Der Lola LC89 ist ein Rennwagen des britischen Konstrukteurs Lola Cars, den das französische Motorsportteam Larrousse in der Formel-1-Weltmeisterschaft 1989 sowie zu den ersten beiden Rennen der Saison 1990 einsetzte. Er ging mit einem Zwölfzylinder-Saugmotor von Lamborghini Engineering an den Start. Der LC89 litt in der gesamten Saison unter der Unzuverlässigkeit des neu konstruierten Motors. Das Team erzielte mit ihm nur einen Weltmeisterschaftspunkt.
Entstehungsgeschichte Der 1987 von Gérard Larrousse und Didier Calmels gegründete französische Rennstall Larousse hatte anders als die meisten anderen Formel-1-Teams keine eigene Konstruktionsabteilung und baute seine Rennwagen bis 1992 auch nicht selbst. Larrousse ließ seine Autos stattdessen von dem britischen Rennwagenhersteller Lola Cars entwickeln und herstellen, der zu dieser Zeit in der US-amerikanischen Motorsportszene Erfolge erzielte, in der Formel 1 bis dahin aber bedeutungslos geblieben war.
Nach einem erfolgreichen Debüt in der Weltmeisterschaft 1987, die Larrousse mit Kundenmotoren von Cosworth als zweitbestes Saugmotorteam beendet hatte, kam es 1988 zu einem Rückschritt: In seiner zweiten Saison erzielte das weiterhin mit Cosworth-Motoren fahrende Team keinen Weltmeisterschaftspunkt. Für die Saison 1989 stellte Gérard Larrousse sein Team neu auf. Vermittelt durch Gérard Ducarouge, der Ende 1988 die technische Abteilung des Teams übernahm, erhielt Larrousse exklusiven Zugriff auf neu konstruierte Zwölfzylinder-Saugmotoren von Lamborghini Engineering. Damit griff das Team die gängige Erwartung auf, dass in der neuen Saugmotorära ab 1989 breit verfügbare, standardisierte Kundenmotoren von Cosworth oder anderen Herstellern keine kontinuierlichen Erfolge mehr ermöglichen würden, sondern exklusive Partnerschaften mit etablierten Automobilherstellern vorzugswürdig seien.Solche Verbindungen gab es ab 1988 zwischen McLaren und Honda, Williams und Renault sowie March und Judd bzw. (ab 1990) Ilmor. Zuvor hatten einige britische Teams Interesse an dem Lamborghini-Motor gezeigt, letztlich aber Abstand genommen, weil der Motor jedenfalls in dieser Phase der Entwicklung als zu schwer und zu komplex erschien.Alan Henry: Auto Course 1989–90, Osprey Publishing Ltd., London 1990, ISBN 0-905138-62-7, S. 58.
Nach dem letzten Rennen der Saison 1988 wurden zwei der 1988 eingesetzten Lola LC88 für die Aufnahme des Lamborghini-Motors umgebaut. Mit diesen als LC88B bezeichneten Autos unternahm Larrousse am 12. Dezember 1988 in Misano die erste Testfahrt,Didier Braillon, Leslie Thacker: Larrousse. Grand Prix 1989, Editions ACLA, Paris 1990, S. 12. und später auch auf dem Circuit Paul Ricard eine Reihe von Testfahrten. Die Lola LC889B waren „hastig zusammengebaute“ Autos mit einem Übergewicht von 80 kg.Alan Henry: Auto Course 1989–90, Osprey Publishing Ltd., London 1990, ISBN 0-905138-62-7, S. 102. Sie waren nicht für eine Rennteilnahme bestimmt; Lola sollte stattdessen für den Renneinsatz des Lamborghini-Motors ein komplett neues Fahrzeug bauen. Allerdings verzögerte sich die Fertigstellung des neuen Autos erheblich. Der unmittelbar auf den Lamborghini-Motor zugeschnittene LC89 wurde am 20. März 1989 in Paris der Presse öffentlich vorgestellt.Didier Braillon, Leslie Thacker: Larrousse. Grand Prix 1989, Editions ACLA, Paris 1990, S. 20. Zu dieser Zeit war er noch nicht renntauglich, sodass Larrousse beim Saisonauftakt am 26. März 1989 in Brasilien mit zwei Interimsmodellen vom Typ Lola LC88B antreten musste. Der Shakedown des neuen LC89 fand am 4. April 1989 auf dem Circuit Paul Ricard statt;Didier Braillon, Leslie Thacker: Larrousse. Grand Prix 1989, Editions ACLA, Paris 1990, S. 32–35. zwei Wochen später debütierte das Auto beim zweiten Weltmeisterschaftslauf der Saison 1989.
Der Bau des LC89 fiel in eine Phase der teaminternen Unruhe: Der Mitinhaber Didier Calmels erschoss Ende Februar 1989 in Paris seine Ehefrau und versuchte daraufhin erfolglos, sich selbst das Leben zu nehmen. Calmels wurde verhaftet und später zu einer sechsjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Gérard Larrousse übernahm im März 1989 die Anteile von Calmels; das bis dahin als Larrousse Calmels bezeichnete Team meldete sich danach als Équipe Larrousse.Zu Didier Calmels: Motorsport Aktuell, Heft 11/1989; S. 7. Im Laufe des Jahres 1989 verkaufte Larrousse einige Teamanteile an einen japanischen Investor.
Modellbeschreibung
Chassis mini|Lola LC89 Als Konstrukteure des LC89 werden üblicherweise Lolas Gründer und Inhaber Eric Broadley sowie der Ingenieur Chris Murphy genannt; außerdem leistete Gérard Ducarouge einige Beiträge auf der Seite von Larrousse.David Hodges: Rennwagen von A–Z nach 1945. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-613-01477-7, S. 141.
Das Chassis des Lola LC89 war vom March 881 inspiriert, das Adrian Newey 1988 für den Lola-Konkurrenten March Engineering entworfen hatte. Das schmale, nach vorn spitz zulaufende Monocoque des LC89 wurde neu konstruiert.Alan Henry: Auto Course 1989–90, Osprey Publishing Ltd., London 1990, ISBN 0-905138-62-7, S. 114. Es besteht aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff. Die Motorabdeckung verläuft im hinteren Bereich flach; die Airbox ist im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Konstruktionen kurz.
Vorn und hinten sind Doppelquerlenkerachsen eingebaut, vorn gibt es Schub- und hinten Zugstreben. Die Stoßdämpfer sind am oberen Rand der Fahrzeugnase liegend eingebaut. Die Verzögerung übernehmen Bremsen von Carbone Industrie. Der Benzintank gehört mit einem Volumen von 215 Litern zu den größten in diesem Jahr verwendeten Tanks.Alan Henry: Auto Course 1989–90, Osprey Publishing Ltd., London 1990, ISBN 0-905138-62-7, S. 81.
Der Schwerpunkt der Entwicklungsarbeiten lag 1989 in der Gewichtsreduzierung.David Hodges: Rennwagen von A–Z nach 1945. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-613-01477-7, S. 142. Abgesehen davon änderte Lola am LC89 nur wenige Details. Nach mehrfachen Modifikationen des Öltanks zu Saisonbeginn brachte Lola als größere Änderung beim Großen Preis von Belgien neu gestaltete Unterböden heraus,Alan Henry: Auto Course 1989–90, Osprey Publishing Ltd., London 1990, ISBN 0-905138-62-7, S. 197. und in Italien gab es einen neuen Heckflügel.Alan Henry: Auto Course 1989–90, Osprey Publishing Ltd., London 1990, ISBN 0-905138-62-7, S. 206.
Larrousse setzte Reifen von Goodyear ein, die jedenfalls auf einzelnen Strecken im Qualifying einen Geschwindigkeitsnachteil gegenüber den Reifen von Pirelli hatten.
Motorisierung und Kraftübertragung mini|Lamborghini 3512 V12 Angetrieben wurde der Lola LC89 von einem Zwölfzylinder-Saugmotor (Tipo 3512), den das zum Chrysler-Konzern gehörende Unternehmen Lamborghini Engineering konstruiert und gebaut hatte. Verantwortlicher Ingenieur war Mauro Forghieri. Der LC89 war das erste und in der Saison 1989 auch das einzige Auto, das mit diesem Motor ausgerüstet war.
Der Lamborghini 3512 hat einen Zylinderbankwinkel von 80 Grad. Die Motorleistung wurde werksseitig mit „mehr als 600 PS“ angegeben, ohne dass ein genauer Wert genannt wurde. Ein Cosworth-DFR-Motor leistete zu Saisonbeginn etwa 600 PS, Judds Achtzylindermotor der EV-Generation lag bei 625 PS, und Hondas Zehnzylindermotor kam auf 685 PS.Alan Henry: Auto Course 1989–90, Osprey Publishing Ltd., London 1990, ISBN 0-905138-62-7, S. 76. Die Zuverlässigkeit des Lamborghini-Motors war anfänglich schwach; das Hauptaugenmerk des Teams lag 1989 auf dem Ziel, die Belastbarkeit und die Fahrbarkeit des Motors zu erhöhen. Ein Schritt auf diesem Weg war die Umstellung der Motorelektronik von Magneti Marelli auf Bosch-Komponenten.
Die Kraftübertragung übernahm ein quer eingebautes handgeschaltetes Sechsganggetriebe von Lamborghini.
Lackierung und Sponsoren Der LC89 war wie alle seine Vorgänger vierfarbig lackiert: Blaue, grüne, gelbe und rote Flächen wechselten sich auf den Karosserieteilen ab.
Wesentliche Sponsoren waren das Mineralölunternehmen BP, der Chemiekonzern Rhône-Poulenc, die Zigarettenmarke Camel, das Département Seine-Maritime, die Region Haute-Normandie und das Investmentunternehmen Viel & Cie.
Produktion Lola baute insgesamt fünf LC89, vier davon im Laufe des ersten Halbjahrs 1989. Zwei Fahrzeuge waren beim zweiten Rennen der Saison 1989 in Imola einsatzbereit. Das dritte Auto war zum Großen Preis von Mexiko fertiggestellt, das vierte zum Rennen in Frankreich.Alan Henry: Auto Course 1989–90, Osprey Publishing Ltd., London 1990, ISBN 0-905138-62-7, S. 89. Zum Auftaktrennen der Saison 1990 stellte Larrousse ein fünftes Chassis fertig.Alan Henry: Auto Course 1990/91, Osprey Publishing Ltd., London 1991, ISBN 0-905138-74-0, S. 89.
Fahrer Larrousse begann die Saison mit der Fahrerpaarung Philippe Alliot und Yannick Dalmas, die bereits in der zurückliegenden Saison nahezu durchgängig für das Team angetreten war. Alliot war während der gesamten Saison 1989 Stammfahrer des Teams. Dalmas hatte Ende 1988 an den Folgen einer Legionellose-Infektion gelitten und war im März 1989 bei seinem Neustart für Larrousse noch nicht wieder vollständig genesen. Nach einer Reihe von Nichtqualifikationen ersetzte Larrousse ihn zum Sommer 1989 zunächst durch Éric Bernard und später durch Michele Alboreto, der sein Cockpit bei Tyrrell für Jean Alesi hatte räumen müssen. Mit Alboreto fuhr erstmals ein Grand-Prix-Sieger für das Larrousse-Team.
In der Saison 1990 ging Larrousse mit Éric Bernard und Aguri Suzuki an den Start.
Die fünf Chassis des LC89 wurden bei den Rennen der Jahre 1989 und 1990In den Trainingsläufen kam es teilweise zu abweichenden Einsätzen. wie folgt eingesetzt:
Verteilung der Chassis Saison Grand Prix LC89/1 LC89/2 LC89/3 LC89/4 LC89/5 1989 – – – – – Alliot Dalmas – – – Chassis LC89/1 war ursprünglich für Alliot gemeldet, Chassis LC89/2 für Dalmas. Nachdem Dalmas die Qualifikation verpasst hatte, übernahm Alliot das Chassis LC89/2 für das Rennen. (Alliot) (Dalmas) / Alliot – – – Ersatzauto Dalmas Alliot – – Ersatzauto Dalmas Alliot – – Ersatzauto Alliot Dalmas – – Ersatzauto Alliot Bernard Ersatzauto – Ersatzauto Alliot Bernard – – Ersatzauto Alboreto – Alliot – Ersatzauto – Alboreto Alliot – Ersatzauto – Alboreto Alliot – Ersatzauto – Alboreto Alliot – Ersatzauto – Alboreto Alliot – Ersatzauto – Alboreto Alliot – Ersatzauto – Alboreto Alliot – Ersatzauto – Alboreto Alliot – 1990 – – Suzuki Ersatzauto Bernard – – Suzuki Ersatzauto Bernard
Renneinsätze
1989 Zur Saison 1989 traten 20 Teams mit insgesamt 39 Autos an. Dadurch wurde für neue Teams und für die schwächsten Teams der zurückliegenden Saison vor jedem Rennen eine Vorqualifikation am Freitagmorgen erforderlich, in der die Berechtigung zur Teilnahme an der eigentlichen Qualifikation ermittelt wurde. Auch wenn Larrousse in der Vorsaison keinen Weltmeisterschaftspunkt erzielt hatte, genügten die siebten Plätze, die Dalmas 1988 in Monaco und in den USA erzielt hatte, dass Larrousse in der ersten Saisonhälfte 1989 nicht der Vorqualifikation unterlag. Das änderte sich im Sommer: Ab dem neunten Saisonlauf bestimmte sich die Gruppe der Teams, die sich vorqualifizieren mussten, nach den Ergebnissen der ersten Saisonhälfte 1989. Weil Larrousse bis zum Großen Preis von Großbritannien keinen Zieleinlauf in den Punkterängen erreicht hatte, mussten sich beide Fahrer ab dem Großen Preis von Deutschland vorqualifizieren.
mini|hochkant|Stammfahrer 1989: Philippe Alliot