mini|Statue Vicaris am Grabmal der Familie von Gracco Vicari, 1890, Friedhof Caslano Cristoforo Vicari (in der Deutschschweiz auch Christoph Vicari; * 14. Mai 1846 in Caslano; † 26. Dezember 1913 in Lugano) war ein Schweizer Bildhauer.
Leben Cristoforo Vicari wurde 1846 als Sohn von Battista Vicari und Giovannina Amadio in Caslano im Malcantone geboren. Nach dem Besuch der Zeichenschule in Curio begab er sich nach Saluzzo, wo er bei einer Ausstellung mit einer Goldmedaille geehrt wurde.Scultore Cristoforo Vicari. In: Gazzetta Ticinese. 27. Dezember 1913, S. 3 (online). Auch wenn es verschiedentlich behauptet wurde, gibt es keine eindeutigen Belege dafür, dass er an der Accademia Albertina in Turin oder der Accademia di Brera in Mailand studierte.Giulio Foletti: Cristoforo Vicari. In: Arte nell’Ottocento. La pittura e la scultura del Cantone Ticino (1870–1920). Armando Dadò, Locarno 2001, S. 495–499. 1866 heiratete er Amalia Vassalli (1846–1908).Amalia Vicari. In: L’azione. 4. Mai 1908, S. 2. Er spezialisierte sich auf Bauplastik, was regelmässige Reisen bedingte.
1883 eröffnete Vicari ein auf Zement und Kunststein spezialisiertes Atelier in Zürich-Enge, «eine romantisch in einer Wiesenecke gelegene Atelierhütte» an der unteren Sternenstrasse beim damaligen Bahnübergang.Vom Zürcher Hauptbahnhof und seinen neuen Monumentalfiguren. In: Zürcher Wochen-Chronik. Nr. 9, 2. März 1907, S. 68 (online). mini|Die Erhebung oder Der Spartakus Vincenzo Velas, 1887 Vicari gehörte der Radikalliberalen Partei an und war ein enger Freund Romeo Manzonis.Totentafel. In: Neue Zürcher Nachrichten. Nr. 353, 30. Dezember 1913, S. 2 (online).Kleine Chronik. In: Neue Zürcher Zeitung. Mittagblatt. Nr. 10, 3. Januar 1914, S. 2 (online). 1887, drei Jahre vor dem Tessiner Putsch, veröffentlichte er in einer von Manzoni herausgegebenen Sonderausgabe der Wochenzeitung La Vespa die Karikatur Die Erhebung oder Der Spartakus Vincenzo Velas (La Riscossa ossia lo Spartaco di Vela). Sie zeigt Velas berühmte Statue des aufständischen Sklaven Spartacus als Personifikation des Kantons Tessin (sein Gürtel trägt die Aufschrift «TICINO»), der sich von den Ketten an einer Vogelscheuche mit Papstkrone und einem mit «POTERE TEMPORALE» («weltliche Macht») beschrifteten Gewand losreisst und sich mit gezücktem Dolch auf drei grimme, fliehende Geistliche stürzt.Cristoforo Vicari: La Riscossa. In: Romeo Manzoni (Hrsg.): Strenna della Vespa 1886–1887. Schira, Genf 1887, S. 138.
1888 fertigte er eine Statue des Kirchenpatrons für die Fassade der Pfarrkirche St. Joseph in Neuenhof im Kanton Aargau.Peter Hoegger: Der Bezirk Baden II (= Die Kunstdenkmäler der Schweiz. Band 87). Wiese Verlag, Basel 1995, S. 65, 68 (online). Um 1891 wohnte Vicari zwischenzeitlich in St. Gallen.Ticinese distinto. In: Gazzetta Ticinese. 27. Juli 1891, S. 2. In diesem Jahr schuf er im Auftrag des eidgenössischen Post- und Eisenbahndepartements zwei Statuen für das neue Postgebäude in Genf: einen in einen Burnus gehüllten Araber, der sich auf ein Gewehr stützte und in der Linken einen Elefantenzahn hielt, und einen mit Pfeil und Bogen bewaffneten Afrikaner mit einem Löwenfell über der Schulter. Die weiteren acht Standbilder stammten von Jean-Jules Salmson, Charles François Marie Iguel, Maurice Reymond und Rodo.Ticinesi che si distinguono. In: Gazzetta Ticinese. 2. Oktober 1891, S. 2. 1895 führte Vicari mit anderen die Bildhauerarbeiten an den Fassaden der Tonhalle Zürich nach Modellen von Paul Abri aus.Neue Tonhalle. In: Neue Zürcher Zeitung. Zweites Abendblatt. Nr. 174, 25. Juni 1895, S. 1 (online).
In Zürich engagierte sich Vicari für die Tessiner Kolonie; so sass er dem Klub Ticino redento als Präsident vor und hielt bei einem Ehrenbankett, das am 2. März 1896 in Zürich für den Tessiner Nationalrat Alfredo Pioda gegeben wurde, eine Ansprache.Da Zurigo. In: Gazzetta Ticinese. 3. März 1896, S. 2. Beim Bankett, das liberale Tessiner anlässlich der Parlamentswahlen am 25. Oktober 1896 im Hotel National abhielten, hatte er den Vorsitz inne.Da Zurigo. In: Gazzetta Ticinese. 28. Oktober 1896, S. 2. Im selben Jahr nahm er mit einer Büste Alfred Eschers an der Schweizerischen Landesausstellung in Genf teil.Tessiner Kunst. In: Der Bund. Nr. 108, 18. April 1896, S. 4 (online). Auch Baptist Hörbst und Richard Kissling hatten Büsten des bedeutenden Zürcher Politikers und Unternehmers eingesandt. Vicaris Darstellung erinnerte den Bund an einen «protzigen Parvenü».Die Kunst an der schweiz. Landesausstellung. Die Kunst der Gegenwart. In: Der Bund. Band 34, Nr. 174, 26. Juni 1883, S. 1 f. (online). Ferner übernahm Vicari die Dekoration des Zürcher Hauses «Metropol», das ursprünglich von Antonio Barzaghi-Cattaneo hätte ausgemalt werden sollen.Un Ticinese a Zurigo. Impressioni e Ricordi. In: Gazzetta Ticinese. 14. Juli 1898, S. 2. Im zum Gebäudekomplex gehörenden Bierlokal an der Fraumünsterstrasse 14 ist sein Puttenfries belegt, der die vier Jahreszeiten darstellte.Papa Krug im Metropol. In: Tages-Anzeiger. Nr. 89, 14. April 1905, S. 19 (online).
Um 1897 schuf Vicari einen in der Neuen Zürcher Zeitung gelobten marmornen Engel für ein Grab auf dem Friedhof Sihlfeld. Die Figur stand, mit einem hohen Kreuz im Hintergrund, an einer aus rotem Stein erstellten Felspartie. 1898 führte Vicari die beiden allegorischen Statuen Wissenschaft und Arbeit für den Sitz der Gesellschaft «Elettricità Alta Italia» in Turin aus.Centralfriedhof. In: Neue Zürcher Zeitung. Erstes Abendblatt. Nr. 11, 11. Januar 1898, S. 2 (online). Sie bekrönen den Giebel des grossen, zentralen Balkonfensters.Arabella Cifani, Franco Monetti: Ritorno a Palazzo Lascaris. Regione Piemonte, Turin 2013, S. 53 (PDF). Im Gebäude an der Via Arsenale 21 ist heute die Staatsanwaltschaft untergebracht. mini|Maschinenbau und Technik, 1907, Zürich Hauptbahnhof 1907 wurde Vicaris bekanntestes Werk auf der Ostfassade des Zürcher Hauptbahnhofs platziert: zwei monumentale Figuren, die den Maschinenbau (männlich) und die Technik (weiblich) darstellen. Sie ergänzten die bereits zuvor angebrachte grosse Uhr mit dem darüber aufragenden Kandelaber.
Am 29. Januar 1908 starb Vicaris Tochter Silvia im Alter von 33 Jahren an einer Herzkrankheit.Necrologio. In: L’azione. 21. Januar 1908, S. 3. Am 29. Februar 1908 reiste Vicari nach Lissabon, wo er Statuen für einen öffentlichen Palast und einen Grafen ausführte.Concittadino distinto. In: L’azione. 29. Februar 1908, S. 3. Während seiner Abwesenheit starb am 3. Mai 1908 seine Ehefrau Amalia. Nach verrichteter Arbeit kehrte Vicari in den Kanton Tessin zurück.
1909 schuf er lebensgrosse Marmorstatuen der Heiligen Ambrosius (Ambrogio), Abundius (Abbondio) und Karl Borromäus (Carlo) für die Kathedrale San Lorenzo in Lugano. Jene von Karl Borromäus steht heute vor dem ehemaligen Diözesanseminar San Carlo in Lugano, jene von Ambrosius in der Pfarrkirche San Carlo in Biasca.
mini|hochkant|Grabmal für Elvezio Vicari, 1910, Friedhof Caslano Am 4. November 1909 starb Vicaris Sohn, der Ingenieur Elvezio Vicari, in Caslano.Un lutto. In: Gazzetta Ticinese. 6. November 1909, S. 3. Cristoforo Vicari fertigte 1910 dessen Grabmal auf dem Friedhof Caslano. Er gestaltete es in Form einer monumentalen Pyramide, an deren Eingang die Statue einer Trauernden steht, womit er einen Typus fortführte, den Antonio Chiattone 1895 mit dem Grabmal der Familie Carlo Vellas auf dem Friedhof von Faido im Kanton Tessin eingeführt hatte.
Vicari starb am 26. Dezember 1913 im Alter von 67 Jahren in Lugano. Er fand auf dem Friedhof von Caslano seine letzte Ruhestätte.I funerali dello Scultore C. Vicari. In: Gazzetta Ticinese. 29. Dezember 1913, S. 2. Da er Freidenker war, erfolgte sein Begräbnis «unter Ausschluss des Kreuzes».
Erhaltene Werke 1888: Statue des hl. Josef von Nazaret, Pfarrkirche St. Joseph, Neuenhof AG 1890: Grabmal von Gracco Vicari, Friedhof von Caslano 1898: Figuren Wissenschaft und Arbeit, Palazzo sede RAI di Torino, Via Arsenale 21, Turin 1907: Figuren Maschinenbau und Technik, Bahnhofquai-Fassade des Hauptbahnhofs, Zürich 1909: Statue des hl. Karl Borromäus (San Carlo), ehem. Diözesanseminar San Carlo (heute Sitz des Konservatoriums), Lugano 1909: Statue des hl. Ambrosius von Mailand (Sant’Ambrogio), Pfarrkirche San Carlo, Biasca 1910: Grabmal von Elvezio Vicari, Friedhof von Caslano
Literatur Scultore Cristoforo Vicari. In: Gazzetta Ticinese. 27. Dezember 1913, S. 3 (online). Giulio Foletti: Cristoforo Vicari. In: Arte nell’Ottocento. La pittura e la scultura del Cantone Ticino (1870–1920). Armando Dadò, Locarno 2001, S. 495–499.
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