Henry de Waroquier (* 8. Januar 1881 in Paris; † 31. Dezember 1970 ebenda) war ein französischer Maler, Bildhauer, Zeichner und Grafiker.
Leben Henry de Waroquier wuchs in der Rue Laffitte in Paris auf und besuchte in seiner Jugend die benachbarten Galerien von Paul Durand-Ruel, Siegfried Bing und Ambroise Vollard, wo er die Kunst der Impressionisten, der Moderne und die Kunst Japans kennenlernte. Daneben verbrachte er viel Zeit im Muséum national d’histoire naturelle, da er ursprünglich Biologie studieren wollte. Nach dem Abitur am Collège Lycée Rollin studierte er Architektur bei Charles Genuys an der École nationale supérieure des arts décoratifs. Bei Louis Ménard vertiefte er seine Kenntnisse antiker Mythologie. Als Maler war de Henry de Waroquier Autodidakt. Später unterrichtete er an der École Estienne und der Académie Scandinave in Paris.
Von 1900 bis 1910 malte er vorwiegend als Landschaftsmaler in der Bretagne und näherte sich den Nabis an. Anschließend ließ er sich in Montparnasse nieder, wo er mit Amedeo Modigliani und Mitgliedern der École de Paris befreundet war. Ab Beginn des 20. Jahrhunderts stellte er regelmäßig im Salon d’Automne aus, dessen Präsident er wurde. 1912 unternahm er eine ausgedehnte Italienreise, die ihn für die folgenden fünf Jahre stark prägte. Weitere Reisen führten ihn 1920 durch Italien, Korsika und Südfrankreich, 1921 durch Spanien und 1933 durch Nordfrankreich und Belgien. 1926 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Société belfortaine des Beaux-Arts, die bis 1939 jährlich Ausstellungen von Pariser Künstlern.
Anlässlich der Weltfachausstellung Paris 1937 gestaltete de Henry de Waroquier als Bildhauer das politisch konnotierte Wandgemälde La Tragédie im Palais de Chaillot und setzte diese Stellungnahme mit dem Gemälde Espagne meurtrie (1938, Paris, Salon des Tuileries) fort. Für die École nationale d'art décoratif d'Aubusson fertigte er Tapisseriekartons an. Daneben war er als Fotograf tätig. Von 1908 bis 1967 arbeitete er an seinem Romanwerk Le jugement dernier, das schließlich zehn Bände umfasste, jedoch unveröffentlicht blieb.
Henry de Waroquier wurde zum Commandeur de la Légion d’honneur und zum Commandeur des Ordre des Arts et des Lettres ernannt. Er war Mitglied der Société des Peintres-Graveurs Indépendants. 1946 ehrte ihn das Kunsthaus Zürich mit einer umfassenden Retrospektive, 1952 zeigte das Musée d’Art moderne de la Ville de Paris fünfzig seiner Skulpturen und 1955 wurde sein grafisches Werk in der Bibliothèque nationale de France ausgestellt. Mehrfach erhielt er Einzelausstellungen im Musée des Arts décoratifs in Paris und im Institut français Berlin.
Werk Die frühen bretonischen Landschaften, darunter Maison blanche au bord de la mer (1907/08, Musée d’Orsay in Paris), zeichnen sich durch eine blaubetonte, starke Farbigkeit aus, die de Waroquiers Nähe zu den Nabis widerspiegelt. Um 1917 entstand eine Reihe imaginärer, rätselhafter Landschaften wie Claire de lune (1917, Musée national d’art moderne, Paris), in der sich Formen, die aus kantigen Kuben in Brauntönen aufgebaut sind, mit in Kreissegmenten fallendem Mondlicht verbinden. In seinen Stadtansichten der 1920er Jahre wandte er sich deutlich dem analytischen Kubismus zu. In Estella (1921, Troyes, Musée d'Art moderne) stapelt er die Häuser und Kirchen der Stadt Estella in Navarra als geometrische Kuben in unbunte Erdtöne. Dies ist vergleichbar mit Pablo Picassos Landschaften von Horta de Ebro (1909). Auch als Bildhauer zeigte er eine gewisse Nähe zu Picasso, etwa mit dem Frauenkopf L'ange au cube (1935, Musée d'Art moderne de la Ville de Paris, Paris). Als hervorragender Landschaftszeichner bewies er sich unter anderem mit der Federzeichnung La Loire près Orléans (um 1935, Kunsthandel), in der wenige Striche den weiten Himmel und Lavierungen den Flusslauf der Loire bei Orléans charakterisieren. Zwischen 1930 und 1936 entstanden ausschließlich Zeichnungen, keine Gemälde.
Literatur
René Huyghe: Les Contemporains. Notices biographiques par Germain Bazin. In: La Peinture française. Bd. 1. Larousse, Paris 1939. Jacqueline Auberty: Henry de Waroquier. Catalogue de son œuvre gravé. Presses artistiques, Paris 1951. Henry de Waroquier: Peintures – Sculptures. Ausstellungskatalog einer Wanderausstellung. Paris 1954. Marc Sandoz: Henry de Waroquier. In: Dibutade. Nr. 6, 1959, S. 1–27. P. Duchein: Henry de Waroquier. In: Bulletin du Musée Ingres. Nr. 15, 1964, S. 17–20. Jean Cassou: Henry de Waroquier. In: Bulletin du Musée Ingres. Nr. 16, 1964, S. 7–9. J. Goldman: Henry de Waroquier. In: Die Kunst und das schöne Heim. Bd. 81, 1969, S. 555–557. J. Adhémar: Henry de Waroquier. In: Bulletin du Club français de la médaille. Nr. 31–32, 1971, S. 34–36. Pierre-François Barrer: Quand l'art du XXe siècle était conçu par des inconnus. Paris 1992. Marie-José Salmon, J. Galiègue: De Thomas Couture à Maurice Denis. Un siècle de peinture dans l'Oise. Ausstellungskatalog, Musée départemental de l'Oise. Bd. 2. Beauvais / Saint-Rémy-en-l'Eau 1994. Henry de Waroquier sculpteur. Œdipe & le verbe. Ausstellungskatalog. Musée Ingres, Montauban 2001.
Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 4: Cossintino – Dyck. Paris, 2006. Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online, De Gruyter 2009.
Weblinks
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Einzelnachweise
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