mini|Claude Viallat – Sans titre, 270 × 210 cm Claude Viallat (* 18. Mai 1936 in Nîmes) ist ein französischer Maler und Kunsttheoretiker. Er gilt als einer der Hauptvertreter der Bewegung Supports/Surfaces und zählt zu den bedeutendsten Protagonisten der konzeptuell ausgerichteten französischen Malerei seit den 1960er Jahren.
Leben Claude Viallat wurde 1936 in Nîmes geboren, wo er bis heute lebt und arbeitet. Von 1955 bis 1959 studierte er Malerei an der École des Beaux-Arts in Montpellier. Anschließend leistete er von 1959 bis 1961 seinen Militärdienst ab, der ihn unter anderem nach Algerien führte, wo er den Algerischen Unabhängigkeitskrieg unmittelbar miterlebte. Von 1962 bis 1964 setzte er sein Studium an der Beaux-Arts de Paris in Paris fort, wo er bei Raymond Legueult studierte. Von 1964 bis 1967 war er als Lehrer an der École des Arts Décoratifs in Nizza tätig. Von 1967 bis 1973 unterrichtete er an der École des Beaux-Arts in Limoges, wo er mit dem Dadaisten Raoul Hausmann befreundet wurde. Von 1973 bis 1979 war er Professor an der École des Beaux-Arts de Luminy in Marseille. Von 1979 bis 1991 fungierte er als Direktor der École des Beaux-Arts in Nîmes. Anschließend hatte er von 1991 bis 2000 eine Professur an der École nationale supérieure des beaux-arts (ÉNSBA) in Paris inne.
Werk
Theoretische Grundlagen Seit den 1960er Jahren verfolgt Viallat in seiner künstlerischen Praxis und in theoretischen Schriften eine grundlegende Infragestellung der Malerei. Dabei unterzieht er nicht nur die dargestellten Inhalte, sondern auch die materiellen Bestandteile des Bildes – Leinwand, Keilrahmen und Farbe – einer kritischen Analyse und Neubewertung. Im Zusammenhang mit sozialphilosophischen und gesellschaftskritischen Überlegungen zielt sein Ansatz darauf ab, das Bild als hierarchisch strukturierte, dauerhaft fixierte und in sich geschlossene Einheit aufzulösen und dabei jede einzelne Bildkomponente gleichwertig zu behandeln. Das Interesse an einem neu definierten Verhältnis von Bildträger und malerischem Handeln verbindet ihn mit den Künstlern Vincent Bioulès, Marc Devade, Daniel Dezeuze, Patrick Saytour und André Valensi. Mit ihnen gründete er 1970 in Paris die Gruppe Supports/Surfaces. Diese Gruppe, die in unmittelbarer Auseinandersetzung mit strukturalistischen und marxistischen Theorien stand, strebte eine materialistische Analyse der Bestandteile der Malerei an. Viallat verließ die Gruppe jedoch bereits 1971.
Malerei ohne Keilrahmen und das Modulprinzip mini|Viallat Saal. Hôtel d’Agar, Cavaillon, Département Vaucluse Eine zentrale Konstante in Viallats Werk ist die Entscheidung, die Leinwand vom Keilrahmen zu trennen. Diese Entscheidung hat er schon in den 1960er Jahren getroffen. Den losen Malgrund breitet er seither beim Farbauftrag flach auf dem Boden aus, wodurch sich die Malerei als körperlich anspruchsvolle Tätigkeit entfaltet. Im Rahmen einer Kritik der traditionellen Ausstellungsinstitutionen präsentierte er seine oft großformatigen Werke anfangs auch im Außenbereich, beispielsweise im Wald, am Strand oder im Steinbruch. Während Viallat zunächst vorwiegend mit neutralen, nicht grundierten Baumwoll- und Leinengeweben sowie stark verdünnter Farbe arbeitete, verwendet er seit den 1970er Jahren zunehmend Textilien aus dem Alltagsbereich: Tischdecken, Bettlaken, Vorhänge, Markisen, Polster- und Dekorationsstoffe, Segel und Zeltplanen. Der Malprozess bildet eine Art dialogische Auseinandersetzung mit den häufig bereits gebrauchten und von Vorbesitzern ausgesonderten Textilien, die in ihrer jeweiligen Materialität und Geschichtlichkeit erfahrbar bleiben.
Um eine prozessuale Malerei unabhängig von figurativen, metaphorischen oder sonstigen inhaltlichen Zuschreibungen zu realisieren, malt Viallat seit den 1960er Jahren stets dasselbe Modul, das er mithilfe einer Schablone in serieller Folge auf den jeweiligen Malgrund aufträgt. Diese fluide, geschwungene und asymmetrische Rautenform wurde im Laufe der Zeit zu seinem Erkennungszeichen. Viallat schätzt sie vor allem wegen ihrer Neutralität. Da sie sich einer eindeutigen inhaltlichen Festschreibung entzieht, fungiert sie weniger als eigenständiges Motiv, sondern vielmehr als elementare malerische Geste. Mit ihrer Hilfe lassen sich die Vorgänge der Bildwerdung als offener Formierungsprozess artikulieren. Die bewusste Reduzierung der Formensprache, die Hinwendung zu alltäglichen Materialien und die repetitive Arbeitsweise bilden den Rahmen, innerhalb dessen Viallat im Spannungsfeld von Wiederholung und Differenz einen bemerkenswerten Reichtum an immer neuen Bildfindungen entfaltet. Besonders hervorzuheben ist seine Koloristik, mit der er teils im Einklang, teils im Widerstreit auf die Farben, Muster und Ornamente des jeweiligen Malgrunds reagiert.
Ein Teil von Viallats Werken entstand als Hommage an andere Künstler. Dazu gehören La tempête (1973–74, 99 Zeichnungen, Musée national d'art moderne, Paris) als Hommage an Giorgione, Fenêtre à Tahiti (1976, Acryl/Vorhang mit Fransen, ebd.) als Hommage an Henri Matisse sowie Hommage à Picasso (1980, Acryl/Montage aus mehreren bedruckten Stoffbahnen, Musée Picasso, Antibes). Weitere Bezugskünstler sind Auguste Chabaud, Sam Francis und Jackson Pollock.
Objekte, Netzstrukturen und Buchillustrationen mini|Glasmalereien von Claude Viallat im Chorraum der Kirche Notre-Dame-des-Sablons in Aigues-Mortes Neben dem malerischen Werk entstanden aus Fundstücken zusammengestellte Objekte, darunter die Werkgruppe Cerceaux, sowie Gitter-, Knoten- und Netzstrukturen, darunter Filet (Répétition) (1970, Teer/Netz aus Kokosfasern, Paris, Centre Pompidou). Daneben illustrierte Viallat zahlreiche Bücher. Zu den dauerhaften Installationen zählen Kirchenfenster in der Kathedrale Saint-Cyr in Nevers (1988) und in Notre-Dame-des-Sablons in Aigues-Mortes (1990), eine Malerei-Installation im Hôtel-Dieu in Paris (1995) sowie ein Werk Ohne Titel (Acryl/Leinen) in der Bibliothèque nationale de France in Paris (1997).
Werkauswahl (öffentliche Sammlungen) Werke von Claude Viallat befinden sich u. a. in folgenden öffentlichen Sammlungen: Ludwig Forum, Aachen; Kunstmuseum Basel; CAPC Musée d'art contemporain, Bordeaux; Szépművészeti Múzeum, Budapest; Museum of Art, Fukuyama; Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Gent; Kunsthalle Hamburg; Musée Fabre, Montpellier; Musée des beaux-arts, Montréal; Musée d'Arts, Nantes; Carré d’Art, Nîmes; Musée d'Art moderne et d'Art contemporain, Nizza; Museum of Modern Art, New York; National Museum of Art, Osaka; Fondation Cartier pour l’art contemporain, Paris; Musée d’Art moderne de la Ville de Paris; Musée d'Art moderne, Saint-Étienne; Whanki Museum, Seoul; Muzej na sovremenata umetnost, Skopje; Musée des Beaux-Arts, Straßburg; Sara Hildén Art Museum, Tampere.
Ausstellungen (Auswahl)
Einzelausstellungen: 1974 Saint-Étienne, Musée d'Art et d'Industrie; 1982 Paris, Musée national d'art moderne, und Montréal, Musée des beaux-arts; 1983 Düsseldorf, Kunsthalle; 1984 Barcelona, Fundació Joan Miró; 2004 Mexiko-Stadt, Museo Universitario del Chopo; Monterrey, Museo Metropolitano; Mérida, Museo de Arte Contemporáneo Ateneo de Yucatán; 2009 Bamako, Musée national du Mali; 2013 Bochum, Situation Kunst (Wanderausstellung); 2014 Montpellier, Musée Fabre (Retrospektive). Gruppenausstellungen: 1970 Paris, Musée d'Art moderne de la Ville de Paris: Supports/Surfaces; 1972 New York, Solomon R. Guggenheim Museum: Amsterdam – Paris – Düsseldorf; 1983 Biennale, São Paulo; 1988 Biennale, Venedig; 1997 Paris, Centre Pompidou: L'Empreinte; 2019 Peking, Tsinghua University Art Museum: Supports/Surfaces.
Literatur
Claude Viallat, Écrits, Saint-Étienne 2014. André Alauzen, Dictionnaire des peintres et sculpteurs de Provence, Marseille 1986. André Alauzen, Dictionnaire des peintres et sculpteurs de Provence, überarbeitete Neuauflage, Marseille 2006. Anne-Marie Charbonneaux, Norbert Hillaire, Architecture de lumière. Vitraux d'artistes 1975–2000, Paris 2000. Claude Viallat, Ausst.-Kat. Musée Fabre, Montpellier, Montpellier 2014. Douze ans d'art contemporain en France, Ausst.-Kat., Paris 1972. Jean Clair, Art en France. Une nouvelle génération, Paris 1972. L'éloquence des loques, Ausst.-Kat. Montauban/Pau, Montauban 2000. Luc Romain, Detlef Bluemler, Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, München 2016. Holger Scholz u. a. (Hrsg.), Glas – Malerei – Forschung, Berlin 2004. Pierre Wat, Claude Viallat. Œuvres, écrits, entretiens, Paris 2006.
Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 14: Valverde – Zyw. Paris, 2006. Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online, De Gruyter 2009.
Weblinks
Mudam – Museum für zeitgenössische Kunst in Luxemburg kajetan.berlin Kunsthalle Rostock
Einzelnachweise
Kategorie:Maler (Frankreich) Kategorie:Maler der Moderne Kategorie:Hochschullehrer (Frankreich) nach Region Kategorie:Person (Nîmes) Kategorie:Hochschullehrer (ENSBA Paris) Kategorie:Hochschullehrer (Nizza) Kategorie:Franzose Kategorie:Geboren 1936 Kategorie:Mann