mini|hochkant=1.2|Westliche Aussenansicht von Château d’Aulteribe
Das Schloss Aulteribe () ist eine als Monument historique klassifizierte Burg- und Schlossanlage in der französischen Gemeinde Sermentizon im Département Puy-de-Dôme der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Das Schloss liegt an den ersten Ausläufern der Monts du Livradois innerhalb des Regionalen Naturparks Livradois-Forez. In römischer Zeit verlief die Via Agrippa, die Lyon mit Saintes verband, ganz in der Nähe des heutigen Schlossgeländes. Es steht seit dem 30. März 1949 als Monument historique unter Denkmalschutz.
Das Anwesen befindet sich im Staatsbesitz, wird vom Centre des monuments nationaux verwaltet und ist für Besucher geöffnet.
Geschichte mini|hochkant=1.2|Fassade von Château d’Aulteribe
Ursprünge und Befestigung im Mittelalter
Die Anfänge der Anlage reichen mindestens in das 13. Jahrhundert zurück. In einer Urkunde wird sie erstmals erwähnt: «La première mention remonte à la seconde moitié du XIIIe siècle, Odinet Cholet est alors ‹damoiseau› d’Aulteribe.» („Die erste Erwähnung stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als Odinet Cholet ‚Damoiseau‘ (Junker) von Aulteribe ist.“).
Als die ersten namentlich bekannten Grundherren von Aulteribe im 15. Jahrhundert werden die Familie d’Harcourt und nachfolgend die Chauley (auch *Cholet*) genannt, auf die wohl der Kern des aktuellen Bauwerks zurückgeht. Im Jahr 1400 erhielt Pierre Chauley den Titel des Herrn von Aulteribe. Durch die Heirat seiner Tochter Catherine gelangte der Besitz an Charles Motier de La Fayette aus einer einflussreichen auvergnatischen Adelsfamilie.
Um 1467 ließ Charles Motier de La Fayette die Burg mit Schießscharten und Kanoniersplätzen militärisch befestigen. Zu dieser Zeit wies das Schloss einen dreieckigen Grundriss mit runden Ecktürmen auf und behielt trotz späterer Umbauten seine wehrhafte Gesamterscheinung bei. An drei Seiten war das Areal durch eine natürliche Schlucht geschützt. Die verletzliche Südseite wurde durch eine Ringmauer, zusätzliche Türme, ein Torhaus (Châtelet) und eine Zugbrücke gesichert.
Besitzerwechsel, Modernisierung und Niedergang
Im 17. Jahrhundert wurde die Anlage architektonisch leicht geöffnet, indem zahlreiche neue Fensteröffnungen in die massiven Mauern gebrochen wurden, um Licht und Wohnkomfort zu erhöhen. Nach den Familien de Montboissier und Beaufort-Montboissier (bis 1662) ging die Herrschaft durch die Heirat von Anne Gabrielle de Beaufort-Montboissier de Canillac an die Familie de Montagu über. Diese besaß das Landgut fast ein Jahrhundert lang, bewohnte das Schloss jedoch kaum, weshalb die Anlage zusehends verfiel.
Die Ära der Familie de Pierre (18. bis 20. Jahrhundert)
Im Jahr 1775 erwarb Jacques de Pierre (1718–1800) das Anwesen von der Familie de Pierre de Bernis und nahm den Titel eines Marquis an. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Gebäude in Dokumenten als „vom Einsturz bedroht“ („menaçant ruine“) beschrieben.
Der eigentliche Wendepunkt für das heutige Erscheinungsbild folgte im 19. Jahrhundert: Joseph de Pierre (1808–1885) heiratete Marie Pauline Henriette Onslow, die daughter des berühmten französisch-britischen Komponisten George Onslow (1784–1853), der ein enger Freund von Franz Liszt und Felix Mendelssohn Bartholdy gewesen war. Mit finanzieller Unterstützung seiner Schwägerin (Mme Arthur Onslow), die sich leidenschaftlich für das Schloss engagierte, restaurierte Joseph de Pierre die Anlage umfassend. Die historisierenden Umbauten orientierten sich stark am Geschmack von Eugène Viollet-le-Duc und dem damaligen „Style Troubadour“, was dem Gebäude im Zeitalter der Romantik seinen eklektischen Charme zurückgab und es mit erlesenen Möbelbeständen des 18. Jahrhunderts bereicherte.
Nachdem sich über ein Jahrhundert lang kaum etwas am Zustand des Schlosses verändert hatte, vermachte der letzte Marquis de Pierre das Anwesen mitsamt den immensen Kunstschätzen im Jahr 1960 der Caisse nationale des monuments historiques (Staatserbe). Der Hauptkonservator François Enaud vollzog in der Folgezeit eine monumentale Inventarisierungs-, Klassifizierungs- und Restaurierungsarbeit. Er ordnete die verstreuten Sammlungen nach einer logischen Ordnung neu, achtete jedoch strikt darauf, dass Aulteribe bis heute den authentischen Eindruck eines bewohnten Hauses (demeure habitée) vermittelt, in dem jede Generation ihre individuellen Spuren hinterlassen hat.
Beschreibung
Das heutige Erscheinungsbild ist stark durch die historisierenden Umbauten des 19. Jahrhunderts geprägt. Das Schloss besitzt einen dreieckigen Grundriss, dessen Räumlichkeiten sich um einen kleinen inneren Ehrenhof gruppieren.
Architektur
Südfassade: Sie dient als Hauptfront und ist asymmetrisch gestaltet. Der Mitteltrakt ragt über zwei Stockwerke empor und wird von verschiedenen Schein-Maschikulis (Gussorfen) sowie Scharwachtürmen (Échauguettes) und einer Pechnase (Bretèche) bekrönt, die auf die Umbauten des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Der monumentale zentrale Treppenaufgang, welcher ebenfalls in dieser Epoche errichtet wurde, besitzt eine Balustrade aus grauem Sandstein und verbindet die Repräsentationsräume im Inneren. Er verknüpft einen quadratischen Turm auf der einen Seite mit einem Pavillon auf der anderen Seite, welcher mit einem runden Eckturm aus rosa Stein verziert ist. Westfassade: Große Kreuzfenster öffnen sich hier zu einem Balkon mit Granitkonsolen, der den großen herrschaftlichen Saal belichtet. Schlosskapelle: Vor dem Schloss wurde im 19. Jahrhundert eine kleine neuromanische Kapelle errichtet, die sich am traditionellen auvergnatischen Baustil orientiert und durch polychrome Backsteinelemente sowie skulptierte Konsolen auffällt.
Innenräume und Sammlungen
Das Schloss wird im Inneren so präsentiert, dass der Geist eines Kunstsammlers des frühen 20. Jahrhunderts spürbar bleibt. François Enaud, Hauptinspektor der *Monuments historiques*, beschrieb die Räumlichkeiten treffend als eine „extravagante Anhäufung von Möbeln, Tapisserien und Gemälden“. Der Großteil des Mobiliars stammt aus Pariser Werkstätten und weist teilweise außergewöhnliche handwerkliche Qualität auf. Das gesamte Inventar steht seit dem 12. Oktober 1953 als eigenständiges Objekt unter Denkmalschutz.
Erdgeschoss und Große Galerie Im Erdgeschoss befinden sich die tiefer gelegenen Säle mit bretonischen Möbeln sowie die alten Schlossküchen, die heute den Empfangsbereich beherbergen. Die Große Galerie durchzieht das Gebäude in Nord-Süd-Richtung. Neben flandrischen und Aubusson-Tapisserien beherbergt sie bedeutende Gemälde, darunter ein Originalporträt des Kardinals Richelieu von Philippe de Champaigne (1633) sowie Werke von Tobias Verhaecht und Michel Corneille dem Älteren. Eine der Galeriewände öffnet sich zudem zu einer bemerkenswerten architektonischen Perspektivdarstellung.
Die Salons Grüner Salon (Salon vert): Ausgestattet mit einem monumentalen Holzkamin im Stil der Schule von Fontainebleau und einem mutmaßlichen Porträt der Katharina von Medici. Großer Salon (Grand salon): Dieser herrschaftliche Saal misst fünfzehn mal acht Meter. Die Wände sind mit einem roten Jutestoff bespannt, der mit Mustern im Louis-XV-Stil verziert ist und als Hintergrund für eine Serie flandrischer Tapisserien des 18. Jahrhunderts nach Entwürfen von David Teniers dem Jüngeren dient. Zur Möblierung gehört eine Sitzgruppe aus einem Sofa und mehreren Sesseln aus der Epoche Régence, die mit feiner Gobelinstickerei (tapisserie au point) bezogen sind, sowie drei im Vordergrund stehende vergoldete Holzsessel mit dem Meisterstempel von Blanchard. Im hinteren Bereich des Raumes befindet sich ein kostbarer kleiner Lackschrank. Der Raum besitzt noch einen monumentalen Kamin aus dem 15. Jahrhundert, wurde jedoch Mitte des 19. Jahrhunderts baulich erhöht, wobei seine Balkendecke einen weißen Lackanstrich erhielt, der nicht dem historischen Ursprung entspricht. Zwischen den Fenstern zum Park befindet sich ein großer Trumeau-Spiegel mit Pilastern und Fronton aus dem späten 18. Jahrhundert über einer Marketerie-Kommode *„à la grecque“* (Übergangsstil Louis XV–Louis XVI) mit dem Stempel des bekannten Ebenisten Boudin. Die vergoldeten Louis-XV-Sessel haben ihren originalen karmesinroten Damastbezug behalten, welcher auch als Inspiration für die Wandbespannung diente. In diesem Salon steht zudem das historische Klavier des Komponisten George Onslow. Kleiner blauer Salon (Petit salon bleu): Der mit blauem Brokat ausgeschlagene Raum zeigt in den Vitrinen kostbares europäisches Porzellan (Vincennes, Meissen, Saxe) sowie chinesische und japanische Exponate des 18. Jahrhunderts. Über einem sehr schönen Louis-XV-Frisiertisch (table de toilette) hängt ein Porträt von Marie-Antoinette, das traditionell Élisabeth Vigée-Lebrun zugeschrieben wird. Ein weiteres Gemälde der italienischen Schule aus dem frühen 17. Jahrhundert stellt die Toilette der Venus dar, abgerundet durch edle Intarsienkommoden, Sofas und Sessel. Gelber Salon (Salon jaune): Dieser Raum ist ganz dem Andenken an George Onslow gewidmet. Neben einer Büste des Komponisten befinden sich hier ein Pleyel-Klavier und ein Dirigentenstab, den ihm Felix Mendelssohn Bartholdy schenkte.
Die Schlafräume Sommerzimmer der Marquise (Chambre d’été): Der Raum wurde auf Basis von erhaltenen Resten einer alten indischen Kattundecke (*la perse*) rekonstruiert, die ehemals die Sessel und Bergèren zierte. Dieser Stoff diente als Vorlage für die Wiederherstellung des gesamten textilen Dekors, einschließlich der Wandbespannungen und des prachtvollen Louis-XV-Himmelbetts (à la polonaise). Das Zimmer beherbergt zudem kostbare Beispiele Pariser Kunsttischlerei des 18. Jahrhunderts, darunter einen Wochenschrank (*semainier*), eine Kommode im Übergangsstil, einen großen Flachschreibtisch (*bureau plat*) im Louis-XV-Stil sowie ein kleines Tischchen und eine Blumenjardiniere aus der Epoche Louis XVI. Zimmer von Onkel René (Chambre de l’oncle René): Gestaltet im orientalistischen Stil als Hommage an René de Pierre, einen weitgereisten Kavallerieoffizier. Die Wände weisen die Optik eines Berberzeltes auf; zu sehen sind nordafrikanische Waffen (Moukala-Gewehre), Gebetsteppiche sowie Gemälde von Eugène Fromentin und Alexandre-Gabriel Decamps. Zimmer des Marquis (Chambre du marquis): Enthält unter anderem das Gemälde „Frau, die Laute spielt“ von Theodoor van Thulden und eine Pferdeskulptur von Isidore Bonheur.
Wirtschaftliche und künstlerische Ausbildung: Das BTMS Ébéniste
Entsprechend der testamentarischen Verfügung des letzten Marquis, dass die Sammlungen „à l’instruction artistique des visiteurs“ (zur künstlerischen Bildung der Besucher) beitragen sollen, wurde 1999 eine renommierte Ausbildungsstätte für Kunsttischler (BTMS Ébéniste en restauration de mobilier) in Zusammenarbeit mit dem CFA der Haute-Loire eingerichtet. Die Elite-Schüler lernen und arbeiten in Teilen direkt vor Ort anhand der historischen Möbelbestände des Schlosses.
Literatur Merveilles des châteaux d’Auvergne et du Limousin. Librairie Hachette et Société d’Études et de Publications Économiques, Paris 1971, S. 84–90.
Weblinks
Offizielle Website des Schlosses (französisch/englisch)
Einzelnachweise Merveilles des châteaux d’Auvergne et du Limousin. 1971, S. 84. Merveilles des châteaux d’Auvergne et du Limousin. 1971, S. 84 (Zitat François Enaud). Merveilles des châteaux d’Auvergne et du Limousin. 1971, S. 86. Merveilles des châteaux d’Auvergne et du Limousin. 1971, S. 89. Merveilles des châteaux d’Auvergne et du Limousin. 1971, S. 90.
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