mini|Lintorf von oben Lintorf ist ein Stadtteil im nordwestlichen Gebiet der Stadt Ratingen am Übergang des Vorlandes des Bergischen Landes in die niederrheinische Tiefebene. Eine bäuerliche Waldsiedlung am Dickelsbach wurde als Linthorpe im Jahr 1052 erstmals urkundlich erwähnt, die ältesten gefundenen Anzeichen für menschliche Besucher oder Bewohner sind dagegen etwa 13.000 Jahre alt. Um 1850 hatte die Siedlung erstmals über 1000 Bewohner. 1975 wurde das Dorf mit ca. 11.000 Einwohnern in die Stadt Ratingen eingemeindet. Im Jahr 2021 hatte Lintorf 15.109 Bewohner. Der Stadtteil grenzt im Norden an den Mülheimer Ortsteil Selbeck und den Duisburger Stadtteil Rahm und im Westen an den Düsseldorfer Stadtteil Angermund; er liegt auf einer Höhe von 35 Metern über NN und umfasst eine Fläche von 16,85 km² (2003, als Stadtteil).

Geographie Lintorf liegt an der vielbefahrenen Güterzugstrecke Duisburg–Düsseldorf, auf der zwischen 1876 und 1983 auch Personenzüge verkehrten. Der Ort ist umgeben von den Autobahnen A 52 (Essen-Düsseldorf, Ausfahrt Ratingen-Tiefenbroich), A 524 (Autobahnkreuz Breitscheid – Duisburg-Rahm (-Krefeld), Ausfahrt Ratingen-Lintorf), A 3 (Oberhausen-Köln, Ausfahrt A 52) und liegt im nördlichen Rand der Einflugschneise des Düsseldorfer Flughafens (3 km Luftlinie). Öffentliche Verkehrsmittel Öffentlicher Personennahverkehr Im ÖPNV ist Lintorf sehr gut erschlossen. Mehrere Buslinien verbinden Lintorf mit Ratingen und Düsseldorf, dabei verkehren die meisten in Richtung Düsseldorf-Derendorf S-Bahnhof und Düsseldorf Hbf. Dies sind die Schnellbuslinie 55 und die regulären Buslinien 752 und 754. Dabei verkehren die 752 außerhalb der Hauptverkehrszeit und die 754 stets über Tiefenbroich und Ratingen West, während die Schnellbuslinie 55 und die Buslinie 752 innerhalb der Hauptverkehrszeit direkt über die A 52 nach Düsseldorf fahren. Die Buslinie 751 fährt in die benachbarten Orte Angermund und Hösel und stellt dort den Anschluss an die S-Bahnen an den Bahnhöfen Angermund (S 1) an der Bahnstrecke Köln–Duisburg und Hösel (S 6) an der Ruhrtalbahn her, dabei liegt die S-Bahn-Station Angermund Lintorf am nächsten, die S-Bahn-Station Hösel ist aber in Richtung Essen die interessantere. In Lintorf verkehren zwei Ortsbus-Linien, die O 16 und die O 19. Die O 16 verkehrt in der einen Richtung nach Ratingen Mitte und Ostbahnhof und in der Gegenrichtung nach Breitscheid zur Stadtgrenze zu Mülheim-Mintard und Essen-Kettwig. Die O 19 verkehrt als Anruflinie nur innerhalb Lintorfs. Nachts verkehrt die Disco-Linie 1. Betrieben wird der gesamte ÖPNV von der Rheinbahn.

+ Übersicht der Buslinien in Ratingen-Lintorf Linie Linienweg / Takt / Anmerkungen

Schienenpersonennahverkehr Im SPNV ist Lintorf derzeit nicht erschlossen, es gibt jedoch Planungen, im Rahmen des „Zielnetzes 2040“ und der Reaktivierung des Personenverkehrs auf der Ratinger Westbahn einen S-Bahn-Halt in Lintorf zu errichten.

Geschichte Archäologische Funde innerhalb des Ortsgebietes setzen bereits im späteiszeitlichen Interstadial (GI 1) ein und gehören dem Zeitabschnitt des in Frankreich so bezeichneten Azilien an, der im Rheinland insbesondere durch die Kultur der „Federmessergruppen“ repräsentiert wird: „Im rechtsrheinischen Dünengelände bei Lintorf (Stadt Ratingen) wurde ein kleines Schieferplättchen gefunden, das auf beiden Seiten mit parallelen Linien versehen ist (Abb. 400,4); ein in unmittelbarer Nachbarschaft gefundenes Federmesserbruchstück macht eine Datierung in das Azilien (Federmessergruppen ca. 12.000 bis 10.750 v. Chr) wahrscheinlich.“Gerhard Bosinski: Urgeschichte am Rhein. Kerns Verlag, Tübingen 2008, S. 419.

Nur wenig später wurde auf demselben Fundplatz das Fragment einer zweiten gravierten Schieferplatte aufgelesen, die in einer akademischen Arbeit von Nathalie Powels an der Fakultät für Urgeschichte der Universität Köln analysiert und vorgestellt wurde.mini|alternativtext=größere Schiefergravur des spätaltsteinzeitlichen Fundplatzes in Ratingen-Lintorf|Die zweite auf dem spätaltsteinzeitlichen Fundplatz in Lintorf entdeckte Schiefergravur (Thomas van Lohuizen/Umzeichnung Nathatlie Powels)

In dieser Zeit waren Elch, Hirsch und Ur die wichtigsten Jagdtiere. Der Beleg des Federmessers aus baltischen Feuerstein überliefert für den Lintorfer Rastplatz die gesicherte frühe Form einer Pfeilspitze. Die weiträumige Verbreitung dieser Projektile dokumentiert die zunehmende Ausbreitung der Jagd mit Pfeil und Bogen im westlichen Mitteleuropa. Ein weiterer wichtiger rechtsrheinischer Fundplatz der Federmessergruppen im Rheinland wurde nur wenige Kilometer nordwestlich von Lintorf bei Düsseldorf-Angermund entdeckt.

In der Folgezeit wurde derselbe Dünenzug wiederholt von Jägern und Sammlern der Nacheiszeit (jüngere Dryaszeit/Dryas III; ab ca. 9650 v. Chr.) aufgesucht. Kleine Personengruppen von wildbeuterisch lebenden Sammlern und Jägern des Mesolithikums hinterließen dort im Verlauf ihrer Aufenthalte Kernsteine und Abfallstücke der Grundformproduktion, kleinformatige Klingen, kurze Kratzer und einige bereits fertig gestellte und fein retuschierte kleinformige Geräteeinsätze (sog. „Mikrolithen“). Verwendet wurde weit bevorzugt baltischer Feuerstein, der in guter Qualität im östlichen Ortsgebiet und über das angrenzende Ortsgebiet von Ratingen-Breitscheid hinaus, bis zur Ruhr hin in den glazialen Geschiebeablagerungen aufgelesen werden konnte.

Aus der Jungsteinzeit ist aus Lintorf der Fund einer vollständig erhaltenen Beilklinge des Typs „Durrington“ aus alpinen Mineralgestein besonders hervorzuheben. mini|Beilklinge vom Typ „Durrington“ (Länge 8,4 cm) aus dem Mineralgestein Eklogit vom Monte Viso (Italien) gefunden 1995 in der Flur „Im Soestfeld“ in Lintorf Das extrem seltene Artefakt konnte im Verlauf der Anlage eines Regenwasserrückhaltebeckens in der Flur „Im Soestfeld“ in seiner vermutlich kultisch begründeten aufrecht stehenden Deponierung beobachtet werden. Das verwendete Gestein wurde am Mineralogischen Institut des Königlichen Afrikamuseum in Tervuren (Belgien) analysiert. Es entstammt einem archäologisch erschlossenen jungsteinzeitlichen Steinbruch von Eklogit auf dem Monte Viso auf Italienischen Gebiet in den Cottischen Alpen. Die senkrechte Auffindungsposition der Beilklinge, die mit dem Nacken nach unten und der Schneidenpartie nach oben ausgerichtet worden war, entspricht Beobachtungen im gesamten Verbreitungsgebiet solcher Beilklingen im westlichen Mitteleuropa. Die Weitergabe der seltenen, praktisch kaum einmal verwendeten Beilklingen aus den grünfarbigen alpinen Mineralgesteinen Jadeitit, Eklogit und Omphacit, verlief von den südlichen Produktionsstätten ausgehend, über die Flussläufe der Rhône, der Mosel und des Rheins bis nach Großbritannien und Dänemark. Der Lintorfer Fundbeleg entstammt einer frühen Produktionsphase der alpinen Beilklingen aus Mineralgesteinen und datiert über Vergleichsstücke in die Zeit des 5. Jahrtausends v. Chr. Als sehr wahrscheinliche „Kultobjekte“ wurden insbesondere die großformatigen alpinen Beilklingen im gesamten westlichen Mitteleuropa bis zu eintausend Jahre lang von Generation zu Generation weiter gegeben, bevor sie zuletzt, wie hier in Lintorf, in Deponierungen niedergelegt wurden. Spätestens im Verlauf des 3. Jahrtausends v. Chr. wurden die mutmaßlichen Kultbeilklingen in ganz Europa in Paaren oder einzeln, überwiegend in der Nähe von Gewässern, gelegentlich auch in Höhlen und in komplexen Grabanlagen niedergelegt. Damit scheint ein grundlegender kultureller Wandel verbunden gewesen zu sein. Das in Lintorf geborgene kleinformatige Exemplar fand sich im südlich gelegenen Auenbereich des Dickelsbaches. Es repräsentiert eine sehr frühe und charakteristischerweise kleinformatige Form der alpinen „Prunkbeilklingen“ in der typologischen Abfolge.

Rund um den heutigen Ort finden sich auch aus späterer Zeit vielfältige Hinweise auf Siedlungen der Eisen- sowie der römischen Kaiserzeit. Für die späte Eisenzeit fällt eine größere Anzahl der Bruchstücke von spätlaténezeitlichen Glasarmringfragmenten auf.

Aus der römischen Kaiserzeit sind Grabfunde bekannt, die beim Bau der ev. Kirche aufgedeckt wurden, sowie reiche Keramik- und Knochenfunde dieser Zeit, die bei der Anlage einer Kanaltrasse westlich des Beeker Hofes und bei Anlage eines Regenrückhaltebeckens in der unmittelbar angrenzenden Flur „Im Soestfeld“ zutage kamen.Mirschenz Manuela: Fließende Grenzen; Studien zur römischen Kaiserzeit im Ruhrgebiet; Rahden/Westf.: Leidorf, 2013 in: Bochumer Forschungen zur Ur- und frühgeschichtlichen Archäologie; Bd. 6., S. 169 Eine Goldprägung des Kaisers Valens (328–378 n. Chr.), die im 19. Jh. in der Flur im Soestfeld entdeckt wurde und ein Follis, eine Kleinmünze Konstantin des Großen (270/288–337 n. Chr.) geben noch für das 4. Jahrhundert n. Chr. den Hinweis auf einen offenbar intensiven Austausch mit der Römischen Provinz in dieser grenznahen Region.

mini|Follis CONSTANTINVS II gefunden in Ratingen-Lintorf in noch ungereinigten Fundzustand Am 4. Juli 2022 wurde im Verlauf einer Oberflächenprospektion zur Vorbereitung einer Baumaßnahme, eine weitere Kleinmünze (Follis) der Konstantinischen Dynastie entdeckt. Es handelt sich um die Emission eines Sohnes Konstantin des Großen, Konstantin II. (Flavius Claudius Constantinus/römischer Kaiser von 337 bis 340). Als Kaiser wendete er sich im Jahr 340 gegen seinen mitregierenden Bruder Constans und starb im Kampf nahe der italienischen Stadt Aquileia. In der Gesamtübersicht von Funden der römischen Kaiserzeit bestand in Lintorf ein überraschend weitläufiges germanisches Siedlungsgelände. Gerade die beiden Kleinmünzen (Follis) zeigen an, dass Lintorf im 4. Jh. offenbar zum der Rheingrenze vorgelagerten Wirtschaftsraum des spätrömischen Reiches gehört hat, in dem sich auch solche Kleinnmünzen im Umlauf befanden. Die großflächige germanische Siedlung bei Ratingen-Lintorf befindet sich seit der Neugestaltung der Ausstellung im Rheinischen Landesmuseums in Bonn im Jahr 2023 auch auf der dort mit ausgestellten Landkarte der römischen Rheingrenze mit den rechtsrheinisch begleitenden einheimisch-germanischen Siedlungen.

Im Mittelalter war das rechtsrheinische Gebiet zwischen Ruhr und Düssel weitgehend ein großes Waldgebiet, in dem eine „Mark Linthorpe“ 1052 angeführt wurde.Jahrbuch des Düsseldorfer Geschichtsverein. In: Micellen. 1889, Band 4, S. 253. Darin lag eine bäuerliche Streusiedlung, die urkundlich ebenfalls erstmals im Jahre 1052 erwähnt wurde.Michael Buhlmann: Quellen zur mittelalterlichen Geschichte Ratingens und seiner Stadtteile. Teile I und II in: Die Quecke, Band 69 (1999), S. 90–94; Teil III in: Die Quecke, Band 70 (2000), S. 74–79.Michael Buhlmann: Ratingen bis zur Stadterhebung (1276). Zur früh- und hochmittelalterlichen Geschichte Ratingens und des Ratinger Raumes. In: Ratinger Forum, Band 5 (1997), S. 5–33. Diese Streusiedlung war rund um den Dickelsbach angelegt worden, der in Ratingen-Hösel entspringt und etwa 15 km nördlich in Duisburg in den Rhein mündet. Der kleine Bach war jahrhundertelang die Lebensader des Ortes. So trieb er viele Mühlen an und diente als Wasserreservoir für Mensch und Tier. Oft versetzte er die Bewohner des auf der Niederterrasse des Rheins gelegenen Ortes in Not, wenn er über die Ufer trat und Dorf und die mageren Äcker überflutete. Archäologische Funde belegen eine menschliche Besiedlung Lintorfs bis zurück in die Eisenzeit. Im Hoch- und Spätmittelalter waren in Lintorf Besitztümer aus Düsseldorf-Gerresheim, des Klosters Werden sowie Allodien der Grafen von Berg angelegt. Bis weit in die Gegenwart hinein sind viele Immobilien sowie Land- und Waldflächen im Besitz der Grafen von Spee, die die Lintorfer Geschichte lange als Grundbesitzer prägten. mini|Kuxschein der Gewerkschaft Lintorfer Erzbergwerke vom 5. September 1899 mit den Unterschriften der Grubenvorstände August Haniel und Heinrich Lueg