Die Klasse H der South Eastern and Chatham Railway (SECR) umfasste 66 für den Einsatz im Vorortverkehr südlich von London vorgesehene Tenderlokomotiven der Achsfolge B2’ nach einem Entwurf von Harry Wainwright, dem Locomotive, Carriage and Wagon Superintendent der SECR. Sie wurden zwischen 1904 und 1915 von den SECR-Werkstätten in Ashford, den Ashford Works, gebaut. 1922 wurden alle Maschinen von der Southern Railway (SR) übernommen. Die Elektrifizierung des Londoner Vorortverkehrs verdrängte die Lokomotiven allmählich auf ländlichere Strecken, vor allem in Kent und Sussex. Abgesehen von zwei während des Zweiten Weltkriegs aufgrund von Rahmenbrüchen ausgemusterten Exemplaren blieben sie bis zum Übergang an British Railways (BR) 1948 vollzählig im Bestand. In den 1950er Jahren baute BR das elektrisch betriebene Netz in Südostengland weiter aus und die Lokomotiven verloren allmählich ihre Einsatzgebiete. Zwischen 1951 und 1964 musterte BR alle Lokomotiven aus. Mit der Lokomotive 31263 blieb ein Exemplar als betriebsfähige Museumslokomotive erhalten, sie steht im Besitz der Bluebell Railway.

Geschichte Das anhaltende Wachstum der Bevölkerung im suburbanen Raum südlich von London hatte dazu geführt, dass bereits die London, Chatham and Dover Railway (LCDR) und die South Eastern Railway (SER), die sich 1899 betrieblich zur South Eastern and Chatham Railway zusammenschlossen, steigenden Bedarf an Tenderlokomotiven für den zunehmenden Vorortverkehr hatten. Beide Gesellschaften hatten dafür in den Jahren vor 1899 Lokomotiven der in Großbritannien für solche Zwecke recht beliebten Achsfolge B2’ beschafft; die Klasse R der LCBR und die Klasse Q der SER. Harry Wainwright, der Locomotive, Carriage and Wagon Superintendent der SECR, ließ zunächst die Klasse Q weiterbauen, die sich im Vergleich als erfolgreicher gezeigt hatte. Dennoch bestand bei der SECR dringender Bedarf nach neuen, leistungsfähigeren Maschinen. Das Entwurfsbüro der SECR in Ashford legte zwei Entwürfe von mittlerer und größerer Leistungsfähigkeit vor. Wainwright entschied sich für den mittleren Entwurf, der der Klasse R äußerlich recht ähnlich war, aber technisch auf der Klasse A1 der LCDR basierte.

Zwischen 1904 und 1910 lieferten die Ashford Works insgesamt 64 Maschinen aus. Geordert worden waren jedoch 66 Exemplare. Aus nicht mehr bekannten Gründen unterblieb der Bau der beiden letzten Maschinen zunächst. Vermutet wird die Zurückhaltung von Ersatzteilen, denn die wesentlichen Teile waren bereits produziert worden und eingelagert, als Richard Maunsell, der 1913 Wainwrights Position bei der SECR übernommen hatte, 1915 die Differenz zwischen Auftrag und Lieferung bemerkte. Er ließ die beiden Maschinen unverzüglich aus den eingelagerten Teilen nachbauen.

Infolge des Railways Act 1921 ging die SECR zum 1. Januar 1923 in der neuen Southern Railway (SR) auf, die die Lokomotiven weiter als Klasse H führte und auch die willkürliche Nummerierung der SECR übernahm, bei der neue Lokomotiven die Nummern ausgemusterter Maschinen erhalten hatten, wenn sie als Ersatz für diese gebaut worden waren. Die SR baute in den 1920er Jahren ihr mit zunächst 660, später 750 Volt Gleichspannung und Stromschienen elektrifiziertes Netz im Londoner Vorortverkehr zügig aus. Die Lokomotiven der Klasse H verloren dadurch schrittweise ihre Einsatzgebiete und wurden allmählich in Depots in ländlicheren Teilen der Südostregion der SR umstationiert. Dort bespannten sie weiter hauptsächlich Personenzüge. Einige kamen ab 1929 auch auf Strecken rund um Brighton; der dortige Teil des SR-Netzes hatte vor 1923 der London, Brighton and South Coast Railway (LB&SCR) gehört.

Während des Zweiten Weltkriegs erhielt auch das Depot Nine Elms im Westen Londons ab 1941 einige Lokomotiven der Klasse H, die dort vor allem für Rangierdienste verwendet wurden. In den Jahren 1943 und 1944 verlieh die SR zudem drei Stück an die London, Midland and Scottish Railway (LMS), die sie in Forfar in Schottland einsetzte. Zwei Lokomotiven wurden 1944 ausgemustert. Es erwies sich als sinnvoller, sie zur Ersatzteilgewinnung zu verwenden, nachdem bei beiden schwere Rahmenbrüche aufgetreten waren. Alle übrigen 64 Exemplare gingen gemäß dem Transport Act 1947 zum 1. Januar 1948 an die neugegründete Staatsbahn British Railways (BR) über. Sie wurden weiterhin im Personenverkehr in Kent, Sussex und Surrey eingesetzt. 45 Lokomotiven wurden zwischen 1949 und 1960 mit Wendezugsteuerung ausgerüstet und übernahmen Motor trains, wie Wendezüge bei der SR und in der Southern Region von British Railways bezeichnet wurden, auf Nebenstrecken. Ab 1951 begann BR mit der Ausmusterung einzelner Exemplare, aber erst die Ende der 1950er begonnene Elektrifizierung der meisten Strecken in Kent und entlang der Kanalküste nahm den Maschinen weite Teile ihres Einsatzgebiets. Die Stilllegung diverser Nebenstrecken vor allem in Sussex im Zuge der Beeching Axe führte ebenfalls zum Verlust von Einsatzgebieten. Zwischen 1959 und 1963 wurden fast alle Lokomotiven der Klasse ausgemustert. Die letzten Exemplare bespannten noch bis Ende 1963 Wendezüge auf der nicht elektrifizierten Strecke zwischen Tunbridge Wells und Three Bridges über East Grinstead. Im Januar 1964 wurden alle abgestellt. Mit der Lokomotive 31263 (SECR-Nummer 263) blieb ein Exemplar der Reihe erhalten.

Technik Die Klasse H war mit Blechrahmen, Innenzylindern und der Achsfolge B2’ ein typischer Vertreter einer in Großbritannien im Vorortverkehr weit verwendeten Bauform. Der Kessel war baugleich mit dem der SECR-Klasse C, einer dreigekuppelten Schlepptenderlokomotive für den Güterverkehr. Er erwies sich als leistungsfähig und wurde daher auch bei diversen älteren Lokomotiven der SECR bei fallweisen Neubekesselungen verwendet, so etwa den Klassen R1, B1, O1 und Q1. Die Lokomotiven wurden als Nassdampflokomotiven ausgeführt und erhielten innenliegende Stephenson-Steuerungen mit Flachschiebern. Alle 66 Lokomotiven erhielten Vakuumbremsen, 13 Exemplare, die vor allem auf den früheren LCDR-Strecken fuhren, bekamen zusätzlich Westinghouse-Bremsen. Auffällig und für die Klasse H typisch war das seitlich etwas überstehende, pagodenförmige Führerhausdach.

Verbleib mini|Lokomotive 263 im Jahr 2018 im Bahnhof East Grinstead der Bluebell Railway Die Lokomotive 31263 ist als Museumslokomotive erhalten geblieben und ist seit 2008 im Besitz der Bluebell Railway. Sie war ab Juni 1962 im Depot Three Bridges stationiert und bespannte im Wendezugbetrieb Züge zwischen Three Bridges und Tunbridge Wells, woran sich auch bei einer kurzzeitigen Umstationierung in das Depot von Tunbridge Wells nichts änderte. Schließlich wurde sie als letzte im Dienst stehende Maschine ihrer Klasse am 4. Januar 1964 in Three Bridges ausgemustert. Ende 1964 wurde die in Three Bridges zunächst hinterstellte Maschine vom H-Class Trust erworben und nach Robertsbridge überführt, später in das South Eastern Steam Centre in Ashford. 1975 entschloss sich der Trust, die Maschine bei der Bluebell Railway zu hinterstellen, da sich dort eher eine Einsatzperspektive zeigte. Dort wurde sie 1976 aufgearbeitet und bis 1982 eingesetzt. Nach einer längeren Untersuchung folgte von 1991 bis 1997 eine weitere Einsatzperiode auf der Strecke der Bluebell Railway. 2008 erwarb der Bluebell Railway Trust die Lokomotive von ihren vorigen Eigner und ließ sie bis 2012 erneut aufarbeiten. Seit 2022 ist die Lokomotive abgestellt und wird einer Untersuchung unterzogen.

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Einzelnachweise

Kategorie:Tenderlokomotive Achsfolge B2 H Kategorie:Schienenfahrzeug (Ashford Works)