Der Euromedia Ownership Monitor (Kurzbezeichnung: EurOMo) ist ein von der Europäischen Kommission kofinanziertes Forschungs- und Monitoringprojekt zur Transparenz von Medieneigentum und Medienkontrolle in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Das Projekt wird von der Paris Lodron Universität Salzburg koordiniert und stellt eine öffentlich zugängliche Datenbank sowie Länderberichte und einen Risikoindex bereit.
Hintergrund und Entstehung
Die Entstehung des EurOMo ist eng mit der medienpolitischen Debatte auf EU-Ebene über Medienpluralismus verbunden. Bereits seit Mitte der 1980er-Jahre und verstärkt nach dem Rückgang öffentlicher Rundfunkmonopole thematisierte das Europäische Parlament die Risiken von Medienkonzentration.Tales Tomaz: Media ownership and control in Europe: A multidimensional approach. In: European Journal of Communication. 2024, .
Den unmittelbaren institutionellen Anstoß gab der Europäische Aktionsplan für Demokratie (European Democracy Action Plan, EDAP), den die Europäische Kommission am 3. Dezember 2020 verabschiedete. Darin verpflichtete sich die Kommission, Maßnahmen zur Unterstützung des Medienpluralismus und zur Stärkung der Transparenz von Medieneigentum zu ergreifen.Europäische Kommission: Europäischer Aktionsplan für Demokratie, COM(2020) 790 final, 3. Dezember 2020. ec.europa.eu.
Am 2. Dezember 2020 veröffentlichte die Kommission einen Aufruf zur Einreichung von Vorschlägen für ein Media Ownership Monitor-Pilotprojekt. Das maximale Fördervolumen betrug 1 Million Euro bei einem maximalen Ko-Finanzierungsanteil von 90 Prozent der förderfähigen Kosten. Der Aufruf richtete sich an gemeinnützige Organisationen, internationale Organisationen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen.Europäische Kommission: Call for Proposals: Media ownership monitor. digital-strategy.ec.europa.eu, 2. Dezember 2020.
Gründung und Projektphasen
Pilotphase (2021–2023)
Am 28. September 2021 startete die Europäische Kommission offiziell das EU-finanzierte Euromedia Ownership Monitor-Projekt. EU-Vizepräsidentin für Werte und Transparenz, Věra Jourová, erklärte bei der Auftaktveranstaltung: „Es wird zunehmend schwieriger zu verstehen, wem die Medien in der EU gehören. Das kann so nicht sein, denn in einer Demokratie verdienen die Menschen zu wissen, wer ihnen Informationen liefert.“Europäische Kommission: Media freedom and pluralism: launch of the media ownership monitoring project. digital-strategy.ec.europa.eu, 28. September 2021.
In der Pilotphase erfasste das Konsortium 15 EU-Mitgliedstaaten: Österreich, Belgien, Tschechien, Dänemark, Finnland, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Italien, Litauen, Niederlande, Portugal, Slowenien, Spanien und Schweden. Koordiniert von der Universität Salzburg, wirkten 15 Hochschulen und Forschungseinrichtungen mit.Europäische Kommission: European Media Ownership Monitor launches its website. digital-strategy.ec.europa.eu, März 2023.
Im März 2023 wurde die Website media-ownership.eu in Betrieb genommen. Im Rahmen der Pilotphase entstand eine Datenbank mit rund 600 Medienmarken und etwa 2.600 Eigentümern (natürliche und juristische Personen).Tales Tomaz: Media ownership and control in Europe: A multidimensional approach. In: European Journal of Communication. 2024, .
Erweiterung auf alle 27 EU-Mitgliedstaaten: EurOMo-27 (2022–2023)
Eine zweite Projektphase begann im Oktober 2022 und lief bis September 2023. Am 7. Juli 2023 präsentierte das Salzburger Team erstmals die gesamteuropäische Datenbank für alle 27 EU-Mitgliedstaaten (EurOMo-27) auf einer Konferenz in Brüssel.Paris Lodron Universität Salzburg: EurOMo-27: Gesamteuropäische Datenbank zu Medieneigentum und Medienkontrolle. Medienmitteilung vom 5. Juli 2023. plus.ac.at.
EurOMo-27 ist das Ergebnis eines zweistufigen Forschungsprojekts, das von wissenschaftlichen Teams in allen 27 EU-Mitgliedstaaten und von über 100 Forschenden aus Hochschulen und Nichtregierungsorganisationen durchgeführt wurde.
EurOMo 2025
Im Jahr 2025 aktualisierte das Konsortium die bestehenden Datenbanken und Risikobewertungen und erweiterte die Mediendatenbank um Beitragsprofile auf sehr großen Online-Plattformen (Very Large Online Platforms, VLOPs), die für die Nachrichtennutzung in jedem EU-Mitgliedsstaat relevant sind.Riga Stradiņš University: Euromedia Ownership Monitor 2025 (EurOMo 2025). rsu.lv. Die Datenbank umfasst seitdem über 3.000 Medienmarken und Eigentümereinträge.Euromedia Ownership Monitor: Home. media-ownership.eu, abgerufen am 26. Mai 2026.
Trägerorganisation und Konsortium
Das Projekt basiert auf der Arbeit der Euromedia Research Group (EMRG), einem Netzwerk europäischer Medienforschender mit über 30 Jahren Erfahrung in der Medienpolitikforschung, unter anderem durch die Entwicklung des Media for Democracy Monitor (MDM). Die EMRG begründete das Forschungskonsortium, das heute EurOMo betreibt.Euromedia Ownership Monitor: What is this monitor? media-ownership.eu.
Zum Konsortium gehören Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten, darunter die Universität Salzburg (Koordination) und das Leibniz-Institut für Medienforschung / Hans Bredow-Institut.Tampere University: Euromedia Ownership Monitor (EurOMo). tuni.fi.Dublin City University / Fujo: The EurOMo (Euromedia Ownership Monitor). fujomedia.eu.
Aufgaben und Produkte
EurOMo hat die Aufgabe, Transparenz über Eigentums- und Kontrollverhältnisse bei Nachrichtenmedien in der Europäischen Union herzustellen.Euromedia Ownership Monitor: What is this monitor? media-ownership.eu. Das Projekt erbringt drei Hauptleistungen:
Datenbank
Die öffentlich zugängliche Datenbank ermöglicht die Suche nach Eigentümern und Medienmarken, die Visualisierung von Eigentumsnetzwerken sowie den maschinenlesbaren Datenabruf. Sie enthält zudem eine Übersicht nationaler Gesetze zur Medieneigentumstransparenz in allen EU-Mitgliedstaaten. Die Daten stehen unter der Lizenz CC BY 4.0 zur freien Nachnutzung bereit.
Länderberichte
Länderberichte analysieren für jeden EU-Mitgliedstaat Fragen im Bereich Medieneigentum und -kontrolle, darunter die gesetzlichen Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Bedingungen, Vertriebswege und politische Einflüsse.
Risikoindex
Der EurOMo-Risikoindex bewertet für jedes Land das Risiko mangelnder Transparenz bei Medieneigentum und -kontrolle. Die Bewertungsskala reicht von 0 (schlechteste Leistung, höchstes Risiko) bis 3 (beste Leistung, geringstes Risiko). Der Gesamtwert entspricht dem gewichteten Durchschnitt der Leistungen eines Landes in sechs Dimensionen; die Methodik wird im Abschnitt Methodik erläutert.Euromedia Ownership Monitor: Methodology. media-ownership.eu, 2023.
Methodik
Das multidimensionale Analyseschema des EurOMo betrachtet Medieneigentum und Medienkontrolle als Phänomene, die über die formale Eigentumsregistrierung hinausgehen. Tomaz (2024) benennt sechs Dimensionen, die den konzeptionellen Rahmen des Monitors bilden und jeweils durch empirische Indikatoren operationalisiert werden. Eine autorisierte deutschsprachige Übersetzung der Dimensionsbezeichnungen liegt nicht vor; die nachfolgenden deutschen Entsprechungen sind redaktionelle Übertragungen.
# Dimension (Deutsch) Dimension (Englisch, Original) Anteil am Gesamtindex Leitfrage des Indikatorsets 1 Eigentumsstruktur Ownership structure 22,2 % Legen Medienmarken ihre direkten und wirtschaftlichen Eigentümer (beneficial owners) öffentlich offen? 2 Management Management 16,7 % Sind Geschäftsführung und Chefredaktion öffentlich bekannt? Gibt es Hinweise auf Verletzungen der redaktionellen Unabhängigkeit? 3 Wirtschaftliche Kontrolle Economic control 11,1 % Sind Reichweitendaten, öffentliche Subventionen und Werbeeinnahmen transparent? Bestehen Verflechtungen mit außermedialen Geschäftsinteressen? 4 Beziehungen Relations 11,1 % Bestehen institutionelle Bindungen zu Parteien, Kirchen oder Interessengruppen? Haben Eigentümer oder Führungspersonen politisch exponierte Verbindungen? 5 Verbreitung Distribution 16,7 % (ländergewichtet) Wie transparent ist die Verbreitung von Medienangeboten über Print, Rundfunk und digitale Vermittler? Legen Plattformen ihre Kuratierungskriterien offen? 6 Medienpolitischer Rahmen Public policy 22,2 % Wie qualitativ hochwertig sind nationale Gesetze zu Medientransparenz und -konzentration? Existieren zuständige Regulierungsbehörden mit Durchsetzungskompetenz?
Die Dimensionsgewichte basieren auf der OECD-Methodik für zusammengesetzte Indizes. Einzige Ausnahme bildet die Dimension Distribution (Verbreitung), deren Gewicht je nach Eurobarometer-Nutzungsdaten variiert: In Ländern mit hohem Printkonsum erhält das Teilindikatorset für Printmedien ein höheres relatives Gewicht als in Ländern mit überwiegender Onlinenutzung.
Jede Dimension setzt sich aus qualitativen und quantitativen Einzelindikatoren zusammen. Qualitative Indikatoren werden von den nationalen Forschungsteams auf einer Skala von 0 bis 3 bewertet; quantitative Indikatoren messen, wie viel der vom EurOMo-Rahmen erwarteten Information tatsächlich öffentlich verfügbar ist, und werden auf dieselbe Skala normiert. Als Maßstab für Transparenz gilt die Offenlegung gegenüber der Öffentlichkeit – also nicht nur gegenüber Regulierungsbehörden.Euromedia Ownership Monitor: Theory. media-ownership.eu, 2023.
Normativer und rechtlicher Rahmen
Das Projekt EurOMo berücksichtigt mehrere europäische Rechtsakten und Empfehlungen:
Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD-Richtlinie, 2018/1808/EU): EU-weiter Rechtsrahmen für audiovisuelle Mediendienste. Empfehlung CM(2018)1 des Europarats zu Medienpluralismus und Transparenz von Medieneigentum: Der Europarat hält Mitgliedstaaten zur Sicherstellung von Transparenz bei Medieneigentum, -organisation und -finanzierung an. Europäisches Medienfreiheitsgesetz (European Media Freedom Act, EMFA): Das EMFA trat am 7. Mai 2024 in Kraft; seine wesentlichen Bestimmungen wurden am 8. August 2025 anwendbar. Es verpflichtet Mitgliedstaaten zur Bewertung der Auswirkungen von Medienmarktkonzentrationen auf den Medienpluralismus und stärkt die Transparenzanforderungen für Medieneigentümer.Europäische Kommission: European Media Freedom Act. commission.europa.eu, 2024.The Good Lobby: EMFA in Force: A New Era for Media Freedom in the EU. thegoodlobby.eu, 14. August 2025.
Rezeption
Wissenschaftliche Fachpublikationen
Die methodischen Grundlagen des EurOMo wurden 2024 in der Fachzeitschrift European Journal of Communication (Sage Publications) publiziert: Tales Tomaz legte in dem Aufsatz „Media ownership and control in Europe: A multidimensional approach“ den konzeptionellen Rahmen des Monitors dar, beschrieb den Risk Index als zusammengesetzten Index mit Werten von 0 bis 3 nach OECD-Leitlinien für Composite Indices und reflektierte kritisch die Herausforderungen der Medieneigentumstransparenz in Europa.
Mariia Aleksevych und Tales Tomaz entwickelten 2025 in der Zeitschrift Media and Communication (Cogitatio Press) auf Basis des EurOMo-Rahmens einen methodischen Ansatz zur Netzwerkanalyse von Medieneigentum. Die Autoren argumentieren, dass klassische ökonomische Konzentrationsmaße wie der Herfindahl-Hirschman-Index im hybriden Mediensystem zunehmend unzureichend sind, um Machtverhältnisse zwischen Kommunikationsakteuren abzubilden.Mariia Aleksevych, Tales Tomaz: Network Analysis for Media Ownership: A Methodological Proposal. In: Media and Communication, Bd. 13, 2025, .