Die Wälder um Wanfried im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis wurden von Naturschutzverbänden und der hessischen Landesregierung mit dem Ziel ausgewählt, an der ehemaligen innerdeutschen Grenze eine neue Waldwildnis entstehen zu lassen. Viele der schwer zu bewirtschaftenden steilen Hänge und die flachgründigen Bereiche waren bereits schon lange nicht mehr forstlich genutzt worden, da hier der Holzzuwachs als gering und die Stammqualität als schlecht galt. Nur auf Standorten mit besseren Bedingungen war die Holzgewinnung möglich. Mit der Ausweisung als Naturschutzgebiet, Anfang der 2020er Jahre, soll in den großflächigen, naturnahen Kalkbuchenwäldern der „Urwald von morgen“ entstehen.

Die typischen Ausprägungen der Kalkbuchenwälder in dem Gebiet gelten deutschlandweit als bedeutend. Aus geologischer Sicht besitzt das Gebiet ebenfalls eine überregionale Bedeutung wegen seiner in unterschiedlichen Zeiten entstandenen Bergstürze. Die Felshänge, die durch Bergrutsche und bergsturzartige Abbrüche des Muschelkalks gebildet wurden und für das Werraland kennzeichnend sind, sollen in Deutschland nirgends so häufig vorkommen wie in dem Bereich der westlichen Umrandung des Thüringer Beckens, zu der auch die Wanfrieder Werrahöhen gehören. Durch einen Bergsturz im Jahr 1640 entstand auch die freistehende, teilweise bis zu 50 m hohe Plessewand. Als Relikte alter Hutenutzungen sind in den offenen Bereichen die Magerrasen von kulturhistorischem Wert.

Lage mini|links|Blick über Wanfried auf die bewaldeten Hänge des Naturschutzgebiets Der geschützte Bereich liegt im „Geo-Naturpark Frau-Holle-Land“ und erstreckt sich entlang der Landesgrenze zu Thüringen, die auch die östliche und nordöstliche Schutzgebietsgrenze bildet. Administrativ gehören die Flächen zu den Gemarkungen der Ortsteile Wanfried und Altenburschla der Stadt Wanfried und Frieda der Gemeinde Meinhard.

In der naturräumlichen Gliederung Deutschlands, die auf der Geografischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg basiert, wird das Schutzgebiet dem Treffurt-Wanfrieder Werratal (358.1) im Unteren Werrabergland (358) sowie den Wanfrieder Werrahöhen (483.22) im Westlichen Obereichsfeld (483.2) zugeordnet. Sie sind Teile der Haupteinheitengruppe des „Osthessischen Berglands (35)“ sowie der Haupteinheit Nordwestliche Randplatten des Thüringer Beckens (483).Hans-Jürgen Klink: Blatt 112 Kassel. In: Naturräumliche Gliederung nach der Geographischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg.

Naturschutzgebiet Mit Verordnung vom 6. Februar 2023 des Regierungspräsidiums in Kassel wurden die „Wälder um Wanfried“ zum Naturschutzgebiet erklärt.Die Verordnung trat am Tage nach der Verkündung im Staatsanzeiger für das Land Hessen vom 6. März 2023 in Kraft. Hauptziel der Unterschutzstellung war die Schaffung einer Waldwildnis mit dem Zweck: „die unbeeinflusste natürliche Dynamik des Waldökosystems mit ihren Zusammenbruchs- und Pionierphasen und der dazugehörenden Fauna und Flora zu sichern“. Zu dem neuen Naturschutzgebiet gehören die Waldflächen des Muhlienberg, Karnberg, Leistersberg, Kurze Kohre, Konstein, Plesse, Soodholz, einem Teil des Eichenbergs, des Raterbergs und des Harderbergs. Mit dem Inkrafttreten der Verordnung wurden die in diesem Bereich bestehenden Naturschutzgebiete „Plesse-Konstein“ und „Eichenberg bei Frieda“ aufgehoben und zu einem Teil der „Wälder um Wanfried“.

Das Naturschutzgebiet ist in drei Schutzzonen gegliedert. Der überwiegende Teil besteht aus den Schutzzonen I und II, in denen Waldwildnis sich unbeeinflusst entwickeln und die Natur sich frei entfalten kann. Defizite an Beständen der Alters- und Zerfallsphasen sollen hier behoben und die Artenvielfalt von Alt- und Totholzbewohnern verbessert werden. Forstliche Maßnahmen, die für die Entwicklung heimischer Laubhölzer nötig sind und der Erreichung der Erhaltungsziele dienen, dürfen noch bis Ende 2031 vorgenommen werden. Ziel in der Schutzzone III, die nicht zur Wildnis entwickelt werden soll, ist der Schutz der hier lebenden, zum Teil sehr seltenen und stark gefährdeten Tier- und Pflanzenarten sowie der hier vorkommenden Lebensräume. Insbesondere sollen die artenreichen Huteflächen am Fuße des Konsteins geschützt und durch geeignete Pflegemaßnahmen entwickelt, der wärmeliebenden Eichentrockenwald am Steilhang des Eichenbergs und die daran gebundene seltene Flora und Fauna erhalten die strukturreichen Waldrandbereiche durch geeignete Maßnahmen bewahrt und auf den Grünlandflächen durch eine extensive Bewirtschaftung ein Lebensraum für seltene und gefährdete Pflanzen- und Tierarten erhalten beziehungsweise geschaffen werden.

Gegen diese von Naturschutzverbänden begrüßte Entwicklung zum Naturwald formierte sich anfangs in den betroffenen Kommunen Widerstand, da Konflikte bezüglich der Nutzung und Zielvorgaben befürchtet wurden.Tobias Stück: Drei Kommunen wollen mit rechtlichen Schritten gegen Urwaldpläne vorgehen. In: Werra-Rundschau vom 9. März 2019; abgerufen am 13. Juni 2026.

Wälder mini|Teilbereich an der Bundesstraße 250 Im Rahmen von Untersuchungen für die Grunddatenerfassungen der FFH-Gebiete, die sich mit dem Naturschutzgebiet überlagern, wurden die Wälder nach Definition der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie Lebensraumtypen (LRT) zugeordnet:

Waldmeister-Buchenwald (LRT 9130) mini|Bärlauchblüte auf dem Plateau der Plesse Der am großflächigsten verbreitete Lebensraumtyp nimmt im Bereich um Plesse, Konstein und Karnberg vor allem die Plateaulagen ein. Die Rotbuche (Fagus sylvatica) ist die dominierende Baumart, auch Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus), Esche (Fraxinus excelsior) und Eiche (Quercus) sind anzutreffen. Er wächst auf den tiefgründigeren und besser wasserversorgten Standorten, was sich auch in der Wüchsigkeit der Rotbuchen widerspiegelt. Floristisch lässt sich dieser Waldtyp durch das Vorkommen von Gewöhnlicher Goldnessel (Lamium galeobdolon) und Wald-Ziest (Stachys sylvatica) von anderen unterscheiden. Pflanzensoziologisch gehören die Bestände im Naturschutzgebiet zum Waldgersten-Buchenwald, der sich besonders durch seine Frühjahrsblüher wie Buschwindröschen (Anemone nemorosa), Gelbes Windröschen (Anemone ranunculoides), Waldmeister (Galium odoratum), Bärlauch (Allium ursinum) und Märzenbecher (Leucojum vernum) auszeichnet.

Mitteleuropäischer Orchideen-Kalk-Buchenwald (LRT 9150) mini|Eibe an der Westseite des Konsteins Nach dem Waldmeister-Buchenwald nimmt der Orchideen-Kalk-Buchenwald die größte Fläche im Schutzgebiet ein. Seine Bestände sind in Hangbereichen auf steileren, flachgründigeren und trocken-wärmeren Standorten zu finden. Zu den Kennarten gehören Weißes (Cephalanthera damasonium), Rotes (Cephalanthera rubra) und Schwertblättriges Waldvöglein (Cephalanthera longifolia). Die Mittelhänge, deren Krautschicht wegen des vergleichsweise geringen Lichtangebotes oft artenarm ist, sind Wuchsorte Europäischer Eiben (Taxus baccata). Die Buchenwälder zählen zu floristisch reichsten in Nordhessen. Die Bodenflora ist durch einen hohen Anteil von Orchideen gekennzeichnet, unter denen Frauenschuh (Cypripedium calceolus) und Blasses Knabenkraut (Orchis pallens) besondere Bedeutung haben.

Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald (LRT 9170) Die Eichen-Hainbuchenwälder sind am Südhang des Muhlienberges, im Bereich Plesse und Konstein sowie am Eichenberg zu finden. Sie entstanden im Gebiet durch historische Waldnutzungen für ein inzwischen untergegangenes Handwerk: Einer der Haupterwerbszweige der nahe gelegenen Kreisstadt Eschwege war früher die Lederherstellung und eng damit verbunden die Erzeugung von Lohe zum Gerben, deren Rohstoff zu einem großen Teil in den heimischen Eichenschälwäldern des Werratales gewonnen wurde. Begehrt war vor allem die Glanzlohe, die reich an kräftigen Gerbstoffen war und aus der Glanzrinde der jungen Eichenstämmchen kam. Geerntet wurde in der Form der Niederwaldwirtschaft: Die Bäume wurden dicht über der Erde gefällt und schlugen nach kurzer Zeit wieder aus, so dass sie in einem Zyklus von 10 bis 20 Jahren wieder geschält werden konnte. Diesen wärmeliebenden Waldtyp kennzeichnen die Baumarten Traubeneiche (Quercus petraea) und Gewöhnliche Hainbuche (Carpinus betulus) sowie das Auftreten thermophiler Arten in der Krautschicht, wie beispielsweise die großen Bestände des Blauroten Steinsamens (Lithospermum purpurocaeruleum). Typische Arten im Gebiet sind auch Stattliches Knabenkraut (Orchis mascula), Färber-Scharte (Serratula tinctoria) und Wunder-Veilchen (Viola mirabilis).Büro für Naturschutz, Ökologie und Landbau (NÖL): Grunddatenerfassung für das FFH-Gebiet „Plesse-Konstein-Karnberg“.Bioplan Marburg: Grunddatenerfassung im Natura 2000-Gebiet „Eichenberg bei Frieda“.

Schlucht- und Hangmischwälder (LRT *9180) Der prioritäre Lebensraumtyp ist großflächig an den Konsteinhängen sowie in drei Bereichen an den Plessehängen vorhanden und wird durch die vorherrschenden Vorkommen von Sommerlinde (Tilia platyphyllos), Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus) und den Arten der Strauchschicht Gewöhnliche Waldrebe (Clematis vitalba) und Haselnussstrauch (Corylus avellana) gekennzeichnet. Als charakteristisch gelten außerdem die Bestände mit Stinkendem Storchschnabel (Geranium robertianum), Ruprechtsfarn (Gymnocarpium robertianum) sowie einiger Moosarten wie dem Seidenmoos (Homalothecium sericeum) und dem Verstecktkapseligen Spalthütchen (Schistidium apocarpum).

Auenwälder mit Alnus glutinosa und Fraxinus excelsior (LRT *91E0) An Verbandskennarten kommen in dem bachbegleitenden Erlen-Eschenwald im Gatterbachtal Kohldistel (Cirsium oleraceum), Riesen-Schwingel (Festuca gigantea), Großes Springkraut (Impatiens noli-tangere) und Hain-Ampfer (Rumex sanguineus) vor. Als einmalig für die Region wird hier der Wasserfall „Elfengrund“ angesehen, der durch seine starke Kalktuffbildung großflächige Kalksinterstufen entstehen ließ.Sieglinde und Lothar Nitsche: Naturschutzgebiete im Werra-Meißner-Kreis. In: Naturschutzgebiete in Hessen, schützen-erleben-pflegen. Band 3, S. 105 f.

Offenland mini|Wanfried mit dem Karnberg Aus naturschutzfachlicher Sicht zeichnet sich die Landschaft in den offenen Bereichen durch einen großen Anteil von Lebensräumen aus, die durch einen hohen Kalkgehalt des Bodens geprägt werden. So kommen Kalk-Halbtrockenrasen, Kalk-Pionierrasen, Kalkhaltige Schutthalden und Kalkfelsen mit Felsspaltenvegetation vor, was die hohe Vielfalt des Gebietes widerspiegelt. Auf den waldfreien Fels- und Schutthängen wachsen in den Blaugrasrasen mit Berg-Distel (Carduus defloratus) und Scheiden-Kronwicke (Coronilla vaginalis) Pflanzen, die außerhalb des alpinen Bereiches nur in den höheren Lagen der Mittelgebirge vorkommen. Als bemerkenswert angesehen werden die zahlreichen wärmeliebenden Arten wie Edel-Gamander (Teucrium chamaedrys), Kleine Wiesenraute (Thalictrum minus), Gewöhnliche Felsenbirne (Amelanchier ovalis) und Blutroter Storchschnabel (Geranium sanguineum), von denen sich viele hier im Bereich der nordwestlichen Grenze ihres Verbreitungsgebiets befinden. Auf den Halbtrockenrasen kommen Dreizähniges Knabenkraut (Neotinea tridentata), Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea), Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera) und Purpur-Knabenkraut (Orchis purpurea) vor.

Fauna