Philippe Hosiasson (; * 15. Februar 1898 in Odessa, Russisches Kaiserreich; † 13. Juli 1978 in Paris) war ein französischer Maler russischer Herkunft, der zu den bedeutenden Vertretern des abstrakten Expressionismus im Pariser Kontext der Nachkriegszeit zählt. Er war ferner als Buchillustrator, Bühnenbildner und Lithograf tätig.
Herkunft Philippe Hosiasson war ein Sohn des aus Lettland stammenden Gozias-Guerman Jakowlewitsch Goziasson und dessen Frau (einer geborenen Pasternak) und entstammte den gebildeten kosmopolitischen Kreisen der wohlhabenden jüdischen Bürgerschicht von Odessa. Den Zugang zur Malerei fand er bei seinem Onkel Leonid Pasternak, dem Vater des Schriftstellers Boris Pasternak. Prägend für den Heranwachsenden waren die Pogrome der Jahre 1905 und 1906 sowie die revolutionären Umwälzungen der 1910er Jahre. Um 1910 besuchte er mit seinen Eltern Museen in Berlin, Wien und Sankt Petersburg. In Odessa verkehrte er im Salon der mit seiner späteren Frau Olga verwandten Familie Bilinsky, wo er den jungen Schriftstellern Isaac Babel, Eduard Bagritsky und Valentin Katajev begegnete. Über diese Kontakte erhielt er Einblick in die Kreise jener Intelligenzija, die russische und internationale Avantgardekünstler miteinander verband und die der Bildhauer Vladimir Izdebsky in den Salon-Ausstellungen 1909/10 und 1910/11 zusammenführte.
Rom, Berlin, Paris Am 21. November 1919 verließ Hosiasson mit seiner Frau Odessa, um den politischen Unruhen zu entkommen, und ging nach Italien, wo er mit der Gruppe Valori Plastici in Kontakt trat und André Derain in Rom begegnete. 1921 fand in Rom seine erste Einzelausstellung statt (Casa d’Arte Bragaglia). Ab 1922 war er in Berlin tätig, wo er als Dekorateur für das Russische Ballett arbeitete und gelegentlich in der Galerie von Alfred Flechtheim ausstellte. Gemeinsame Ausstellungen in Berlin entstanden u. a. mit Voldemar Boberman, Léon Zack und Constantin Terechkovitch (Januar 1923).
1924 traf Hosiasson in Paris ein und nahm 1928 die französische Staatsbürgerschaft an. Vom italienischen Novecento beeinflusst und unter dem Eindruck der als „byzantinisch“ charakterisierten Malweise Derains, schloss er sich 1930 der neohumanistischen Gruppe um Waldemar George an, der auch die Brüder Berman, Christian Bérard, Pavel Tchelitchew und sein Freund Léon Zack angehörten. Er malte Figuren mit fragmentierten Gliedmaßen (membra disjecta), dann mit Riesenfiguren bevölkerte elegische Landschaften, wandte sich dem Porträtfach zu und gestaltete Wanddekorationen. Den Katalog zu seiner Ausstellung 1931 in der Pariser Galerie Colle verfasste Paul Fierens. 1932 fand eine Ausstellung in Mailand (Galleria Milano) statt, die durch die Unterstützung von Carlo Carrà ermöglicht wurde. Im Vorfeld der Weltfachausstellung Paris 1937 gestaltete Hosiasson den Pavillon von Martinique mit Wandmalereien aus. 1938 entstand das Gemälde L'Atelier, in dem er sich gemeinsam mit Léon Zack darstellt. Als Vizepräsident der Société des Surindépendants beschickte er seit 1924 den Salon d’Automne, den Salon des Indépendants und den Salon de Mai.
Stilistische Entwicklung Hosiasson durchlief mehrere deutlich voneinander abgrenzbare Phasen. Ursprünglich war er ein Vertreter des Kubismus, ehe er metaphysischer Maler wurde. In der Zwischenkriegszeit war er der figurativen Malerei verpflichtet und schuf Figuren mit fragmentierten Körpergliedern, elegische Landschaften mit Riesenfiguren sowie Porträts. Während der deutschen Besetzung Frankreichs hatte er 1941/42 geplant über Varian Frys American Rescue Committee von Marseille aus in die Vereinigten Staaten zu gelangen, musste sich mit seiner Frau jedoch in Beauvezer in den Basses-Alpes verstecken. 1945 arbeitete er unter dem Pseudonym Jacques Sabile an einem von Jean Cassou herausgegebenen Werk über die Plünderungen von Kunstwerken und Bibliotheken jüdischer Eigentümer in Frankreich.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte er sich schrittweise der Abstraktion zu, die durch eine eruptive, pastose Malweise gekennzeichnet ist und wurde zum Wortführer der abstrakten unfigürlichen Kunst des Tachismus oder abstrakten Expressionismus. Als jüdischer Malern der Pariser Schule begründete er die Abstraktion damit, dass die jüdische Religion eine figürliche Darstellung in der Kunst verbiete. Er trat nach dem Krieg dem Centre de documentation juive contemporaine (CDJC) bei.
Die in dieser Periode entstandenen Werke wurden 1956 in der Pariser Galerie Stadler präsentiert, wo Michel Tapié ihn in Verbindung mit den Exponenten des Informel stellte. Helen Frankenthaler zeigte sich so beeindruckt von seiner Arbeit, dass sie ihn 1956 erstmals in der New Yorker Kootz Gallery vorstellte, wo seine Malerei von Künstlern wie Robert Motherwell und Mark Rothko sowie den Kunstkritikern Clement Greenberg und Pierre Schneider positiv aufgenommen wurde. Die Kritiker betonten die Verwandtschaft seiner Ausdrucksweise mit der der amerikanischen abstrakten Expressionisten, insbesondere Clyfford Still. 1960 nahm er gemeinsam mit Philip Guston, Barnett Newman, Mark Rothko und Kenneth Noland an der Ausstellung American and European Artists in der Kootz Gallery teil. 1962 wurde er von der Martha Jackson Gallery vertreten, ab 1978 dann von der André Emmerich Gallery. 1959 erkrankte Hosiasson schwer.
In den 1970er Jahren entstanden kraftvolle organische Spiralformen in dunklerem Kolorit. Hosiasson schuf Buchillustrationen, darunter zu Louis Aragon, Le Crève-Cœur und starb am 13. Juli 1978 in Paris.
Werke (Auswahl) Schriften Omfalos, Odessa 1918 (russisch, als Filipp Goziason oder Jacques Sabile, über das Leben und Werk des Malers El Greco). Jean Cassou: Le pillage par les Allemands des oeuvres d’art et des bibliothèques appartenant à des Juifs en France : Recueil de documents. (Einleitender Text zur ästhetischen Doktrin des Nationalsozialismus und zur Organisation der Schönen Künste im Dritten Reich – Jacques Sabile). Van Gogh. In: Le Courrier graphique – revue des arts graphiques et des industries qui s’y rattachent. Nr. 27, 5. Jahrgang, A. Marchand, Paris 1946 (als Jacques Sabile). Les enseignes d’Odessa. In: Mercure de France. Januar 1964, S. 149–153.
Dekorationen 13. Januar 1923: Maskenball zum russischen Neujahrsfest in Berlin, Kleiststr. 10 (mit weiteren Künstlern) Kostüme und Dekorationen: Schäferfpiel Maienkönigin (Gluck), Les Millions d’Arlequin (Marius Petipa), Gudals Festgelage (nach Michail Jurjewitsch Lermontow Der Dämon) und Bojarenhochzeit (Romanoff) für das Russische Romantische Theater von Boris Romanoff im Apollo-Theater Berlin, Friedrichstraße 218
Ausstellungen (Auswahl) Einzelausstellungen 1921: Rom, Casa d’Arte Bragaglia 1931: Paris, Galerie Colle 1932: Mailand, Galleria Milano 1956: Paris, Galerie Stadler 1957, 1958, 1959: New York, Kootz Gallery 1961, 1963, 1966: Paris, Galerie Flinker 1970: Paris, Galerie D. Gervis 1973: Paris, Musée National d’Art Moderne (Retrospektive) ab 1975: regelmäßige Werkschauen in der dortigen Galerie Regards 1977: Charlottesville, Bayly Art Museum der University of Virginia 2009/10 zeigte das Musée Fabre in Montpellier die Ausstellung P. H., les années 50 und erwarb dabei das großformatige Gemälde La Steppe (1956).
Gruppenausstellungen 1923 Berlin (mit Boberman, Terechkovitch, Zack) 1925 Paris, Galerie Percier (mit Boberman, Terechkovitch, Zack) 1960 New York, Kootz Gallery (American and European Artists) 1989 fand in den Museen von Marseille parallel zur Ausstellung La mémoire d’Odessa eine umfangreiche Präsentation seiner abstrakten Werke statt.
Literatur
D. U. Headley: Hosiasson. Ausstellungskatalog Bayly Art Museum, University of Virginia, Charlottesville, 1977. D. U. Headley: Hosiasson. In: Arts Magazine. New York, Dezember 1978, S. 156–160. Lydia Harambourg, L'École de Paris 1945–1965. Dictionnaire des peintres. Ides et Calendes, Neuchâtel, 1993. Michel Ragon: Hosiasson. In: Cimaise. Nr. 57 und Nr. 97, Paris, 1962 und 1970, S. 56–63 und S. 24–32. Philippe Hosiasson, Les enseignes d’Odessa. In: Mercure de France. Paris, Januar 1964, S. 149–153. Pierre Boissier, Hosiasson, genèse d’un expressionnisme abstrait. Lettres modernes, Paris 1982 (Biografie). Pierre Courthion: Hosiasson. In: XXe Siècle. Revue d’art. N. S., Nr. 37, Paris, 1971, S. 132–135. Pierre Schneider: Hosiasson. In: Art International. Nr. 5, 1961. Waldemar George: Hosiasson. In: Formes. Oktober 1931, S. 141.
Weblinks MutualArt Buffalo AKG Art Museum
Einzelnachweise
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