Ralph Oliver Schill (* 24. August 1970 in Stuttgart) ist ein deutscher Zoologe, Hochschullehrer, Redakteur und Autor, tätig am Institut für Biomaterialien und biomolekulare Systeme der Universität Stuttgart. Einer seiner Schwerpunkte ist die Erforschung der mikroskopisch kleinen Bärtierchen (Tardigrada).
Leben und Wirken
Beruflicher Werdegang Ralph Schill wuchs in Sindelfingen auf. Schon früh interessierte er sich für die Tierwelt, war begeisterter Schnorchler, inspiriert durch Filme von Jacques Cousteau und Hans Hass. Nach dem Besuch der Realschule absolvierte er eine Berufsausbildung zum Chemikanten bei IBM Deutschland, erwarb für einige Monate berufliche Praxis im Chemical Distribution Center der Firma in Böblingen, wechselte danach auf die Technische Oberschule Stuttgart (1990–1992) und begann nach seinem Zivildienst 1993 ein Biologiestudium an der Eberhard Karls Universität in Tübingen und für ein Semester an der Universität Rostock, das er 1999 in Tübingen mit dem Diplom abschloss.
Begleitet war sein Studium und die anschließende Promotionsphase durch Auslandsaufenthalte zur Vertiefung seiner Interessen, beispielsweise an der University of the West Indies, Kingston, Jamaika, Center for Marine Science, Discovery Bay Marine Lab oder an der Oregon State University, Corvallis, Oregon, USA, Dept. of Environmental and Molecular Toxicology.
2002 promovierte er am Zoologischen Institut über „Stressreaktionen von Invertebraten unter dem Einfluss von habitatspezifischen Umweltfaktoren: Interaktionen natürlicher und anthropogener Stressoren“ bei Heinz-Rüdiger Köhler in der Abteilung Physiologische Ökologie der Tiere.
Parallel zum Studium trat er dem Verband Deutscher Sporttaucher (VDST) bei und wurde Fachbereichsleiter Umwelt und Wissenschaft. Von 2013 bis 2021 war Schill Vorstandsmitglied des Welt-Tauchverbands CMAS und Vorsitzender der Wissenschaftskommission. In dieser ehrenamtlichen Funktion betätigte er sich mit der Förderung von wissenschaftlichen Unterwasser-Forschungsarbeiten und der Entwicklung von umweltverträglichem Tauchen.
Mit der Bärtierchenforschung begann Schill noch in Tübingen am Zoologischen Institut in der Abteilung physiologische Ökologie der Tiere. 2003 wechselte er als Privatdozent an die Universität Stuttgart ins Institut für Biomaterialien und biomolekulare Systeme. Dort etablierte er schrittweise eine weltweit anerkannte Forschungsgruppe für Bärtierchen.
2016 wurde Schill zum außerplanmäßigen Professor berufen. Seine Arbeitsfelder sind vorrangig Biodiversität und Reaktion von land- und wasserlebenden Tieren (vor allem Wirbellosen) auf Umweltstress, ergänzt durch ökologische und taxonomische Fragen. In seiner Lehrtätigkeit verbindet er diese Gebiete mit seinen Kenntnissen zum wissenschaftlichen Tauchen.
Forschungsschwerpunkt Bärtierchen Am Institut pflegt Schill seinen eigenen „Bärtierchenzoo“. Das Bärtierchen Milnesium inceptum wurde zum Modellorganismus für das Verstehen der Mechanismen und Anpassungsreaktionen, die sein Überleben unter extremen Bedingungen wie Austrocknung (Anhydrobiose) und Kälte (Kryptobiose), auch unter Weltraumbedingungen, ermöglichen. Dabei erforschen Schill und sein Team die Alterungsprozesse und entdeckten, dass Bärtierchen im gefrorenen oder getrockneten Zustand ihre innere Uhr anhalten und daher nicht altern. Die Bärtierchen schützen ihre Zellen und DNA durch eine spezielle Protein-Zucker-Mischung. Diese Erkenntnisse sollen auf praktische Anwendungen übertragen werden, beispielsweise die Konservierung von Blutkonserven, Stammzellgewinnung, Strahlentherapien zur Krebsbekämpfung.
Schill dokumentiert auch die Artenvielfalt der Bärtierchen und hat weltweit schon mehrere Arten entdeckt, auch im Nationalpark Schwarzwald, darunter das Ramazzottius kretschmanni – im Jahr 2025 zu Ehren von Winfried Kretschmann, damaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, so benannt. Zusammen mit Rolf Schuster erstellte Schill eine Checkliste von in Deutschland vorkommenden Bärtierchen-Arten, dabei auch Arten, die erstmals in Deutschland entdeckt und beschrieben wurden. Für die Herausgabe und Mitarbeit an dem Standardwerk über die Ergebnisse von 200 Jahren Bärtierchenforschung Entdeckung und Vorkommen von Tardigraden (Bärtierchen) in Baden-Württemberg (Water Bears: The Biology of Tardigrades) erhielt er 2019 den Walter-Schall-Preis der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg.
Weitere Aktivitäten und Mitgliedschaften (Auswahl) Seit 2006 ist Schill in der Gesellschaft für Biologische Systematik (GfBS) ehrenamtlich aktiv. Als Vorstandsmitglied und Schriftleiter erhielt er im März 2024 für seine Verdienste um Herausgabe und Redaktion des Newsletters die Ehrennadel der Gesellschaft.
Schill ist auch in der Jugendbildung engagiert. Er verfasste einige Sachbilderbücher zu Naturthemen für Kinder und ist seit 2016 Juror beim Wettbewerb „Jugend forscht“ Baden-Württemberg.
Zwischen 2016 und 2020 gründete Schill verschiedene Unternehmen, darunter die aquatil gGmbH, eine gemeinnützige Organisation für Entwicklung, Durchführung und Auswertung von Wasser- und Unterwasser-Projekten. Im Blickfeld sind dabei gebietsfremde Arten (Neobiota), wie beispielsweise der Nordamerikanische Ochsenfrosch oder die Quagga-Dreikantmuschel und deren Einfluss auf die Biodiversität. Zum Programm gehören auch Citizen-Science-Projekte.
Ralph O. Schill lebt mit seiner Familie in Tübingen.
Veröffentlichungen (Auswahl)
Wissenschaftliche Publikationen
250 years of tardigrades: Goeze's discovery of a rare and peculiar creature. In: Organisms Diversity & Evolution, Band 25, 2025, S. 1–2.
mit Rolf Schuster: Checklist of tardigrades in Germany as a contribution to biodiversity research. In: Organisms Diversity & Evolution, Springer Nature Link, 4. April 2025, S. 167–187.
mit Jessica Sieger, Franz Brümmer, Hyunsoo Ahn, Seung Geol Lee, Sanguk Kim: Reduced ageing in the frozen state in the tardigrade Milnesium inceptum (Eutardigrada: Apochela). In: Journal of Zoology, 318, 2022, S. 253–259.
Entdeckung und Vorkommen von Tardigraden in Baden-Württemberg. In: Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg, Jahrgang 176, Stuttgart 2020, S. 403–432.
mit Franz Brümmer, Nadia Shegeftfard, Jennifer Tersteegen, Werner Vetter: Zur Biologie und Ökologie der Dreikantmuscheln Dreissena polymorpha (Zebra-Muschel) und Dreissena rostriformis bugensis (Quagga-Muschel) (Bivalvia: Dreissenidae) sowie zu deren Verbreitung in Baden-Württemberg. In: Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg, 176. Jahrgang, Stuttgart 2020, S. 319–390.
als Hrsg.: Water bears: the biology of Tardigrades. Springer Verlag, Cham (Schweiz) 2018, ISBN 978-3-319-95701-2.
mit Steffen Hengherr: Dormant stages in freshwater bryozoans – An adaption to transcend environmental constraints. In: Journal of Insect Physiology, Band 57, 2011, S. 595–602.
Bärtierchen und die Kunst des Überlebens. Von Biodiversität bis Biotechnologie. In: Wiley Online Library, 12. August 2010.
mit Franz Brümmer und Gerd Maack: Meeresbiologie: Spezialkurs zur Tauchausbildung. Delius Klasing, Bielefeld, Naglschmid, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-89594-096-5. mit Marcus Frohme und Franz Brümmer: Süßwasserbiologie: Spezialkurs zur Tauchausbildung. Delius Klasing, Bielefeld, Naglschmid, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7688-1915-2. Comparison of different protocols for DNA preparation and PCR amplification of mitochondrial genes of tardigrades. In: Journal of Limnology, Jg. 66, 2007, S. 164–170. Überleben als Tönnchen. In: Biologie in unserer Zeit. 34, 2004, S. 140.
Werke für Kinder
mit Paul Giraud: Ben, das Bärtierchen auf großer Reise rund um die Welt. Migo im Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg, 2020, ISBN 978-3-96846-000-0.
mit Harald Wolf: Inas und Oles Abenteuer im See. Verband Deutscher Sporttaucher (VDST) e.V., Offenbach 2016, ISBN 978-3-9817895-0-8.
Naturentdecker auf den Spuren von Ketchup. Tübingen 2019, ISBN 978-3-9820905-0-4.
Naturentdecker auf den Spuren von Spaghetti. Tübingen 2019, ISBN 978-3-9820905-1-1.
Weblinks
Webauftritt von Ralph O. Schill am Institut für Biomaterialien und bimolekulare Systeme der Universität Stuttgart Bücher und Schriften von Ralph O. Schill im Katalog Plus der Württembergischen Landesbibliothek (WLB) Bücher und Schriften von Ralph O. Schill im DNB Katalog
Einzelnachweise
Kategorie:Zoologe Kategorie:Hochschullehrer (Universität Stuttgart) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1970 Kategorie:Mann