Scott Barchard Wilson (* 29. Mai 1864 in Wandsworth, London; † 20. Januar 1923 in Everton, Hampshire), auch als Scott B. Wilson oder S. B. Wilson zitiert, war ein britischer Ornithologe und Forschungsreisender. Er ist für sein Werk Aves Hawaiiensis bekannt, das zwischen 1890 und 1899 erschien und die damals bekannte hawaiianische Avifauna beschrieb.
Leben Scott B. Wilson wuchs gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Herman G. Wilson und seiner Schwester Alice C. Wilson in einer wohlhabenden Familie auf. Sein schottischer Großvater William Wilson hatte ein Verfahren zur Herstellung von Kerzen aus Kokosöl entwickelt und gründete 1830 Price’s Patent Candles. Sein Vater, der Chemiker und Industrielle George Fergusson Wilson, erfand ein Verfahren zur Herstellung einer härteren, reinweißen Kerze, die heller brannte. Bis 1900 war das Unternehmen der größte Kerzenhersteller der Welt. Die Firma investierte in Palmölfarmen im heutigen Ghana, Nigeria und Togo. Wilson zog später zeitweise nach Südafrika, teilweise um diese und andere Familienbesitztümer zu beaufsichtigen.
Im Alter von acht Jahren wurde Wilson auf die Preschute Parochial School (heute Church of England Primary School) in Marlborough geschickt. Sein Vater interessierte sich stark für Botanik, wodurch Wilson früh mit naturkundlichen Themen in Berührung kam. Er lernte den Ornithologen John Hancock, den Entomologen und Ornithologen William Chapman Hewitson, dessen Schmetterlingssammlung als die zur damaligen Zeit umfangreichste der Welt galt, sowie den Ornithologen James Edmund Harting kennen. Letzterer war einer der Gründer des Weybridge Museum (eröffnet 1909, heute Elmbridge Museum), und Wilsons private naturkundliche Sammlung (Schmetterlinge, Vögel, Nester, Eier) bildete den ursprünglichen Bestand des Museums. Diese und andere einflussreiche Freunde seines Vaters, wie Alfred Newton, verschafften Wilson ein wertvolles Netzwerk für seine späteren Unternehmungen.
Wilson trat im Januar 1884 im Alter von 19 Jahren in das Magdalene College ein, wo Newton sein wichtigster Mentor wurde. Vier Monate später reiste er mit dem Ornithologen Hans Friedrich Gadow nach Portugal, um dort Vögel zu sammeln. Wilson verbrachte weiterhin Zeit im Ausland, um auf dem europäischen Kontinent Französisch und Deutsch zu lernen. Zudem sammelte er Vögel, Nester und Eier.
1885 arbeitete Wilson Pflanzenmaterial auf, das während der Reisen von Kapitän James Cook zu den Hawaii- und Galapagosinseln gesammelt worden war, für den Botaniker James Britten vom British Museum of Natural History. Möglicherweise spielte diese Arbeit eine Rolle bei der Entstehung von Wilsons Interesse an den Vögeln der Hawaii-Inseln und seinen Reisen dorthin, obwohl er dies später Newton zuschrieb.
Nachdem Wilson 1887 Liverpool verlassen hatte, besuchte er Leonhard Hess Stejneger an der Smithsonian Institution, der gerade Valdemar E. Knudsens Vogelsammlung von Kauaʻi bearbeitete. Von dort reiste er mit dem Zug an die Westküste und anschließend mit dem Dampfschiff auf die Hauptinsel Hawaii.
Wilson verbrachte einen bedeutenden Teil seiner Zeit auf den Hawaii-Inseln mit ornithologischen Sammelreisen und sprachwissenschaftlichen Studien. Aus seiner Korrespondenz geht hervor, dass er während seines Aufenthalts auf Hawaii auf der Rinderfarm von Henry N. Greenwell in Puʻulehua lebte, wo er Vögel und Insekten sammelte. In Honolulu erlebte er zudem die politischen Spannungen der Bayonet Revolution. Während seines Aufenthalts wohnte er zeitweise im Arlington Hotel, dem ehemaligen Wohnhaus von Prinzessin Bernice Pauahi Bishop und Charles Reed Bishop, von dem er drei Exemplare ausgestorbener hawaiianischer Vogelarten erhielt. Parallel setzte Wilson seinen Deutschunterricht bei einem Sprachlehrer aus Dresden fort und nutzte diesen auch zum Erlernen der hawaiianischen Sprache.
1888 erlebte Wilson die erste elektrische Straßenbeleuchtung in Downtown Honolulu. Er beschrieb Erdbeben während eines Aufenthalts im Volcano House und verkehrte mit dem hawaiianischen Adel. Mit einer Kamera, die ihm der Fotograf James J. Williams aus Honolulu geliehen hatte, machte Wilson 8×10-Zoll-Fotografien des Kīlauea-Vulkans. Er schickte Newton eine große Bleistiftzeichnung des Kraters. Während seines Aufenthalts auf der Parker Ranch verbrachte Wilson Zeit mit Wilmont A. L. Keawe Vredenburg, einem portugiesisch-hawaiianschen Paniolo (Cowboy), der ihm das Reiten beibrachte. Wilson wiederum demonstrierte ihm seine Fähigkeiten in der Taxidermie von Vögeln und zeigte Vredenburg, wie man Pflanzen konserviert. Die Viehtriebe der Ranch beeindruckten Wilson nachhaltig, und er beschrieb sie mit großer Detailfülle.
Wilson bereiste alle Hauptinseln des Hawaii-Archipels und trug eine umfangreiche Sammlung sowohl von Zugvögeln als auch von endemischen hawaiianischen Vogelarten zusammen. Noch vor seiner Rückkehr im November 1888 sandte er zahlreiche Präparate an Newton voraus. Dies verursachte erhebliches Aufsehen innerhalb der Ornithologie und führte zu erbitterten Rivalitäten unter britischen Ornithologen und Naturforschern, insbesondere zwischen Newton und Rothschild.
Newton scheiterte mit seinen Versuchen, Wilson zu einer sofortigen Rückkehr auf die Hawaii-Inseln zu bewegen.
Die Hawaii-Inseln wurden daraufhin zum Schauplatz eines Wettlaufs um weitere Sammlungsobjekte. Rothschild entsandte den in Cambridge geborenen Henry C. Palmer (1866–1920) sowie dessen neuseeländischen Assistenten George C. Munro (1866–1963), den Palmer während seiner Sammelreisen auf den Chathaminseln kennengelernt hatte. Die beiden erreichten Honolulu im Dezember 1890. Kurz darauf brachen nach Kauaʻi auf, um dort ihre Arbeit zu beginnen.
Während Munro bis August 1893 auf Hawaii blieb und weiter sammelte, musste Palmer aufgrund anhaltender Lungenbeschwerden nach England zurückkehren. Ein Jahr später heiratete er und wanderte anschließend nach Australien aus, wo er eine lange Laufbahn als Zeitungsagent einschlug.
Nach zahlreichen Verzögerungen erhielt Newton 1892 schließlich die Möglichkeit, Robert Cyril Layton Perkins (1866–1955) auf die Hawaii-Inseln zu entsenden, nachdem die Finanzierung durch ein Konsortium gesichert worden war. Perkins sammelte dort sieben Jahre lang Vögel, bevor er sich vor allem der Entomologie widmete. Die Auswertung von Sammlungsetiketten zeigt, dass nach Wilsons Rückkehr nach England zwischen Wilson, Palmer und Perkins ein reger Handel sowie An- und Verkäufe von Präparaten stattfanden. Obwohl Wilson gelegentlich als übermäßig launisch beschrieben wurde, sind keine Hinweise auf eine Rivalität zwischen den Sammlern bekannt.
Nach seiner Zeit auf den Hawaii-Inseln litt Wilson über einen längeren Zeitraum an gesundheitlichen Problemen und verbrachte den Rest seines Lebens überwiegend in wärmeren Klimazonen. Zu seinen bevorzugten Aufenthaltsorten gehörten Hawaii, die Kanarischen Inseln, Korsika und Südkalifornien, wohin Freunde der Familie gezogen waren und wo sich später auch sein Bruder Herman Wilson niederließ, ebenfalls aufgrund von Atemwegsbeschwerden.
Die Wilson-Brüder unternahmen in den 1890er Jahren mehrere Reisen auf die Hawaii-Inseln. Erst auf dem Weg nach Japan im Jahr 1896 versuchte Wilson jedoch erneut, zwischen Mai und Juni zusätzliche Exemplare zu sammeln.
Im Januar 1902 brach Wilson nach Neuseeland auf, um dort Forellen zu angeln. Anschließend plante er das Sammeln von Vogelpräparaten in Französisch-Polynesien. Während der Reise stürzte er an Bord eines Dampfschiffes und erlitt einen offenen Beinbruch, der eine Operation und eine lange Genesungszeit erforderlich machte. Zwei Monate später starb sein Vater und hinterließ umfangreiche Beteiligungen an Bergwerken bei Kapstadt in Südafrika. Erst 1904 unternahm Wilson schließlich die geplante Reise zu den Cookinseln und den Gesellschaftsinseln.
In den folgenden zehn Jahren bereiste Wilson zahlreiche Regionen der Welt. Nach dem Tod seiner Mutter Ellen Barchard Wilson im Jahr 1915 ließ er sich zeitweise in Kapstadt nieder. 1919 kehrte er jedoch nach England zurück und heiratete dort am 10. August 1920 im Alter von 56 Jahren Emma Amelia Keates, geborene Clements. Drei Jahre später nahm sich Wilson durch einen Schuss in die Schläfe das Leben.
Scott Barchard Wilson wurde in einem unmarkierten Grab auf dem Friedhof der All Saints’ Church in Milford on Sea beigesetzt.
Zwei Jahre nach seinem Tod verkaufte Wilsons Witwe seine private Sammlung an Rothschild. 1932 wurde diese Sammlung von John Sanford Barnes für das American Museum of Natural History erworben. Das Weybridge Museum führte keine Aufzeichnungen über die Auflösung beziehungsweise Verstreuung seiner Wilson-Sammlung im Jahr 1929.
Wilson beschrieb die Gattungen und Arten Chloridops (1888), Chloridops kona (1888) Hemignathus hanapepe (1889), Akialoa stejnegeri (1889), Loxops caeruleirostris (1890), Paroreomyza montana (1890), Chlorodrepanis stejnegeri (1890), Paroreomyza flammea (1890), Telespiza cantans (1890), Palmeria dolei (1891), Loxops mana (1891), Myadestes lanaiensis (1891) und Chlorodrepanis (1899).
Dedikationsnamen Nach Wilson sind die Kleidervogeltaxa Hemignathus wilsoni und Chlorodrepanis virens wilsoni benannt.
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