mini|Lucien Schnegg – Aphrodite (ausgestellt im Salon von 1908) Die sogenannte Bande à Schnegg war eine Gruppe französischer Bildhauer um den Künstler Lucien Schnegg (1864–1909), die sich um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Paris zusammenfand. Die Gruppe steht für eine kollektive Abkehr vom pathetisch-expressiven Modellierungsstil Auguste Rodins zugunsten einer ruhigeren, an antiken Vorbildern orientierten Formensprache.

Entstehung und Mitglieder Die Gruppe bildete sich im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Paris. Ihr Namensgeber Lucien Schnegg war Schüler von Alexandre Falguière an der École des Beaux-Arts in Paris und arbeitete ab 1902 als Assistent im Atelier von Auguste Rodin. Um ihn versammelten sich Bildhauer, die gemeinsame künstlerische Ideen diskutierten und entwickelten.

Henry Arnold (1879–1945), Élisée Cavaillon (1873–1954), Ernest Chaplet (1835–1909), Louis Dejean (1872–1953), Charles Despiau (1874–1946), Léon-Ernest Drivier (1878–1951), Alfred Jean Halou (1875–1939), Albert Marque (1872–1939), Auguste de Niederhäusern (1863–1913), François Pompon (1855–1933), Jane Poupelet (1878–1951), Yvonne Serruys (1873–1953) und Robert Wlérick (1882–1944).

Jane Poupelet schloss sich der Gruppe laut dem AKL um 1899 an. Der genaue Zeitpunkt des Zusammenschlusses der übrigen Mitglieder ist in den verfügbaren Quellen nicht einheitlich dokumentiert.

Künstlerischer Kontext und gemeinsame Haltung Die Mitglieder der Bande à Schnegg standen sämtlich in einem mehr oder weniger engen Verhältnis zum Werk Auguste Rodins, dessen Einfluss auf die französische Bildhauerei um 1900 prägend war. Gemeinsam war ihnen das Bestreben, sich von Rodins expressiv-dramatischer Ausdrucksweise und bewegter Gestik zu lösen. Anstelle dieser Formensprache strebten sie nach Klarheit, Ruhe und ausgewogenen Proportionen. Als Orientierungspunkte dienten ihnen dabei die Griechische Antike sowie eine Rückbesinnung auf handwerkliche Grundlagen der Bildhauerkunst, darunter die Technik der Taille directe (Direktbearbeitung des Materials), die Lucien Schnegg bereits in seiner frühen Ausbildung kennengelernt hatte.

Ein konkretes Zeugnis ihrer gemeinsamen Haltung gegenüber Auguste Rodin ist ein Brief, den Lucien Schnegg 1898 gemeinsam mit seinem Bruder Gaston an Rodin richtete. In diesem Brief brachten sie ihre Unterstützung für dessen damals heftig umstrittene Balzac-Skulptur zum Ausdruck. Die Gruppe pflegte keinen programmatischen Zusammenschluss mit Manifest oder festen Statuten, sondern einen informellen Zusammenhalt, der auf persönlichem Austausch beruhte.

Die kunsthistorische Bedeutung der Bande à Schnegg ergibt sich aus zwei Aspekten: Einerseits sind es die bildhauerischen Werke ihrer Mitglieder, andererseits ihre Funktion als Netzwerk für den Meinungsaustausch. Der Gruppe wird eine Rolle bei der Erneuerung der französischen Bildhauerei in den Jahren zwischen etwa 1900 und 1930 zugeschrieben, insbesondere bei der Entwicklung einer klassizistisch geprägten, stilistisch beruhigten Plastik als Alternative zur dominierenden Rodin-Nachfolge. Lucien Schneggs Porträtbüste der Jane Poupelet (Marmor, 1897–1903; Gips, 1901), die sich im Musée du Luxembourg in Paris befand, gilt als eines der bekanntesten Werke, die im Umfeld der Gruppe entstanden.

Rezeption Eine erste museale Präsentation der Gruppe als historisches Phänomen fand 1974 im Musée Bourdelle in Paris unter dem Titel La Bande à Schnegg (mit Katalog) statt. Diese Ausstellung gilt als erste systematische Aufarbeitung des Gruppenphänomens. In späteren Ausstellungen wurden einzelne Mitglieder der Gruppe in einem breiteren skulpturalen Kontext der Epoche gezeigt, so etwa 2009 in der Ausstellung Oublier Rodin? La sculpture à Paris 1905–1914 im Musée d’Orsay in Paris.

Die heute bekanntesten Mitglieder der Gruppe sind Jane Poupelet und Charles Despiau. Sie werden in der Forschungsliteratur gelegentlich im Zusammenhang mit François Pompon genannt, obwohl eine direkte Mitgliedschaft Pompons in der Bande à Schnegg nicht belegt ist.

Literatur

Stanislas Lami: Dictionnaire des sculpteurs de l’École française au dix-neuvième siècle. 4 Bde. Paris 1914–1921. André Salmon: La jeune sculpture française. Paris 1919, S. 72–74. F. Damay: Lucien Schnegg, sculpteur, sa vie, son œuvre. In: Études touloises, Nr. 81, 1997. La Bande à Schnegg. Ausstellungskatalog, Musée Bourdelle, Paris 1974. Oublier Rodin? La sculpture à Paris 1905–1914. Ausstellungskatalog, Musée d’Orsay, Paris 2009. Rodin and the Revolution in Sculpture from Camille Claudel to Giacometti. Ausstellungskatalog, Barcelona 2004. Catherine Gonnard, Élisabeth Lebovici: Femmes artistes, artistes femmes. Paris, de 1880 à nos jours. Paris 2007. Allgemeines Künstlerlexikon Online (AKL). De Gruyter, Berlin/Boston 2009 ff.

Weblinks The "Bande à Schnegg" Amandine Placin-Geay: La « bande à Schnegg » : examen d’un groupe de sculpteurs indépendants, 2003.

Einzelnachweise

Kategorie:Künstlergruppe (Bildende Kunst) Kategorie:Organisation (Paris) Kategorie:Bildhauer (Frankreich) Kategorie:Pariser Geschichte (20. Jahrhundert)