Das Sampson-Hospital (Xenon des Heiligen Sampson, ξένον ὁσίου Σαμψών) war ein byzantinisches Hospital in Konstantinopel.

Gründung und Frühzeit Das Sampson-Hospital gehörte zu den ältesten wohltätigen Einrichtungen der byzantinischen Hauptstadt. Ein direkter urkundlicher Nachweis seiner Gründung fehlt jedoch, und die hagiographische Überlieferung um den namengebenden Arzt Sampson ist stark topisch geprägt und teils anachronistisch.Miller 1990, S. 105 f. Miller rekonstruiert aus der prosopographischen und topographischen Evidenz einen Gründungshorizont im Umkreis des Bischofs Makedonios und des Diakons Marathonios und setzt die Öffnung des Hauses zwischen 350 und 360 an. Tragende Indizien sind die Anbindung an die Hagia Sophia, die Rangordnung in der justinianischen Gesetzgebung (Novelle 59.3 und Novelle 131.15) sowie die Präzedenzstellung des xenodochos im Palmsonntagszeremoniell der De cerimoniis (I 41, 32).Miller 1990, S. 107–109 und 112. Stathakopoulos übernimmt diese Frühdatierung und spricht von einer Gründung in den 350er oder 360er Jahren durch Sampson als christlichen Arzt.Stathakopoulos 2006, S. 256. Sicher greifbar ist das Haus jedoch erst vor 532, als es bei Prokop und Malalas zum Zeitpunkt des Nika-Aufstands als bereits prominente Institution erscheint.Miller 1990, S. 104 und 107.

Lage Alle einschlägigen Zeugnisse verorten das Haus unmittelbar bei der Großen Kirche, genauer zwischen Sophienkirche und Irenenkirche. Dazu gehören die früheste Vita Sampsonis (8. Jahrhundert), die Patria Constantinopolis des 10. Jahrhunderts, Theophanes sowie Prokop, De aedificiis I 2, 14. Die moderne topographische Forschung hat diese Lokalisierung nordöstlich der Hagia Sophia bestätigt.Miller 1990, S. 104 f.; Stathakopoulos 2006, S. 256; Stepanova 2018, S. 548.

Justinianische Neuanlage und zweiter Brand Nach dem Brand im Januar 532 ließ Kaiser Justinian I. das Haus nicht bloß wiederherstellen, sondern deutlich erweitern und mit einer festen jährlichen Dotation versehen, damit ein größerer Patientenkreis aufgenommen werden konnte.Prokop, De aedificiis I 2, 15; Miller 1990, S. 113; Stathakopoulos 2006, S. 256; Stepanova 2018, S. 548. Schon 536 bestieg der bisherige xenodochos Menas den konstantinopolitanischen Patriarchenthron, was das Gewicht des Amtes dokumentiert.Miller 1990, S. 113. Die Novellen 59 und 131 weisen dem Vorsteher des Sampson-Hospitals eine Sonderstellung unter den Leitern der hauptstädtischen Hospitäler zu und stellen das Haus gemeinsam mit dem Orphanotropheion (Waisenhaus) den Privilegien der Hagia Sophia gleich. Der xenodochos verwaltete überdies angeschlossene asketische Frauengemeinschaften, die an öffentlichen Begräbnissen mitwirkten.Miller 1990, S. 107 und 113 f. Ein zweiter Brand traf das Haus 563 zusammen mit zwei benachbarten asketereia. Das Xenon wurde daraufhin, wohl noch unter Justinian oder bereits unter Justin II., ein weiteres Mal wiederhergestellt und ist unter Maurikios und Herakleios erneut als funktionierendes Spital greifbar.Theophanes, Chronographia 240 de Boor; Miller 1990, S. 114.

Medizinisches Profil im 7. Jahrhundert Das wichtigste Binnenzeugnis für die medizinische Ausrichtung des Hauses liefert Wunder (Mirakel) 21 der Miracula Artemii (um 640). Der Diakon Stephanos wird den „Chirurgen des Sampson“ übergeben, erhält ein Bett „beim Tor der Augenkranken“ und wird dort nach dreitägiger Vorbehandlung operiert.Miller 1990, S. 116 f.; Stathakopoulos 2006, S. 256. Bezeugt sind damit ein chirurgisches Personal, ein abgegrenzter ophthalmologischer Bereich sowie die Aufnahme auch nicht-indigener Patienten. Eine Predigt des Anastasios Sinaites verweist zusätzlich darauf, dass spätestens unter Maurikios einer der städtischen archiatroi an den Patientenbetten des Sampson visitierte.Miller 1990, S. 114 f. Stathakopoulos übernimmt für die Einordnung dieses Befundes Hordens Kategorie und klassifiziert das Haus als „medicalized hospital“, also als Einrichtung mit regelmäßiger ärztlicher Präsenz.Stathakopoulos 2006, S. 256 Anm. 9, in Rezeption von Horden 2007.

Administrative Kontinuität (6. bis 10. Jahrhundert) Die institutionelle Kontinuität des Hauses ist anhand von Siegeln gestuft greifbar. Stepanova weist einerseits eine umfangreiche Gruppe von Siegeln und Tesseren des Xenons selbst aus dem 6. und 7. Jahrhundert nach. Diese institutionellen Zeugnisse dokumentieren den eigentlichen Betrieb der Anstalt in justinianischer und nachjustinianischer Zeit.Stepanova 2018, S. 547. Andererseits lassen sich drei namentlich bezeugte xenodochoi von St. Sampson erst wieder im 9. Jahrhundert fassen, nämlich Manuel (basilikos vestitor, erste Hälfte 9. Jahrhundert, Bestand der Eremitage, dort erstmals publiziert), Konstantinos (basilikos skeuophylax, Mitte 9. Jahrhundert) und Georgios (Protonotar, Wende 9. zum 10. Jahrhundert). Sie belegen die Verwaltungskontinuität in mittelbyzantinischer Zeit, und zwar überwiegend in hof- beziehungsweise staatsnaher, nicht klerikaler Besetzung.Stepanova 2018, S. 550. Literarisch tritt hinzu, dass die Vorrangstellung des Sampson-xenodochos im Zeremoniell noch für das 9. Jahrhundert greifbar ist (De cerimoniis I 41, 32).Miller 1990, S. 108 f. Das Typikon der Großen Kirche bezeichnet das Haus als „das große Xenon“.Miller 1990, S. 119.

10. Jahrhundert, Krise und Restauration Im 10. Jahrhundert geriet das Haus in wirtschaftliche Schwierigkeiten und wurde als charistikion dem hochrangigen Beamten Leo Droungarios übertragen, der es aus eigenen Mitteln wieder in Stand setzte.Stathakopoulos 2006, S. 257; Miller 1990, S. 122 f. Die in die Vita Sampsonis II integrierten elf Mirakel zeigen das Haus als weiterhin funktionierendes Spital mit xenodochos, chartularioi, Ärzten und weiblichem Pflegepersonal.Miller 1990, S. 125–127.

Um 1200 Der Pilger Antonij von Novgorod erwähnt das Haus anlässlich seines Konstantinopelbesuchs um 1200, jedoch ausschließlich wegen der dort verehrten Reliquien des heiligen Sampson. Zum eigentlichen Krankenhausbetrieb schweigt er.Miller 1990, S. 127 f.; Stathakopoulos 2006, S. 257. Das ist kein Gegenbeweis für einen fortdauernden medizinischen Betrieb, mahnt aber zur Vorsicht bei der Annahme bruchloser Kontinuität bis zur lateinischen Eroberung.

1204 und die lateinische Zwischenzeit Nach der Eroberung Konstantinopels wurde das Haus laut dem Augenzeugenbericht des Konstantinos Stilbes geplündert, die Ikonostase entweiht und das Gebäude den Kranken der Eroberer zur Verfügung gestellt.Stathakopoulos 2006, S. 257 Anm. 12. Die Weiterführung erfolgte jedoch nicht, wie Miller 1990 annahmMiller 1990, S. 128 und 130., durch den Templerorden, sondern als eigenständiger Ordo Sancti Sansonis. Stathakopoulos weist dies anhand der päpstlichen Urkunden Innozenz III. (1208 und 1210) und Innozenz IV. (1244) nach und widerlegt Millers Zuschreibung.Stathakopoulos 2006, S. 257–259 Anm. 16. Der Orden unterhielt Tochterhäuser in Douai und Korinth. Während das konstantinopolitanische Mutterhaus und Douai eher als Hospize für arme Pilger fungierten und kein Dokument ständig beschäftigte Ärzte bezeugt, lassen sich am erst später errichteten Haus in Korinth aus der Kombination von Apotheke, Raumstruktur und Bestattungsbefunden Spuren einer stärker medizinisch profilierten Einrichtung erkennen, ohne dass damit die Qualität der Konstantinopler Anstalt zur justinianischen oder mittelbyzantinischen Zeit erreicht wäre.Stathakopoulos 2006, S. 269.

Nach 1261 Eine Wiederaufnahme des eigentlichen Hospitalbetriebs in der Palaiologenzeit ist nicht zu belegen. Das Bauwerk stand wohl noch. Das Typikon des Lips-Klosters (Ende 13. Jahrhundert) erwähnt die „Häuser des Sampson“ als topographischen Fixpunkt, und eine Urkunde um 1400 spricht von einem „Kloster des heiligen Sampson“, was auf eine klösterliche Nachnutzung des Komplexes hindeutet.Miller 1990, S. 129 f.; Stathakopoulos 2006, S. 269 Anm. 110 f. Die ältere Beobachtung, dass die meisten vorlatinischen xenones die Zwischenherrschaft institutionell nicht überlebten, gilt auch hier.

Einordnung Das Sampson-Hospital ist eines der am besten belegten Beispiele eines tatsächlich medikalisierten byzantinischen Krankenhauses, mit Chirurgie, ophthalmologischer Abteilung, ärztlich besetzter Visitation und administrativer Verwurzelung im höfisch-kirchlichen Gefüge der Hauptstadt. Gerade dieser Befund verbietet aber eine Verallgemeinerung. Horden hat gezeigt, dass diejenigen byzantinischen Häuser, für die eine regelmäßige ärztliche Präsenz wirklich greifbar ist, insgesamt eine kleine, überwiegend hauptstädtische Gruppe bilden. Das Sampson-Xenon gehört zu dieser kleinen Gruppe und ist gerade deshalb kein Durchschnittsfall, sondern ein Spitzenbeispiel, das das Normalmodell des byzantinischen Hospitalwesens nicht zu tragen vermag.Horden 2007, S. 229–233. Stathakopoulos schließt in seiner Klassifikation des Hauses an diese Horden'sche Differenzierung an.

Quellen Anton von Novgorod: Reisebericht. Edition: Sofija de Khitrowo (Hrsg.): Itinéraires russes en Orient. Société de l’Orient latin, Genf 1889 (Nachdruck Osnabrück 1966), S. 87–111. Constantinus Porphyrogenitus: De cerimoniis aulae byzantinae. Edition: Johann Jakob Reiske (Hrsg.): Constantini Porphyrogenniti imperatoris De ceremoniis aulae byzantinae libri duo. 2 Bände. Weber, Bonn 1829–1830 (= Corpus Scriptorum Historiae Byzantinae). Neue Ausgabe: Albert Vogt (Hrsg. u. Übers.): Le livre des cérémonies. 2 Bände. Les Belles Lettres, Paris 1935–1939. Corpus Iuris Civilis. Band 3: Novellae. Hrsg. von Rudolf Schoell und Wilhelm Kroll. Weidmann, Berlin 1895 (Nachdruck 1972). Konstantinos Stilbes: Mémoire contre les Latins. Edition: Jean Darrouzès: Le mémoire de Constantin Stilbès contre les Latins. In: Revue des études byzantines. Band 21, 1963, S. 50–100. Miracula Sancti Artemii. Edition: Athanasios Papadopoulos-Kerameus: Varia Graeca Sacra. St. Petersburg 1909, S. 1–75. Zweisprachige Ausgabe: Virgil S. Crisafulli, John W. Nesbitt (Hrsg. u. Übers.): The Miracles of St. Artemios. A Collection of Miracle Stories by an Anonymous Author of Seventh-Century Byzantium (= The Medieval Mediterranean. Band 13). Brill, Leiden u. a. 1997. Prokop: De aedificiis. Edition: Jakob Haury, Gerhard Wirth (Hrsg.): Procopii Caesariensis opera omnia. Band 4. Teubner, Leipzig 1964. Zweisprachige Ausgabe: Denis Roques (Hrsg. u. franz. Übersetzung.): Procope de Césarée, Constructions de Justinien I. Edizioni dell’Orso, Alessandria 2011. Theophanes Confessor: Chronographia. Edition: Carl de Boor (Hrsg.): Theophanis Chronographia. 2 Bände. Teubner, Leipzig 1883–1885 (Nachdruck Hildesheim 1963). Vita Sampsonis I (BHG 1614z) und Vita Sampsonis II. Letztere in Patrologia Graeca. Band 115, Spalte 277–308. Zur Textgeschichte: François Halkin: Saint Samson. Le xénodoque de Constantinople (VIe siècle). In: Rivista di studi bizantini e neoellenici. Neue Folge, Band 14–16, 1977–1979, S. 5–17.

Literatur Timothy S. Miller: The Sampson Hospital of Constantinople. In: Byzantinische Forschungen. Band 15, 1990, S. 101–135. Timothy S. Miller: The Birth of the Hospital in the Byzantine Empire. 2. Auflage, Johns Hopkins University Press, Baltimore und London 1997 (Erstausgabe 1985). Dionysios Stathakopoulos: Stiftungen von Spitälern in spätbyzantinischer Zeit (1261–1453). In: Michael Borgolte (Hrsg.): Stiftungen in Christentum, Judentum und Islam vor der Moderne (= Stiftungsgeschichten. Band 4). Akademie Verlag, Berlin 2005, S. 147–157. Dionysios Stathakopoulos: Discovering a Military Order of the Crusades. The Hospital of St. Sampson of Constantinople. In: Viator. Band 37, 2006, S. 255–273. Peregrine Horden: How Medicalised were Byzantine Hospitals? In: Neithard Bulst und Karl-Heinz Spieß (Hrsg.): Sozialgeschichte mittelalterlicher Hospitäler (= Vorträge und Forschungen. Band 65). Thorbecke, Ostfildern 2007, S. 213–235.