alternativtext=Backsteinbau aus dem späten 19. Jahrhundert, über der Eingangstür ein Wappen mit einer Darstellung des Heiligen Georg|mini|Hauptgebäude der ehemaligen Städtischen Arbeitsanstalt in der Riebeckstraße 63 in Leipzig mini|Lageplan, 1892

Die Städtische Arbeitsanstalt in der Riebeckstraße 63 im Leipziger Südosten wurde 1892 als städtische „Zwangsarbeitsanstalt zu St. Georg“ auf 28.000 m² Fläche erbaut. Vorgängerorganisation war das Hospital St. Georg am Brühl, das bis in die 1870er-Jahre als Armen‑, Zucht‑ und Waisenhaus genutzt wurde.

Kaiserreich und Weimarer Republik 1909 wurde die die „Zwangsarbeitsanstalt zu St. Georg“ in „Städtische Arbeitsanstalt“ umbenannt. Zwangseingewiesen wurden unter anderem Menschen, die durch die Industrialisierung massenhaft arbeits- und obdachlos geworden waren, Bettler sowie unterschiedliche als „Kranke“ bezeichnete Personen oder vermeintliche Prostituierte. In dem Gebäudekomplex wurde 1895 auch ein Nachtasyl für Obdachlose eingerichtet. Gewalt durch das Anstaltspersonal stand kontinuierlich auf der Tagesordnung. Die Zustände wurden insbesondere in der Zeit der Weimarer Republik häufig skandalisiert.

Zeit des Nationalsozialismus In der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 wurde das Gelände der Riebeckstraße 63 zu einem zentralen Ort der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik in Leipzig. Die Polizei wies dort weiterhin Gefangene ein, neu waren insbesondere politische Gegner des NS-Regimes. Zahlreiche Verfolgtengruppen passierten die Städtische Arbeitsanstalt. Beispielsweise mussten Sinti und Roma dort Pflichtarbeit leisten, um Fürsorgeunterstützung zu erhalten. Besonders als „asozial“ und „arbeitsscheu“ stigmatisierte Personen wurden in die Arbeitsanstalt zwangseingewiesen. Bereits ab 1934 fanden „erbbiologische Untersuchungen“ statt, die zu Zwangssterilisierungen führten. Mindestens 76 Insassen der Städtischen Arbeitsanstalt wurden 1940/41 in Tötungsanstalten wie die in Pirna-Sonnenstein Opfer von „Euthanasie“-Verbrechen. Das Anstaltsgelände diente 1938 und 1939 mehrmals als Sammel- und Durchgangslager für Juden. Während des Zweiten Weltkriegs bildete die Riebeckstraße 63 das Zentrum für die Verteilung, Kontrolle und Bestrafung von zivilen Zwangsarbeitern in Leipzig. Mindestens 80.000 Menschen passierten das Gelände der Arbeitsanstalt. In einem der Keller befand sich zudem ein „Ausländergefängnis“, in dem allem nicht-deutsche Zwangsarbeiter eingesperrt wurden. Durch alliierte Luftangriffe auf Leipzig wurden einige Gebäude der Anstalt zerstört, zwei Häuser wurden nach 1945 abgerissen.

Nachkriegszeit Nach Kriegsende wurde der Gebäudekomplex zunächst zur Unterbringung von ehemaligen Zwangsarbeitern genutzt. 1946 richteten die sowjetischen Besatzungsbehörden das „Fürsorgeheim für Geschlechtskranke Leipzig-Thonberg“ ein. Dies bildete die Grundlage für die 1952 in der DDR eröffnete geschlossene Venerologische Station. Mädchen und Frauen wurden dort oftmals ohne gesetzliche Grundlage zwangseingewiesen und gegen ihren Willen täglich gynäkologisch auf Geschlechtskrankheiten untersucht. Als „Herumtreiberinnen“ stigmatisierte Personen wurden etwa bei Verdacht auf Prostitution von der Polizei eingewiesen.

Die weiterhin auf dem Gelände befindliche Städtische Arbeitsanstalt wurde 1949 in „Heim für soziale Betreuung“ umbenannt. In den 1950er-Jahren wurde zudem eine Wohnung im Verwaltungsgebäude für konspirative Treffen der DDR-Staatssicherheit genutzt. Ab 1971 wurde in der Riebeckstraße 63 eine Außenstelle des Bezirkskrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie Leipzig-Dösen untergebracht. Hier war die Versorgung der Patienten mitunter katastrophal. Erst nach dem Ende der DDR konnte ab 1990 ein Prozess der Enthospitalisierung durch Aktivisten beginnen.

Seit 1989/90 mini|Ehemaliges Pförtnerhaus, das die Initiative Riebeckstraße 63 seit 2022 für Ausstellungen und Veranstaltungen nutzt mini|Werkstattausstellung „Ausgrenzung, Arbeitszwang & Abweichung“ im ehemaligen Pförtnerhaus

Nach der politische Wende von 1989/90 wandelte sich die Nutzung des Areals abermals. Die Venerologische Station wurde aufgelöst und eine Gruppe von Aktivisten setzte sich für die Enthospitalisierung des Sozialheims ein. Seit 1999 ist das Gelände in Trägerschaft des Städtischen Eigenbetriebs Behindertenhilfe (SEB). Heute befinden sich auf dem Areal eine Kindertagesstätte, eine Wohngruppe der Kinder- und Jugendhilfe sowie eine Unterkunft für Geflüchtete.

2019 gründete sich die Initiative Riebeckstraße 63 - aktives Erinnern an Ausgrenzung, Arbeitszwang & Abweichung. Sie setzt sich für die Errichtung eines Gedenk-, Lern- und Begegnungsortes auf dem Gelände der ehemaligen Städtischen Arbeitsanstalt in der Riebeckstraße 63 ein. Im Jahr 2021 wurde als juristische Vertretung der Verein Riebeckstraße 63 e.V. gegründet. Der Verein nutzt seit Frühjahr 2022 das ehemalige Pförtnerhaus auf dem Gelände für seine historisch-politische Bildungsarbeit. Seit 2025 kann dort die Werkstattausstellung „Ausgrenzung, Arbeitszwang und Abweichung“ besichtigt werden. Seit 2026 informieren zudem Stelen im Außengelände über die Geschichte des Areals.

Literatur

Weblinks

Audiorundgang über die Geschichte und Gegenwart der Riebeckstraße 63 in Leipzig

Einzelnachweise

Kategorie:Historische Organisation (Leipzig) Kategorie:Umgenutztes Bauwerk in Leipzig Kategorie:Erbaut 1892 Kategorie:Einrichtung der Zwangsarbeit Kategorie:Backsteinbauwerk des Historismus Kategorie:Bauwerk des Historismus in Leipzig Kategorie:Thonberg (Leipzig) Kategorie:Geschichte der Arbeit