Margaret Fay Shaw, verheiratete Campbell (* 9. November 1903 in Glenshaw, Allegheny County, Pennsylvania; † 11. Dezember 2004 in Fort William, Highland, Schottland), war eine schottischstämmige US-amerikanisch-britische Ethnomusikologin, Fotografin, Volkskundlerin und Keltologin. Sie ist vor allem für ihre akribische Arbeit als Sammlerin von Volksliedern und Volkskunde unter den schottisch-gälischsprachigen Bewohnern der Hebriden, den gälischsprachigen Gemeinden in Nova Scotia und den irischsprachigen Bewohnern der Aran-Inseln bekannt. Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Literaturwissenschaftler John Lorne Campbell, trug Shaw dazu bei, den Grundstein für die Wiederbelebung der schottisch-gälischen Sprache zu legen.
Leben Shaw war die jüngste von fünf Töchtern von Henry Shaw, einem Bauingenieur mit künstlerischen Neigungen und Interessen, und Fanny Maria Patchin, die seine Interessen teilte.S. 3–5 Die Familie Shaw besaß Ländereien und Reichtum, die Shaws Ururgroßvater, der schottische Eisenhüttenmann John Shaw begründet hatte, der 1782 mit seinen vier Söhnen in die Vereinigten Staaten ausgewandert war und dort die erste Eisenhütte westlich der Allegheny Mountains errichtet hatte. Shaw wurde im „Herrenhaus“ geboren und die Gegend war nach den Shaws benannt.S. 48 Die Mutter war „eine Neuengland-Yankee“, deren puritanische Vorfahren 1640 in die Colony of Connecticut eingewandert waren und schließlich nach Bennington, Vermont, weiterzogen.
Ihre Erziehung war liebevoll und aufmerksam,S. 48 f. aber streng im presbyterianischen Glauben.S. 58 f. Trotz des anfänglichen Verbots, das Instrument zu berühren, lernte Shaw Klavierspielen und eine leidenschaftliche Neigung zur Musik.S. 13 f.
Großen Einfluss auf ihr späteres Leben hatten die afroamerikanischen Bediensteten ihrer Eltern, eine Familie Nash, die ihr oft Geschichten aus ihrer mündlichen Überlieferung erzählten, die bis zu einer Plantage in Virginia und davor bis nach Nigeria zurückreichte.S. 6 Ein längerer Besuch von „Irish Kate“, einer Pavee, begeisterte sie für die irische Folklore der Keltischen Anderswelt.S. 11
Nachdem ihre Eltern starben, als sie elf Jahre alt war, kam sie als Jugendliche nach Schottland und besuchte die St Bride’s All-girls’ Boarding School in Helensburgh nahe Glasgow. In St Bride’s besuchte sie ein Sonderkonzert der berühmten Liedersammlerin Marjory Kennedy-Fraser, das ihr Leben veränderte. In ihrer Autobiografie schrieb Shaw:S. 26
Shaw studierte in Paris und an der New York University. Ihr Plan Konzertpianistin zu werden, wurde aber durch Rheumatismus vereitelt.S. 57 f. Auf Anregung von Nadia Boulanger und Eileen Costello wechselte sie zur Ethnomusikologie und begann hauptberuflich Volkslieder zu sammeln.S. 39–56 Sie erkannte für sich, dass mit den Methoden der klassischen Musik der traditionelle Gesang in keltischer Sprache nicht wirklich erfassbar war, dessen Repertoire ein völlig anderes System von Tonleitern, Tonalitäten und Modi verwendet.S. 50-3 Während eines Aufenthalts in Lochboisdale auf South Uist lernte sie die Schwestern Màiri und Pèigi Macrae kennen. Sie verbrachte die nächsten sechs Jahre bei ihnen und wurde eine enge Freundin. Während dieser Zeit zeichnete sie umfangreiche Informationen über die Lieder und Geschichten auf, die sie kannten. Ein Großteil der von Shaw gesammelten Informationen wurde später in ihrem Buch Folksongs and Folklore of South Uist veröffentlicht. Zusätzlich machte sie Fotografien, die das Arbeitsleben der Frauen auf South Uist dokumentieren.
Shaws fotografische Arbeit erregte die Aufmerksamkeit von John Lorne Campbell (1906–1996). Er kam 1934 nach South Uist, um sie um Hilfe bei der Erstellung eines Buches über Barra zu bitten, an dem er zusammen mit Compton Mackenzie arbeitete. Campbell erinnerte sich später: „Wie so oft mochten wir uns zunächst nicht besonders, aber wir lernten uns kennen und arbeiteten in derselben kleinen Welt.“ Im März 1935 nahm Shaw Campbell zu ihrer Familie nach Glenshaw mit, wo er ihr am letzten Tag des Besuchs einen Heiratsantrag machte. Im Juni 1935 wurden Campbell und Shaw von Reverend Calum MacLeod in Abwesenheit beider Familien im Pfarrhaus der John Knox Presbyterian Church in Glasgow getraut.S. 47 f., 60
1937 reisten die Campbells ausgerüstet mit einer Phonographenwalze nach Nova Scotia, um kanadisch-gälische Folklore und traditionelle Sänger aufzuzeichnen. Im Antigonish County zeichneten sie auf Wachszylindern 95 traditionelle gälische Lieder und Balladen, zwei Spiele, sieben lokale Lieder sowie drei originäre, von ihren Komponisten selbst gesungene Lieder auf. Außerdem konnten sie eine von Gabriel Syllibuy, dem Häuptling der indigenen Mi’kmaq von Cape Breton, in Mi'gmaq erzählte Überlieferung über die Ankunft der ersten Gälen sowie von Mi’kmaq in ihrer Sprache gesungene katholische gregorianische Choräle aufnehmen.S. 63-6 Die Aufnahmen wurden später mit Hilfe des irischen Musikwissenschaftlers Séamus Ennis in Notenschrift transkribiert und im Band Songs Remembered in Exile: Traditional Gaelic Songs from Nova Scotia Recorded in Cape Breton and Antigonish County in 1937, with an Account of the Causes of the Highland Emigration, 1790–1835 veröffentlicht.
Das Ehepaar lebte zunächst auf Barra, bis sie sich 1938 stark verschuldeten, um die Hebrideninsel Canna zu erwerben. Die 1940er Jahre waren mit langjähriger Pflege ihres Mannes verbunden, der einen Nervenzusammenbruch und mehrere psychische Krisen durchlitt. Shaw musste den Betrieb auf Canna aufrechterhalten. In der Zeit konvertierte Shaw auch mit Campbell zum Katholizismus. Erst Anfang der 1950er Jahre fand sie Zeit, ihr Lebenswerk zu vollenden: Folksongs and Folklore of South Uist, das 1955 bei Routledge & Kegan Paul erschien. Es enthält eine Auswahl der Lieder, die Shaw in den Jahren auf der Insel aufgezeichnet hatte, darunter Lobgesänge auf South Uist, Liebeslieder, Wiegenlieder, Klagegesänge, Exillieder sowie Lieder als Begleitung zum Tanzen oder Arbeiten, wie Melk-, Spinn- und Walklieder. Shaw fügte außerdem Geschichten und Anekdoten, Gebete, Sprichwörter, Heilmittel aus Kräutern, Zauberformeln und Rezepte hinzu.S. 168 f. Zwei Drittel der Mitwirkenden an Shaws Buch waren Frauen. Eine der prominentesten Figuren im Werk ist die Heilige Brigida von Kildare, über die zahlreiche lokale Geschichten, Lieder und Bräuche aufgezeichnet wurden. Die Sammlung wurde durchweg gelobt, vor allem auch durch die MacRae-Schwestern und die anderen auf South Uist, bei denen Shaw das Material gesammelt hatte.S. 168 Für das Werk erhielt Shaw vier Ehrendoktortitel, von der University of Edinburgh, der University of Aberdeen, der Saint Francis Xavier University in Nova Scotia und der National University of Ireland.
Im Vorfeld des St-Columba-Tages am 9. Juni 1963 organisierte Shaw mit dem Pfarrer der St Columba’s Church auf Canna eine feierliche tridentinische Hochmesse anlässlich des 1.400-jährigen Jubiläums der Ankunft des heiligen Columban von Iona aus dem gälischen Irland als christlichen Missionar in Schottland.S. 149 f. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil missfielen Campbell und Shaw die Aufgabe von Latein als liturgischer Sprache. Sie traten daher unmittelbar nach deren Gründung 1965 dem schottischen Zweig von Una Voce bei.
Zwischen 1969 und 1981 veröffentlichten Shaw und Campbell eine dreibändige Quellensammlung mit hebridischen Volksliedern. Ihr persönliches Archiv im Canna House ist zudem eine noch bedeutendere Ressource für Forscher der schottisch-gälischen Literatur, traditionelle Musiker und Folkloristen.
Sie vermachten das Haus und dessen Inhalte 1981 dem National Trust for Scotland. Beide lebten dort bis zu ihrem Tod. Campell starb 1996 in während eines Urlaubs in der Villa San Girolamo in Fiesole, Italien. Shaw starb 2004 im Alter von 101 Jahren in Fort William. Ihrem Wunsch gemüäß wurde sie in South Uist beigesetzt. Wie bereits Campbell in seinem Testament verfügt hatte, wurde dem Bistum Argyll and the Isles Geld hinterlassen, damit jährlich eine tridentinische Requiemmesse für Campbell und Shaw gelesen wird. Dieser Wunsch wird bis heute jährlich von Una Voce Scotland erfüllt.
Der South‑Uist‑Barde Fred T. Mac ’ill Iosa (Fred Gillies) würdigte die „ehrenwerte Margaret, die edle Herrin der Insel Canna“ mit einem gälischen Gedicht: An éibhleag anns an gann bha ’n deò Shéid i oirre, ’s thug i bheò a rithist. Eine Glut war am Erlöschen; sie blies darauf und brachte sie wieder zum Leben.S. 86S. 168
Nachleben 2007 fand eine wissenschaftliche Konferenz zu ihren Ehren in South Uist mit dem Titel Gleann na Ceolraidh („Tal der Musen“) statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde eine CD mit Volksliedern veröffentlicht, die Shaw gesammelt hatte, aufgenommen von zwei ihrer engen Freunde, Paul McCallum und Vivien Mackie.
2019 wurde Shaw im Film Solas gewürdigt, produziert von der Canna-Haus‑Archivarin Fiona J. Mackenzie, der bislang unveröffentlichte Filmaufnahmen von Shaw aus den Hebriden nutzte.
Viele von Shaws frühen Tonaufnahmen sind heute online auf der Plattform Tobar an Dualchais der University of Edinburgh verfügbar.
Im November 2022 wurde Shaws Werk in der Ausstellung Glean im Edinburgh City Art Centre präsentiert, die vierzehn frühe Fotografinnen in Schottland würdigte.
Wesentliche Werke
Weblinks Canna House auf der Website des National Trust for Scotland Sammlung der Tonaufnahmen von Margaret Fay Shaw auf der Plattform Tobar and Dualchais der University of Edingburgh
Einzelnachweise
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