mini|Hans Herr, Kopie eines Gemäldes von John Funck (1755–1831) durch Leon von Ossko (1855–1906) Hans Herr, auch John Herr (* Anfang Januar 1650 in Blumenstein BE, getauft am 27. Januar 1650Geburtsjahr ist nicht wie in der älteren Literatur angegeben 1639 und Geburtsort ist nicht Zürich, siehe Hanspeter Jecker: The Swiss Origins of Pioneer Settler Hans Herr in Pennsylvania: Myths, Legends, and New Insights. in: Pennsylvania Mennonite Heritage, Juli 2019, S. 70–81; † 21. Januar 1725 in West Lampeter TownshipTodesdatum nach Ira D. Landis: Herr, Hans (1639–1725). In: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online online; auf dem Gedenkstein abweichend 11. Oktober 1725) war ein aus der Schweiz stammender mennonitischer Siedler und Bischof in Pennsylvanien.
Leben Hans Herr war ein Sohn des Ehepaares Hans Herr und Elsbeth, geborene Bürki. Er wurde als Säugling in der reformierten Kirche von Blumenstein getauft, wandte sich aber als Jugendlicher unter dem Einfluss seiner Mutter der Täuferbewegung zu.
Im Spätherbst 1671 schloss er sich mit seiner Familie dem großen Flüchtlingstreck an, mit dem Hunderte Bernische Täufer ihre Heimat verlassen mussten. Unterstützt durch niederländische Mennoniten, fanden sie Aufnahme im toleranteren Mannheim und im Kraichgau. Eine Zeitlang lebten sie auf dem Unterbiegelhof (heute Ortsteil von Bad Rappenau). In einer Aufstellung von 1672 wurde vermerkt, dass Hans Herr und seine Frau Elsbeth, geborene Lötscher, als Leineweber selbst für ihren Unterhalt sorgen konnten. Für die folgenden 30 Jahre fehlen Quellen.Eric Christensen: The Elusive Life of Hans Herr, abgerufen am 13. Juni 2026
Als sich die Lage auch in der Pfalz verschlechterte, wanderte die Familie Herr 1710 als Teil einer Gruppe von sechs mennonitischen Familien (Baumann/Bowman/Baughman/Boughman, Funk/Funck, Herr, Kündig/Kendig, Meili/Mylin, Müller und Oberholzer), ermöglicht durch Spenden aus Rotterdam, über London nach Pennsylvanien aus. Die Gruppe erreichte Philadelphia auf der Maria Hope nach elf Wochen auf See im September 1710. Über die beschwerliche Reise der insgesamt 94 Passagiere und Besatzung hat sich ein tagebuchartiger Bericht von Samuel Güldin erhalten.William J. Hinke: Diary of the Rev. Samuel Gulden, relating to his journey to Pennsylvania, in: Journal of the Presbyterian Historical Society (1901–1930), Vol. 14, No. 1 (March, 1930), S. 28–41 ; Teil 2: Journal of the Presbyterian Historical Society (1901–1930), Vol. 14, No. 2 (June, 1930), S. 64–73 JSTOR
Die 29 Personen umfassende Gruppe gründete die Kolonie Pequea im Lancaster County (Pennsylvania) auf 10.000 Acres Land am Zusammenfluss von Pequea Creek und Conestoga River, das William Penn dem indigenen Stamm der Susquehannock abgekauft hatte. Dies war die dritte mennonitische Siedlung in Pennsylvanien. Hans Herr soll zum Prediger und Bischof der Gemeinde gewählt worden sein.Daniel Rupp: History of Lancaster County: to which is prefixed a brief sketch of the early history of Pennsylvania. Lancaster 1844 (Digitalisat), S. 80 Durch weiteren Zustrom von Familienmitgliedern und anderen wuchs die Kolonie bis 1719 auf 66 Familien an.Steve Friesen: A Modest Mennonite Home: The Story of the 1719 Hans Herr House, an Early Colonial Landmark. Mit einem Vorwort von Andrew Wyeth, Intercourse, PA: Good Books ISBN 978-1-964219-28-8, S. 37
Erinnerung und Mythos mini|Gedenkstein auf dem Friedhof der Willow Street Mennonite Church Ende des 19. Jahrhunderts fanden sich Nachfahren von Hans Herr in Lancaster (Pennsylvania) zusammen und gründeten 1895 die Hans Herr Memorial Association. Ihr Ziel war es, die Einnerung an Hans Herr zu pflegen und zu seinem Andenken eine Gewerbeschule mit Internat zu gründen. Das Schulprojekt ließ sich jedoch aus finanziellen Gründen nicht verwirklichen. Dennoch gelang es der Gruppe, durch ihre Öffentlichkeitsarbeit einen Hans Herr Mythos zu schaffen: Hans Herr wurde zu einer Moses-Gestalt, die die Mennoniten aus der Knechtschaft in das gelobte Land geführt hatte.„Over the years he became the Moses who led the persecuted Mennonites out of captivity into the promised land of Pennsylvania.“ Steve Friesen: A Modest Mennonite Home: The Story of the 1719 Hans Herr House, an Early Colonial Landmark. Mit einem Vorwort von Andrew Wyeth, Intercourse, PA: Good Books ISBN 978-1-964219-28-8, S. 110 Der deutsch-amerikanische Maler Leon von Ossko (1855–1906) schuf mehrere Kopien eines posthumen Porträts, das John Fun(c)k (1755–1831) gemalt hatte. Funck hatte eine Urenkelin Herrs geheiratet. Das Porträt erhielt nun einen ikonenartigen Charakter. Theodore W. Herrs Genealogical Record of Reverend Hans Herr and His Direct Lineal Descendants von 1908 untermauerte den Mythos mit, wie es schien, intensiver geneaologischer Forschung – die jedoch späterer Nachforschung meist nicht standhielt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde auf dem Friedhof von Willow Street ein Gedenkstein mit den damals bekannten Daten errichtet, da kein originaler Grabstein (mehr) existierte. Es bleibt allerdings unklar, ob Hans Herr hier tatsächlich beerdigt wurde. Auch das Todesdatum ist unklar. Von einigen Kritikern wurde sogar die Frage aufgeworfen, ob Hans Herr tatsächlich noch als relativ alter Mann nach Pennsylvania ausgewandert sei, da es so gut wie keine Dokumente zu ihm selbst gäbe. Andere halten dagegen, die Familien-Überlieferung, dass er zu den ersten Siedlern gehört habe, sei stark. Es ist allerdings denkbar, dass er erst zur zweite Welle der Einwanderer 1717 zählte.Siehe die ausführliche Diskussion bei Steve Friesen: A Modest Mennonite Home: The Story of the 1719 Hans Herr House, an Early Colonial Landmark. Mit einem Vorwort von Andrew Wyeth, Intercourse, PA: Good Books ISBN 978-1-964219-28-8, S. 110
mini|Herr House von 1719 (2017) 1719 erbaute Hans Herrs Sohn Christian Herr ein Haus in Willow Street, PA, in das der Überlieferung nach auch seine Eltern einzogen. Daher wurde es als Hans Herr House bekannt. Das aus Sandstein errichtete Haus ist erhalten. Es blieb bis 1969 in der Familie. Andrew Wyeth, dessen Mutter zu den Nachfahren Herrs zählte, hat es mehrfach als Motiv verwendet.Z.B. Ancestor's House (Hans Herr Hous), Aquarell, Greenville County Museum of Art Dann erwarb es die Mennonite Historical Society, die es heute als Museum unterhält.Herr House, Museum Website; das Museum heißt heute 1719 Museum und das Haus Herr House Es ist das älteste Haus europäischer Siedler westlich von Germantown (Philadelphia) und das älteste erhaltene mennonitische Versammlungshaus in der westlichen Hemisphäre.
Literatur Daniel Rupp: History of Lancaster County: to which is prefixed a brief sketch of the early history of Pennsylvania. Lancaster 1844 (Digitalisat) Theodore W. Herr: Genealogical Record of Reverend Hans Herr and His Direct Lineal Descendants. Lancaster, Pennsylvania 1908 (Digitalisat) Ira D. Landis: Herr, Hans (1639–1725). In: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online online Ira D. Landis: The Hans Herr painting. In: Mennonite Research Journal 7 (1967), S. 11 Steve Friesen: A Modest Mennonite Home: The Story of the 1719 Hans Herr House, an Early Colonial Landmark. Mit einem Vorwort von Andrew Wyeth, Intercourse, PA: Good Books ISBN 978-1-964219-28-8 Hanspeter Jecker: Die Schweizer Anfänge von «Pionier-Siedler» Hans Herr in Pennsylvania. Von Mythen, Legenden und neuen Einsichten. In: Mennonitica Helvetica. Bulletin des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte. Band 41, 2018, S. 35–58 (online). – Englische Übersetzung (Anne Augspurger Schmidt-Lange): The Swiss Origins of Pioneer Settler Hans Herr in Pennsylvania: Myths, Legends, and New Insights. In: Pennsylvania Mennonite Heritage. Juli 2019, S. 70–81 (online)
Weblinks Eric Christensen: The Elusive Life of Hans Herr, abgerufen am 13. Juni 2026
Einzelnachweise
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