Das Comblain-Gewehr Modell 1870 ist ein belgisches Einzelladergewehr mit Fallblockverschluss, welcher als Vorreiter aller Hinterladergewehre wurde.

Entwicklungsgeschichte mini|Comblain mit seinem Gewehr im Jahr 1880 Mitte der 1860er Jahre begann Hubert-Joseph Comblain mit der Entwicklung von Hinterladergewehren. Bereits im Jahr 1867 konnte er der belgischen Armee ein solches Gewehr vorstellen, das Reilly-Comblain, im damaligen Großbritannien auch bekannt als Comblain I oder Comblain No. 1 Rifle. Er nutzte hierfür einen normalen Vorderlader, welchen er so umgebaute, dass er zu einem Hinterlader wurde. 1867 meldete er in London ein Patent mit der Nummer 2778 an. Um das neue Gewehr bei der British Army vorstellen zu können, hatte er vorher mit der Firma E. M. Reilly & Co. eine Vereinbarung für den Bau und die Nutzung der Räumlichkeiten getroffen. Zu den Erprobungen beim britischen War Office war er jedoch zu spät, da die Erprobungen für neue Gewehre bereits im Gange waren. Aus diesem Grund wurde sein Gewehr nicht in Betracht gezogen.

Nachdem der erste Entwurf eines Hinterladergewehrs keine Aufträge einbrachte, begann Comblain mit der Entwicklung eines zweiten und komplett neuen Entwurfs. In Belgien meldete Comblain dann ein Patent für einen neuen Fallblockverschluss an. Die Patentanmeldung erfolgte 1868 in Lüttich und 1869 in London mit der Nummer 929. Das Patent lief auf den Namen H. Comblain und L. Lambin et Cie. Comblain selber bezeichnete das neue Gewehr mit dem neuartigen Fallblockverschluss als Comblain II, wobei später der Zusatz II entfiel. Dieser neue Entwurf bildete die Grundlage für viele weitere und nachfolgende Gewehre von Comblain.

Produktion Die Produktion des Comblain-Gewehr Modell 1870 fand größtenteils in Lüttich statt, wo sich mehrere kleine Büchsenmacherwerkstätten zu einem großen Konsortium zusammenschlossen um sich für Großaufträge zu bewerben. Dazu zählte das La Petite Syndicate à Liège, welches aus bis zu 30 eigenständigen Kleinbetrieben bestand. So wurde das Comblain-Gewehr Modell 1870 unter anderem bei den folgenden Büchsenmachern hergestellt: Auguste Francotte & Companie Beuret Fes Dresse Laloux & Cie. D. Ancio & Fils E. M. & L. Nagant Ed Malherbe G. Mordant Jules Ancion & Fils Leon Lambin Lambin & Co. Lambin & Theate Pirlot & Fresart Die genauen Produktionszahlen aller Comblain-Gewehre und -Karabiner ist nicht bekannt.

Technische Beschreibung Belgien Comblain-Gewehr Modell 1870 mini|Comblains Lademechanismus Das Gewehr Carabine Comblain de la Garde Civique Modèle 1870 ist ein Einzelladergewehr mit einem Fallblockverschluss und einem gezogenem Lauf. Der Lauf verfügt über vier Züge und Felder mit Rechtsdrall und hat ein Kaliber von 11 mm. Unter dem Lauf befindet sich eine große Bajonettaufnahme, sowohl für ein Schwertbajonett, als auch für ein Yatagan Säbelbajonett. Der Lauf hat eine Länge von 832 mm, mit dem Schaft hat das Gewehr eine Gesamtlänge von 1200 mm. Der Fallblockverschluss befindet sich in einem Gehäuse aus Bronze und war dadurch sehr robust und widerstandsfähig. Die Visierung besteht aus einem, zur damaligen Zeit, typischen Klappvisier. Diese kann auf einer Entfernung von 200 bis 1.000 m eingestellt werden.

Aufgrund des einzigartigen Verschlussmechanismus und einem versteckten Hahn, ist das Comblain sehr leicht von anderen Waffen zu unterscheiden. Das massive Gehäuse nimmt den schweren Verschlussblock auf, welcher mit dem kombinierten Abzugsbügel und Bedienhebel geschwenkt gelagert ist. Der Abzug selber befindet sich in einem zylindrischen Gehäuse aus Stahl, welches auch die Schlagfeder und die Baugruppe für den Abzugsstollen aufnimmt. Dadurch wird die Bedienung des Gewehrs ebenfalls einzigartig.

Durch das Drücken des Abzugsbügels nach unten und vorne, werden die Baugruppen aus Verschlussblock, Hahn, Abzug und Feder leicht zurückgeschoben und abgesenkt. Dadurch schwenkt die Einheit radial nach unten und vom Patronenlager weg, während gleichzeitig der Hahn gespannt und die abgeschossene Patronenhülse ausgeworfen wird. Die neue Patrone wird manuell in das Patronenlager eingeführt. Danach wird der Bedienhebel angehoben, wodurch sich der Verschlussblock in die Schießstellung bewegt und das Gewehr Feuerbereit ist.

Comblain-Karabiner Modell 1871 Im Jahr 1869 gab eine belgische Regierungskommission die Entwicklung eines Kavallerie-Karabiner in Auftrag. Der Karabiner Modell 1871, in der belgischen Armee als Mousqueton de Cavalerie, Système Comblain, Modèle 1871 bekannt, ist eine verkürzte Version des Comblain-Gewehr Modell 1870. Der kurze Vorderschaft wird durch eine Laufkappe und einen Querstift zusammengehalten. Die Riemenbügel befinden sich unterhalb der Laufkappe und hinten am Kolben. Das Systemgehäuse und alle Beschlagteile bestehen aus Stahl. Der Karabiner ist mit einem Hahn ausgestattet, welcher hinter einer Schutzverkleidung versteckt ist.

Comblain-Karabiner Modell 1871/83 Im Jahr 1883 wurden am Karabiner 1871 einige Änderungen durchgeführt, um ihn zu modernisieren und für andere Truppenteile nutzbar zu machen. So wurde er ab 1883 hauptsächlich von den Pionieren und den Nachschubtruppen genutzt. Bei diesem Karabiner wurde der Hahn verändert um einen besseren Halt zu erzeugen. Weiterhin wurde ein verbessertes Visier für größere Schussentfernungen verbaut und der Schaft wurde bis zur Mündung verlängert. Unter dem Lauf befindet sich eine kleine Aussparung für einen Putzstock. Der modernisierte Karabiner wurde in der belgischen Armee als Mousqueton de Cavalerie, Système Comblain, Modèle 1871/83 bezeichnet.

Comblain-Karabiner Modell 1871/83, modifiziert Weiterhin gab es von dem Karabiner eine modifizierte Variante, den Mousqueton de Cavalerie, Système Comblain, Modèle 1871/83 modifié, welcher speziell für die Kavallerie angepasst wurde. So wurde der Lauf ein wenig verkürzt und mit einer neuen Stahlkappe versehen. Zusätzlich wurde eine Bajonettaufnahme verbaut, um das Albini-Steckbajonett Modell 1867 aufpflanzen zu können.

Comblain-Karabiner Modell 1888 Nachdem das Patent von Comblain auslief, begann der Bau eines neuen Karabiner für die belgische Armee. Dieser entsprach dem nicht modifizierten Comblain-Karabiner Modell 1871/83, jedoch erhielt er nun eine Bajonettaufnahme für verschiedene Säbelbajonette. Während die Mündungskappe dem Modell 1871 entsprach, wurden der Hahn und die Visierung vom Modell 1871/83 übernommen. In der Armee wurde dieser Karabiner als Mousqueton de Garde-Champetre, Système Comblain, Modèle 1888 geführt.

Brasilien Comblain-Gewehr Modell 1873 Das brasilianische Comblain Modelo I Carabina 1873 war das erste Gewehr von Comblain, welches in der brasilianischen Armee eingeführt wurde. Die Bestellung belief sich dabei auf rund 9.000 Stück, welche bei G. Mordant und Pirot & Fesart hergestellt wurden. Es war im Grunde ein direkter Nachbau des Comblain-Gewehr Modell 1870, bestand jedoch anstatt aus Bronze größtenteils aus Stahl und verfügte über einen geschützten Hahn. Aus Bronze bestehen lediglich die Schaftkappe, die Laufbänder und die Laufmündungskappe. Am markantesten beim Modelo I Carabina ist eine markante Ausbuchtung am hinteren Ende des Betätigungshebels, sowie dem geschützten Hahn, wodurch diese Gewehre zu den ersten Waffen mit einem innenliegenden Hahn zählen. Das Modelo I Carabina und alle nachfolgenden Modelle wurden brüniert ausgeliefert.

Comblain-Gewehr Modell 1874 Das Nachfolgemodell des Comblain Modelo I Carabina 1873 war das Comblain Modelo II Carabina 1874, welches einige geringfügige Änderungen erhielt. So wurde der Verschlusshebel abgeändert und es wurde eine Sicherung an der rechten Seite des Abzugsgehäuses eingebaut. Weiterhin wurde der Handschutz aus Holz auf der Laufoberseite zwischen dem Laufring und der Basküle erweitert. Das Modelo II Carabina wird auch als brasilianisches Modell bezeichnet und bildete die Grundlage für die Comblain Modelo III Carabina 1878 und Comblain Modelo IV Carabina 1885, bei denen nur kleinere Anpassungen durchgeführt wurden und ein optischer Unterschied kaum erkennbar ist. Vom Modelo II Carabina wurden um die 40.000 Stück hergestellt, vom Modelo III Carabina 1.000 Stück und vom Modelo IV Carabina liegen keine Daten vor.

Comblain-Gewehr Modell 1885 Beim Comblain Modelo IV Carabina 1885 besteht der einzige optische Unterschied aus einer Sicherungsschraube an der linken Seite des Verschlussgehäuses.

Comblain-Karabiner Modell 1873 Bei dem Comblain Modelo I Mosquetao 1873 handelt es sich um die Karabiner-Version des Comblain-Gewehrs. Es hat den Verschluss aus Stahl des Modelo I Carabina, allerdings das Kaliber 11 × 42 mm R und einen verkürzten Lauf. Zwischen 3.000 und 4.000 Karabiner diesen Typs wurden hergestellt.

Comblain-Karabiner Modell 1892 Beim Comblain Modelo IV Mosquetao 1892 gab es zum Comblain Modelo I Mosquetao 1873 nur sehr wenige Unterschiede. Der Karabiner wurde in Belgien gefertigt und hat einen integralen unteren Erl. Am oberen Erl befindet sich eine Holzschraube weniger im Kolben. Ansonsten gab es optisch keinerlei Unterschiede. Um die 2.000 Karabiner vom Modelo IV Mosquetao wurden produziert.

Munition Das Comblain-Gewehr Modell 1870 verwendet dieselben Patronen wie das Albini-Braendlin-Gewehr oder das Terssen Modell 1777/1868. Die Patrone besitzt eine Hülse aus gewalzter Messingfolie und existiert in mindestens acht verschiedenen Varianten. So kann das Gewehr die folgenden Patronen verschießen: 11,4 × 51 mm R Modell 1867 11 × 50 mm R Modell 1867 11,4 × 42 mm R Modell 1867 Karabiner 11 × 42 mm R Modell 1867 Karabiner 11,4 × 51 mm R Modell 1880 11 × 50 mm R Modell 1880

Bajonette Für das Comblain-Gewehr Modell 1870 gab es das Yatagan Säbelbajonett Modell 1870. Es ähnelt sehr stark den französischen Bajonetten des Chassepotgewehr, wurde ursprünglich aber für das Teressen-Gewehre hergestellt. Im späteren Verlauf, speziell für den Comblain-Karabiner Modell 1888, wurde ein neues Bajonett gefertigt. Das Bajonett Modell 1888 hat eine Gesamtlänge von 56,5 cm und wurde in einer geringen Stückzahl produziert.

Bezeichnungen Belgien Carabine Comblain de la Garde Civique Modèle 1870 Mousqueton de Cavalerie, Système Comblain, Modèle 1871 Mousqueton de Cavalerie, Système Comblain, Modèle 1871/83 Mousqueton de Cavalerie, Système Comblain, Modèle 1871/83 modifié Mousqueton de Garde-Champetre, Système Comblain, Modèle 1888

Brasilien Comblain Modelo I Carabina 1873 Comblain Modelo II Carabina 1874 Comblain Modelo III Carabina 1878 Comblain Modelo IV Carabina 1885

Einsatz Belgien mini|Chilenischer Soldat mit dem Gewehr 1870 Comblain Belgien führte 1870 das Gewehr Modell 1870 ein. Da die Armee kurz vorher das Albini-Braendlin-Gewehr als Standard-Infanteriegewehr eingeführt hatten, bestand kein Bedarf für diese Waffen an der Front. Im Jahr 1871 wurde das Gewehr deshalb an den belgische Bürgerwehr Garde Civique übergeben und erhielt die Bezeichnung Carabine Comblain de la Garde Civique Modèle 1870. Der Karabiner 1871 wurde hauptsächlich von der Kavallerie genutzt, während die modernisierte Variante, der Karabiner 1871/83, von den Pionieren und Nachschubtruppen eingesetzt wurde.

Brasilien Während des Tripel-Allianz-Krieges in den Jahren 1864 bis 1870 wurden in Brasilien, unter anderem, tausende Perkussionsmusketen, Bajonette und weitere Waffen hergestellt. Nach Kriegsende stellte die Armee fest, dass alle Vorderladergewehre veraltet waren. Um ein neues Standardgewehr für die Brasilianische Armee zu finden, wurden mehrere gängige Hinterlader der damaligen Zeit für Tests und Erprobungen beschafft. Darunter befanden sich britische Snider-Enfield Gewehre, französische Chassepotgewehre und US-amerikanische Winchester Model 1866 Gewehre. Im Jahr 1873 wurden dann die ersten Gewehre von Comblain beschafft, für gut befunden und in den Bestand der Armee eingeführt.