Sextet (Victoriaville) 2005 ist ein Musikalbum von Anthony Braxton. Die am 22. Mai 2005 auf dem Festival International de Musique Actuelle de Victoriaville entstandenen Aufnahmen erschienen 2005 auf Les Disques Victo.
Hintergrund Im Abstand von zwei Tagen entstanden während des Festival International de Musique Actuelle de Victoriaville 2005 die beiden Alben Duo (Victoriaville) 2005 (mit dem Gitarristen Fred Frith) und Sextet (Victoriaville) 2005; letzteres dokumentiert eine Aufführung seiner Komposition mit der Nummer 345 durch ein Sextett, dem neben Braxton (Saxophone) der Kornettist Taylor Ho Bynum, der Tubist Jay Rozen, die Bratschistin Jessica Pavone, der Bassist Chris Dahlgren und der Schlagzeuger/Vibraphonist Aaron Siegel angehörten. Diese Komposition wurde auch im Sommer bei Moldejazz und wenige Monate später in einem geringfügig anders besetzten Sextett (Carl Testa ersetzte Dahlgren) in Boston eingespielt und 2011 von Braxton auf Sextet (Boston) 2005 veröffentlicht.
Titelliste Anthony Braxton: Sextet (Victoriaville) 2005 (Les Disques Victo – VICTO CD 098) Composition No 345 1:08:53
Die Komposition stammt von Anthony Braxton.
Rezeption mini|Anthony Braxton auf dem Moers Festival (2007) Da die meisten von Braxtons notierten Werken Raum für Improvisation ließen, brächten der Kornettist Taylor Ho Bynum und der Tubist Jay Rozen zusammen mit dem Komponisten während der fast 69-minütigen Aufführung des Sextettstücks Schwung in das Geschehen, meint Ken Waxman (JazzWord). Lebhafter als seine Stücke mit „Ghost Trance Music“ erfordere die „Composition No. 345“ eine sonatenartige, häufige Wiederaufnahme des Hauptthemas, oft durch unisono Bläserstimmen. Das Andante aufgeführte Werk hebe komplementäre Nebenthemen hervor und lasse sie wieder fallen, ermögliche kontrapunktische Assoziationen, die oft die Form von Rozens elektronisch erweiterten Bindebögen oder Schwingungen von Aaron Siegels Vibraphon annehmen, ergänzt durch heuschreckenartige Zirptöne der Streicher der Bratschistin Jessica Pavone und des Bassisten Chris Dahlgren.
François Couture verlieh dem Album in Allmusic vier Sterne und schrieb, es handle sich um ein atemberaubendes Werk, das vor einem staunenden Publikum aufgeführt worden sei, das schon nach den ersten Tönen überzeugt gewesen sei. Nach einer Pause von einigen Jahren sei Anthony Braxton 2005 nach Victoriaville zurückgekehrt, um eine neue Besetzung vorzustellen. Dieses Sextett aus jungen Musikern (mit Ausnahme des erfahrenen Tubisten Jay Rozen) sei, gelinde gesagt, beeindruckend. Taylor Ho Bynum sei ein fulminanter Trompeter, der schnell den Status eines Toshinori Kondo erreiche. Die Geigerin Jessica Pavone würde sich fast mühelos durch das 68-minütige Stück bewegen, und Bassist Chris Dahlgren übe oft starken Druck auf den Bogen aus, um einen rauen, texturierten Klang zu erzielen, der an eine Fuzz-Gitarre erinnere. Rozens Tuba werde elektronisch bearbeitet, was sie zeitweise ebenfalls einer Noise-Gitarre annähere und diesem speziellen Sextett einen raueren Klang verleihe, als es Braxton-Fans gewohnt seien. Der Perkussionist Aaron Siegel hingegen bleibe eher unbemerkt und spiele die Partitur durch, ohne Funken zu sprühen. „Composition No. 345“ zeichne sich durch eine bemerkenswerte Balance zwischen Abstraktem und Gefühlvollem aus, Struktur seidig sorgfältig durch Abschnitte freier Improvisation und scheinbar zufällige Passagen notierter Tutti-Passagen verborgen, doch seine komplexen Formen und halbparallelen Linien offenbarten sich nach einigen Durchläufen. Unter seinen Kompositionen besteche „No. 345“ durch eine atemberaubende Komplexität, bleibe dabei jedoch fest im Moment des Spielens verankert und fessle den Zuhörer mit jeder Wendung. Selbst für Braxtons Verhältnisse sei dies kein leicht zugängliches Hörerlebnis, dennoch ein Muss für jeden Fan.
Im Jahr 2005 habe Braxton sein Ensemble auf eine überschaubarere Größe reduziert, wodurch seine kompositorischen Ideen klarer zur Geltung kämen und eine gelungene Verschmelzung von Improvisation und Komposition ermöglicht werde, lobte Chris Kelsey in JazzTimes. Befreit von überflüssigem Ballast würden die melodischen Ideen klarer, die Zusammenhänge weniger verworren. Bynum sei wieder einmal großartig; seine gewundenen Linien und sein fantasievoller Umgang mit dem Klang eine wahre Freude. Rozen agiere als einfallsreicher und auffallend flüssiger Improvisator auf dem großen Horn und liefere eine unendlich melodische Grundlage, doch die anderen Musiker seien eher durchwachsen. Pavone spiele gelegentlich unangemessen schrill und wenig subtil. Dahlgren höre zwar offensichtlich zu, werde aber durch Rozen überflüssig. Siegel agiere statisch, aber geschmackvoll. Am Saxophon sei Braxton wie gewohnt herausragend. Wie es in letzter Zeit seine Art ist, setze er Stille und Klangfarbenkontraste ein, was teilweise gute Wirkung zeige. Auch wenn es kaum zu Braxtons besten Werken zähle, sei es doch mehr als gut, „und die Kombination aus Braxton, Bynum und Rozen verspricht, dass noch Besseres kommen wird“.
Einzelnachweise
Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Album (Neue Improvisationsmusik) Kategorie:Album 2005 Kategorie:Livealbum Kategorie:Anthony-Braxton-Album