mini|António Costa, Narendra Modi und Ursula von der Leyen während des Gipfeltreffens zwischen Indien und der EU im Januar 2026
Das Freihandelsabkommen zwischen Indien und der Europäischen Union (kurz Indien-EU-FTA genannt) ist ein umfassendes Freihandelsabkommen, das am 27. Januar 2026 nach fast zwei Jahrzehnten Verhandlungen zwischen der Republik Indien und der Europäischen Union (EU) beschlossen wurde. Die Einigung wurde auf einem Gipfeltreffen zwischen Indien und der Europäischen Union in Neu-Delhi bekannt gegeben und zielt darauf ab, den Handel und die Investitionen zwischen den beiden Volkswirtschaften durch schrittweise umgesetzte Bestimmungen in den Bereichen Waren, Dienstleistungen und regulatorische Zusammenarbeit zu liberalisieren und über 90 Prozent der Zölle im gegenseitigen Handel zu senken oder komplett zu beseitigen.
Politiker beider Seiten begrüßten das Abkommen als wichtigen Schritt zur Vertiefung der gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen. Zum Zeitpunkt der Bekanntgabe unterlag das Abkommen noch einer rechtlichen Prüfung und Übersetzung, bevor es offiziell unterzeichnet werden kann. Vor seinem Inkrafttreten bedarf das Abkommen der Zustimmung des Rates der Europäischen Union, der Zustimmung des Europäischen Parlaments sowie der Zustimmung des Ministerrats der Union in Indien. Das Inkrafttreten des Abkommens wird für Ende 2026 oder Anfang 2027 erwartet.
Hintergrund Die Europäische Union bildet einen der weltweit wichtigsten Handels- und Wirtschaftsblöcke während Indien über einen Markt von 1,4 Milliarden Menschen verfügt und zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt gehört. Vor der Einigung zwischen beiden Seiten 2026 lag das gegenseitige Handelsvolumen an Waren und Dienstleistungen bereits bei 180 Milliarden Euro und über 6000 europäische Unternehmen sind in Indien tätig. Gleichzeitig wurde die volle Entfaltung des gegenseitigen Handels durch Zölle und andere Handelshemmnisse behindert. Besonders Indien betrieb traditionell eine eher vom Protektionismus bestimmte Außenwirtschaftspolitik. So erhob es auf europäischen Wein und Spirituosen Zölle in Höhe von 150 Prozent. Unter Narendra Modi hat Indien jedoch begonnen zahlreiche neue Handelsabkommen zu schließen. Ein Freihandelsabkommen zwischen Indien und den EFTA-Staaten wurde 2024 ausgehandelt und trat im Oktober 2025 in Kraft.
Verhandlungen Die Verhandlungen über ein umfassendes Handelsabkommen zwischen Indien und der Europäischen Union begannen 2007 im Rahmen eines breit angelegten Handels- und Investitionsabkommens. Die Gespräche gerieten 2013 aufgrund von Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf Zölle, Marktzugang, Rechte des geistigen Eigentums und Regulierungsstandards ins Stocken. Im Juli 2022 wurden die Verhandlungen vor dem Hintergrund einer erneuten strategischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Indien und der EU offiziell wieder aufgenommen.
Die Verhandlungen umfassten zahlreiche Kapitel, darunter den Handel mit Waren und Dienstleistungen, Investitionsschutz, nachhaltige Entwicklung, Rechte des geistigen Eigentums, digitalen Handel und Streitbeilegungsmechanismen. Im Februar 2025 setzten sich Indien und die Europäische Union das Ziel, die Verhandlungen bis zum Jahresende abzuschließen, nachdem Gespräche zwischen Premierminister Narendra Modi und der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, stattgefunden hatten. Im September 2025 sprach sich die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Kaja Kallas, für engere Handels- und Sicherheitsbeziehungen zwischen der EU und Indien aus, wobei sie Indiens enge Zusammenarbeit mit Russland kritisierte, einschließlich der Teilnahme an der Militärübung Sapad 2025.
Im Januar 2026 bezeichneten sowohl EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen als auch der indische Handelsminister Piyush Goyal das Abkommen im Rahmen der Verhandlungen als die „Mutter aller Handelsabkommen“. Darüber hinaus erklärte von der Leyen auf dem Weltwirtschaftsforum 2026, das Handelsabkommen werde „einen freien Markt mit zwei Milliarden Menschen schaffen, der ein Viertel des globalen BIP ausmacht“. Bis Januar 2026 war in etwa 20 der 24 Verhandlungskapitel eine Einigung erzielt worden.
Abschluss der Verhandlungen mini|Narendra Modi und Ursula von der Leyen am 26. Januar 2026 in Neu-Delhi Das Abkommen wurde am 27. Januar 2026 auf einem EU-Indien-Gipfeltreffen im Hyderabad House in Neu-Delhi bekannt gegeben, nachdem die Verhandlungen in der Nacht zuvor abgeschlossen worden waren. Indien wurde auf dem Gipfel von Premierminister Narendra Modi vertreten, die Europäische Union von der Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, und dem Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa. Von der Leyen und Costa hatten am Vortag als Ehrengäste an den Feierlichkeiten zum Tag der Republik in Indien teilgenommen.
Neben dem Freihandelsabkommen wurden auf dem Gipfeltreffen mehrere weitere Vereinbarungen zwischen Indien und der EU getroffen. Im Rahmen einer Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft werden Indien und die EU ihre Zusammenarbeit in den Bereichen maritime Sicherheit, Terrorismusbekämpfung, Cyberabwehr und Beschaffung im Verteidigungsbereich ausbauen. Auf dem Gipfeltreffen wurde zudem ein Mobilitäts- und Migrationsabkommen zwischen Indien und der EU unterzeichnet. Dieses Abkommen, das parallel zu einem Freihandelsabkommen abgeschlossen wurde, soll den Zugang zu EU-Staaten für indische Studierende und Fachkräfte erheblich verbessern.
Ratifizierung und Umsetzung Die Vereinbarung muss vor der formellen Unterzeichnung einer rechtlichen Prüfung unterzogen werden. Die Vereinbarung bedarf der Zustimmung des Rat der Europäischen Union, der Zustimmung des Europäischen Parlaments und Abschluss der innerstaatlichen Genehmigungsverfahren in Indien vor Inkrafttreten. Das Abkommen soll bis Anfang 2027 in Kraft treten. Danach sollen Handelsliberalisierung schrittweise über mehrere Jahre hinweg eingeführt werden.
Bestimmungen Das Freihandelsabkommen zwischen Indien und der Europäischen Union schafft einen Rahmen für die Liberalisierung des Waren- und Dienstleistungsverkehrs, die Erleichterung von Investitionen sowie die Stärkung der Zusammenarbeit in den Bereichen Regulierung und Nachhaltigkeit. Beide Seiten verpflichteten sich zu schrittweisen Zollsenkungen, die einen Großteil des Handelsvolumens abdecken, wobei Ausnahmen und Übergangsregelungen für wirtschaftlich sensible Sektoren vorgesehen sind. Medienberichten zufolge soll die Zollliberalisierung schrittweise über mehrere Jahre hinweg erfolgen und nicht unmittelbar nach Inkrafttreten des Abkommens. BereichMaßnahmenWarenhandelSchrittweise Abschaffung oder Senkung der Zölle auf die überwiegende Mehrheit der Waren, gemessen am Handelswert, mit Schutzmaßnahmen und Ausnahmen für sensible SektorenIndustriegüterSchrittweise Senkung hoher Zölle auf ausgewählte Industriegüter, darunter Kraftfahrzeuge, Maschinen, Chemikalien und ArzneimittelLandwirtschaftBevorzugter Marktzugang für bestimmte landwirtschaftliche Erzeugnisse und verarbeitete Lebensmittel, wobei Milchprodukte, Getreide und andere sensible Erzeugnisse davon ausgenommen sindDienstleistungen und InvestitionenVerpflichtungen in Bezug auf den Marktzugang für Dienstleistungen und die Erleichterung von Investitionen sowie die Zusammenarbeit im RegulierungsbereichArbeitskräfteEin paralleler Rahmen, der Berichten zufolge die Mobilität von Fachkräften, Forschern und Studierenden fördern sollNachhaltigkeitBestimmungen zum Dialog und zur Zusammenarbeit in Bezug auf Umweltstandards und klimabezogene RegulierungsfragenHandelserleichterungenMaßnahmen in Bezug auf Zollverfahren, Ursprungsregeln und Transparenz der Rechtsvorschriften Berichten zufolge betraf die Zollliberalisierung wertmäßig über 90 Prozent der gehandelten Waren, wobei konkrete Produktlisten, Zeitpläne und rechtsverbindliche Verpflichtungen voraussichtlich erst nach Veröffentlichung des Vertragstextes und der dazugehörigen Anhänge präzisiert werden sollten. Im Februar 2026 veröffentlichte die Europäische Kommission den vorläufigen Vertragstext.Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien: Text veröffentlicht
Wirtschaftliche Auswirkungen Die Europäische Kommission erklärte, dass durch das Abkommen die Zölle auf fast 97 Prozent der europäischen Exporte nach Indien gesenkt oder abgeschafft würden, wodurch jährlich bis zu 4 Milliarden Euro an Zöllen eingespart würden. Sie erklärte ferner, dass sie erwarte, dass sich ihre Exporte nach Indien infolge des Abkommens bis 2032 verdoppeln würden. Berichten zufolge plante Indien im Rahmen der Verhandlungen über das Abkommen, die Zölle auf aus der EU importierte Autos von bis zu 110 % auf 40 % zu senken. Die Regierung erklärte sich bereit, die Zölle auf eine begrenzte Anzahl von in der EU hergestellten Autos mit einem Preis von über 15.000 € sofort zu senken, wobei die Zölle im Laufe der Zeit weiter auf 10 % sinken sollen, was den Marktzugang für europäische Hersteller wie Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW verbessert. Sowohl die EU als auch Indien erklärten, dass Indien die Zölle auf bis zu 250.000 aus der EU importierte Autos senken werde – ein Schritt, der der unter Druck stehenden europäischen Automobilindustrie voraussichtlich eine gewisse Erleichterung verschaffen dürfte.
Das Abkommen hebt die Zölle auf eine Reihe von EU-Exporten auf, darunter Fruchtsäfte, verarbeitete Lebensmittel, Olivenöl und andere Pflanzenöle, und senkt die Zölle auf Spirituosen auf 40 %. Zudem werden die Zölle auf die meisten europäischen Exporte von optischen, medizinischen und chirurgischen Geräten sowie von Luft- und Raumfahrzeugen nach Indien abgeschafft. Die meisten Zölle, darunter Zölle von bis zu 44 % auf Maschinen, 22 % auf Chemikalien und 11 % auf Arzneimittel, würden wegfallen. Im Gegenzug würden knapp 90 Prozent der indischen Exporte zollfreien Zugang zum EU-Markt erhalten. Es wird erwartet, dass das Abkommen Indiens Textil-, Bekleidungs-, Leder- und Schuhsektor erheblich ankurbeln wird, indem EU-Zölle in Höhe von bis zu 12–17 % abgeschafft werden. Dadurch werden indische Exporteure mit Wettbewerbern wie Bangladesch, Vietnam, Pakistan und der Türkei gleichgestellt, die bereits zollfreien Zugang haben, und die Wettbewerbslücke zu anderen Niedrigkostenproduzenten wird verringert. Handelsminister Piyush Goyal erklärte zudem, dass die indischen Textilexporte das Potenzial hätten, „sehr schnell“ von 7 Milliarden Dollar auf 30 bis 40 Milliarden Dollar anzusteigen.
Reaktionen und Analyse Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bezeichnete das Abkommen als „einen nächsten großen Schritt für Europas wirtschaftliche Resilienz. Mit fast zwei Milliarden Menschen entsteht eine der größten Freihandelszonen der Welt. Das Abkommen macht deutlich: Europa handelt entschlossen und stellt seine Partnerschaften breiter auf. Davon profitiert unsere Exportwirtschaft – und Europas Position in der globalen Wirtschaft.“Umfassender Marktzugang und tiefere wirtschaftliche Zusammenarbeit – Politischer Abschluss der Verhandlungen zu einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
Auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer begrüßte den Abschluss des Abkommens. Dieses könnte aufgrund der „teilweise sehr hohen Handelshürden in Indien ein echter Game-Changer für die deutsche Wirtschaft“ werden und sei „eine passende Antwort auf die aktuelle US-Politik der hohen Zölle“. Besonders Unternehmen im Bereich Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie sowie Pharmaindustrie und Medizintechnik werden als mögliche Profiteure des Abkommens angesehen. Probleme könnten allerdings weiterhin nichttarifäre Handelshemmnisse wie komplexe Bürokratie und Lokalisierungsvorgaben bleiben.