Das M1128 ist ein reichweitegesteigertes Artilleriegeschoss mit einem Base-Bleed. Das Geschoss mit Kaliber 155 mm wurde in den 2000er-Jahren in den Vereinigten Staaten entwickelt.
Entwicklung Das M1128-Geschoss entstand aufgrund einer Forderung des United States Marine Corps und der United States Army aus dem Jahr 2001. Diese wollten die veralteten Artilleriegeschosse M795 sowie das seit 1987 nicht mehr produzierte M549 HERA (mit Raketenantrieb) ersetzen. Dies geschah aufgrund der geringen Schussdistanz dieser Geschosse sowie der gestiegenen Anforderungen für Insensitive Munition.
Im Rahmen des Extended Range Cannon Artillery Programms wurden von der United States Army und General Dynamics zwei Prototypen mit insensitivem Sprengstoff IMX-101 entwickelt und getestet. Dabei wurde 2003 auf der Basis der M795-Sprenggranate das M795E1-Geschoss mit dem Einbau eines Base-Bleed entworfen. Bei Tests mit M198-Feldhaubitzen mit 39 Kaliberlängen (L/39) wurden Schussdistanzen von 29,3 km erzielt. Jedoch hatte das Geschoss aufgrund des ungleichmäßigen Abbrandes des Base-Bleed eine unverhältnismäßig große Streuung. Daraufhin wurde zwischen 2008 und 2011 das M795E2 entwickelt und getestet. Bei diesem wurde die Geschossform überarbeitet und ein neuer Base-Bleed verbaut. Dieser verwendet ein verändertes Pulvergranulat was für einen gleichmäßigen Abbrand sorgt. Damit konnte die Streuung verringert und die Reichweite weiter verbessert werden. Bei Versuchen mit M198 Feldhaubitzen erreichte dieser Geschosstyp Schussdistanzen von knapp über 30 km.
Aufgrund der positiven Resultate wurde Ende 2011 beschlossen, mit den Vorserientests zu beginnen, und das M795E2-Geschoss erhielt die neue Bezeichnung XM1128. Nach den Vorserientests im Jahr 2016 wurde die Sprengstofffüllung des Geschosses von IMX-101 auf IMX-104 geändert. Bei den Tests im Rahmen von Extended Range Cannon Artillery wurde das Geschoss erfolgreich mit dem experimentellen Geschütz M1299 von 58 Kaliberlängen getestet und für den Gebrauch mit höheren Treibladungen und Kammerdrucken dieser zukünftigen Geschütze zertifiziert. Während die weitere Entwicklung von Geschützen mit längeren Rohren aufgrund zu hohen Verschleißes eingestellt wurde, wurde die Entwicklung der Geschossfamilie M1122, M1128 und M1113 erfolgreich abgeschlossen. Das M1122 ist dabei eine einfachere Variante ohne Base-Bleed, das M1113 eine Variante mit Raketenantrieb statt Base-Bleed, dazu kommen noch Varianten als Übungsmunition, bei denen die Sprengstofffüllung durch nicht explosives Material ersetzt ist.
Produktion 2023 begannen die Vorbereitungen für die Serienfertigung des Geschosses. Dabei wurden 240 Mio. US-Dollar für die Modernisierung des Scranton Army Ammunition Plant sowie für den Bau einer neuen Produktionslinie in Texas für die Herstellung der stählernen Geschossmantel bereitgestellt. Im Herbst 2023 vergab das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten einen Auftrag mit einem Volumen von 974 Mio. US-Dollar für die Produktion von Artilleriemunition. Davon gingen 218 Mio. US-Dollar an General Dynamics und American Ordnance, welche im Picatinny Arsenal ein erstes Los von 16.900 M1128-Geschossen produzierten und an die Streitkräften der Vereinigten Staaten auslieferten. Seit 2025 läuft die Serienfertigung des M1128 in verschiedenen Fabriken in den Vereinigten Staaten.
Beschreibung links|mini|Schnittzeichnung eines M1128 Das M1128 ist ein reichweitegesteigertes Artilleriegeschoss mit Kaliber 155 mm. Das Geschoss erfüllt die Vorgaben des Joint Ballistics Memorandum of Understanding (JBMoU) für 155-mm-Artilleriemunition sowie des STANAG 4425 und kann daher mit nahezu allen 155-mm-Artilleriegeschützen verschossen werden. Weiter entspricht es dem STANAG 4439 für Insensitive Munition. Die große Reichweite wird durch eine optimale Außenballistik in Kombination mit einem Base-Bleed zur Verringerung des Druckwiderstandes (Bodensog) erreicht. Mit dem M1128-Geschoss wird dieselbe Reichweite wie mit dem M549 HERA erzielt, dies aber bei einer deutlich geringeren Streuung und weniger Kosten. Gemäß Herstellerangaben soll die Streuung bei 0,27 % in der Schussdistanz sowie im Azimut liegen. Dies entspricht bei einer Schussdistanz von 30 km einem Streukreisradius von rund 80 m.
Der Geschossmantel ist eine Weiterentwicklung aus dem M795-Geschoss. Gegenüber diesem wurden der Ogivenradius () und die Ogivenlänge vergrößert sowie das Geschossheck neu gestaltet. Damit hat das Geschoss ein spitzes und stromlinienförmiges Profil, bei dem sich die zur Geschossspitze zulaufende Ogive über rund die Hälfte der gesamten Geschosslänge erstreckt. Das Geschossende ist gegen den Geschossboden konisch zulaufend. Der Geschossmantel ist in zwei Sektionen unterteilt. Die vordere Sektion nimmt rund 85 % der Geschosslänge ein. Dieser Teil des Geschossmantel ist aus Schmiedestahl der Sorte HF-1 gefertigt und auf der Innenseite mit Hilfe lithografischer Fragmentierungstechnologie (LFT) mit Kerben versehen, welche für eine optimale Splitterbildung sorgen. In dieser Sektion befindet sich die Sprengstofffüllung aus 9,21 kg insensitivem Sprengstoff der Sorte IMX-104. Dieser Sprengstoff ist eine schmelzgießbare Mischung aus 2,4-Dinitroanisol, Nitrotriazolon und Hexogen. Für Exportkunden wird auch eine Füllung aus dem billigeren TNT angeboten.
An der Geschossspitze ist die Zünderbuchse für lange Einschraubtiefen eingelassen. In dieser ist ab Werk eine Ringschraube bzw. Transportöse eingeschraubt. Vor dem Einsatz wird diese entfernt und durch einen Kopfzünder ersetzt. Es können alle dem STANAG 2916 entsprechenden Zünder mit kurzer Einschraubtiefe (56 mm) oder langer Einschraubtiefe (125 mm) verwendet werden. So können eine breite Palette von Aufschlagzündern, Verzögerungszündern, Näherungszündern, sowie Kurskorrekturzündern eingeschraubt werden. Bei Zündern mit kurzer Einschraubtiefe, kann hinter diesen eine Verstärkerladung mit PBXN-9 geladen werden.
Die hintere Sektion des Geschossmantels ist aus Stahl der Sorte AISI-4340 gefertigt. In dieser Sektion ist der Base-Bleed verbaut. Dieser verwendet einen pyrotechnischen Satz auf Basis von Hydroxyl-terminiertem Polybutadien (HTPB). Zur Abdichtung des Ladungsraumes zwischen Rohrwand und Geschoss sind oberhalb des konischen Geschossbodens drei schmale sowie ein breites Führungsband angebracht. Diese werden beim Abschuss in die Züge des Geschützrohres gepresst und versetzen das Geschoss in einen Drall, der das Geschoss im Flug stabilisiert. Bei der Detonation im Ziel zerlegt sich der Geschossmantel in rund 2.400 scharfkantige Splitter, die auf kurze Distanz gegen lebende Ziele tödlich wirken und die Panzerung leicht gepanzerter Fahrzeuge durchschlagen.
Bei den Streitkräften der Vereinigten Staaten wird das M1128 mit den Feldhaubitzen M777 und den Panzerhaubitzen M109 verwendet. In Abhängigkeit zum verwendeten Geschütz und der Kaliberlänge werden mit dem M1128 die folgenden Schussdistanzen erreicht: Artilleriesystem Kaliberlänge Mündungsgeschwindigkeit Schussdistanz M777-Feldhaubitze L/39 800 m/s 30 km M109A7-Panzerhaubitze L/39 800 m/s 30 km M109-52-Panzerhaubitze L/52 unbek. 40 km
Treibladungen Das M1128-Geschoss gehört zur Sorte der getrennt geladenen Munition mit modularen Treibladungsbeuteln. Das heißt, das Geschoss und die Treibladungen werden nacheinander geladen. Verwendet werden die MACS-Zonenladungen (Modular Artillery Charge System) mit bis zu 6 Treibladungen. Daneben können auch die NATO-Standard-Treibladungen M3 (Zonen 3, 4 und 5), M4 (Zonen 3, 4, 5, 6 und 7), M119 (Zone 8) oder M203 (Zone 9) verwendet werden. Die letzten beiden werden mit Geschützen ab 39 Kaliberlängen (L/39) verwendet.
Status und Verbreitung Das M1128 ersetzt seit 2024 bei den Streitkräften der Vereinigten Staaten die Artilleriegeschosse M795 und M549 HERA. Weiter wird es auch auf dem Exportmarkt angeboten. Der Preis für ein M1128 liegt zwischen 3.000 und 4.000 US-Dollar. Darin spiegeln sich hohe Investitionskosten für die Entwicklung sowie für die erweiterte und stark automatisierte Produktion. Ein Teil des Stückpreises fließt in die Überarbeitung der Versorgungskette ein.
Aufgrund der Auslandshilfen für die Ukraine geschieht die Einführung des M1128 nur zögerlich. Vom M1128 werden auf neuen Produktionslinien monatlich rund 5.000 Stück für die Streitkräfte der Vereinigten Staaten produziert, derweilen auf den älteren Produktionslinien bis zu 40.000 M795 pro Monat, primär für den Export in die Ukraine hergestellt werden. Mit dem Einsatz von flexibleren Produktionslinien ist mittelfristig eine parallele Produktion von monatlich bis zu 100.000 M1128- und M795-Geschossen angestrebt.
Weblinks
105mm to 155mm Ammunition bei gdots.com (englisch) US Army awards $1.5B to boost global production of artillery rounds bei defensenews.com (englisch) Снаряд M1128 (HE-BB) bei bk155.com.ua (ukrainisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Geschützmunition Kategorie:Granate Kategorie:Waffentechnik Kategorie:Artillerie