mini|hochkant=1.5|Anzahl Internetbenutzer pro 100 Einwohnern zwischen 1997 und 2017 nach Angaben der Internationalen Fernmeldeunion (ITU). mini|hochkant=1.5|Die Anzahl Mobiltelefon-Kunden pro 100 Einwohner wuchs zwischen 1997 und 2014 sowohl in den Industriestaaten als auch in den Entwicklungsländern. mini|hochkant=1.5|Der Digitale Graben: Anzahl der Computer je 100 Einwohner, Karte aus dem Jahr 2006 mini|hochkant=1.5|Weltinformationsgipfel WSIS in Genf (2005).

Der Begriff digitale Kluft (), auch digitale Spaltung (, , , ), beschreibt Unterschiede im Zugang zu und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie, insbesondere dem Internet, zwischen Volkswirtschaften bzw. verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufgrund von technischen und sozioökonomischen Faktoren. Er bezieht sich sowohl auf regionale, nationale als auch internationale Unterschiede.Vgl. Carsten Friedland: Die digitale Kluft überwinden. Informations- und Kommunikationstechnologien in Afrika. Bundeszentrale für Politische Bildung, 2005. Zuletzt abgerufen am 2. Februar 2015.Vgl. Mirko Marr und Nicole Zillien: Digitale Spaltung. In: Wolfgang Schweiger, Klaus Beck (Hrsg.): Handbuch Online-Kommunikation. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010, S. 257–282. Der Begriff taucht seit Mitte der 1990er Jahre in der öffentlichen Diskussion auf und hat als ein Forum das „Digital Divide Network“. Aus der Forschung des mit diesem Begriff umgrenzten Gebietes im Bereich der Medien- und Kommunikationswissenschaften liegt in deutscher Sprache ein Lehrbuch vor (Zillien & Haufs-Brusberg 2014).

Der Begriff steht auch für die These, dass die Chancen auf einen Zugang zum Internet und die anderen (digitalen) Informations- und Kommunikationstechniken ungleich verteilt und stark von sozialen Faktoren abhängig sind, dass die im Zuge der differenten Internetnutzung entstehenden Wissensklüfte größer sind als jene, die auf die Nutzung älterer Medien bezogen sindZillien & Haufs-Brusberg 2014, S. 76, zitierend Wei & Hindman 2011, S. 229. und dass diese Chancenunterschiede ihrerseits gesellschaftliche Auswirkungen haben. Vereinfacht lässt sich sagen: Wer Zugang zu modernen Kommunikationstechniken hat, hat bessere soziale und wirtschaftliche Entwicklungschancen. Doch gibt es Rückkopplungen von Zugangs-, Nutzungs- und Wirkungsungleichheiten.

Herkunft und Entwicklung des Begriffs Der Begriff mit seinen verschiedenen und/oder verschiedensprachlichen Begriffsnamen ist durchaus noch in Entwicklung (vgl. Mirko Marr, 2005).Mirko Marr: Internetzugang und politische Informiertheit - zur digitalen Spaltung der Gesellschaft. UVK, Konstanz 2005. Zillien und Haufs-Brusberg schrieben 2014: „Mit der Weiterentwicklung der Digital-Divide-Forschung hat sich neben den auf eine Polarisierung zielenden Begriffen [auch unseren Lemmas] der Begriff der Digital Inequality etabliert, da dieser treffender die mannigfachen Ungleichheiten auf den Punkt bringt.“Zillien & Haufs-Brusberg 2014, S. 77.

Der Ausdruck digital gap wurde 1998 von Bill Clinton gebraucht.youtube.com Zu dieser Zeit hatte die US-amerikanische Telekommunikationsbehörde NTIA ihren Bericht "New Data on the Digital Divide" vorgelegt. Servon zitiert Autoren, die diese Wortkomposition den Journalisten Webber & Harmon in einem Artikel für die Los Angeles Times zuschreiben, in dem es um eine zerrüttete Ehe aufgrund der exzessiven Online-Nutzung des Ehemanns ging.Lisa J. Servon: Bridging the Digital Divide: Technology, Community and Public Policy. Malden 2002. Arnhold nimmt den südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki als Urheber des Begriffs an.Katja Arnhold: Digital Divide. Zugangs- oder Wissenskluft. Verlag Reinhard Fischer, München 2003. Der ehemalige Präsident der Markle Foundation, Lloyd Morrisett, wies auf Nachfrage von Benjamin M. Compaine 2001 die Urheberschaft für den Begriff von sich.Benjamin M. Compaine: The Digital Divide. Facing a Crisis or Creating a Myth? Cambridge/London 2001.

Definitionen Zur digitalen Spaltung und der Frage, wann sie geschlossen ist, oder nuancierter, welcher Art sich die spezifischen Ungleichheiten beeinflussen, gibt es verschiedene Konzeptionen. Ein MetaModell (Hilbert 2011) stellt basierend auf der Diffusionstheorie durch soziale Netzwerke einen konzeptuellen Rahmen für die verschiedenen Definitionen auf. Alle Arten von Studien und Projekten zur digitalen Spaltung können in die vier Kategorien dieser Frage eingeordnet werden: WER, mit WELCHEN Merkmalen, ist mit WAS für einer Technologie, WIE vernetzt:Martin Hilbert: The end justifies the definition: The manifold outlooks on the digital divide and their practical usefulness for policy-making. In: Telecommunications Policy. Band 35, Nr. 8, 2011, S. 715–736, doi:10.1016/j.telpol.2011.06.012. Kostenfreier Volltext (PDF; 1,4 MB). WER: Individuen, Organisationen/Gemeinschaften, Gesellschaften, Weltregionen mit WELCHEN Merkmalen: Einkommen, Erziehung, Geografie, Alter, Geschlecht, Art des Eigentums, Größe, Einträglichkeit, Sektor; ist mit WAS für einer Technologie: Telefon, Internet, Computer, digitaler TV WIE verbunden: lediglich Zugang, Benutzung, aktive Aneignung und Prozessintegration Das resultiert in einer Matrix mit vier Dimensionen, während jede Dimension aus verschiedenen Variablen besteht. Jede zusätzliche Variable vermehrt die kombinatorische Komplexität dieser vierdimensionalen Matrix exponentiell. Zum Beispiel, mit nur 3 verschiedenen Arten von Studiensubjekten (Individuen, Organisationen, oder Länder), jedes mit 4 verschiedenen Merkmalen (Alter, Reichtum, Geografie, Sektor), 3 verschiedenen Stufen des Zugangs (Zugang, Benutzung, aktive Aneignung), und 6 Arten von Technologien (Festnetztelefon, Mobiltelefon, Computer, digitales Fernsehen, Internet, Breitband mit einer gewissen Geschwindigkeit), ergeben sich bereits (3 × 4 × 3 × 6) = 216 verschiedene Definitionen der digitalen Spaltung. Jede dieser ist gleichermaßen gerechtfertigt und hängt ausschließlich vom Ziel ab, das der jeweilige Benutzer der Definition verfolgt. Wegen dieser großen Vielfalt von möglichen Definitionen ist es in der Praxis nicht wertvoll, nach „der“ Definition der digitalen Spaltung zu fragen. Die gewünschte Definition hängt vom Kontext und vor allem von der gewünschten Auswirkung und dem erwünschten Endeffekt des Technologieeinsatzes ab. Sprich, die Definition der digitalen Spaltung ist in der Praxis immer normativ ausgerichtet auf den erwünschten Effekt: Gegebenheiten eines gewünschten Effekts, WER, mit WELCHEN Merkmalen, sollte mit WELCHER Technologie, am besten WIE verbunden werden.

Die digitale Kluft in der öffentlichen Diskussion Der Begriff digitale Kluft wird sowohl auf die Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen innerhalb einer Gesellschaft als auch auf in Bezug auf die Unterschiede zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern angewandt. Der Begriff der Digitalen Kluft ist zugleich eine Anlehnung an die sogenannte Wissenskluft.vgl. Hanimann/Ruedin (2007).

Die Diskussion um diesen Begriff muss in Zusammenhang mit der seit den 1990er-Jahren verstärkt vertretenen These gesehen werden, nachdem die allgemeine Entwicklung auf eine Informations- oder gar Wissensgesellschaft zusteuert, in der die Zugriffsmöglichkeit und die Beherrschung dieser Technologien in hohem Maße für den persönlichen Erfolg einer Person entscheidend sein sollen.

Der Terminus „digitale Spaltung“ war der Anlass für den UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) 2003 in Genf und 2005 in Tunis. Dort fand der Begriff „digitale Spaltung“ breite Akzeptanz bei den Vertretern der Zivilgesellschaft und in den offiziellen Dokumenten. Welche Relevanz die digitale Kluft besitzt, ob sie größer oder kleiner wird, ist umstritten. Die Weltbank meldete 2005, die digitale Kluft schrumpfe – bezog sich dabei aber insbesondere auf die Nutzung von Handys.

Das Konzept der digitalen Kluft ist umstritten. Kritiker bemängeln, dass sich die digitale Kluft nicht empirisch belegen lasse. Insbesondere werde übersehen, dass die Entwicklungschancen weniger von technischen Gegebenheiten („Anschluss ans Netz“) abhängen, als von den Fähigkeiten der Menschen, mit diesen Techniken umzugehen. Die Diskussion um das Phänomen eines „Digital Divide“ verlagerte sich somit in den letzten Jahren weg von der reinen Trennung in Offliner und Onliner, hin zu einem mehrdimensionalen Konstrukt, welches neue Ungleichheiten innerhalb der Nutzung des Mediums identifiziert, und damit die Nutzerperspektive vermehrt an Bedeutung gewinnt.

Neuere StudienMichael Rößner: Partizipation, Exklusion und Inklusion von jugendlichen Mediennutzern im Internet: Zur lebensweltlichen Relevanz der barrierearmen Zugänglichkeit. Eine empirische Studie. 2010. geben Hinweise darauf, dass es nicht nur der Anstrengungen der Einzelnen bedarf, um jene „Digital Inequality“ zu vermindern, sondern dass auch die Gestaltung der Angebote selbst verantwortlich für diverse „Drop-Out-Szenarien“ sind. So zeigt es sich, dass selbst bei den so genannten „Digital Natives“, denen ein vermeintlich problemloser Zugang und ein selbstverständlicher Umgang mit dem Internet zugeschrieben wird, neben der Zugänglichkeit und Benutzerfreundlichkeit von Webseiten auch die ganz individuellen Kompetenzen auf Seiten der Nutzer entscheidend sind, um Inhalte auf Webseiten effektiv und effizient nutzen und einordnen zu können.

Die Niedrigschwelligkeit im World Wide Web ist also nicht nur vor dem Hintergrund von Menschen mit körperlichen Einschränkungen und des allgemeinen Bildungsgrades der Nutzer zu diskutieren, sondern es hat neben dem Erwerb individueller Kompetenzen und einer darauf abzielenden medienpädagogischen Vermittlung eben auch die Gestaltung ungleichheitssensibler und inkludierender Inhalte eine primäre und universale Bedeutung für die Verringerung eines „Second Level Digital Divide“.

Aufgrund solcher Kritik wird der Begriff „digitale Kluft“ längst nicht mehr nur im technischen Sinne (Konnektivität) verstanden. So sprach der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan im Zusammenhang mit der digitalen Kluft auch von einer inhaltlichen Kluft (content divide): „Vieles im Netz geht an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen vorbei. Und 70 Prozent der weltweiten Internetseiten sind auf Englisch und verdrängen die regionalen Stimmen und Sichtweisen“, so Annan auf dem Weltgipfel in Genf. Im Mai 2021 liegt der Anteil der englischsprachigen Websites im Internet bei 61,4 Prozent.

Überwindung der digitalen Kluft Auch wenn auf dem WSIS-Gipfel die Existenz einer digitalen Kluft unumstritten war, erzielten die Teilnehmerstaaten keine Einigung darüber, wie diese Kluft überwunden werden soll. Während viele arme Länder einen „Digitalen Solidaritätsfonds“ forderten, lehnten ihn die meisten Industriestaaten ab. Auch die deutsche Bundesregierung vertrat auf dem Gipfel die Position, dass die digitale Infrastruktur sich von selbst entwickle − vorausgesetzt, es gebe einen echten Wettbewerb, was in vielen Ländern nicht der Fall sei.

Eine der Hauptherausforderung beim Überwinden der digitalen Spaltung liegt in der Koordination der verschiedenen Projekte und Autoritäten, die sich daran beteiligen. Traditionellerweise wird die digitale Spaltung als Sache der Telekommunikationsautorität angesehen, wie der Bundesnetzagentur, oder der amerikanischen Federal Communications Commission (FCC) und NTIA, die auch die dazugehörigen Budgets verwalten. Diese Fonds sind jedoch nur ein sehr kleiner Teil davon, was der öffentliche Sektor als ganzes für die Bewältigung der digitalen Spaltung und der Einführung in die Informationsgesellschaft ausgibt (oft weniger als 5 %). Gesundheitsbehörden, Erziehungsministerien, oder die Finanzbehörden geben einen sehr viel größeren Teil von öffentlichen Geldern aus. Es gibt jedoch in wenigen Ländern ein Konzept, um diese fragmentierten Ressourcen zu koordinieren.