mini|Fassade der Kirche Santa Maria della Carità ist eine Kirche im venezianischen Sestiere Dorsoduro. Das bis ins frühe 12. Jahrhundert zurückreichende Gotteshaus befindet sich am Fuß des Ponte dell’Accademia und damit nahe am Canal Grande. Dort befindet sich auch der Campo de la Carità sowie die Calle della Carità.

Geschichte mini|Canaletto: Blick auf Canal Grande und Carità vom Campo della Carità, Öl auf Leinwand, Gallerie dell’Accademia Im Jahr 1120 wurde die Kirche fertiggestellt. Der Bau ging auf die Initiative des Patriziers Marco Zulian zurück, der sein Eigentum zu diesem Zweck in die Hände von Pietro gab, Kardinal und Bischof von Porto di Ravenna, dem päpstlichen Legaten in Venedig. So sollten eine Kirche und ein Kloster für die Regularkanoniker errichtet werden, wobei er zusagte, der Apostolischen Kammer als ewigen Zins eine Goldmünze namens „Bisanzio“ zu überreichen. Der Papst überantwortete die Kirche den Regularkanonikern von Santa Maria in Porto di Ravenna. Unter dem Prior Duduno entstand dort ein Kanonikerkollegium.

Papst Innozenz II. unterstellte das Kloster unmittelbar dem Apostolischen Stuhl und stellte es frei vom Zehnten; dies wurde von Urban III. bestätigt. Alexander III., der in Venedig mit Friedrich Barbarossa 1177 einen Frieden abschloss, räumte dem Kloster eine Reihe von Indulgenzien ein. Innozenz III. erteilte 1206 gar das Privileg, dass sich in der Kirche eine letzte Ruhestätte bauen dürfe, wer dies wünschte, ein – wie Flaminio Corner betont – bis dahin einmaliges Vorrecht, das Honorius III. bestätigte.

Um das Priorat entstand allerdings während des Abendländischen Schismas im Jahr 1409 ein Streit. So wandte man sich an die Regularkanoniker, Frisonari di Luca genannt. Sie sollten die Leitung der Kirche und des Klosters übernehmen. Zehn Jahre lang konnten sie 30 Kanoniker ausstatten. Mit der Wahl Martins V. und dem Ende des Schismas gestattete der Papst, das Kloster dem Orden der Regularkanoniker von Sant’Agostino der Kongregation von Santa Maria Frisonaria di Luca anzuschließen.Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 445 f. Als sie sich außerdem um das Kloster San Salvador kümmern sollten, lehnten sie diese Aufgabe angesichts der dortigen Tumulte ab. Am 3. Dezember 1432 wurde das Carità-Kloster mit San Clemente in Isola verbunden, 1438 wurde die Einrichtung zudem von ihrem Ausgangspunkt Porto di Ravenna getrennt, zumal von dort kein Nachzug mehr kam, und die Einnahmen gering waren.

Der letzte Umbau in Backsteingotik wurde 1446 abgeschlossen, nachdem Eugen IV. einen gesegneten Grundstein aus Porphyr hatte schicken lassen. Im Jahr 1505 schenkten die Conti di Collalto dem Konvent die Kirche Santa Maria di Marcadello in der Diözese Ceneda, was Julius II. urkundlich bestätigte. 1547 erwarb der Konvent Landbesitz bei Senigallia. Die Dogen Marco und Agostino Barbarigo ließen in der Kirche ein Bildnis der Muttergottes anbringen, vor allem aber einen prächtigen Altar aus feinstem Marmor. mini|Scoletta dei Calegheri am Campo San Tomà: St. Markus heilt den Alexandriner Schuster Anianus (Relief über dem Eingang) In dieser Zeit wuchs das Prestige der Kirchen aber auch durch die Reliquien, die sich dort befanden. So erhielt Santa Maria della Carità diejenigen des Anianus von Alexandria, der als Schüler des hl. Markus gilt, auch als Bischof bzw. Patriarch von Alexandria. Er wurde als Schutzheiliger der Schuhmacher und Schuster verehrt, da Anianus der Legende nach die Sandalen des Markus repariert hatte. Dabei hatte Markus ihn als ersten Christen gewonnen und getauft. Seine Reliquien seien schon unter Pietro Polani nach San Clemente in Isola gekommen, wie der Chronist und Doge Andrea Dandolo festhält. Am 4. November 1453 kamen sie nach S. Maria della Carità, zwei Jahrzehnte, nachdem dieser Gemeinde die Insel von Papst Eugen IV. zugesprochen worden war. Ähnlich prestigeträchtig war ein Zahn Johannes’ des Täufers, sowie Reliquien der Apostel Bartolomäus und Thomas.

Darüber hinaus entstand ein Hospiz mit dem gleichen Namen Santa Maria della Carità, dann die erste Scuola, die sich Scuola Grande nannte, gegründet 1260 in San Leonardo, dann auf die Giudecca umgezogen, um schließlich nach S. Maria della Carità transferiert zu werden. Auch hierbei kam es wieder zu Reliquiengaben, diesmal aus Rom, von wo ein Splitter des Kreuzes und ein Stück der Kleider Christi kamen. Der Senat ordnete sogleich an, dass die Reliquien zunächst im Markusdom dem Volk zur Verehrung präsentiert werden sollten, um dann in feierlicher Prozession ins Hospiz getragen zu werden. Das Geschenk kam von Kardinal Bessarion. Das Reliquiar befindet sich heute in den Gallerie dell’Accademia.Es ist eingehend kunsthistorisch untersucht worden: Holger A. Klein: Die Staurothek Kardinal Bessarions: Bildrhetorik und Reliquienkult im Venedig des späten Mittelalters, in: Claudia Märtl, Christian Kaiser, Thomas Ricklin (Hrsg.): „Inter graecos latinissimus, inter latinos graecissimus“, Berlin 2013, S. 245–276.

Flaminio Corner berichtet weiter, dass viele angesehene Persönlichkeiten in die Liste der Bruderschaftsmitglieder aufgenommen werden wollten, darunter einige japanische Fürsten, die als ‚Botschafter der Könige von Bungo,Möglicherweise das Gebiet des vermögende Arima-Klans. und Tegen – Provinzen des großen Reiches Japan – in Rom gewesen waren und auf ihrer Rückreise durch Venedig die heiligen Reliquien verehren wollten, die im Oratorium der Scuola aufbewahrt wurden. Sie baten daher darum, als Bruderschaftsmitglieder in die vom Großmeister verliehene Tracht gekleidet zu werden, mit dem feierlichen Versprechen, in ihren Heimatländern, sobald sie dorthin zurückgekehrt seien, eine Bruderschaft zu gründen, die in allem derjenigen der Santa Maria della Carità in Venedig gleichen sollte.‘„Nè il solo Cardinal Bessarione ricercò di dar il proprio nome alla divota Confraternita, ma molti altri cospicui soggetti vollero esser ammessi nel ruolo de’ Confratelli, fra’ quali devono esser nominatamente espressi alcuni Principi Giapponesi, che essendo stati a Roma Ambasciatori de’ Re di Bungo, di Arima, e di Tegen Provincie della grand’ Isola del Giappone, nel loro ritorno passando per Venezia vollero venerar le sacre Reliquie custodite nell’ Oratorio della Scuola. Chiesero poscia d’ esser come Confratelli vestiti dell’ abito proprio dal Guardiano Grande con solenne promessa d’ istituire nelle loro patrie, tostochè vi si fossero restituiti, una Confraternita, che fosse in tutto simile a quella di Santa Maria della Carità di Venezia.“ (Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 449). Neben weiteren Reliquien führt Corner an, ein kleines Marienbildnis, gemalt vom Evangelisten Lukas, habe sich dort befunden.

Am 17. oder 27. März 1744 stürzten zwei benachbarte Häuser von den Fondamenta in den Canal Grande, ebenso wie der Campanile, der wohl gleichfalls aus dem 15. Jahrhundert stammte. 1769 wurden die Regularkanoniker von S. Maria della Carità aufgehoben. Auf Anordnung Napoleons wurde die Kirche 1807 geschlossen.Cesare Augusto Levi: I campanili di Venezia. Notizie storiche, Ferdinando Ongania, Venedig 1890, n. 101, S. 73. mini|Einer der Säle im heutigen Museum Napoleon ließ die Accademia di belle arti di Venezia in der Scuola, dem Konvent der Canonici Lateranensi und in der Kirche Santa Maria della Carità unterbringen. 1817, bereits unter österreichischer Herrschaft, wurden die Gallerie dell’Accademia gegründet, 1882 ein selbständiges Museum eröffnet. Dabei profitierte die Einrichtung von den zahlreichen Kirchen und Klöstern, die ihrer Kunstschätze beraubt und von denen nicht wenige abgerissen wurden. Heute werden dort nicht nur Ausstellungen veranstaltet, sondern auch ausgebildet.

Literatur Cesare Augusto Levi: I campanili di Venezia. Notizie storiche, Ferdinando Ongania, Venedig 1890, n. 101, S. 73. Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 445–450. (Digitalisat) Johann C. Maier: Beschreibung von Venedig, Teil I, Christian Gottlieb Hertel, Frankfurt/Leipzig 1787, S. 441–444, n. p („S. Maria della Carità, Regular-Chorherren“). (Digitalisat)

Weblinks

Anmerkungen

Maria della Carità Maria della Carità Kategorie:Maria-Gnaden-Kirche Kategorie:Gotische Kirche Kategorie:Bauwerk der Gotik in Venedig Kategorie:Gotischer Backsteinbau in Italien