Totes Holz. Ein Nachruf ist ein 1990 als Buch erschienenes Werk von Günter Grass, das in Zeichnungen und Kurzkommentaren Eindrücke vom Zustand der von ihm seinerzeit aufgesuchten Wälder im noch geteilten Deutschland und darüber hinaus festhielt. Als Gegenwartszeugnis spiegelte es die Sorge des Künstlers und Schriftstellers um den künftigen Fortbestand der vorhandenen Waldgebiete.
Gestaltungsmerkmale Zu den dieses Werk dominierenden großformatigen Zeichnungen führt Grass im Nachwort aus: „Ich zeichnete mit sibirischer Reißkohle, einem Holzprodukt. Für Pinsel- und Rohrfederzeichnungen benutzte ich natürlichen Sud, gewonnen aus frischer Tintenfischtinte.“ (S. 105)Eine Seitenzählung wird nur im Nachwort angezeigt, hier wiedergegeben nach der Ausgabe von 1990. Den Zeichnungen beigegeben sind teils einzeilige Bemerkungen, teils Kurztexte in unterschiedlichen Druckformaten sowie wiederkehrend Auszüge aus dem Waldschadensbericht 1989 des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.
Im Nachwort schreibt Grass, er habe sich anfangs mit Skizzen begnügen wollen und „den feingesiebten Rest, was man nicht sieht, was in Ausschüssen vertagt, in Gutachten und Gegengutachten zerredet oder im allgemeinen Gequassel beschwiegen wird“, habe er aufschreiben wollen. „Aber über den Wald, wie er stirbt, steht alles geschrieben. Über Ursachen und Verursacher. Woran und wie schnell er auf Kammlagen oder im Flachland krepiert. Was ihn retten, überhaupt oder teilweise retten könnte.“ So seien für ihn allenfalls noch Untertitel abgefallen, „mehr kürzere als längere.“ (S. 103 f.)
Begleittext-Akzente und Nachwort
Einer der beiden Großväter von Grass war Tischlermeister. Zu einer Zeichnung mit flach auf dem Waldboden liegenden, entwurzelten Baumstämmen merkt er an, dass die so niedergestreckten Buchen seinen Großvater zum Weinen gebracht hätten: „so viele Festmeter Langholz nutzlos dahin.“Eine Seitenzählung wird nur im Nachwort angezeigt. An anderer Stelle äußert sich Grass lakonisch zu seiner einschlägigen Ferienbeschäftigung auf der dänischen Insel Møn: „mit Klappstuhl, Mückenstift, Hund und kalter Pfeife täglich in den Wald gehen und totes Holz zeichnen.“
Eine weitere Zeichnung mit teils umgestürzten Bäumen ist mit der Zeile unterlegt: „Wanderer, du hast sie liegen sehen, wie das Gesetz es befahl.“ Zu einem schräg ineinander verkeilten Baumgewirr assoziiert Grass eine Transparentinschrift von der Großdemonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz: „Sägt die Bonzen ab, schützt die Bäume!“ Eine der diversen von Grass zitierten Passagen aus dem Waldschadensbericht 1989 lautet: „Klimaänderungen und neuartige Baumschäden sind auf mehrfache Weise verbunden. Die neuartigen Waldschäden tragen zur Verstärkung des Treibhauseffektes bei. Geschädigte Wälder weisen gegenüber zusätzlichen Streßfaktoren, wie Klimaänderungen, eine eingeschränkte Reaktionsfähigkeit auf.“
Im Nachwort unter dem Titel: „Die Wolke als Faust überm Wald. Ein Nachruf“ bilanziert Grass sein Walderleben unter anderem so: „Wenn man im Oberharz von Deutschland nach Deutschland schaut, sind Waldschäden verwandt und ist die Wiedervereinigung schon vollzogen.“ (S. 106) Für den seine Eindrücke festhaltenden Zeichner ist bemerkenswert, dass jeder fallende Baum anders zu liegen komme: „Dieser Baum klagt an, dieser vergeht vor Scham, ein anderer verrät noch als Torso seine weitausladende Schönheit, und der hier läßt sich Mitleid aufschwatzen.“ (S. 107) Neue Wörter wie Panikblüte, Angsttrieb und Naßkernfäule seien unterdessen geläufig. „Alles – auch daß es gleichbleibend fünf vor zwölf ist – wird gesagt. Nichts muß verschwiegen werden. Wir leben in einem Land, dessen Freiheit geräumig ist; weshalb allen Bürgern (von Kindheit an) ‚freie Fahrt‘ zugesichert bleibt.“ (S. 104) Grass beklagt „Kahlschlag in den Köpfen“ und fragt: „Was bringt Menschen dazu, Wälder sterben zu lassen? Unter Bedauern, gewiß, aber doch achselzuckend, als habe der Wald sich ohnehin überlebt, ein Fossil.“ Mancher setze wohl darauf, dass die Natur sich in langen Zeiträumen schon selbst helfen werde und ansonsten auf den kulturellen Erhalt des Waldes: „in Gedichten ungezählt, im deutschen Lied, in Gemälden, die in klimatisierten Museen hängen, in unseren Märchen…“ (S. 106)
Rezeptionsaspekte
Zweimal ist in dem zeichnerischen Werk eine Eule verarbeitet, die wegen fehlender Abdeckung des Schornsteins im hauseigenen Kamin zu Tode gekommen war. Grass platzierte sie zum einen zwischen und vor totem Holz, machte sie auf einer anderen Zeichnung zu einer Wolke, „die über starren Baumstümpfen (zwischen Zinnwald und Gottgetreu) abregnet.“ (S. 109) Günther Rüther entwickelt dazu folgende Interpretation: „Die aus der griechischen Mythologie bekannte Eule der Minerva, die für Weisheit und Klugheit steht, aber auch als Unglücksbote und Todesvogel gilt, zeigt hier ihre Doppelgesichtigkeit. Eine Doppelgesichtigkeit im Negativen, als totverheißende Erkenntnis.“Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 256.
Für Volker Neuhaus ist Totes Holz der hässlichere Schluss zu „Grimms Wäldern“ in Die Rättin, wo Zeitungslektüre dazu empfohlen wird, was des Kanzlers Experten zum Thema Waldsterben zu sagen haben. Genau diese Expertenberichte gebe Grass nun in Form des Waldzustandsberichts in Totes Holz zu lesen, „bis uns der Zorn überkommt.“Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 332.
Harro Zimmermann sieht das Aufrütteln der Zeitgenossen als Ziel des Einheitsskeptikers Grass – auch als Zeichner, „der bald in Dänemark, vor allem aber im Oberharz und im Erzgebirge die absterbenden Wälder durchstreift und seine Wahrnehmungen in dem Buch Totes Holz zu bizarren, von Textfragmenten unterlegten Schwarz-Weiß-Zeichnungen verwandelt. Trostlos die Wälder, trostlos die deutschen Zustände […]“ Den mit Gorbatschow verbundenen Begriff Glasnost nutze der Dichter für ein zynisches Wortspiel mit der bedrohlich wirkenden Waldlichtung. Totes Holz gerate dem Wort-Bild-Künstler Grass abermals „zu einem Werk der ökologischen Mahnung und der Warnung vor elender Hofferei und gefühligem nationalem Einverständnis.“Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg, Hamburg 2023, S. 702 f.
Ausgaben
Günter Grass: Totes Holz. Ein Nachruf. Steidl, Göttingen 1990, ISBN 3-88243-155-5. Günter Grass: Totes Holz. Ein Nachruf. Steidl, Göttingen 2002, ISBN 3-88243-731-6.
Einzelnachweise und Anmerkungen
Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (Deutschland) Kategorie:Werk von Günter Grass