416–428. Der Pädagogische Dienst am Grenzschulheim Boberhaus Löwenberg (Schlesien). Ein Beitrag zur neuen Lehrerbildung. In: Nationalsozialistische Erziehung (1933), 2, S. 472–474. Der Pädagogische Dienst am Boberhaus. In: Die Erziehung (1934), 9. Jg., Heft 9, S. 422 ff. Standortkunde und Volksforschung in zwei Grenzkreisen Schlesiens. In: Jahresbericht 1934 der Wissenschaftlichen Akademikerhilfe, erstattet von der Notgemeinschaft deutscher Wissenschaft, Deutscher Wissenschaftsdienst, Berlin 1935. Volksforschung. In: Reichsplanung 1 (1935), Heft 7, S. 193–196. Der Weg zur Dorfgemeinschaft. Ein großes Ziel der jungen Mannschaft des Landvolks. In: Hakenkreuzbanner: NS-Tageszeitung für Mannheim u. Nordbaden, Früh-Ausgabe Nr. 526, 14. November 1935, S. 4. Dorfforschung am Grenzschulheim Boberhaus. In: Arhiva pentru ştiinta şi reforma socială: organ al Institutului Social Român / Institutul Social Român, Bukarest, Bd. 13 (1936), S. 17–38. Kesselsdorf. In: Schlesische Blätter für Volkskunde (1939), S. 59. Dorfgestaltung im Schlesischen Vorgebirgsland. In: Neues Bauerntum 32. Jg. (1940), Heft 9, S. 327–332. Raumeinheiten des Berufsverkehrs und Stadtlandschaften in Südwürttemberg: Bearbeitet im Innenministerium, Abt. Hoch-, Wiederaufbau und Landesplanung von Heinz Beutler. In: Württemberg-Hohenzollern in Zahlen: Zeitschrift für Statistik und Landeskunde / Württemberg-Hohenzollern Statistisches Landesamt, Tübingen-Lustnau: Statistisches Landesamt für Württemberg-Hohenzollern, Bd. 7 (1952), 3, S. 65–82.