Als Gladstone-MacDonald-Pakt wird ein informelles Bündnis zwischen der Liberalen Partei und dem Labour Representation Committee (aus dem 1906 die Labour Partei hervorging) bezeichnet. Der Gladstone-MacDonald-Pakt kam im Jahr 1903 zustande. Namensgeber waren der Chief-Whip der Liberalen, Herbert Gladstone, und der LRC-Funktionär Ramsay MacDonald, die die Übereinkunft im Geheimen aushandelten. Ziel war es, eine Zersplitterung der Stimmen im linken Parteienspektrum zu verhindern und diese stattdessen zu bündeln, um die regierende Konservative Partei bei der nächsten Unterhauswahl abzulösen.
Seit der Gründung der LRC im Jahr 1900 hatte es zunehmend Spannungen zwischen der Liberalen Partei und der LRC gegeben. So weigerten sich etwa bei der Nachwahl in Clitheroe 1902 die örtlichen Baumwollweber, ihren Kandidaten David Shackleton zurückzuziehen, der kein offiziell zugelassener Lib-Lab-Kandidat war. Gladstone zog daraufhin den liberalen Kandidaten zurück, und Shackleton wurde ohne Gegenkandidat gewählt. Dies war einer der Hauptgründe für die Bildung des Pakts. Gladstone führte nur einen Teil der Verhandlungen selbst und überließ den Großteil der Verhandlungen Stellvertretern.
Beide Parteien kamen überein, einander in bestimmten Wahlkreisen freie Bahn zu lassen. Die Liberalen erklärten sich bereit, in einigen Wahlkreisen, in denen auch aussichtsreiche Kandidaten Labours antraten, auf die Aufstellung eigener Kandidaten zu verzichten. Umgekehrt verzichtete das LRC darauf, in bestimmten hart umkämpften Wahlkreisen den Liberalen Kandidaten herauszufordern. Dies geschah, um zu verhindern, dass sich die Stimmen der Gegner der Konservativen aufteilten und zersplitterten, wodurch im Endeffekt die Konservativen profitiert hätten. Die Übereinkunft ist vor dem Hintergrund des britischen Wahlsystems zu sehen, in dem im Mehrheitswahlverfahren gewählt wird.
Bei den Unterhauswahlen von 1906 (die sich noch über mehrere Wochen erstreckten) traten dann 31 der 50 LRC-Kandidaten in Wahlkreisen an, in denen die Liberalen zustimmten, keinen eigenen Kandidaten aufzustellen. 24 der 29 LRC-Abgeordneten, die bei dieser Wahl gewählt wurden, erhielten ihr Mandat in Wahlkreisen, in denen die Liberalen nicht antraten.
Der Historiker Eric J. Evans wertete den Pakt als für beide Seiten günstig und hielt ihn aus Sicht der Liberalen auch für die beste Option.Eric J. Evans: The Shaping of Modern Britain: Identity, Industry and Empire 1780–1914. Routledge, Abingdon, England, 2011, S. 433. Im Urteil des Historikers Simon Heffer sei Labour jedoch insgesamt stärker begünstigt worden, da die Partei sich so relativ mühelos im Unterhaus etablieren konnte. Auf lange Sicht sei Labour so deutlich begünstigt worden.Simon Heffer: The Age of Decadence: Britain 1880 to 1914. Random House, New York 2017, S. 655 f.
Literatur Eric J. Evans: The Shaping of Modern Britain: Identity, Industry and Empire 1780–1914. Routledge, Abingdon, England, 2011. ISBN 978-1-4082-2564-6. Simon Heffer: The Age of Decadence: Britain 1880 to 1914. Random House, New York 2017. ISBN 978-0-0995-9224-2.
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