Unkenrufe ist eine 1992 erschienene Erzählung von Günter Grass, die von der Beziehung zwischen einem verwitweten deutschen Kunsthistoriker und einer ebenfalls verwitweten polnischen Restauratorin handelt und von ihrer gemeinsamen Planung und Umsetzung des Versöhnungsprojekts einer deutsch-polnischen Friedhofsgesellschaft (DPFG) im Zuge des Mauerfalls und der deutschen Wiedervereinigung. Damit sollte im Sinne der Initiatoren den infolge des Zweiten Weltkriegs Vertriebenen und Umgesiedelten, sobald sie verstorben sind, die Möglichkeit der Rückkehr und Beisetzung in der alten Heimat eröffnet werden. Das unter günstigen politischen Begleitumständen begonnene Unternehmen wird jedoch – wie der zeitlich parallel geschehende politische Umbruch in Deutschland und Europa – von kommerziellen Interessen überlagert und vereinnahmt. Das späte Liebespaar wendet sich enttäuscht davon ab und findet Glück nur mehr im privaten Miteinander.
Entstehungszusammenhänge
So detailliert wie bei den Unkenrufen hatte Grass bis dahin den Entstehungsprozess keines anderen Werkes festgehalten. Der Ort dafür war das (erst 2009 publizierte) Tagebuch 1990 mit Aufzeichnungen rund um das Jahr der deutschen Wiedervereinigung. Im Lauf dieses Jahres nahm die bei Grass bereits bestehende Idee eines „Unkenrufe“-Vorhabens unter dem Eindruck des aktuellen politischen Geschehens konkrete Gestalt an. Der kritisch-warnende Tenor, den Grass gegenüber der Einverleibung eines „Schnäppchens namens DDR“ vernehmen ließ, ging in heiter ironischen Brechungen in die tragikomische Erzählung ein.Dieter Stolz: Günter Grass, der Schriftsteller. Eine Einführung. 3. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, dtv, München 2023, S. 310 f. Durch die „sogenannte deutsche Einheit“, so Grass, habe sein Grundeinfall von der „Heimkehr der Deutschen als Tote“ einen recht realen Hintergrund bekommen, „in den hinein ich meine Fabel setzte.“Zitiert nach Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 272.
Im Tagebuch 1990 heißt es unter dem Datum 17. Januar 1990: „Langsam setzt sich „Unkenrufe“ als Titel fest. Ein Unglück vorausschreiben. Mit heiterer Zuversicht wissen, daß es schlimm ausgehen wird. Die nächtlichen traurigen Rufe zwischen den kaschubischen Seen.“ Er neige gegenwärtig zur Form des Briefromans zwischen Witwer und Witwe, schreibt Grass am 6. Februar. „Aber auch Briefe von anderer Seite, deutscher wie polnischer, desgleichen Zeitungsmeldungen, Protokolle, Parlamentsreden, Anzeigen werbender Art für die Friedhofsgesellschaft und so weiter könnten den Briefroman anreichern.“ Am 9. Juni 1990 findet Grass, ein Erzähler solle aus den Briefen des deutsch-polnischen Paares zitieren. „Will dieses Buch unbedingt (als Schlußstein der Danziger Bücher) schreiben, nur fehlt noch eine den Erzählerblick bestimmende Idee.“ Am 15. August erwägt Grass, dass seine Protagonisten dem Erzähler auch noch ihre Tagebücher zur Verfügung stellen könnten. Seine Pläne für das kommende Jahr skizziert Grass wie gewohnt am Silvesternachmittag 1990, einschließlich der „Unkenrufe“: die handschriftliche erste Fassung bis zum Spätsommer, danach auf Møn die bis zum Dezember 1991anzufertigende Maschinenfassung. „Die dritte Fassung könnte dann im Frühjahr ’92 abgeschlossen werden und das Buch im Herbst 92 erscheinen.“
Gestaltungsmerkmale
Die Helen Wolff gewidmete ErzählungIn seinem Nachruf auf die amerikanische Verlegerin, die auch Max Frisch und Uwe Johnson dem amerikanischen Publikum erschlossen hatte, verbeugte sich Grass vor ihr: „Sie kannte uns bis in letzte Verliese und Hinterhältlichkeiten hinein. Ihr war nichts vorzumachen. Bei ihr verlegt, hieß bei ihr aufgehoben zu sein, auch über Durststrecken hinweg. Wo hat es das jemals gegeben: soviel episch andauernde Liebe, soviel Nachsicht mit chronisch egozentrischen Urhebern, soviel verlässliche Kritik die nichts besser, aber manches genauer wissen wollte...“ (Zitiert nach Michael Jürgs: Günter Grass. Eine deutsche Biografie. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe der überarbeiteten Ausgabe von 2007. C. Bertelsmann Verlag, München 2015, S. 375) ist in sieben titellose Kapitel gegliedert, deren jeweilige Anfänge neue Perspektiven auf das Geschehen und seine Wiedergabe eröffnen. Zahlreiche Wendungen betreffen, wie bereits aus den Aufzeichnungen im Tagebuch 1990 ersichtlich und in den Unkenrufen aufgenommen und umgestaltet, den Darstellungsmodus und die Erzählerfigur. Von deren Berufung, Motivlagen und Stoffbehandlung, die autobiographische Rückbezüge zu Grass erkennen lassen, ist parallel zur Entfaltung der Handlung öfters die Rede.
In die Rolle des Geschehenschronisten wird der anonym bleibende Erzähler von seinem zeitweisen Schulbanknachbarn und späteren Flakhelferkameraden Alexander Reschke gedrängt, der zentralen Figur der Erzählung, an den er sich aber zunächst kaum mehr zu erinnern vermag. Der schickt ihm ohne Vorwarnung ein Materialpaket zum Friedhofsversöhnungsprojekt und dessen Hauptakteuren ins Haus, bestehend aus Briefen, Abrechnungen, datierten Fotos, tagebuchartigen und sonstigen Aufzeichnungen, Zeitungsausschnitten und Toncassetten. Im Begleitbrief wird er über seine Eignung für die ihm zugemutete Aufgabe aufgeklärt: Viel besser als um seine sonst mäßigen Schulleistungen habe es um seine Aufsätze gestanden. Bewundert worden sei er damals dafür, dass er eine Kröte komplett verschluckt habe, genauer: eine Rotbauchunke. Der so Hervorgehobene arrangiert sich skeptisch-widerwillig mit dem unverhofften Auftrag. Besser wäre die Materialsammlung seiner Ansicht nach an ein Archiv gegangen; Reschke habe wissen müssen, wie leicht er als Chronist „ins Erzählen“ gerate. Doch für die Rücksendung fehlt ihm eine Adresse. (S. 13, 37 und 118)Alle Seitenangaben gemäß Unkenrufe. Eine Erzählung, 5. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007.
Kapitelinhalte
1.
„Der Zufall stellte den Witwer neben die Witwe“, lautet der erste Satz der Erzählung. An Allerseelen, dem 2. November 1989 – wenige Tage vor dem Mauerfall also – trifft der Kunsthistoriker Alexander Reschke die polnische Restauratorin Alexandra Piątkowska auf einem Danziger Bauernmarkt beim Blumenkauf, kommt mit ihr ins Gespräch und darf sie auf ihrem Weg zum Friedhof begleiten, wo sie das Grab ihrer Eltern aufsucht. Wechselseitig geben sich beide als verwitwet zu erkennen und haben zudem gemeinsam, dass ihrer beider Eltern nicht an ihrem Wunschort begraben liegen: Alexandras nicht im heimatlichen Wilno, Alexanders nicht in Danzig.
Durch ihre Berufsfelder benachbart, haben die Restauratorin und der Kunsthistoriker auch fachlich reichlich verbindenden Gesprächsstoff. Im Anschluss an den Friedhofsbesuch lädt sie ihn zu einem Pilzgericht in ihre Wohnung in der Danziger Altstadt nahe dem Rathaus und der Marienkirche ein. In der Hundegasse schräg gegenüber, teilt ihr Reschke mit, habe er früher mit Eltern und Brüdern gelebt. Damals hätten die Eltern für sich bereits einen Platz im Danziger Familiengrab in Aussicht genommen, so wie Alexandras Eltern im litauischen Wilno. Aus Reschkes Reflexionen über ein Recht von Verstorbenen auf Heimkehr leitet die Piątkowska einen unmittelbaren Handlungsauftrag für beide ab; und so beschließen sie miteinander die Gründung einer Polnisch-Deutsch-Litauischen Friedhofsgesellschaft.
2.
Am Abend begibt sich Reschke nach dem Besuch bei Alexandra noch für einen Absacker in eine Kneipe. Dort wird er von einem Bengalen angesprochen, der in Cambridge studiert hat und mit Verkehrsfragen befasst ist. Er heißt Chatterjee und bezeichnet sich als Vorboten oder Quartiermacher der künftigen Weltgesellschaft. „Sogar die Polen, die nichts als Polen sein wollen, werden lernen müssen, daß es neben der Schwarzen Madonna von Tschenstochau Platz genug gibt für eine weitere schwarze Gottheit; denn unsere so geliebte wie gefürchtete Mutter Kali werden wir natürlich mitbringen – in London ist sie schon seßhaft.“ (S. 40 f.) Tags darauf trifft Reschke den Bengalen vor dem Hoteleingang, wo der eine Fahrradrikscha alternativ zu den bereitstehenden Taxis für Personentransporte vorhält. „Alles blitzblank. Weißrot gestreift das Klappdach zum Schutz der Fahrgäste bei widrigem Wetter. Dunkelblau das stabile Gestänge, keine Roststellen, nirgendwo blätternder Lack.“ (S. 49) Es handle sich bei diesem Qualitätsprodukt der Marke „Sparta“ um ein in Holland hergestelltes Fahrzeug, erklärt Chatterjee. Davon besitze er sechs weitere und habe noch 12 bestellt. Der Fahrradrikscha gehöre überall in Europa die Zukunft.
Für den Nachmittag ist Reschke mit Alexandra zur Erkundung von geeigneten Flächen für ihr Friedhofsprojekt verabredet. Und sie werden nach zwei Fehlschlägen wie erhofft fündig. Sich um die Einwerbung der Finanzmittel für das Projekt auf der Basis der harten Deutschen Mark zu kümmern, übernimmt Reschke und bereitet dafür sogleich seine Rückkehr ins Ruhrgebiet vor. Alexandra eilt ihm noch in der Nacht vor seiner Abfahrt in sein Hotel nach, um ihm Proviant mitzugeben – und bleibt über Nacht. Erleichtert vermerkt Reschke seine noch vorhandene Fähigkeit zum Liebesakt. Als sie es schließlich zu schlafen an der Zeit findet, und zwar Rücken an Rücken, gibt sie die Parole aus: „Machen wir Doppeladler.“ (S. 67)
3.
Brieflich tauschen sich der deutsche Emblematiker und die polnische Vergolderin sowohl über die Reize ihrer gerade begonnenen Beziehung aus als auch über die anstehende Verwirklichung ihres Völkerversöhnungsprojekts. Reschke setzt auf die gerade aufklarenden politischen Horizonte als Chance für vieles, das kürzlich noch undenkbar schien. „Das Jahrhundert der Vertreibungen wird seinen Ausgang unter dem Zeichen der Heimkehr finden. So, nur so, darf sein Ende gefeiert werden.“ Er werde wie verabredet Kontakte diesbezüglich aufnehmen und Grundlagen für eine Interessentenkartei schaffen. Die Piątkowska sieht ihrerseits viel Potenzial im eigenen Umfeld. „Du mußt wissen, daß in Gdańsk und Gdynia, nein, in ganze Woiwodschaft mehr als ein Drittel von Bevölkerung kommt von Wilno und möchte da liegen, wenn Zeit ist rum.“ (S. 72)
Reschke wiederum kann ihr mitteilen, dass die Idee der Friedhofsgesellschaft in Kreisen der organisierten Landsmannschaften von Vertriebenen überraschend gut ankomme. „Diese Leute sind weniger reaktionär, als einige Leitartikel in ihrer Hauspostille glauben machen wollen.“ (S. 74) Bezüglich der Folgen des Mauerfalls schwant ihm andererseits schon in seinen Dezemberbriefen Schlimmes. Es zeichne sich eine Einheit ab die ihm, „wenngleich herbeigesehnt, fürchterlich zu werden beginnt.“ Alexandra hält entschieden dagegen. „Als Polin kann ich Dein Volk beglückwünschen nur herzlich. Wer polnische Nation haben will ungeteilt, muß wollen auch deutsche Nation eins. Oder willst Du in Gdańsk machen zwei Friedhöfe mit Ruhe sanft Ost und Ruhe sanft West?“