mini|Synnøve Anker Aurdal (1908–2000) Synnøve Anker Aurdal, geborene Synnøve Anker, spätere Synnøve Anker Aurdal Eikaas, (* 8. Dezember 1908 in Christiania; † 2. April 2000 in Oslo) war eine norwegische Textilkünstlerin während der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie führte prestigeträchtige staatliche Aufträge aus, wie die Ausstattung der Håkonshalle in Bergen, und sie vertrat Norwegen bei der Biennale 1982 in Venedig. Ihre Werke hängen in allen norwegischen kunstgewerblichen Museen, im norwegischen Parlament und in der isländischen Nationalbibliothek, im königlichen Schloss, im Regierungsgebäude und in vielen anderen öffentlichen Räumen. Neben anderen Ehrungen wurde sie 1980 zum Ritter des Sankt-Olav-Ordens ernannt und ab 1983 erhielt sie das Staatliche Ehrengehalt für Künstler.
Ihre frühen Arbeiten waren Wandteppiche in traditioneller norwegischer Technik und Musterung. Später wandelte sich ihr Stil hin zu vertikal orientierten großen Flächen in intensiven Farben. Durch die Verwendung von Applikationen, wie Kupferdraht und Perlenketten, wurden ihre Arbeiten dreidimensional und die rechteckigen Teppiche zu biomorphen textilen Skulpturen. Noch nach ihrem Tod, der sie mit 91 Jahren am Webstuhl ereilte, wurde sie mehrmals durch Retrospektiven in norwegischen Museen geehrt.
Leben und Werk Familie
Synnøve Anker ist eine Angehörige der prominenten norwegischen Familie Anker (ursprünglich Ancher), die aus Schweden stammt und 1668 in Kristiania Fuß fasste. Sie ist eine Enkelin von Herman Anker, dem Begründer der ersten Volkshochschule Norwegens. Die Frauenrechtlerinnen Katti Anker Møller und Ella Anker sind ihre Tanten. Zwei weitere Tanten heirateten in die (ebenfalls prominente) Familie Castberg ein.
Synnøve Anker war die Tochter des Oberingenieurs Nils Botvid Anker (1878–1943) und der Klavierlehrerin und späteren Kunsthandwerkerin Gudrun Nilssen (1875–1958). Sie hatte einen Bruder, Øyvind (* 1904), und die Schwestern Ella (* 1903), Aagot (* 1907), Ida Bojsen (* 1915) und Gudrun (* 1917). Øyvind Anker wurde Bibliothekar und Literatur-, Musik- und Theaterhistoriker. Ella Anker war in ihrer Jugend Schauspielerin und heiratete den Verfassungsjuristen Frede Castberg.
mini|Synnøve Anker Aurdal (Foto 1964) Nils und Gudrun Anker hatten einige Jahre in Frankfurt gelebt, wo auch Ella und Øyvind geboren wurden. Um 1905 kehrte die Familie nach Kristiania zurück. 1910 wohnte sie in Elisenbergveien 3 in der 2. Etage; der Familienvater arbeitete als Abteilungsleiter im Kanalbauamt. 1920 lebte die Familie in Fåberg (heute ein Ortsteil von Lillehammer und zu Innlandet gehörig), wo Nils Anker für die Elektrizitätsversorgung im Fylke Oppland verantwortlich war.
Synnøve Anker heiratete im Kriegsjahr 1944 den deutlich älteren Maler Leon Aurdal (* 23. Januar 1890 in Bergen; † 25. Januar 1949 in Oslo), Sohn des Buchhalters Bastian Aurdal und der Severine Grebstad. In den 1940er Jahren wurde sie als Künstlerin unter dem Namen Aurdal bekannt, und dies blieb auch ihr Künstlername während ihrer zweiten Ehe. Synnøves einziges Kind, die bereits 1937 geborene Tochter Siri Aurdal, wurde ebenfalls Künstlerin und für ihre monumentalen Rauminstallationen bekannt.
Kurz nach dem Tod von Leon 1949 heiratete Synnøve erneut, diesmal einen jüngeren Mann, den Maler, Grafiker und Bildhauer Ludvig Eikaas (* 20. Dezember 1920 in Jølster (heute Sunnfjord); † 5. September 2010), Sohn des Landwirts Daniel Eikaas (* 1896) und der Synnøve Svidal (* 1895).
Am 1. April 2000 erlitt Synnøve Anker Aurdal, 91 Jahre alt, einen Schlaganfall, „während sie am Webstuhl voll bei der Arbeit war.“ Am nächsten Tag verstarb sie im Osloer Lovisenberg-Krankenhaus (Lovisenberg Diakonale Sykehus). Sie wurde am 11. April um 14:30 in der Neuen Kapelle des Vestre Krematoriums verabschiedet. Ihr Grab befindet sich am Vestre gravlund (Feld 314, Grab 11).
Anfangsjahre Synnøve Anker „begann ihre künstlerische Laufbahn fest verwurzelt in der alten norwegischen Webtradition; später erweiterte sie die Grenzen der norwegischen Textilkunst.“ Schon als Kind erhielt sie durch ihr kulturaffines Elternhaus künstlerische Anregungen. Als junges Mädchen begeisterte sie sich für die im Museum Maihaugen ausgestellten Textilien aus der Sandvigschen Sammlung, gewebte wollene Wandteppiche, Bettdecken und Kleidungsstücke aus dem Gudbrandsdalen. Einzelne Stücke kopierte sie und verwendete sie später als Vorlagen für eigene Werke. Auf diese frühe Erfahrung „geht ihr fundiertes Wissen über und ihre enge Beziehung zu den alten norwegischen Wandteppichen zurück.“
Ihre formale Ausbildung erhielt Synnøve Anker an der Webschule der Schwestern Karen und Ragnhild Prestgard in Lillehammer und später an der Statens kvinnelige industriskole, einer handwerklichen Fachschule für Frauen, die sie 1935 abschloss. In der Fachschule hatte sie Zeichnen und Flachweben gelernt und nach dem Schulabschluss gründete sie zusammen mit ihrer Freundin Randi Holthe eine Weberei und Webschule in Majorstuen in Frogner.
In den 1930er Jahren waren Synnøve Ankers Arbeiten flächig und ornamental. Die Kompositionen waren oft symmetrisch und wiesen Merkmale des internationalen Art-déco-Stils jener Zeit auf. Nach der Geburt ihrer Tochter Siri 1937 musste Synnøve Anker den Unterricht an der Webschule aufgeben. Im Entwerfen von Mustern für Modezeitschriften fand sie eine neue Verdienstmöglichkeit.
Debüt mini|Håkonshalle: Høyseteteppet (1958–1961) 1941 stellte Synnøve Anker zum ersten Mal aus; im Osloer Kunstnerforbundet, gemeinsam mit ihrem Lebenspartner. Während Leon Aurdal Gemälde präsentierte, zeigte Synnøve Anker gewebte und applizierte Vorhänge, Kissen und Teppiche nach eigenen Entwürfen, aber auch einige nach alten Vorlagen angefertigte Textilien. In den Kriegsjahren und danach waren Wolle und Garn Mangelware und Synnøves Idee, alte Stoffreste in ihre Webstücke einzuarbeiten, wurde gut aufgenommen. Daraufhin wand sie in ihren Arbeiten vermehrt Applikationstechniken an: „Sie färbte das Garn selbst und schuf durch Stickerei und Applikation Teppiche mit strenger ornamentaler Komposition.“
1946 stellte Synnøve Anker Aurdal erneut im Kunstnerforbundet aus, diesmal gemeinsam mit ihrer 71-jährigen Mutter Gudrun Anker, die sich erst seit einigen Jahren autodidaktisch die Textilkunst angeeignet hatte. Synnøve präsentierte hauptsächlich Applikationen, bei denen sie eine Vielzahl von Stoffresten und Garnen zu ornamentalen Teppichen in strenger Komposition zusammenfügte. Die Werke waren nicht mehr figurativ; ihr Stil ist der gegenstandslose Stil der zeitgenössischen Malerei. Dies wurde jedoch von der Kunstkritik nicht wahrgenommen, die Textilien nicht als Material für künstlerischen Ausdruck akzeptieren wollte: „Die abstrakten Textilien wurden ausschließlich als Dekoration im Sinne der norwegischen Textiltradition betrachtet.“
Durchbruch mini|Rød måne (Roter Mond), 1968. Briefmarke vom 18. Juni 1998 In den 1950er Jahren erwarb sich Synnøve Anker Aurdals Textilkunst allgemeines Ansehen. Die Wandteppiche aus dieser Zeit haben stark unterteilte Farbflächen, mit flammenförmigen, spitzen, vertikal ausgerichteten Figuren, die in klarer rhythmischer Ordnung über die Fläche verlaufen. Die Künstlerin sagt selbst, dass sie bei der Komposition eines Teppichs von Rhythmen bewegt wird und dass sie einen starken Zusammenhang zwischen Farben, Rhythmen, Musik und Worten empfindet. Werktitel wie Flammedans (Flammentanz, 1955) oder Røde rytmer (Rote Rhythmen, 1962) machen dies auch deutlich.
Im Laufe der 1950er Jahre stellte Synnøve Anker Aurdal ganz auf die Verwendung von Wolle von Spælsau-Schafen um. Das Garn aus dem Deckhaar dieser alten nordischen Rasse liefert einen festen und effektvoll glänzenden Faden, stellt aber auch hohe Anforderungen an die Handfertigkeit der Weberin. Unter den verwendeten Farben dominierten zu dieser Zeit Rot, Gelb und Grautöne.
1958 gewann Aurdal zusammen mit ihrem Ehemann Ludvig Eikaas und der Textilkünstlerin Sigrun Berg den prestigeträchtigen Wettbewerb für die textile Ausstattung der Håkonshalle in Bergen. Der Entwurf Primstav wurde bis 1961 umgesetzt; Aurdals Beiträge waren ein Wand- und ein Tischteppich. Der Wandteppich Høysetet (Hochsitz) hat die Form eines Frieses (700 cm × 90 cm) und ist aus 13 einzeln gewebten Teilen zusammengesetzt.
Er bildet den farblichen Höhepunkt der düsteren mittelalterlichen Halle: „Ein kräftig hervorgehobener orangefarbener Farbklang harmoniert mit Ocker und rötlichem Orange, kontrastiert mit tiefem Blau und Blaugrün, wobei weiße Akzente die übrigen Farben noch intensiver leuchten lassen. Das Motiv stammt aus der Pflanzenwelt, wo Pflanzen, Bäume und die Ernte der Erde das Leitmotiv einer klaren Komposition bilden. Hinzu kommen eine markante ovale Form sowie rechteckige und sanduhrähnliche Formen. In den Ovalen finden sich Symbole für Königtum, Götter und kosmische Kräfte.“ (Hjørdis Danbolt)
Der Teppich, „der zu den Hauptwerken der norwegischen Textilkunst“ bzw. „zu den bedeutendsten monumentalen Wandteppichen in Nordeuropa“ zählt, ist das erste Werk Aurdals, für das sie Spælsau-Wolle verwendete, die nach der Methode Sigrun Bergs mit synthetischen Farben gefärbt war, und das einzige Werk, dessen Entwurf nicht von ihr selbst stammt. Den Karton für den Teppich hatte Ludvig Eikaas entworfen.
Innovation
In der Mitte der 1960er Jahre wurden Aurdals Kompositionen ruhiger, aber auch monumentaler. In ihren Werken wurden die flammenartigen, zerklüfteten Formen allmählich durch große Flächen mit wenigen, klaren Figuren ersetzt. Zunächst hielt sie an flächigen Arbeiten aus Wolle, Leinen und Seide fest und verwendete hauptsächlich die Häkeltechnik. Deutliche Beispiele für Aurdals Reduktion auf wenige Formen sind När månen steg röd över ön (Als der Mond rot über der Insel aufging, 1968) aus rot lackiertem Kupferdraht auf Wolle, Kinesisk Visdom (Chinesische Weisheit, 1967) in orange-roten Tönen, und Rød måne (Roter Mond, 1968), das Motiv einer norwegischen Briefmarke von 1998.
Für Synnøve Anker Aurdal war Lyrik schon immer eine wichtige Inspirationsquelle gewesen und ab den 1960ern wurden Gedichte Bestandteile ihres Schaffens. Kinesisk Visdom ist so ein Beispiel für einen Teppich mit eingewebten Versen.
In Magisk Måne (Magischer Mond, 1967) kombinierte Aurdal erstmalig ihr Gewebe mit textilfreiem Material, in diesem Fall mit Ketten aus Metallperlen. Vor dunklem Hintergrund sind der Mond und sein Spiegelbild zu sehen und bilden ein vertikales Band, in das auch die Perlen eingewebt sind. „Dies erzeugt einen vibrierenden Lichteffekt, der zusammen mit der kühlen gelb-weißen Form des Mondes in dramatischem Kontrast zum schwarzen Hintergrund steht.“
Im Jahr darauf begann Aurdal, die Wolle zugunsten anderer Materialien aufzugeben. Sie verwendete Metalldrähte, vor allem aus Kupfer, Nylonfäden, Hanfgarn und Kunststoffe. In Telegram (1968) wecken glänzende Nylonschnüre und funkelnde Metallglieder Assoziationen zum tröpfelnden Regen, der die Grautöne des Nebels durchbricht. In Kobbertråd 3 ist der namensgebende Kupferdraht der Hauptdarsteller; die rechteckige Teppichfläche wird aufgebrochen und faltet sich zu einem Relief. Inngang til rødt (Einstieg ins Rote) besteht aus lose hängenden, schmalen Streifen, die sich vor dem Hintergrund zu drehen scheinen. Obwohl bzw. gerade weil Aurdal ihre Textilien mit „reizvollen Materialien veredelt, […] wirken sie oft eher hart als weich und anschmiegsam.“
Ab den 1960er Jahren wurden Werke von Synnøve Anker Aurdal in größerer Anzahl von norwegischen Museen angekauft (Nasjonalgalleriet, Vestlandske Kunstindustrimuseum, Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum) und die Künstlerin wurde mit ersten Auszeichnungen geehrt (Jacob-prisen 1967, Maihaugenprisen 1969).
Der Raum und die Worte mini|Tre generasjoner (Drei Generationen) Ausstellung der Werke von Gudrun Anker, Synnøve Anker Aurdal und Siri Aurdal,Kunstindustrimuseet, Oslo, 1984