Stephan Klingen (* 15. September 1958 in Düsseldorf) ist ein deutscher Kunsthistoriker und Provenienzforscher.

Leben und Wirken Klingen studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Volkskunde an den Universitäten Köln und Bonn. Seine Dissertation behandelte den Übergang vom Rokoko zum Klassizismus in der südwestdeutschen Sakralkunst. 1994 und 1995 erarbeitete er im Auftrag der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau einen kritischen Bestandskatalog der Sammlung deutscher Gemälde des 16. und 17. Jahrhunderts.

1995 wechselte Klingen an das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Dort wirkte er zunächst an der Digitalisierung des Bibliothekskatalogs mit, leitete später die IT und übernahm ab 1999 zusätzlich die Verantwortung für die Photothek. Schwerpunkte seiner Arbeit waren digitale Forschungsinfrastrukturen und die Provenienzforschung. 2024 beendete er seine Tätigkeit am Zentralinstitut.

Forschungsprojekte

Führerauftrag Monumentalmalerei Zusammen mit Ralf Peters initiierte Klingen ab 2000 das Digitalisierungsprojekt „Farbdiaarchiv zur Wand- und Deckenmalerei“. Das Archiv enthält rund 39.000 digitalisierte Aufnahmen von Freskenzyklen und Wanddekorationen in Kirchen, Klöstern, Schlössern und anderen Profanbauten in Deutschland, Österreich, Polen, Russland und Tschechien.

Das Material geht auf den nationalsozialistischen „Führerauftrag Monumentalmalerei“ zurück, mit dem von 1943 bis 1945 angesichts der Kriegszerstörungen die Ausstattung bedeutender Baudenkmäler in Farbaufnahmen dokumentiert wurde. Das Archiv überliefert auch heute verlorene oder beschädigte Kunstwerke. Die Datenbank wurde 2005 freigeschaltet; 2007 wurde das Projekt mit dem europäischen Kulturerbe-Preis „Europa Nostra“ ausgezeichnet.

Fotoarchiv der zerstörten Kunstwerke Italiens In der Photothek des Zentralinstituts wurde ein Bestand von rund 2500 Fotografien identifiziert, der mit dem deutschen militärischen Kunstschutz in Italien während des Zweiten Weltkriegs zusammenhängt. Er steht in Zusammenhang mit der Tätigkeit von Ludwig Heinrich Heydenreich, dem Gründungsdirektor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte. Zu den Aufgaben des militärischen Kunstschutzes zählten die Erfassung schützenswerter Bauwerke, die Errichtung von Schutzbauten und die Auslagerung beweglicher Kunstgegenstände in Depots.

Der Bestand dokumentiert auch die Verwendung fotografischer Aufnahmen von Schäden an Kulturdenkmälern, die durch alliierte Luftangriffe entstanden waren, für kulturpropagandistische Broschüren.

GDK Research 2008 projektierte Klingen das ab 2009 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt „GDK Research“. Die gemeinsam mit dem Haus der Kunst und dem Deutschen Historischen Museum aufgebaute Datenbank erschließt rund 12.500 Werke der Großen Deutschen Kunstausstellungen von 1937 bis 1944.

Grundlage bildete die Auswertung von sechs Fotoalben der Ausstellungen zwischen 1938 und 1943 aus der Photothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte. Ergänzt wurde das Material durch die Sammlung der „Führerankäufe“ aus den Münchner Ausstellungen, die vom Deutschen Historischen Museum verwaltet wird, durch Kontenbücher im Historischen Archiv des Hauses der Kunst sowie durch weitere Archivalien und Neuaufnahmen aus dem Bestand des Deutschen Historischen Museums.

Wiederentdeckung von Erwin Panofskys Habilitationsschrift 2012 wurde im Zentralinstitut für Kunstgeschichte das lange verschollene Typoskript der Habilitationsschrift von Erwin Panofsky entdeckt. Das 1920 entstandene, 334-seitige Werk Die Gestaltungsprincipien Michelangelos, besonders in ihrem Verhältnis zu denen Raffaels enthält handschriftliche Ergänzungen und diente vermutlich als Handexemplar für eine geplante Buchveröffentlichung. Panofsky emigrierte 1934 in die Vereinigten Staaten und hatte das Manuskript in Hamburg zurückgelassen. Gerda Panofsky gab den Text 2014 in Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte mit einem Kommentar heraus.

Weitere Projekte am Zentralinstitut betrafen die digitale Erschließung des Kunsthandels und die Provenienzforschung, darunter die Kunsthandlungen Adolf Weinmüller und Julius Böhler, die Galerie Heinemann sowie die Sammlung Schrey.

Schriften (Auswahl)

Monografien Mit Beiträgen von Margit Ziesché: Die deutschen Gemälde des 16. und 17. Jahrhunderts. Anhaltische Gemäldegalerie Dessau. Kritischer Bestandskatalog. Böhlau, Weimar 1996 (= Kataloge der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau, Band 2), ISBN 3-7400-1009-6. Von Birnau nach Salem. Der Übergang vom Rokoko zum Klassizismus in Architektur und Dekoration der südwestdeutschen Sakralkunst. Universität Bonn, Bonn 1999 ([Online-Ressource]).

Herausgeberschaften Mit Christian Fuhrmeister, Johannes Griebel und Ralf Peters (Hrsg.): Kunsthistoriker im Krieg. Deutscher Militärischer Kunstschutz in Italien 1943–1945. Böhlau, Köln, Weimar und Wien 2012 (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, Band 29), ISBN 978-3-412-20804-2 (Inhaltsverzeichnis). Mit Christian Fuhrmeister, Iris Lauterbach und Ralf Peters (Hrsg.): „Führerauftrag Monumentalmalerei“. Eine Fotokampagne 1943–1945. Böhlau, Köln u. a. 2006 (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, Band 18), ISBN 978-3-412-02406-2 (Inhaltsverzeichnis).

Buch- und Katalogbeiträge Mit Franziska Eschenbach: Die Münchner Kunsthandlung A. S. Drey und ihr internationales Netzwerk. In: Robert Ketterer (Hrsg.): Provenienz. Forschung international. Ketterer Kunst, München, Ernest Rathenau Verlag, Karlsruhe 2026, S. 141–157 (Digitalisat). Mit Christian Fuhrmeister: Die Kluft zwischen Wissenschaft und Kunsthandel – zum Status quo und zur Zukunft eines Spannungsverhältnisses. In: Peter Wehrle (Hrsg.): Provenienzforschung und Kunsthandel. Ernest Rathenau Verlag, Karlsruhe 2023, S. 15–25 (Digitalisat). Mit Christian Fuhrmeister: Immer noch prekär – Provenienzforschung am ZI. In: Wolfgang Augustyn, Iris Lauterbach und Ulrich Pfisterer unter Mitarbeit von Krista Profanter (Hrsg.): ZI 75 – Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Zum 75-jährigen Bestehen. Sieveking Verlag, München 2022 (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, Band 62), S. 283–301 (Digitalisat). Mit Jaap van den Born, Bart F. M. Droog und Christian Fuhrmeister: Zur Beurteilung von (Reproduktionen von) Adolf Hitler zugeschriebenen Skizzen im Teilbestand »Auftrag Speer« / On assessing (reproductions of) sketches attributed to Adolf Hitler in the partial stock »Speer Commission«. In: Thomas Drachenberg (Hrsg.), bearbeitet von Katharina Steudtner: Der »Auftrag Speer« der Staatlichen Bildstelle Berlin. Zur wissenschaftlichen Erschließung eines fotografischen Bestandes im Messbildarchiv des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseums. Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte, Berlin 2022 (= Arbeitshefte des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseums, Band 60), S. 342–356, ISBN 978-3-86732-378-9. Mit Birgit Jooss und Christian Fuhrmeister: Was braucht die Provenienzforschung? Worin besteht der Auftrag für bestandshaltende Institutionen? In: Der Archivar. Zeitschrift für Archivwesen, 75. Jahrgang, Heft 1, Februar 2022, S. 13–15 (Digitalisat). Die Farbdokumentation der Malereien des Nürnberger Rathaussaales. Geschichte, Probleme, Implikationen. In: Thomas Schauerte (Hrsg.): Dürer und das Nürnberger Rathaus. Aspekte von Ikonographie, Verlust und Rekonstruktion. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2013, S. 74–89, ISBN 978-3-7319-0006-1. Mit Christian Fuhrmeister: Die „Große Deutsche Kunstausstellung“ 1938, Relektüre und Neubewertung. In: Eva Atlan, Raphael Gross und Julia Voss (Hrsg.): 1938. Kunst, Künstler, Politik. Wallstein Verlag, Göttingen 2013, S. 189–209, ISBN 978-3-8353-1412-2. Die Überlieferungsgeschichte des Farbdiabestandes aus dem „Führerauftrag“ von 1943 bis zur Digitalisierung. In: Christian Fuhrmeister, Iris Lauterbach und Ralf Peters (Hrsg.): „Führerauftrag Monumentalmalerei“. Eine Fotokampagne 1943–1945. Böhlau, Köln u. a. 2006 (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, Band 18), S. 63–81, ISBN 3-412-02406-6.

Einzelnachweise

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