mini|Blick auf den Altar mini|Die westliche Fassade zeigt Karl Borromäus und den sogenannten Pestengel mini|Mühleisen-Orgel aus dem Jahr 2000 Die Kirche Sankt Karl Borromäus ist eine römisch-katholische Pfarrkirche in der Großen Kreisstadt Winnenden im baden-württembergischen Rems-Murr-Kreis. Sie wurde in den Jahren 1959 bis 1961 im Stile der Nachkriegsmoderne gebaut. Benannt ist die Kirche nach Carlo Borromeo (1538–1584), Kardinal und Erzbischof von Mailand. Die Kirche befindet sich in der Innenstadt und dominiert mit ihrem freistehenden Glockenturm (Campanile) das Stadtbild.
Geschichte Mit der Einführung der Reformation 1535 unter Herzog Ulrich wurde Winnenden wie ganz Altwürttemberg evangelisch-lutherisch. Die wenigen Altgläubigen im Land waren zumeist Ausländer oder Diener (oftmals Italiener) am Hof der Herzöge von Württemberg. Auch der Übertritt Herzog Carl Alexanders aus der Linie Württemberg-Winnental zum Katholizismus veränderte an der Situation nichts. Erst nach dem Reichsdeputationshauptschluss, mit dem viele katholische Gebiete an Württemberg fielen, siedelten sich wieder römisch-katholische Christen in Altwürttemberg an, jedoch blieb ihre Zahl gering. Um 1850 lebten in der Stadt nur 9 Katholiken.Rudolph Friedrich von Moser: Beschreibung des Oberamts Waiblingen. Verlag J. G. Cotta, Stuttgart und Tübingen 1850, S. 202. Im Oberamt Waiblingen, zu dem Winnenden damals gehörte, waren es lediglich 60.Beschreibung Oberamts Waiblingen, S. 32.
Durch Flucht und Vertreibung Millionen Deutscher aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches und den Staaten des ehemaligen Österreich-Ungarn stieg die Zahl der Katholiken sprunghaft an, sodass eine neue Kirche notwendig wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden war es der katholischen Kirchengemeinde in Winnenden nach langen Verhandlungen 1958 gelungen, ein Baugrundstück in der Innenstadt zu erwerben. Gebaut wurde die Kirche nach einem Entwurf des Architekturbüros Steiger/Schauer.Katholische Kirchengemeinde St. Karl-Borromaeus, abgerufen am 19. Mai 2026 Die Bauarbeiten begannen 1959 und konnten 1961 abgeschlossen werden. Die Weihe der Kirche an Pfingsten 1961 wurde von Diözesanbischof Carl Joseph Leiprecht (1903–1981) vorgenommen.
Der Glockenturm, dessen Fundament bereits zu Baubeginn der Kirche gelegt wurde, wurde wegen fehlender Mittel erst 1964 fertiggestellt.1961 - 1964: Bau und Weihe des Turms, abgerufen am 19. Mai 2026 Der Turm mit einer Höhe von 38,50 Metern trägt ein 4,50 Meter hohes Turmkreuz. 1986 wurde die Kirche renoviert; 2011 installierte man eine Photovoltaikanlage auf dem Dach; 2021 begann die Sanierung des Turms.Martin Schmitzer: Auffällig in der Winnender Silhouette: Kirchturm kunstvoll verpackt, ZVW, 29. September 2021, abgerufen am 19. Mai 2026
Die Kirchengemeinde St. Karl Borromäus ist eine Diaspora-Gemeinde mit etwa 6400 Katholiken.
Nach dem Amoklauf von Winnenden fand in der Kirche am 21. März 2009 eine ökumenische Trauerfeier statt, an der auch Bundespräsident Horst Köhler teilnahm.
Architektur und Ausstattung St. Karl Borromäus ist eine rechteckige Saalkirche mit offenem Dachstuhl und einem rechteckigen Altarraum. Der freistehende Glockenturm hat eine Höhe von 38,5 Metern. Wie die meisten Sakralbauten der Nachkriegsmoderne ist auch St. Karl Borromäus äußerst schlicht gehalten; es dominiert Beton und Glas, während Farben kaum verwendet wurden. Lediglich der Altarraum wurde in sanften Gelb- und Orangetönen gestrichen, die eine warme Atmosphäre erzeugen.
Das Altarkreuz zeigt Jesus Christus nicht als leidenden, sondern als herrschenden Messias, der nicht am Kreuz hängt, sondern vor ihm schwebt. Es entstand als Bronzeguss in der Werkstatt von Josef Baumhauer (1930–2011). Ebenfalls von Baumhauer wurde der Tabernakel gestaltet. Auf ihm ist die Anbetung Jesu durch die Heiligen Drei Könige abgebildet.
Das farbenfrohe Buntglasfenster am Taufstein wurde von Rudolf Haegele (1926–1998) aus Remseck am Neckar geschaffen. Bemerkenswert ist weiterhin der 1992 gestaltete Kreuzweg des Heilbronner Künstlers Raphael Seitz (1957–2015) mit seinen 15 statt den üblichen 14 Stationen. Der Kreuzweg endet nicht mit dem Tode Jesu Christi, sondern mit der Auferstehung.
Ein Sgraffito der Westfassade zeigt Karl Borromäus mit dem sogenannten Pestengel.
Orgel Die Pfarrkirche verfügte zunächst nur über ein kleines elektrisches Harmonium. In den 1960er Jahren erhielt die Kirche als Provisorium eine kleine Orgel von der Firma Walcker (Ludwigsburg). Während der Renovierung in den 1980er Jahren wurde dieses Instrument durch eine gebrauchte Orgel von Peter Paul Köberle (1928–1994) ersetzt. Dieses Instrument erwies sich jedoch als zu klein und zu leise für einen derart großen Kirchenraum. Daher wurde beschlossen, eine neue Orgel anzuschaffen. Kirchenmitglieder gründeten hierfür 1990 einen Förderverein. Durch zahlreiche Veranstaltungen gelang es, mehr als die Hälfte der Kosten durch Spenden einzutreiben. Die Orgel wurde im Jahr 2000 von der Firma Orgelbau Mühleisen aus Leonberg gebaut. Die Orgel hat 36 Register auf zwei Manuale und Pedal. Die Disposition der Orgel lautet:
I Hauptwerk C–g31. Bourdon 16′2. Prinzipal 8′3. Gedeckt 8′4. Gamba 8′5. Unda maris 8′6. Oktave 4′7. Rohrflöte 4′8. Quinte ′9. Superoctave 2′10. Cornet V 8′11. Mixtur V ′12. Trompete 8′13. Charmade 8′ II Schwellwerk C–g314. Diapason 8′15. Flûte harmonique 8′16. Bourdon 8′17. Salicional 8′18. Voix céleste 8′19. Preastant 4′20. Flûte octaviante 4′21. Nazard ′22. Oktavin 2′23. Tierce ′24. Larigot ′25. Fourniture IV 2′26. Basson 16′27. Trompette harmonique 8′28. Hautbois 8′ Tremulant Pedal C–f130. Prinzipalbass 16′31. Subbass 16′32. Octavbass 8′33. Violonbass 8′34. Flötenbass 4′35. Posaunenbass 16′36. Trompetenbass 8′ Koppeln: II/I, II/II 16′, I/P, II/P
Glocken Die fünf Kirchenglocken mit den Namen Martinus-, Kreuz-, Marien-, Christus- und Dreifaltigkeitsglocke wurden 1964 von der Glockengießerei Bachert in Heilbronn gegossen und im Dezember desselben Jahres geweiht. +Übersicht der Glocken von St. Karl BorromäusGlockeNameGlockengießerGussortGussjahrSchlagtonGewichtI.MartinusglockeBachertHeilbronn1964b380 kgII.Kreuzglockeg660 kgIII.Marienglockef960 kgIV.Christusglockees1.400 kgV.Dreifaltigkeitsglockec2.500 kgQuintessenz. Jg. 49. 2021, o. S.
Sonstiges Im Juli 2022 gab sich ein junger Mann in Winnenden fälschlicherweise als katholischer Priester aus und zelebrierte in St. Karl Borromäus mehrere Messen; dabei taufte er auch ein Kind. Der zur Tatzeit 22-Jährige vorbestrafte Hochstapler entwendete auch die Bankkarte der Kirchengemeinde und hob mehrere Tausend Euro ab. Der Gemeinde entstand so ein Schaden in Höhe von rund 5.500 Euro. Das Amtsgericht Stuttgart verurteilte den Mann, der wegen anderen Delikten bereits im Gefängnis gesessen hatte, wegen Missbrauch von Titeln und Berufsbezeichnungen sowie wegen Diebstahl, Computerbetrug und Betrug zu einer Haftstrafe von 15 Monaten.
Literatur Kath. Kirchengemeinde Winnenden (Hrsg.): 25 Jahre – Katholische Kirchengemeinde Winnenden 1958–1983. Winnenden 1983. Kath. Kirchengemeinde Winnenden (Hrsg.): 40 Jahre St. Karl Borromäus – Katholische Kirchengemeinde Winnenden 1958–1998. Kath. Kirchengemeinde Winnenden (Hrsg.): St. Karl Borromäus Winnenden – Festschrift zur Orgelweihe 8. Oktober 2000. Kath. Kirchengemeinde Winnenden (Hrsg.): 1958 bis 2008 – 50 Jahre Katholische Kirchengemeinde St. Karl Borromäus Winnenden. Rupert Kern, Erna Ullsperger: Kirchenführer St. Karl Borromäus. Winnenden 2025.
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Einzelnachweise
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