Volker Dietz (* 1943 in Ulm) ist ein deutscher Neurologe und Neurophysiologe. Er war Inhaber des ersten europäischen Lehrstuhls für Paraplegiologie an der Universität Zürich und gilt international als ein Pionier der modernen technologiegestützten Neurorehabilitation sowie der Erforschung von Rückenmarksverletzungen.
Leben Dietz wurde 1943 im württembergischen Ulm geboren. Von 1964 bis 1970 absolvierte er sein Studium der Humanmedizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Im Jahr 1971 wurde er an der Eberhard Karls Universität Tübingen zum Dr. med. promoviert.
Seine klinische Ausbildung begann Dietz im Juli 1970 am Universitätsklinikum Freiburg, wo er bis Juni 1975 als Assistenzarzt in den Abteilungen für klinische Neurologie und Psychiatrie wirkte. Im Jahr 1977 erhielt er seine Anerkennung als Facharzt für Neurologie. Von Juli 1975 bis Juni 1992 war er als Oberarzt und Assistant Professor an der Abteilung für Neurologie und Neurophysiologie der Universität Freiburg tätig, wo er sich intensiv der Erforschung der menschlichen Motorik widmete.
Zum 1. Juli 1992 folgte Dietz dem Ruf der Universität Zürich auf den neu geschaffenen und europaweit ersten Lehrstuhl für Paraplegiologie. Gleichzeitig wurde er Direktor des Zentrums für Paraplegie (ParaCare) an der Universitätsklinik Balgrist. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Zürcher Zentrum zu einer führenden translationalen Forschungseinrichtung im Bereich der Querschnittlähmung. In den Jahren 2002 und 2003 vertiefte er die internationale Kooperation im Rahmen einer Gastprofessur am renommierten Miami Center to Cure Paralysis in Florida (USA).
Dietz leitete das Querschnittzentrum über 16 Jahre lang bis zu seinem altersbedingten Rücktritt am 28. Februar 2009. Seine offizielle Emeritierung an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich erfolgte im Jahr 2013. Auch nach seiner Emeritierung blieb er wissenschaftlich aktiv und forscht seit dem 1. März 2009 als Senior Scientist an der Universitätsklinik Balgrist weiter an Bewegungskontrolle und deren Störungen.
Forschung Dietz’ wissenschaftliche Arbeit ist geprägt durch eine enge translationale Verknüpfung von medizinischer Grundlagenforschung, klinischer Neurophysiologie und Ingenieurwissenschaften.
Pathophysiologie der Spastik und Lokomotion Dietz revidierte das traditionelle klinische Verständnis der spastischen Parese. Durch neurophysiologische Messungen während realer Gehbewegungen wies er nach, dass die tatsächliche Gangstörung nach Rückenmarksverletzungen weniger auf einer reflexartigen Übererregbarkeit beruht, sondern primär auf einer gestörten Aktivierung funktioneller Muskeln und strukturellen Veränderungen im Muskel-Sehnen-Apparat gründet. Dies leitete einen Paradigmenwechsel von rein reflexdämpfenden Medikamenten hin zu einem aktiven, repetitiven Bewegungstraining ein.
Robotergestützte Neurorehabilitation (Lokomat) Um ein hochintensives und standardisiertes Laufbandtraining im klinischen Alltag zu ermöglichen, initiierte Dietz eine enge Kooperation mit dem Schweizer Ingenieur Gery Colombo. Aus dieser Zusammenarbeit an der Universitätsklinik Balgrist ging der Lokomat hervor – eine robotergestützte Gangorthese, die das Patientengewicht entlastet und die Beine synchron über einem Laufband führt. Das System revolutionierte die gerätegestützte Rehabilitation weltweit.
Regeneration von Nervenbahnen Gemeinsam mit dem Zürcher Neurobiologen Martin Schwab begleitete Dietz die translationale Übertragung biologischer Regenerationsansätze in die klinische Anwendung. Er koordinierte Studien zur Überprüfung der therapeutischen Wirksamkeit von Antikörpern, die das myelinassoziierte Protein Nogo-A (einen wichtigen Wachstumshemmer im zentralen Nervensystem) blockieren, um das Aussprossen verletzter Rückenmarksbahnen beim Menschen zu stimulieren.
Gründung des EMSCI-Netzwerks Zur klinischen Überprüfung regenerativer Therapien gründete Dietz gemeinsam mit Armin Curt und Martin Schwab das europäische Forschungsnetzwerk European Multicenter Study of Spinal Cord Injury (EMSCI). Das Netzwerk etablierte standardisierte klinische, neurologische und neurophysiologische Assessment-Protokolle an zahlreichen europäischen Zentren.
Neuronale Kopplung bilateraler Bewegungen In seinen neueren Arbeiten widmet sich Dietz der neuronalen Koordination beidhändiger Bewegungen. Seine Forschung zur „neuronalen Kopplung“ („neural coupling“) lieferte Nachweise für spezifische Verschaltungen im Hirnstamm und Rückenmark, die kooperative Bewegungen steuern und wichtige Impulse für die Schlaganfallrehabilitation liefern.
Mitgliedschaften in Gremien und Beiräten Dietz engagierte sich über seine universitäre Arbeit hinaus in verschiedenen Gremien, Beiräten und Kommissionen: Mitglied des Stiftungsrates der Betty und David Koetser Stiftung für Gehirnforschung (seit 1992). Wissenschaftlicher Beirat des Deutschen Zentrums für Vertigo und Dyskinesie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (2009–2019). Wissenschaftlicher Beirat des Medizintechnik-Unternehmens Hocoma AG (2008–2015), einem Spin-off des Zentrums für Paraplegie Balgrist. Mitglied des wissenschaftlichen Komitees des International Spinal Research Trust (1999–2014). Externer Beirat des Forschungszentrums International Collaboration on Repair Discoveries (ICORD) in Vancouver (2001–2010). Mitglied des unabhängigen Sicherheitsausschusses (Data Safety Monitoring Board, DSMB) der EU-geförderten klinischen Multizenterstudie PAPAARTIS in Leipzig (seit 2017).
Zudem agierte er als Gutachter für nationale und internationale Wissenschaftsorganisationen, darunter die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), den Schweizerischen Nationalfonds (SNF), die VolkswagenStiftung sowie für Raumfahrtforschungsprogramme der NASA und ESA.
Auszeichnungen und akademische Ehrungen Volker Dietz ist Fellow des Royal College of Physicians (FRCP) und Fellow der European Academy of Neurology (FEAN). Seine wissenschaftlichen Arbeiten wurden mit mehreren der bedeutendsten Preise seines Fachgebiets ausgezeichnet: 2006: G. Heiner Sell Memorial Lectureship der American Spinal Injury Association (ASIA). Seine Keynote-Vorlesung an der Jahrestagung in Boston befasste sich mit dem Thema „Neuronal Plasticity after SCI: Present and Future Treatments“. 2006: Sobek-Forschungspreis der Roman-, Marga- und Mareille-Sobek-Stiftung und der DMSG für wegweisende Arbeiten zur Erforschung der neuronalen Plastizität und Regeneration nach Rückenmarksverletzungen. 2007: Hans-Berger-Preis (heute DGKN-Verdienstmedaille für das Lebenswerk) der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung.
Schriften (Auswahl) Dietz veröffentlichte mehr als 300 von Experten begutachtete Originalarbeiten (H-Index 115) und fungierte als Herausgeber internationaler Standardlehrwerke der Neurorehabilitation.
Lehrbücher mit Tobias Nef und Zev Rymer (Hrsg.): Neurorehabilitation Technology. Springer, London 2012, ISBN 978-1-4471-2276-0. mit Nick Ward (Hrsg.): Oxford Textbook of Neurorehabilitation. Oxford University Press, Oxford 2015, ISBN 978-0-19-967371-1. mit David J. Reinkensmeyer (Hrsg.): Neurorehabilitation Technology. 2. Auflage. Springer, London 2016, ISBN 978-3-319-28601-3. mit Nick Ward (Hrsg.): Oxford Textbook of Neurorehabilitation. 2. Auflage. Oxford University Press, Oxford 2020, ISBN 978-0-19-882495-4. mit David J. Reinkensmeyer und Laura Marchal-Crespo (Hrsg.): Neurorehabilitation Technology. 3. Auflage. Springer, Cham 2022, ISBN 978-3-031-08994-7.
Wissenschaftliche Artikel (Auswahl) Human neuronal control of automatic functional movements: interaction between central programs and afferent input. In: Brain. Band 115, Nr. 6, 1992, S. 1569–1588. mit Gery Colombo, L. Jensen und L. Baumgartner: Locomotor capacity of spinal cord in paraplegic patients. In: Annals of Neurology. Band 37, Nr. 5, 1995, S. 574–582. mit Thomas Sinkjaer: Spastic movement disorder: impaired reflex function and altered muscle mechanics. In: The Lancet Neurology. Band 6, Nr. 8, 2007, S. 725–733. Do human bipeds use quadrupedal coordination? In: Trends in Neurosciences. Band 25, Nr. 9, 2002, S. 462–467. mit G. Macauda, M. Schrafl-Altermatt, M. Wirz, E. Kloter und L. Michels: Neural coupling of cooperative hand movements: A reflex and fMRI study. In: Cerebral Cortex. Band 25, Nr. 4, 2015, S. 948–958. mit Martin E. Schwab: From rodent spinal cord injury model to human application: Promises and challenges. In: Journal of Neurotrauma. Band 34, Nr. 9, 2017, S. 1826–1830.
Einzelnachweise
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