mini|Guillaume Voiriot – Porträt von Jean-Baptiste-Marie Pierre (1759). Schloss Versailles Jean-Baptiste-Marie Pierre (* 6. März 1714 in Paris; † 15. Mai 1789 ebenda) war ein französischer Maler, Zeichner und Stecher des 18. Jahrhunderts. Er zählte zu den bedeutendsten Vertretern der französischen Historienmalerei seiner Zeit und bekleidete ab 1770 als Premier peintre du Roi sowie als Direktor der Académie royale de peinture et de sculpture die höchsten künstlerischen Ämter Frankreichs.

Leben Herkunft und Ausbildung Jean-Baptiste-Marie Pierre entstammte einer Pariser Familie von Goldschmieden und Juwelieren. Ab 1730 besuchte er die Académie royale de peinture et de sculpture. Im Alter von 18 Jahren malte er ein Selbstbildnis, von dem nur ein Stich von Johann Gotthard erhalten ist. 1734 gewann er mit dem Gemälde Samson à qui Dalila coupe les cheveux den Grand Prix de la Peinture. Zu diesem Zeitpunkt war er vermutlich Schüler von Nicolas Bertin. Darüber hinaus studierte er nachweislich einige Monate bei Charles-Joseph Natoire.

Romaufenthalt und frühe Karriere mini|Alter Mann in einer Küche (um 1745). Eremitage, Sankt Petersburg Der Gewinn des Grand Prix ermöglichte ihm einen fünfjährigen Aufenthalt an der Académie de France in Rom (1735–1740), zunächst unter der Leitung von Nicolas Vleughels, der ihn zur direkten Naturbeobachtung anleitete. Dessen Nachfolger Jean François de Troy schuf in den Jahren 1738 bis 1740 vor Pierres Augen die letzten vier Kartons für die Teppichserie zur Histoire d’Esther. Dieses monumentale Vorbild fand seinen Niederschlag in Pierres frühen Historienbildern, etwa La Mort d’Harmonia (New York, Metropolitan Museum of Art). Dauerhaft beeinflusst wurde sein Werk außerdem durch die regelmäßigen Kontakte mit Pierre Subleyras, nach dessen vier Kompositionen zu Fabeln von La Fontaine Jean-Baptiste-Marie Pierre Radierungen anfertigte.

Im Herbst 1740 kehrte er nach Paris zurück. 1741 wurde er zur Akademie zugelassen. Seine drei im selben Jahr im Salon gezeigten Gemälde wurden wohlwollend aufgenommen, wobei La Maîtresse de l’école (Auxerre, Musée d’Art et d’Histoire) besondere Aufmerksamkeit der Kritik auf sich zog. Im Jahr 1742 wurde er mit dem Gemälde Diomède, roi de Thrace tué par Hercule et mangé par ses propres chevaux (Montpellier, Musée Fabre) als ordentliches Mitglied in die Akademie aufgenommen.

Aufstieg und Hauptschaffenszeit mini|Die Entführung Europas (1750). Dallas Museum of Art In den folgenden Jahren stieg Jean-Baptiste-Marie Pierre kontinuierlich in der Hierarchie der Akademie auf: 1744 wurde er Dozent und 1747, als Jüngster, erhielt er eine Einladung zur Teilnahme an dem von Lenormant de Tournehem und Charles Coypel organisierten Wettbewerb. Sein Gemälde Tithon et l’Aurore (Poitiers, Musée Sainte-Croix) brachte ihm schließlich im Jahr 1748 eine Professur ein. Zu Beginn der 1750er Jahre galt er in den Augen von Kollegen und Kritikern als einer der führenden französischen Maler – nicht zuletzt wegen der ungewöhnlichen Vielgestaltigkeit seiner Salonbeiträge und der lebhaften öffentlichen Debatten, die sein Werk seit Ende der 1740er Jahre ausgelöst hatte.

1752 wurde er zum Ersten Maler des Duc d’Orléans ernannt. Dies markierte den Beginn eines erfolgreichen Jahrzehnts, in dem er an den bedeutendsten Auftragswerken seiner Zeit beteiligt war: der Ausstattung des Salon du Conseil du Roi im Schloss Fontainebleau, dem sogenannten Cabinet de nudités, Wandbehängen mit den Amours des dieux für den Marquis de Marigny sowie Werken für den Marmorsaal Friedrichs II. von Preußen in Potsdam. In diese Zeit fiel auch die Zusammenarbeit mit Claude-Henri Watelet bei der Gestaltung dessen Parks Moulin Joli sowie die Fertigstellung zweier großer Ausstattungsprojekte: ein großes Deckengemälde mit der Apothéose de Psyché (zerstört) im Palais Royal und die Kuppelgemälde Triomphe de la Religion (zerstört) und Assomption de la Vierge in der Kirche Saint-Roch. Diese Werke brachten ihm breite Anerkennung ein. In seinem Atelier erhielten zahlreiche Schüler, darunter Hugues Taraval, Jacques François Amand und Louis-Jacques Durameau, eine künstlerische Ausbildung. 1761 wurde Jean-Baptiste-Marie Pierre mit dem Ritterkreuz des Michaelsordens ausgezeichnet. 1768 vollendigte er im Auftrag des Herzogs von Orléans das fünfteilige Deckengemälde mit Szenen aus Rinaldo und Armida nach Torquato Tassos Gerusalemme liberata für das Schloss Saint-Cloud (1783 zerstört, Zeichnung mit Varianten in der Eremitage in Sankt Petersburg).

Amt und Reformen mini|Diomedes, König von Thrakien, wird von Herkules getötet und von seinen eigenen Pferden zerrissen (1752). Musée Fabre, Montpellier 1770 wurde er zum Ersten Maler des Königs, zum Direktor der Akademie und zum Leiter der Kunstabteilung ernannt. Um sich seinen administrativen Aufgaben vollständig widmen zu können, arbeitete er als Maler nur noch gelegentlich und ausschließlich im Fall königlicher Aufträge, die er unentgeltlich ausführte. In den Jahren 1771 bis 1778 entstanden vier große Gemälde für die Galerie von Schloss Choisy (verschollen), Les Vendanges für den Speisesaal des Petit Trianon im Schloss Versailles sowie 1781 zwei Supraporten (ebenfalls verschollen) für das Appartement der Königin im Schloss Marly-le-Roi. In seiner Funktion als höchster Kunstbeamter reformierte er die Bedingungen für Künstler grundlegend: Er erneuerte das Unterrichtssystem der Akademie in Paris und Rom, führte feste Regeln für die Vergabe von Aufträgen, Pensionen, Ateliers und Unterkünften ein und setzte sich für den Schutz der Künstler ein. Darüber hinaus bemühte er sich um die Beschaffung von Kunstwerken für ein künftiges Museum. Pierre starb am 15. Mai 1789, am Vorabend der Französischen Revolution.

Werk Pierres Œuvre umfasst Historiengemälde, religiöse Kompositionen, mythologische Darstellungen sowie Genrebilder und Druckgraphiken. Charakteristisch sind seine vielfältigen Beiträge zum Pariser Salon, den er von 1741 bis 1763 regelmäßig belieferte. Neben der Monumentalmalerei für Kirchen und Schlösser fertigte er Radierungen nach Kompositionen anderer Künstler, namentlich nach Subleyras.

Literatur

The Dictionary of Art. Bd. 24. London 1996. Bardin, Michel: Dictionnaire des peintres, sculpteurs et graveurs nivernais du XVe au XXe siècle. Nevers 2002. Aaron, Olivier: Jean-Baptiste Marie Pierre (1714–1789). In: Cahiers du Dessin Français. Nr. 9. Paris 1993. Museo del Prado. Inventario general de pinturas. Bd. 3: Nuevas adquisiciones, Museo Iconográfico, tapices. Madrid 1996. Madame de Pompadour und die Künste. (Ausst.-Kat. Neue Pinakothek München). München 2002. Bailey, Colin B. u. a.: Meisterwerke der französischen Genremalerei. (Ausst.-Kat.) Berlin/Köln 2004. Rosenberg, Pierre; Mandrella, Daniela: Gesamtverzeichnis französischer Gemälde des 17. und 18. Jahrhunderts in deutschen Sammlungen. (Ausst.-Kat.) Bonn/München 2005. Jacquot, Dominique: Cinq siècles de peinture. Musées de Strasbourg. (Ausst.-Kat.) Straßburg 2006. Lesur, Nicolas; Aaron, Olivier: Jean-Baptiste Marie Pierre (1714–1789). Premier peintre du roi. Paris: Arthena 2009. Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 10: Müller – Pinchetti. Paris, 2006. Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online. De Gruyter 2009.

Weblinks

Städel Museum / Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie Google Arts & Culture

Einzelnachweise

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