mini|Zigarren in Tubos in Holzkiste mit Zigarrenanschneider Eine Zigarre (älter auch Cigarre, aus , entlehnt von Maya sicar ‚rauchen‘, si’c „Tabak“ oder übertragen von spanisch cigarra „Zikade“ wegen der länglichen Form Der Oxford English Dictionary, Band III, Seite 214 nennt hingegen nur die zweite Erklärung.) ist ein aus Tabakblättern gerolltes Genussmittel. Sie wird konsumiert, indem sie an einem Ende entzündet und der Rauch durch das andere in den Mund gesogen wird.
Die Lagerung und das Rauchen von Zigarren wird – anders als bei Zigaretten – von vielen Rauchern aufwendig zelebriert. In manchen Teilen der Gesellschaft gilt das Zigarrenrauchen als Statussymbol. Von der kulturellen Wertschätzung des Zigarrenrauchens zeugt auch deren Behandlung in der belletristischen Literatur, beispielsweise bei Hermann Burger, der die Erzählstruktur seines Hauptwerks dem Aufbau einer Zigarre nachempfand.
Eine Zigarre besteht aus einer Einlage aus getrockneten und fermentierten Tabakblättern, die von einem Umblatt umschlossen werden. Diesen Teil der Zigarre nennt man Wickel. Für die Einlage werden je nach Format geschnittene oder ganze Tabakblätter verwendet. Das Deckblatt ist das äußerste, exakt geschnittene Tabakblatt. Die Einlage wird vom Umblatt in ihrer Form gehalten. Über dem Umblatt liegt dann das Deckblatt. Das zu entzündende Ende der Zigarre wird Zigarrenfuß genannt, jenes, das der Raucher im Mund hält, Zigarrenkopf. Viele Zigarren tragen nahe dem Kopfende eine häufig kunstvoll gestaltete Binde aus Papier, den Zigarrenring (umgangssprachlich auch als Bauchbinde bezeichnet), der Sorte und Manufaktur kennzeichnet.
Geschichte miniatur|Zigarrenmacher (Gemälde von J. Marx von 1889)
Menschen nutzten Tabak offenbar schon seit mindestens 12.000 Jahren – und damit wesentlich länger als bisher bekannt. Das bestätigen Ausgrabungen in der Großen Salzwüste im US-Bundesstaat Utah. Dort entdeckten Forscher in einer 12.300 Jahre alten Feuerstelle neben Werkzeugen und Tierknochen verkohlte Tabaksamen.
Die geografische Herkunft und historische Entwicklung der Zigarre ist nicht genau bekannt. In Südamerika wurde bereits vor drei bis vier Jahrtausenden Tabak in Tabakpfeifen und in anderen Formen geraucht. Manche indigenen Völker Südamerikas gebrauchten bei sakralen Ritualen zigarrenähnliche Tabakprodukte, durch die Priester mit ihren Göttern in Kontakt treten konnten. Dieses Privileg wurde später wohl auf Stammeshäuptlinge ausgeweitet.
Die weltweite Verbreitung der Zigarre geht auf die Kolonialzeit zurück. Christoph Columbus soll der erste Europäer gewesen sein, der bei seinen ersten beiden Entdeckungsreisen 1492 und 1493 auf der von ihm benannten Insel Juana, dem heutigen Kuba, mit dem Tabak in Kontakt kam. Zwei seiner Seeleute berichteten, dass die dortigen Ureinwohner Taíno zu Zylindern gedrehte Blätter rauchen würden. Die Seeleute importierten so das Rauchen über Spanien und Portugal bis nach Frankreich. Im 18. Jahrhundert brachten britische Seeleute und Soldaten kubanische Zigarren in die nordamerikanischen Kolonialgebiete, wo auf neu errichteten Plantagen bald Tabak angebaut und Zigarren hergestellt wurden.
Während des 19. Jahrhunderts war das Zigarrenrauchen in Europa sehr verbreitet und die Herstellung von Zigarren entwickelte sich zu einem wichtigen Industriezweig. In Deutschland konzentrierte sich die Herstellung auf die Regionen des Landes Baden und dem Königreich Preußen in Berlin sowie in der Provinz Westfalen mit den so genannten „Zigarrenstädten“ Bünde und Lügde. Die Tabakarbeiter gehörten zu den ersten Beschäftigtengruppen, die sich der entstehenden Arbeiterbewegung anschlossen. Im Jahr der Märzrevolution 1848 gründeten die Berliner Tabakarbeiter die Association der Cigarrenarbeiter Deutschlands, die schnell in 40 weiteren deutschen Städten Nachahmer fand. In der Schweiz wurde vor allem das Aargauer Dorf Menziken zum Standort der Zigarrenproduktion.
Der Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein, gegründet 1865 im Umkreis des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) und am selben Ort wie dieser, im Pantheon in Leipzig, war die erste zentral organisierte Gewerkschaft in Deutschland überhaupt. Binnen drei Jahren gewann sie 10.000 Mitglieder unter ihrem Mitgründer und Präsidenten Friedrich Wilhelm Fritzsche. Sie wurde zum Vorbild vieler neu gegründeter Gewerkschaften und ist eine der Vorläuferorganisationen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten., Volltext, Wilhelm Heinz Schröder: Arbeitergeschichte und Arbeiterbewegung. Industriearbeit und Organisationsverhalten im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Frankfurt 1978. v. a. S. 120–149, S. 237–253.
Die Zigarre hielt sich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts als beliebtes Genussmittel, verlor dann jedoch durch die Zigarette an Bedeutung. Etwa seit Beginn der 1990er Jahre ist eine Renaissance des Zigarrenkonsums zu beobachten, die in zahlreichen Fachgeschäften für kubanische und andere hochwertige Zigarren ihren Niederschlag gefunden hat. Das Rauchen von Habanos wird zum Teil in Clubs, Bars und der gehobenen Gastronomie zelebriert. 2018 wurden in Deutschland ca. 3 Milliarden Zigarren bzw. Zigarillos konsumiert.
Die Zigarre heute Handel Heute wird der Tabak für Zigarren vor allem in Mittelamerika, Südamerika und der Karibik angebaut. Besonders bekannt für ihre Zigarren sind Kuba, die Dominikanische Republik, Honduras, Nicaragua und Brasilien. Indonesien und die Philippinen sind zwei der wenigen Länder in Asien, die Zigarren herstellen; besonders die Insel Sumatra ist für ihre Zigarren bekannt. In vielen dieser Länder spielen Zigarren als Exportfaktor eine Rolle; dabei unterliegt die Tabakwirtschaft durch wetterbedingte Ernteausfälle großen Schwankungen.
Speziell in Kuba sind Zigarren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der im Jahr 1998 rund sieben Prozent des Exportvolumens ausmachte; produziert wurden offiziell 263,5 Mio. Zigarren, von denen rund die Hälfte exportiert oder in Duty-Free-Shops verkauft wurden. Das amerikanische Handelsembargo, das seit 1962 besteht, sollte eigentlich Kubas Wirtschaft schwächen. Es sorgte aber hauptsächlich dafür, dass das Image kubanischer Zigarren in den USA gerade durch ihre Illegalität noch anstieg. Man schätzt, dass allein zehn Prozent des kubanischen Exports an Zigarren in die USA geschmuggelt werden. 1997 wurden in den USA 4,46 Mrd. Zigarren verkauft.
Während des Embargos sank nach Meinung von Experten zeitweilig die Qualität kubanischer Zigarren, weil kein qualitativ hochwertiger Dünger importiert werden konnte. Tabaksamen wurden in Nachbarländer wie die Dominikanische Republik, Honduras und Nicaragua geschmuggelt, wo vergleichbare klimatische Bedingungen herrschen. Nach Fidel Castros Regierungsübernahme 1959 wanderten viele kubanische Zigarrenhersteller aus und nahmen damit ihr Expertenwissen mit.
In vielen Ländern ist der Verkauf von Zigarren mit einer Tabaksteuer belegt.
Herstellung mini|Tabakblätter in einem Trockenschuppen mini|Zigarren-Rolltisch und Zigarrenpresse mini|Video: Hausgewerbe des Zigarrenmachers. Werkstatt Wilhelm Prosten, Wockerath, 1974 Bereits beim Anbau spielt die spätere Verwendung des Tabaks eine Rolle. Es werden zwei Arten des Anbaus unterschieden. Der tabaco tapado („bedeckter Tabak“) wird unter Stoffbahnen angebaut, die die Pflanzen vor zu viel tropischer Sonne schützen, bei Bedarf aber weggeschoben werden können. Außerdem wird die Blüte nicht entfernt. So angebaut entwickeln sich dünne, sehr gleichmäßige und geschmeidige Blätter, die entgegen der landläufigen Meinung einen guten Anteil an der gesamten geschmacklichen Entwicklung der Zigarre haben. Diese Blätter sind sehr hochwertig und werden ausschließlich als Deckblatt (capa) verwendet. Das Deckblatt entscheidet auch, welcher Herkunft die Zigarre zugerechnet wird. Ein Deckblatt aus Brasilien macht aus der Zigarre etwa eine Brasil, die Einlage und das Umblatt kann dabei ebenfalls aus Brasilien stammen, muss aber nicht.
Der tabaco del sol („Tabak der Sonne“) hingegen wächst unter der tropischen Sonne auf, hier werden die Blüten frühzeitig entfernt und es entwickeln sich daher kräftige und geschmackvolle Blätter. Aus diesen Blättern werden später die Einlage (tripa) und die Umblätter (capote).
Es werden drei Sorten von Blättern unterschieden, die von der Position des Blattes an der Pflanze abhängen. Die oberen Blätter, die der Sonne am meisten exponiert waren, sind die kräftigsten. Sie werden ligero genannt. Die mittleren Blätter nennt man seco. Sie haben einen mittelstarken Geschmack. Die mildesten Blätter stammen vom unteren Ende der Pflanze. Diese nennt man volado. Bei der Einlage und dem Umblatt bewirkt eine Kombination der drei Sorten, die ligada, den typischen Geschmack einer jeden Zigarrenmarke. Bei den Deckblättern entscheidet die Position der Blätter über ihre Verwendung bei den einzelnen Formaten. Untere Blätter sind größer und können so für größere Formate verwendet werden.
Nach der Ernte, die in drei Schritten beginnend von volado hin zu ligero, von Hand erfolgt, werden die Tabakblätter einer natürlichen Trocknung unterzogen, wobei sie gleichzeitig einen Reifungsprozess durchmachen. Das Ziel ist, ihren Gehalt an Wasser zu reduzieren, ohne dass die Blätter verfaulen. Sie werden dafür zwischen 25 und 50 Tage lang teilweise abwechselnd der Sonne ausgesetzt und im Schatten gelagert, teilweise vollständig im Schatten gelagert. Dazu ist ein bestimmtes – idealerweise subtropisches – Klima notwendig sowie spezielle Lagerhäuser, um den Tabak zu lagern und zu belüften. Der Reifungsprozess ist auf die gewünschte Farbe der Blätter und auf die Tabakart abgestimmt.
Anschließend werden die Tabakblätter fermentiert. Auch dieser Vorgang muss ständig kontrolliert werden, damit die Blätter nicht verrotten, zerfallen, oder sich durch die Wärmeentwicklung während der Fermentation sogar selbst entzünden. Zur Regulierung des Prozesses und Verhinderung einer zu hohen Temperatur müssen die mehrere Meter großen Fermentationsstapel mehrmals umgestapelt werden. Erst während der Fermentation entstehen die spezifischen Aromen des Tabaks. Die Fermentationszeit beträgt zwischen vier und sechs Monaten, manchmal sogar bis zu acht Monaten.
Die gereiften und fermentierten Blätter werden nun von Hand sortiert. Erfahrene Tabakarbeiter achten hierbei auf Aussehen (bei den Deckblättern), Beschaffenheit und Bouquet der Tabakblätter. Blätter, die nicht den Anforderungen entsprechen, werden aussortiert und für Shortfiller, Zigarillos oder Zigaretten verwendet.
miniatur|Kubanischer Zigarrenroller
Nach dem Sortieren wird die Mittelrippe vornehmlich von Frauen, den Despalilladoras, entfernt. Diese Arbeit wird meist auf dem Schenkel ausgeführt. Das Rollen der Zigarre ist traditionell eine Männerarbeit, die erst in jüngster Zeit immer häufiger auch von Frauen erledigt wird. Nach dem Entfernen der Mittelrippe werden die Blätter für die Einlage ein zweites Mal fermentiert.
Hochwertige Zigarren werden von Hand gerollt. Ein erfahrener Zigarrenroller, ein sogenannter Torcedor, kann am Tag je nach Sorte zwischen 40 und 180 Zigarren rollen. Zunächst legt der Roller je nach Größe des Formats ein, zwei oder auch drei Umblätter vor sich auf den Tisch und stellt aus ligero, seco und volado die gewünschte Mischung zusammen. Die Einlage wird kunstvoll gefaltet, so dass der Rauch später gut durch kleine Kanäle strömen kann, und dann in das Umblatt eingerollt. Danach wird der Zigarrenrohling in einer Presse in seine endgültige Form gebracht.
miniatur|Handwerkszeug des Zigarrenrollers miniatur|hochkant|Zuschneiden des Deckblatts mit der Chaveta