Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990 ist eine 2009 erschienene autobiographische Schrift von Günter Grass, in der er seine Aktivitäten und Eindrücke im Jahr der deutschen Wiedervereinigung darlegt. Das Erscheinungsjahr des Tagebuchs rund 20 Jahre nach den Aufzeichnungen stellt es in den zeitlichen Zusammenhang zu der „Trilogie der Erinnerungen“, zu der Grass Beim Häuten der Zwiebel (2006), Die Box (2008) und Grimms Wörter (2010) zählte.
Beweggründe des Verfassers
Gleich eingangs des Tagebuchs erklärt Grass zum 1. Januar 1990, was ihn, der kein passionierter Tagebuchschreiber sei, zu diesen Aufzeichnungen veranlasst. „Es muss schon Ungewöhnliches anstehen, das mich in die Pflicht nimmt.“ Er wolle „in immer neuen Anläufen“ die Grenzen zwischen den beiden deutschen Staaten überschreiten und sich auch in die jeweils anstehenden Wahlkämpfe einmischen. Zwar habe er eigentlich nach Abschluss der Arbeit an Totes Holz direkt mit dem deutsch-polnischen Treffen zweier Verwitweter in Danzig beginnen wollen (die 1992 erschienene Erzählung Unkenrufe); doch habe nun das Tagebuch Vorrang. (S. 6)Alle Seitenangaben gemäß Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990, Steidl Verlag, Göttingen 2009.
Seiner Frau Ute erläutert er seine Pläne am 3. Januar: Er wolle von Ende Februar bis September jeden Monat in die DDR fahren, „von Rügen bis zum Vogtland um die Veränderungen nach der großen politischen und revolutionären Veränderung im Auge zu behalten.“ Auch das Braunkohlerevier bei Spremberg, wo er im April 1945 verwundet wurde, soll eines der Ziele und Gegenstand von eigenen Zeichnungen der ausgebeuteten Landschaft sein. (S. 9)So auch bei Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 342 f.
Tagebuchgestaltung
Nicht täglich, doch im Durchschnitt an jedem zweiten bis dritten Tag hat Grass unter Angabe von Datum und Aufenthaltsort im Zeitraum vom 1. Januar 1990 bis zum 1. Februar 1991 Notizen zu seinem Tun und Denken aufgezeichnet und gelegentlich Zeichnungen beigegeben (auf dem Buchumschlag zwei Heuschrecken). Daheim in Behlendorf, aber vor allem auch in ihrem Ferienhaus an der portugiesischen Algarve (Tagebucheinträge unter Vale das Eiras) und in ihrem Ferienhaus auf Møn (Tagebucheinträge unter Ulvshale) hielten sich Grass und seine Frau Ute in diesem Zeitraum teils längerfristig auf.
Günther Rüther bedauert, dass Grass nicht wie Thomas Mann regelmäßig Tagebuch geführt hat. „Bei den Höhen und Tiefen seines aufregenden Lebens hätte eine tägliche Niederschrift seiner Gefühle und Gedanken uns Nachfahrenden einen Kosmos eröffnet, der behilflich gewesen wäre, den Menschen Günter Grass und sein Werk noch besser zu verstehen.“ Zwar verwiesen auch Aus dem Tagebuch einer Schnecke (über Grass’ Wahlkampfeinsatz für die SPD 1969) und Zunge zeigen (als Zeugnis des Kalkutta-Aufenthalts der Eheleute Grass) auf das Tagebuch-Genre, glichen aber mehr einer Erzählung. Anders als bei den Stichworten und Satzfragmenten Thomas Manns umfasse Grass‘ Bericht zu einem Tag oft eine ganze Seite.„All das offenbart, was uns entgangen ist, hätte er nicht nur für einen kurzen Zeitraum festgehalten, was sein Herz bewegte“ (Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 267).
Inhaltliche Akzente
Eine Vielzahl von Notaten insbesondere während der Daueraufenthalte an der Algarve, in Behlendorf und auf Møn betreffen – neben aktuellen deutschlandpolitischen Reflexionen und Vortragsvorbereitungen – die Planung und Realisierung neuer Buchvorhaben. Besonders häufig beschäftigte Grass die Konzeption der Erzählung Unkenrufe, daneben die Beendigung und Verwertung der Arbeit an Totes Holz sowie als Langzeitvorhaben Ein weites Feld. Auch von Alltagsbeschäftigungen vor Ort ist oft die Rede, so vom Bäumepflanzen, von der Fischbeschaffung und -zubereitung auf dem portugiesischen Anwesen oder von der Brombeerernte und dem Pilzesammeln auf Møn. Familie und Schriftstellerkollegen sind in den Aufzeichnungen ebenfalls präsent. Über die sein Tagebuchschreiben motivierenden deutschlandpolitischen Entwicklungen hielt sich Grass auch auswärts durch die Presse unterrichtet und reflektierte sie in den Einträgen.
Politisches Erleben und Mitwirken
Bereits zu Anfang des Jahres 1990 nimmt Grass den Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein als einen entschiedenen Gegner hinsichtlich deutschlandpolitischer Zielsetzungen aufs Korn. Im Ferienhaus an der Algarve notiert er am 7. und 8. Januar, „dieser während Jahrzehnten gelernte Zyniker“ sei zum Nationalisten verkommen. „Dessen Spiegel-Leitartikel sind gefährlich, weil sie genialisch pubertär kaum auf Argumente, sondern auf eine Grundstimmung bauen, die teils vorhanden ist, teils herbeigeredet wird.“ (S. 14–16) Über Gregor Gysi heißt es in Vale das Eiras am 15. Januar: „Die raschen Verwandlungen des Herrn Gysi muten wie eine Rolle aus der französischen Revolution an: jetzt kann er nur noch scheitern oder (medienwirksam) zum bühnenreifen Schurken gemacht werden.“ (S. 20)
Daheim in Behlendorf hat Grass am 28. Januar Einwände gegen Willy Brandts Rede auf dem Gothaer Parteitag der thüringischen SPD, in der Vorgaben zur Einheit (von unten nach oben, kein Einheitsstaat, sondern auf Länderhoheit beruhender Bundesstaat) zu beiläufig und ungenau angesprochen seien. „Ob seine junge Frau ihn so national gestimmt hat? Oder will er sein politisches Lebenswerk abrunden? Oder meint er gar, er müsse den Makel des ‚vaterlandslosen Gesellen‘ abtragen? Oder ist es nur politischer Instinkt, der ihm rät, das Thema zu besetzen? Oder alles zusammen ergibt einen Reim?“ (S. 30) Am 2. Februar rechnet Grass mit einer Konföderation der beiden deutschen Staaten für einige Jahre. „Das gäbe der DDR und ihren Bürgern die Chance, eigenständig und aus besserer wirtschaftlicher Lage über die zukünftige Form der Einheit zu entscheiden.“ (S. 33)
In der in einem Fernsehgespräch auch direkt mit Augstein geführten Auseinandersetzung erbost Grass im Eintrag vom 12. Februar speziell dessen Äußerung: „Der Zug zur Einheit ist abgefahren…“ – von Grass als „deutschnationaler Starrsinn“ verbucht. (S. 42) Ungute Vorahnungen bezüglich der ersten freien Volkskammerwahl in der DDR am 18. März 1990 beschleichen Grass bereits Anfang März. Zum 1. und 2. März notiert er nach Veranstaltungen in Dresden: „Merkwürdig : die Wahrscheinlichkeit, daß ich ‚Unkenrufe‘ schreiben werde, steigt mit der gegenwärtig wachsenden Gefahr, daß die Rechten, allen voran die DSU, die Wahlen gewinnt. Schon wieder: Literatur nur möglich aus der Verliererposition?“ Aus Diskussionen und Gesprächen gewinnt er den Eindruck, dass „jene in der DDR bisher verdeckte, nun unverbraucht und offen zutage tretende rechte Mentalität, die sich nationalistisch, fremdenfeindlich, antisemitisch, vulgär-materialistisch und insgesamt intolerant ausspricht, stärker ist, als ich befürchtete.“ (S. 63 f.) Am 19. März befindet er in Leipzig: „Die Niederlage der Sozialdemokraten und der Sieg der Allianz mit der Blockpartei CDU sind so übertrieben, daß von grotesken Dimensionen gesprochen werden kann.“ (S. 74)
Am 1. April fällt ihm angesichts des voraussichtlichen Wechselkurses von 1:2 „die verkohlte DDR“ ein. Zudem vermerkt er eine Einladung, den Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker demnächst auf seiner Polenreise zu begleiten. (S. 77) Für die Währungsumstellung zum 1. Juli in der DDR sieht Grass am 17. April einen „Schuß in den Ofen“ voraus. Die DM werde sogleich für Westprodukte und Westreisen wieder in den Westen abfließen, ohne die DDR-Wirtschaft zu beleben. „Im Gegenteil: alle hier erwirtschafteten Produkte werden unverkäuflich, Firmen werden Pleite machen, auch solche, die sich durchaus hätten entwickeln können.“ (S. 81 f.) Am 20. April begeht Grass im Lausitzer Braunkohlerevier den 45. Jahrestag seiner Verwundung als 17-Jähriger eben dort. Anfang Mai besucht er im Tross des Bundespräsidenten Warschau und Danzig und trifft dabei auch seine kaschubischen Verwandten. (S. 89–95)
Anlässlich eines Aufenthalts in Posen, wo ihm die Ehrendoktorwürde verliehen wird, wendet sich Grass am 19. Juni brieflich an den SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine, dem er anstelle eines bloßen Neins zur raschen Wiedervereinigung als Alternative einen „Bund deutscher Länder“ auf Grundlage einer neuen Verfassung empfiehlt. Zudem fordert er ihn nach eigenem Bekunden auf: „Hab endlich Erbarmen mit den Menschen in der DDR“; ihn stoße das Erbarmungslose jener Politik ab, der jeder über die DM-Wirtschaft hinausreichende Gedanke fehle. (S. 115) Am 21. Juni notiert Grass den Titel für eine auszuarbeitende Polemik: Ein Schnäppchen namens DDR, wobei „Schnäppchen“ für die gegenwärtige kapitalistische Raffgier stehen solle. (S. 126) Im Tagebucheintrag vom 6. Juli fragt er: „Bin ich von gestern?“ Dagegen spreche, „daß von Tag zu Tag mehr abzusehen ist, wem die Produktionsmittel – vom Bier bis zu den Kinos, von den Kaffeeröstereien (Tchibo) bis zur Autoproduktion – gehören werden: den westdeutschen Herren. Damit sind jetzt schon die Besitzverhältnisse auf Dauer festgeschrieben.“ (S. 133)
Den Erfolg von Bundeskanzler Helmut Kohls Besuch bei Michail Gorbatschow kommentiert Grass am 17. Juli mit den Worten: „Die wirtschaftlich miserable Lage zwingt Gorbatschow, bei verschämter Entgegennahme von fünf Milliarden DM, die Mitgliedschaft von Gesamtdeutschland in der NATO zu akzeptieren. Eine für die Zukunft (bis über das Jahr 2000) folgenreiche Entscheidung, die Polen wieder einmal zwischen zwei Riesen zwängt.“ (S. 140) Am 31. Juli reflektiert Grass neuerlich enttäuschte Erwartungen in der DDR-Bevölkerung jenseits des „Wunderdings DM“: „Sprunghaft steigende Arbeitslosenzahlen, das arrogante besserwisserische Auftreten der westdeutschen Herren im Kommandostil, die absehbare Perspektive, wieder die Angeschmierten, die ewigen Verlierer, ja, nun auch noch die Versager zu sein, könnte Haß keimen lassen, nicht frei von Selbsthaß. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Zwangsherrschaft und Mangelwirtschaft stehen nun das kapitalistische System und dessen Ideologie, die rigorose Marktwirtschaft und die Macht der Banken, auf dem Prüfstand.“ (S. 147) Am Tag vor dem Vollzug der deutschen Wiedervereinigung, also am 2. Oktober, während einer vermeintlich letzten Fahrt mit der DDR-Reichsbahn von Büchen nach Berlin erwähnt Grass im Tagebuch verschmutzte Toiletten und mangelnde Heizung des Abteils. Draußen sieht er zerfallene Scheunen und geduckte Kirchtürme vorbeihuschen. „Das Mangelland wird noch lange seinen Zustand aufrechterhalten: schneckengetreu, denn die von der Geschichte und ihren Tatsachenbehauptungen übersprungenen Phasen beeilen sich nicht.“ (S. 188)
Kollegiales und Familiäres
Mitunter notierte Grass im Tagebuch Anmerkungen zu seiner Ferien- und Freizeitlektüre sowie zu seinen Treffen mit Schriftstellerkollegen. In Vale das Eiras befasst er sich am 7. Januar 1990 mit Salman Rushdies satanischen Versen als einem wortwörtlich fabelhaften Roman, den er klug, naiv und souverän geschrieben nennt. „So frech es auftrumpft, ein merkwürdig frommes Buch, vor dem Rushdies Feinde wie ‚Gottlose‘ wirken. Dieses Autors wegen aus der Akademie ausgetreten zu sein, soll mir ein Vergnügen bleiben.“ (S. 14 f.)