mini|hochkant|Britta Marakatt-Labba, 2019 Britta Marakatt-Labba (* 18. September 1951 in Idivuoma im schwedischen Teil von Sápmi) ist eine samische Künstlerin und Aktivistin. Mit gestickten und textilen Kunstwerken, aber auch Aquarellen und Skulpturen stellt sie die Traditionen der samischen Menschen dar und setzt sich als Aktivistin für die Rechte der Samen und für die Natur ein. International bekannt wurde sie durch ihre Beiträge zur documenta 14.

Biografie Die Eltern von Britta Marakatt lebten traditionell von der Rentierhaltung und wanderten saisonal zwischen Sommerweiden in Rostadalen (Schweden) und Winterweiden in Norwegen hin und her. Marakatt kam auf der Herbstwanderung von Norwegen nach Schweden in einer Kote, einem samischen Zelt, zur Welt. Ihre Mutter bekam insgesamt zwölf Kinder, von denen zehn überlebten. Als Marakatt fünf Jahre alt war, starb ihr Vater bei einem Verkehrsunfall. Er war auf Skiern zu den Rentieren unterwegs und wurde beim Überqueren der Straße von einem Auto überfahren. Als Kind musste Marakatt gezwungenermaßen für mehrere Wochen im Jahr eine Internatsschule besuchen. Sie erinnert diese Zeit als einschränkend und voll von Diskriminierungen. Erst dort lernte sie die offizielle Unterrichtssprache Schwedisch, nachdem sie zuvor mit der nordsamischen Sprache aufgewachsen war und auf den Wanderungen Meänkieli und Norwegisch gelernt hatte. In der Familie erlernte sie auch die traditionellen Handwerkstechniken des Duodji und die Mutter erzählte samische Geschichten und Mythen. Nach der Secondary School bewarb sich Marakatt nicht für eine Highschool, sondern lernte Weben und Nähen an einer Berufsschule. Anschließend besuchte sie von 1971 bis 1973 den Kunstkurs an der Sunderby Folkhögskola in Luleå. Um die Zugangsvoraussetzungen für die Hochschule zu erfüllen, musste sie danach noch fehlende Qualifikationen nachholen. 1974 wurde sie an der Högskolan för design och konsthantverk (HDK) an der Universität Göteborg zugelassen und studierte dort bis 1978. Dabei war sie die erste samische Studentin und galt als exotisch.

In den späten 1970er Jahren kehrte sie in ihre Heimat zurück und schloss sich 1980 der ersten samischen Künstlergruppe Mázejoavku (englisch Máze group, norwegisch Masigruppa) an, die sieben norwegische samische Künstlerinnen und Künstler 1978 gegründet hatten. Die Gruppe nutzte Ateliers im norwegischen Ort Máze. Sie war ein aktivistisches Bündnis, das einerseits die samische Kultur als Teil der nordischen Gegenwartskunst begriff und gleichzeitig für die Akzeptanz und die Rechte der Samen kämpfte. 1979 gründete das Kollektiv außerdem den „Samischen Künstlerbund“.

Máze liegt an der Straße zwischen Alta und Guovdageaidnu, wo in den 1970er Jahren der Alta-Konflikt gegen die Errichtung eines großen Wasserkraftwerkes begonnen hatte. Mázejoavku beteiligte sich an den Protesten, bis 1981 die Polizei die Demonstrationen in einem Großeinsatz beendete. Dabei wurde auch Marakatt verhaftet und verhört. Der Damm wurde in den 1980er Jahren trotz der Proteste errichtet. Die Gruppe bestand danach noch bis 1983, die Mitglieder blieben aber zumindest teilweise in Kontakt.

1985 heiratete Marakatt den Rentierhalter Nils Johannes Labba und nahm den Nachnamen Marakatt-Labba an. Die beiden bekamen einen Sohn.

Marakatt-Labba arbeitete seit den 1970er Jahren als Einzelkünstlerin und in der Gruppe Mázejoavku. Ihre Arbeiten sind seit den 1980er Jahren in öffentlichen und regionalen Sammlungen der nordischen Länder vertreten. 2017 gelang ihr mit der documenta 14 in Kassel und Athen der internationale Durchbruch. Dort war sie Teil der Sámi Artist Group, mit Hans Ragnar Mathisen (Keviselie) und Synnøve Persen, die ebenfalls Mázejoavku angehört hatten. Besonderes Aufsehen erregte ihre 24 Meter lange Stickerei Historjá (Geschichte) zur Geschichte der Samen, die in Kassel ausgestellt war.

Marakatt-Labba lebt in Övre Soppero, wo sie auch ihre Arbeiten fertigt.

Werk Marakatt-Labba arbeitet hauptsächlich mit Textilien, Stickereien und Applikationen. Daneben fertigt sie auch Aquarelle und Skulpturen oder nutzt andere Techniken. Ihre Themen sind samische Traditionen und Geschichte, wobei sie auf der traditionellen oralen Geschichts- und Geschichtenerzählung aufsetzt und diese ins Stoffliche überträgt. In ihren Werken gehen Natur und Übersinnliches ineinander über. Auch der Kampf der Samen um Selbstbehauptung kommt immer wieder in ihren Werken zum Ausdruck. Einige wichtige Werke sind:

Garjját – The Crows (1981)

Die 41 cm × 102 cm große Stickerei auf Leinen zeigt einen Krähenschwarm, der sich beim Landen in schwarz uniformierte Polizisten verwandelt, die in einer langen Reihe auf eine Gruppe von bunt gekleideten Personen zumarschieren. Die Personen sitzen, liegen oder stehen, teils mit typischen samischen Kleidungselementen, vor drei samischen Koten. Dort, wo die Polizisten auf die bunte Gruppe treffen, entsteht ein Handgemenge. Das Werk greift die Geschehnisse des Polizeieinsatzes im Alta-Konflikt auf und gilt als ikonisch. Es greift das mythologische Bild der Krähe als einer Kreatur, die sich alles nimmt und über andere herrscht, auf.

Riegádahttin – Giving Birth (1983) Die Stickerei mit Applikationen auf Leinen ist 29 cm × 46 cm groß. Sie zeigt eine Geburtszene in einer Kote und zahlreiche, teils kindliche Gestalten, die das Geschehen beobachten. Die Künstlerin greift hier auf, was ihr über die eigene Geburt in der Familie erzählt wurde.

Historjá (2003–07) Die Arbeit aus Stickereien, Druck, Applikationen und Wolle auf Leinen ist 39 cm × 23,5 m groß und zeigt Szenen aus der Tradition und Geschichte der Samen. Sie wurde als Auftragsarbeit für die Universität Tromsø geschaffen. 2017 wurde sie in der documenta-Halle in Kassel gezeigt. Sie machte Marakatt-Labba international berühmt. Da das Werk aufgrund seiner Größe nicht einfach ausgestellt werden kann, wurde 2017 von Ola Roe das Video Historien angefertigt. Es scrollt über das Werk und wurde mit einem Joik, gesungen von Nils-Anders Påve, unterlegt. In der Ausstellung in Mainz 2026 werden Film und Joik in einer Dauerschleife gezeigt und unterstreichen damit das zyklische Verständnis der samischen Kultur, wo jede Arbeit „im nächsten Jahr wiederkommt“.

Urmodern – Primordial Mother (2024)

Urmodern (Urmutter) ist eine großformatige, rund 2 Meter hohe Skulptur, deren Basis ein großer schwedischer Granit-Brocken ist, auf dem ein in Bronze gefertigter Kopf einer samischen Erdgöttin befestigt ist. Sie bringt den Glauben der Samen zum Ausdruck, dass jeder Stein, jede Pflanze und jedes Gewässer eine Seele besitzt und die Natur von Göttinnen beschützt wird. Das Werk war von April 2025 bis März 2026 auf der High Line (New York) zwischen Gansevoort Street und Little West 12th Street installiert. Im Anschluss wurde es vom Astrup Fearnley Museum in Oslo erworben.

Ausstellungen (Auswahl) 2017: documenta 14 2022: Biennale in Venedig, Werk in der Hauptausstellung The Milk of Dreams 2024: Sylkvasse Stitches, Nationalmuseum Oslo (Einzelausstellung / Retrospektive) 2025: Where Each Stitch Breathes/Juohke sákkaldat vuoigŋá, Stockholm, Moderna Museet (Einzelausstellung / Retrospektive) 2026: Stitched Tracks, Kunsthalle Mainz (Einzelausstellung / Retrospektive)

Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl) 2014: Ehrendoktorwürde in Philosophie an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Umeå 2017: Illis Quorum Medaille 2017: Stig-Dagerman-Preis 2020: Prince Eugen Medal 2022: Annual Honorary Portrait in der National Portrait Collection, Foto durch Maja Helander 2022: Ehrendoktorwürde der Universität Bergen 2025: Ehrendoktorwürde der Oslo Metropolitan University 2026: Ehrendoktorwürde der Universität Tromsø

Publikationen (Auswahl)

Literatur

Dokumentarfilme Dokumentarfilm Historjá – Stygn för Sápmi (Historjá – Stiche für Sápmi), Schweden 2022, TriArt Film, 89 Minuten, Regie und Drehbuch: Thomas Jackson, Musik: Eirik Havnes. Den inre skogen, Schweden 2019, 59 Minuten, Regie und Drehbuch: Thomas Jackson

Weblinks

Eintrag im Store norske leksikon (norwegisch) Mit Nadelstichen gegen die Mächtigen, Video, 5 Minuten, SWR Kultur 2026 in der Mediathek (bis 2. Februar 2028)

Einzelnachweise

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