mini|hochkant|Die Yunus-Emre-Statue in der Anadolu Üniversitesi in Eskişehir

Das Oratorium Yunus Emre ist das bekannteste Werk des türkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun. Der Text besteht aus Gedichten des anatolischen Volksdichters Yunus Emre (um 1240 – um 1321), die in dem Werk humanistisch interpretiert werden. Saygun komponierte es im Jahr 1942. Nach der Erstaufführung 1946 in Ankara ebnete es seinen Weg als führender Komponist einer nationalen Schule der Türkei. Das Oratorium erlangte internationale Berühmtheit und wurde in mehrere Sprachen, u. a. ins Englische, Deutsche und Ungarische, übersetzt.

Vorgeschichte Saygun erlebte in seiner frühen Kindheit in Izmir, wie Derwische die İlahis von Yunus Emre singend um Almosen baten. Im Alter von zwölf Jahren fielen ihm die Gedichte von Yunus Emre auf, die zeitlebens einen großen Eindruck machten. Als junger aufstrebender Künstler in der klassischen Musikszene der Türkei war er zunächst vom Präsidenten Mustafa Kemal Atatürk entdeckt und beauftragt worden, türkische Opern zu komponieren. Beeindruckt von seinem Talent, ließ er ihn das Cumhurbaşkanlığı Senfoni Orkestrası leiten. Aufgrund seiner Meinung nach von Neid und Missgunst seitens Kollegen und dem Bildungsministerium über seinen Einfluss auf den Präsidenten und einem niederschmetternden Geheimbericht über seine Fähigkeiten seitens Paul Hindemith verlor er diese Stellung und wurde in Ankara zu einer unerwünschten Person. 1939 wurde er zum musikalischen Generalinspekteur der Halkevleri (Bildungsinstitute) ernannt und kehrte nach Ankara zurück. Während einer Zugreise ins anatolische Inland im Jahr 1942 manifestierten sich erstmals die musikalischen Grundzüge seines Oratoriums.

Libretto und musikalischer Aufbau Das Oratorium besteht aus drei Teilen mit einem Intermezzo und folgt damit der Form eines Händel’schen Oratoriums. Saygun wählte 13 Gedichte aus und editierte die Gedichte im geringen Maßen so, dass sie musikalisch ausdrucksfähig wurden.

Rezitative wurden auf Basis einer Uzun Hava komponiert. Bei der Orchestration wollte, obwohl selten in dieser Form aufgeführt, Saygun neben Tamtam (chinesischer Flachgong), Paarbecken (türkisch halile), Celesta, Tomtom (Zylindertrommel), Harfe und Orgel auch die Sufi-Instrumente nay (Längsflöte) und kudüm (kleines Kesseltrommelpaar) erklingen lassen, die jedoch bereits bei der Erstaufführung und vielen anderen Vorstellungen durch das Tomtom und die Querflöte ersetzt wurden.

Die Gliederung, die jeweilige Besetzung und das tonale Zentrum lässt sich wie folgt zusammenführen: Nr. Titel (türkisch) Titel (deutsch) Besetzung Tonales Zentrum Erster Teil1. Teferrüç eyleyû vardım Als die zarte graue Dämmerung Chor und Orchester D2. Yalancı dünyaya konup göçenler Die diese schnöde Welt für immer verließen Rezitativ: Tenor solo, Pauken und Streicher G3. Ağlamaktır benim işim Ich weine, ich weine immerdar Arie: Alt solo, Oboe, Englischhorn, Orgel oder Streicher C4. Sen bundar garip mi geldin Einsam bist du hierhergekommen Arie: Bass solo, Chor und Orchester Fis5. Benim adım dertli dolap Ich bin ein ächzend’ Wasserrad Choral: Chor und Orchester Gis Zweiter Teil6. Ya İlâhi, ger suâl itsen bana O Allmächtiger Arie: Bass solo und Orchester F7. Yaktın beni yandırdın Verbannt bin ich von deinem Feuer Soli, Chor und Orchester D8. Gel gönül seninle Komm, mein Herz Arioso: Sopran solo, Chor und Orchester G – A9. Bâdʼı sabâya sorsunlar Morgenwinde, die mich umwehen Rezitativ: Tenor solo und Orchester Fis10. Yâ Rabbi dilerem Herr Gott, erhöre mich Choral: Chor und Orchester Cis Intermezzo11. Gönlüm düştü bu sevdaya Mein Herze fiel in diesen Bann Rezitativ: Bass solo und Streicher Gis Dritter Teil12. Aşk gelicek, cümle eksikler biter Lieb’ dich umfasst Soli, Chor und Orchester Fis – Es13. Sensin kerim, Sensin rahim Du Gnädiger, Barmherziger Choral: Chor und Orchester C – C Saygun versuchte die Maqams grundsätzlich einzuweben, wusste jedoch auch, dass dies nicht in gleichstuftiger Stimmung unbegrenzt möglich war. Nachdem er dafür vom traditionellen Musikologen Sadettin Arel kritisiert worden war, entgegnete er: Zu Beginn werden dunkle Klangfarben verwendet und die Todesfurcht unterstrichen. Das Werk endet mit einem zuerst ekstatischen, dann friedlichen Choralstück, das die Einheit des Suchenden mit Gott betont.

Rezeption Das Oratorium war bei der Uraufführung in Ankara ein voller Erfolg. Ismet Inönü, der im Vorfeld entstandene Widerstände in den eigenen Reihen über das mystische Werk brach, war begeistert und wollte es in der Hagia Sophia in Istanbul aufführen lassen, wozu es jedoch erst 1991 kam.

Kurz nach der Premiere wurde er nach Paris eingeladen. Angelo Giuseppe Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII, soll nach der Aufführung zum türkischen Außenminister in Paris 1946 gesagt haben: Es folgten bedeutende Aufführungen im Ausland u. a. durch Leopold Stokowski 1958 in der UN-Generalversammlung in New York und 1991 im Beisein des Papstes Johannes Paul II. im Vatikan.

In der Türkei wurde Saygun von islamistischen und religiös-nationalistischen Kreisen kritisiert. Necip Fazıl Kısakürek propagierte, das Werk sei „Kirchenmusik“. Zeitlebens war er dem Vorwurf seitens Musikern der traditionellen Kunstmusik ausgesetzt, er hätte Musik der Ungläubigen erschaffen.

Einzelnachweise

Kategorie:Oratorium Kategorie:Klassische Musik Kategorie:Musik (Türkei) Kategorie:Musik 1946