Variationen und Fuge über ein Thema von Ludwig van Beethoven op. 86 ist eine Komposition von Max Reger (1873–1916). Das Werk existiert in zwei Fassungen: Reger komponierte es 1904 für zwei Klaviere und bearbeitete es 1915 für Orchester. Als Thema wählte er ein kurzes Klavierstück von Ludwig van Beethoven, die Nr. 11 aus dessen Bagatellen op. 119.

Entstehung

Reger verbrachte im Sommer 1904 mehrere Wochen in der Villa des Malers Theo Rikoff in Berg am Starnberger See. Hier komponierte er die Beethoven-Variationen und widmete sie seinem Gastgeber. Nach den kurz zuvor entstandenen Variationen und Fuge über ein Thema von Bach op. 81 war dies sein zweites großes Klavier-Variationswerk. Reger bereitete das Stück im September 1904 für den Druck vor. Parallel dazu studierte er es zusammen mit dem Pianisten August Schmid-Lindner ein und ergänzte nach den ersten Proben die Korrekturbögen des Verlags noch mit Metronomzahlen. Die Uraufführung durch Reger und Schmid-Lindner am 22. Oktober 1904 in München war ein großer Erfolg. Das Stück erschien im selben Jahr im Verlag Lauterbach & Kuhn, der 1908 von Bote & Bock übernommen wurde.

Im Frühjahr 1915 wandte sich Reger dem Werk erneut zu und schuf eine Orchesterfassung. Diese ist keine reine Instrumentierung, sondern eine tiefgreifende Umarbeitung, bei der Reger mehrere Variationen wegließ und andere in ihrer Reihenfolge umstellte. Die Uraufführung dieser Version am 25. Oktober 1916 in Wien erlebte er nicht mehr. Auch die Orchesterfassung erschien bei Bote & Bock; sie ist dem Düsseldorfer Musikdirektor Karl Panzner gewidmet.

Form Das Stück beginnt mit der Vorstellung seines Themas, der schlichten und lyrischen Bagatelle op. 119/11 von Beethoven. Reger verändert daran keine Noten, fügt aber eigene Angaben zur Phrasierung, Dynamik und Artikulation hinzu und verteilt die Musik auf die zwei abwechselnd gespielten Klaviere.

Im Variationsabschnitt erklingt das Thema überwiegend nicht mehr vollständig, sondern nur noch in einzelnen Bestandteilen. Seine Motive und harmonischen Wendungen werden zum Material, aus denen Reger freie Variationen mit stark kontrastierenden Charakteren bildet. Das Thema bleibt als Hintergrund präsent und wird auch in themenfernen Variationen gelegentlich durch kurze wörtliche Zitate in Erinnerung gerufen. Die Reihenfolge der Variationen folgt keiner Logik oder Stringenz, sondern dem Prinzip von Vielfalt und Abwechslung. Sie bilden eine Dramaturgie von genau kalkulierten Kontrasten in Tonart, Dynamik, Klangfarbe, Satztechnik und Charakter.

Der Variationsteil wird mit einer kurzen Coda abgeschlossen, bevor die Fuge beginnt. Sie hat ein Thema mit heiterem scherzando-Charakter und ist eine großangelegte Steigerungsfuge. Als Höhepunkt erklingen das Fugenthema und das auf doppelte Notenwerte vergrößerte Beethoven-Thema gleichzeitig, fortissimo und marcato gespielt, bevor das Stück mit einem über zehn Takte gestreckten Allargando den triumphalen Schlussakkord erreicht.

Klavierfassung Die Klavierfassung hat zwölf Variationen und eine Spieldauer von annähernd einer halben Stunde. Sie ist spieltechnisch überaus anspruchsvoll und verlangt von den Pianisten eine fein differenzierte Anschlagskunst ebenso wie Ausdauer und Kraftentfaltung.„Auf jede Aufführung folgen, so das Klavierduo [Hans-Peter und Volker Stenzl], neben Glücksgefühlen immer auch ‚tagelanger Muskelkater‘.“ +FormabschnittTonartTaktartTempoThemaB-DurAndante1. VariationG-DurUn poco più lento2. Variationc-Moll12/8Agitato3. VariationF-Dur4/8Andantino grazioso4. VariationB-DurAndante sostenuto5. Variationb-Moll9/8Appassionato6. VariationD-Dur3/4Andante sostenuto7. Variationd-MollVivace8. VariationB-DurSostenuto9. Variationh-MollVivace10. Variationd-Moll6/8Poco vivace11. VariationB-Dur2/4Andante con grazia12. Variation mit CodaB-DurAllegro pomposo – Meno mossoFugeB-DurAllegro con spirito

Orchesterfassung Die Besetzung der Orchesterfassung besteht aus 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotten, 2 Trompeten, 4 Hörnern, 3 Posaunen, Tuba, Pauken und Streichern.

Reger reduzierte für diese Fassung die Zahl der Variationen auf acht und stellte teilweise deren Reihenfolge um. Einzelne Variationen wurden transponiert. So schuf er eine neue Dramaturgie mit eigenen Kontrasten und Abläufen, die ebenso wie das Original aus der Abwechslung lebt und nicht zielgerichtet ist. Eine Aufführung dauert ca. 22 Minuten. +FormabschnittAbschnitt in der KlavierfassungTonartTaktartTempoThemaThemaB-DurAndante1. Variation1. VariationG-DurUn poco più lento2. Variation5. Variationc-Moll9/8Apassionato3. Variation3. VariationF-Dur4/8Andantino grazioso4. Variation7. Variationd-MollVivace5. Variation6. VariationEs-Dur3/4Andante sostenuto6. Variation11. VariationB-Dur4/8Allegretto con grazia7. Variation10. Variationd-Moll6/8Poco vivace8. Variation mit Coda12. Variation mit CodaB-DurAllegro pomposo – Quasi adagioFugeFugeB-DurCon spirito (non troppo allegro!)

Stellung im Gesamtwerk Reger komponierte die Beethoven-Variationen in einer Lebensphase, in der sein Werk öffentlich umstritten war, doch bei der Uraufführung reagierte das Münchner Publikum mit großer Begeisterung. Das Stück entwickelte sich dauerhaft zu seinem größten Konzerterfolg. An die 150 Male spielte er das Stück öffentlich mit verschiedenen Partnern, so auch in seinem letzten öffentlichen Konzert mit Fritz Busch im April 1916 in Aachen.

Sowohl Variationen als auch die Fuge gelten als besonders charakteristische Formen in der Musik Regers, mit denen er sich immer wieder auseinandersetzte. Die beiden großen Variationswerke über ein Thema von Bach (op. 81 für ein Klavier) und über ein Thema von Beethoven (op. 86 für zwei Klaviere) sind seine wichtigsten Kompositionen des Jahres 1904. In ihnen übertrug er kompositorische Techniken, die er in Orgel- und Kammermusikwerken entwickelt hatte, auf das Klavier. Die beiden Stücke gehören „zu seinen wenigen, den Wechseln der Rezeptionsgeschichte standhaltenden Kompositionen, die von Gegnern wie Freunden als Manifestation seines Personalstils angesehen werden“. Sie bilden „monumentale Architekturen“ und „überragen weit die unübersichtliche, bunte Masse der klavieristischen Kleinformen“.

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Werk von Max Reger Kategorie:Klaviervariationen Kategorie:Musik 1904