mini|hochkant|alt=Polizeifoto von Ortiz, Brauntöne|Léon Ortiz, Polizeifoto Der Prozess der Dreißg (Procès des Trente) war ein Anarchistenprozess, der 1894 in Frankreich durchgeführt wurde.
Geschichte Frankreich wurde in den frühen 1890er Jahren von einer Reihe von anarchistischen Attentaten erschüttert. Das Kabinett Casimir-Perier erließ daraufhin zwei Lois scélérates (Schurkengesetze), die die anarchistische Szene eindämmen sollte. 1894 wurden anarchistische Zeitungen wie der Le Père Peinard und Le Révolté verboten.Siehe Literaturliste Maitron 1875, S. 252 Des Weiteren wurden in der ersten Jahreshälfte über 400 Personen angeklagt, was zusammen die anarchistische Propaganda weitgehend zum Erliegen brachte.Siehe Literaturliste Maitron 1975, S. 251–261
Der Prozess begann am 6. August 1894 vor dem Cours d’Assises (Schwurgericht).Siehe Literaturliste Vareilles 2005, S. 76 Die Anklage lautete auf Bildung einer kriminellen Vereinigung. Von den 30 Angeklagten, unter denen sich 19 Anarchisten und 11 gewöhnliche Kriminelle befanden, konnten nur 25 vorgeführt werden, fünf waren entkommen. Zu den bekanntesten Angeklagten gehörten:Fast alle nicht in der deutschsprachigen Wikipedia verlinkten Personen können über die englische oder französische Sprachversion aufgerufen werden. Deshalb wurde auf weiterführende Links zu diesen Personen verzichtet. Ivan Aguéli, ein schwedischer Wandersufi Élisée Bastard, französischer Arbeiter und Anarchist Paul Bernard, französischer Schuhmacher, Handelsvertreter, Maurer, Bäcker, Metallarbeiter und Anarchist Victorine Belloti, auch als Victorine Trucano bekannt, eine italienische Hutmacherin und Anarchistin Orsini Bertani, ein italienisch-uruguayischer Anarchist Charles Chatel, französischer Journalist und Anarchist Paolo Chiericotti, italienischer Berufsverbrecher und Anarchist Annette Soubrier-Chiericotti, Ehefrau des Obigen Alexandre Cohen, Anarchist (vor dem Prozess entflohen) Louis Duprat, französischer Gewerkschafter und Anarchist (vor dem Prozess entflohen) mini|hochkant|alt=Polizeifoto, Braunton|Sébastien Faure, Polizeifoto Sébastien Faure, französischer Anarchist und Reformpädagoge Félix Fénéon. französischer Anarchist, Künstler und Kunstsammler Jean Grave, französischer Anarchist und Verleger, genannt der anarchistische Papst Constant Martin, französischer Kommunarde und Anarchist (vor dem Prozess entflohen) Louis Matha, französischer Anarchist Léon Ortiz, genannt Rocambole de l’anarchie (Ein Rocambole der Anarchie)Rocambole war ein französischer Romanheld., ein französisch-mexikanischer Berufsverbrecher und Anarchist Émile Pouget, französischer Anarchist und Gewerkschafter (vor dem Prozess entflohen) Paul Reclus, französischer Ingenieur, Lehrer und Anarchist (vor dem Prozess entflohen) François Soubrié, französischer Minenarbeiter und Anarchist Maria Zanini, italienische Köchin und Anarchistin
Der Generalstaatsanwalt Bulot verbot der Presse die Veröffentlichung der Vernehmungsprotokolle von Jean Grave und Sébastien Faure, was Henri Rochefort dazu veranlasste, in L’Intransigeant zu schreiben, dass die kriminelle Vereinigung nicht die Angeklagten, sondern die Richter und Minister betreffe. Die Angeklagten konnten sich leicht von dem Vorwurf der kriminellen Vereinigung befreien, da die französische anarchistische Bewegung zu jener Zeit die Idee einer Vereinigung gänzlich ablehnte und ausschließlich als Einzelpersonen agierte.
Der Prozess endete mit drei Verurteilungen: Ortiz wurde zu 15 Jahren und Chiericotti zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Bei diesen beiden Urteilen spielte der Anarchismus eine untergeordnete Rolle. Bertani erhielt 6 Monate Gefängnis und 16 Francs Geldstrafe. Pouget und Martin wurden in Abwesenheit verurteilt. Dieser gemäßigte Ausgang des Verfahrens trug wesentlich dazu bei, die Gemüter zu beruhigen.Siehe Literaturliste Meuwly 1998, S. 92
mini|hochkant|alt=Porträtfoto schwarz-weiß|Félix Fénéon Eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erhielt das Verhör Félix Fénéons, da dieser durch seine Schlagfertigkeit und seinen Witz das Publikum begeisterte. Seinen Freispruch hatte er, der Historikerin Joan Halperin zufolge, allerdings eher seinem Dilettantismus zu verdanken. Verteidigt wurde Fénéon vom späteren Dreyfus-Verteidiger Edgar Demange.Die französische Sprachversion enthält weitgehende Auszüge des Verhörs.
Literatur
Weblinks
Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Geschichte des Anarchismus Kategorie:Dritte Französische Republik Kategorie:Gerichtsprozess (19. Jahrhundert) Kategorie:Ereignis 1894 Kategorie:Rechtsgeschichte der Neuzeit (Frankreich) Kategorie:Strafrechtsgeschichte