alt=Blick in die Archäologische Sammlung 2012|mini|Blick in die Archäologische Sammlung 2012 Die Archäologischen Sammlungen der Universität Graz umfassen originales Fundmaterial, vor allem Keramik, sowie Gipsabgüsse antiker Skulpturen, deren Bestand überwiegend auf Sammlungstätigkeiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurückgeht. Sie sind in eigens dafür angelegten Räumlichkeiten im zweiten Stockwerk des 1895 eingeweihten Hauptgebäudes der Universität Graz öffentlich zugänglich und dienen vor allem der Lehre sowie der Erforschung und Vermittlung der klassischen Antike.
Geschichte und Räumlichkeiten
Die Archäologischen Sammlungen der Universität Graz wurden 1865 als Archäologisches Cabinet auf Initiative der klassischen Philologen Karl Schenkl (1829–1900), Max von Karajan (1833–1914) und des Germanisten Karl Tomaschek (1828–1878) als integrierter Bestandteil der Universität Graz und Eigentum des Staates gegründet.
Die Sammlung sollte Originale, Gipsabgüsse, sowie Illustrationen enthalten und als Hilfsmittel für Lehrveranstaltungen dienen, aber auch der interessierten Öffentlichkeit offen stehen. Die ersten Zugänge waren Schenkungen der GründungsmitgliederZum Beispiel Gipsabgüsse des Eros von Centocelle oder der Psyche von Capua (Virtuelles Gipsmuseum: Eros von Centocelle, Psyche von Capua, abgerufen am 31. Mai 2026). und die meisten der Abgüsse und bedeutenderen Originale gelangten in den Anfangsjahren in die Sammlung. Am 14. Juni 1868 wurde der Bestand in einem neu pompejanisch-rot ausgemalten Raum der ehemaligen Jesuiten-Universität der Öffentlichkeit erstmals zugänglich gemacht. Dieser vormalige Hörsaal der Logik befindet sich im Erdgeschoß der Alten Universität direkt an der Ecke Hofgasse-Bürgergasse. Schon bald war das 'Cabinet' räumlich ausgelastet und eine Erweiterung zur südlich benachbarten 'Aula' hin scheiterte aufgrund des wenig belastbaren Bretterbodens.alt=Archäologische Sammlung der Universität Graz – Blick in den Skulpturensaal|mini|250x250px|Blick in die Archäologische Sammlung ca. 1931Mit der Berufung von Wilhelm Gurlitt als Extraordinarius für das Fach Klassische Archäologie an die Universität Graz im Jahr 1877 setzte sich der intensive Ausbau der Sammlung fort. Durch Ankauf, Schenkungen und Tausch erweiterte sich der Bestand an Originalen – vermehrt gelangten nun Keramikfragmente in die Sammlung. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dieser Grundstock bis auf die unten eingehender behandelte NS-Raubkunst kaum mehr erweitert. 1894 fand die Übersiedlung in die Räumlichkeiten im neuen Hauptgebäude der Universität Graz statt, wo die Sammlungen in einer Raumflucht von fünf, eigens dafür vorgesehenen, symmetrisch angelegten Räumen untergebracht wurden, die den gesamten Westtrakt des zweiten Stockwerks einnehmen. Die drei zentralen Räume wurden als Oberlichtsäle ausgeführt, um eine damals als ideal angesehene natürliche Beleuchtung zu ermöglichen. Während des Zweiten Weltkriegs waren die Sammlungen in Kellerräumen der Universität eingelagert. Durch Bombensplitter beschädigt, wurden die Oberlichtfenster der großen Ausstellungssäle nach dem Krieg durch Bleiabdeckungen ersetzt. Heute sind in den nördlichen zwei der fünf Räume die seit der Einrichtung eines Instituts für Klassische Archäologie im Oktober 1894 stetig anwachsenden Bibliotheksbestände sowie nach bald wieder entfernten Einbauten der Zwischenkriegszeit und einem Umbau 1985 drei Büros untergebracht; gleichzeitig wurden im südlichen Saal die bedeutendsten Originale in zunächst zwei, seit Mitte der 1990er Jahre dann in vier Vitrinen neu ausgestellt. 2001 erhielten die Wände der Räumlichkeiten ihre heutige, klassisch anmutende hellblau-dunkelrote Farbgebung.
Originalsammlung 177x177px|mini|alt=Zusammenstellung der ausgestellte Originale der Archäologischen Sammlung während Inventarisationsarbeiten 2013|Ausgestellte Originale der Archäologischen Sammlung während Inventarisationsarbeiten 2013
Die Originalsammlung der Universität Graz besteht heute gesamthaft aus rund 2000 Objekten: ca. 1800 Gefäße und Scherben, 136 Kleinfunde, 32 Architekturfragmente, 21 Fragmente von Malereien und Mosaiken sowie 65 Stücke aus dem Bereich der Skulptur und Plastik.Größtenteils digital zugänglich über: Institut für Antike, Onlineportal der Archäologischen Sammlungen, abgerufen am 31. Mai 2026. alt=Schulterlekythos des Sandelen-Malers|links|mini|195x195px|Schulterlekythos des Sandalen-MalersGeographisch deckt die Sammlung vor allem den ägäischen und italischen Raum sowie das römische Österreich ab, zeitlich spannen sich die Funde vom Spätneolithikum bis in die Neuzeit mit Schwerpunkten in der minoischen und mykenischen Zeit sowie in der geometrischen, archaischen und klassischen Epoche des antiken Griechenland. Unter den komplett erhaltenen Stücken ist zum Beispiel eine 1875 durch Wolfgang Helbig in Athen erworbene Schulterlekythos des Sandalen-Malers mit dem Kampf des Herakles gegen den nemeischen Löwen auf dem Gefäßkörper in Gegenüberstellung zu einer Boxerdarstellung auf der Schulter der Lekythos.Maria Christidis, Stephan Karl, Gabriele Koiner, Gerda Schwarz: Corpus Vasorum Antiquorum. Österreich. Graz, Originalsammlung des Instituts für Archäologie der Karl-Franzens-Universität. Band 1. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 2014, S. 63–64.
Abgusssammlung Die aktuelle Sammlung umfasst 444 maßstabgetreue Nachbildungen antiker Skulptur, Bauornamentik, Reliefs und Architekturteile, von denen alle 228 großformatigen Stücke in der ständigen Ausstellung gezeigt werden.Die Auswahl spiegelt einerseits wider, was man Ende des 19. Jahrhunderts als repräsentative Auswahl kunsthistorisch bedeutender Skulpturen ansah, andererseits, was damals in den großen Gipsabformereien, zum Beispiel in Berlin oder Wien, verfügbar war.Einen besonderen dokumentarischen Wert besitzt unter anderem der Gipsabguss aus den 1930er Jahren einer Satyrgruppe in Graz, die lange Zeit als verschollen galt, schließlich neu aufgefunden wurde und seit 2012 im Art Institute of Chicago ausgestellt wird.The Art Institute of Chicago: Statuary Group of Three Satyrs Fighting a Serpent.Für Studienzwecke interessant ist beispielsweise die Gegenüberstellung von Gipsabgüssen – hergestellt 1880 und 1995 – zweier römischer Kopien des Doryphoros, die sich heute in Neapel und Minneapolis befinden.
Raubkunst
Während der Zeit des Nationalsozialismus gelangten drei Keramiksammlungen als Raubkunst nach Graz.alt=Archäologische Sammlung der Universität Graz – Rückgabe-Objekte "Sammlung Ringel"|mini|200x200px|Rückgabe-Objekte "Sammlung Ringel "Eine erste Sammlung geht auf Julius Ringel zurück, Kommandeur der von Mai 1941 bis 1942 auf Kreta stationierten 5. Gebirgs-Division. Um die Gefäße hatte ihn der damalige Professor für Klassische Archäologie Arnold Schober bei einem Treffen im Juli 1941 in Graz gebeten. Ringel entwendete zahlreiche Objekte unter dem Protest griechischer Archäologen aus dem englischen Grabungshaus von Arthur Evans und aus den Depots in Knossos, sandte sie im Spätsommer 1941 nach Graz – und ein Teil davon gelangte in die Archäologische Sammlung. Erst in den 1990er Jahren konnten die Funde dort wieder identifiziert und schließlich am 20. November 2017 in der Griechischen Botschaft in Wien durch Peter Scherrer offiziell an Griechenland zurückgegeben werden.Botschaft der Hellenischen Republik Griechenland in Österreich, Veranstaltung in der Griechischen Botschaft in Wien, anlässlich der Rückgabe 26 antiker griechischer Objekte von der Universität Graz an Griechenland, die illegal aus Kreta während der Nazi-Besatzung Griechenlands entwendet worden waren, 8. Dezember 2017. Auch der ehemalige Assistent August Schörgendorfer übergab Schober Ende 1942 eine Kiste mit Scherben, die von Kreta stammten, wo Schörgendorfer seit 1941 als Offizier im Kunstschutz eingesetzt war und Grabungen durchführte. Zur Rückführung dieser Funde wurde von der britischen Zivilverwaltung 1948 ein Restitutionsverfahren eingeleitet, an dessen Ende ein Bestand von 502 Scherben im Tausch gegen sechs Bücher legalisiert wurde und in Graz verblieb.Maria Christidis, Gabriele Koiner, Peter Scherrer: Kulturgüterraub und der schwierige Weg zur Restitution. Kretische Keramik in der Archäologischen Sammlung der Universität Graz. In: Markus Helmut Lenhart, Birgit Scholz (Hrsg.): Was bleibt? Bibliothekarische NS-Provenienzforschung und der Umgang mit ihren Ergebnissen. CLIO, Graz 2018, ISBN 978-3-902542-55-7, S. 33–42, hier S. 37–39.
Ferner gelangten mit Fritz Schachermeyr, dem Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte in Graz von 1941 bis 1945 und einem profilierten NS-Rassenideologen, weitere Scherben in die Sammlung. Sie wurden 1986, in Seiten des „Völkischen Beobachters“ vom 14. Juli 1944 eingewickelt und in einer Holzlattenkiste verstaut im Hauptgebäude der Universität aufgefunden.Martina Pesditschek: Fritz Schachermeyr (1895–1987). In: Gunnar Brands, Martin Maischberger (Hrsg.): Klassische Archäologen und der Nationalsozialismus (= Menschen – Kulturen – Traditionen. ForschungsCluster 5. Band 2, 2). Verlag Marie Leidorf, Rahden/Westfalen 2016, S. 295–308, hier: 304. Weitaus umfangreichere Sammlungsbestände übergab Schachermeyr 1972 der Mykenischen Kommission in Wien. Die genaue Herkunft der Scherben, die Schachermeyr wohl ab dem Ersten Weltkrieg an unterschiedlichen Orten vor allem auf Kreta und dem Balkan aufgelesen hatte, wurde bis heute nicht ermittelt.
Weitere Sammlungen Neben der Originalsammlung und den Gipsabgüssen werden am Institut für Antike der Universität Graz auch die Epigraphische- und Numismatische Sammlung aufbewahrt.
Die Epigraphische Sammlung umfasst ungefähr 1000 Abklatsche lateinische und griechischer Inschriften, darunter etwa Dutzend, die heute verschollene Originale dokumentieren.Onlineportal Alte Geschichte und Altertumskunde Graz, Epigraphische Sammlung, abgerufen am 31. Mai. 2018.
Die Numismatische Sammlung umfasst rund 4000 antike Münzen. Der Bestand, der im Wesentlichen auf das 19. Jahrhundert zurückgeht, reicht vom klassischen Griechenland über hellenistische, keltische und römische Münzen, die den Schwerpunkt bilden, bis in die Zeit der Völkerwanderung und die byzantinische Epoche.Onlineportal Alte Geschichte und Altertumskunde Graz, Numismatische Sammlung, abgerufen am 31. Mai. 2018.
Literatur
Erwin Pochmarski: Streiflichter auf die Geschichte der Archäologischen Sammlung der Universität Graz. In: Nachrichtenblatt der Archäologischen Gesellschaft Steiermark 2000–2002. S. 31–37.
Weblinks Offizielle Website der Archäologischen Sammlung der Universität Graz, abgerufen am 31. Mai 2026.
Einzelnachweise
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