Atija ist ein arabisches Volksmärchen (AT 1288, 1294 A*, 1295 B*, 1384, 1540, 1541).Samia al Azharia Jahn (Hrsg. und Übers.): Arabische Volksmärchen. Akademie-Verlag. Berlin 1970, S. 361–375, 547–549.

Handlung Der reiche Kaufmann Atija aus Libyen sammelte einige Waren, um sie zum Fastenmonat Ramadan an Bedürftige zu verteilen. Er beauftragte seine Frau, diese zu Hause aufzubewahren, doch es gefiel ihr nicht, all diese Sachen für Ramadan aufzubewahren. Doch schon bald hörte sie von einem Mann namens Ramadan, den sie unter Flüchen und Androhungen nötigte, seinen Krempel endlich mitzunehmen. Als Atija davon erfuhr, beschloss er, seine Frau zu verlassen und ziellos in der Welt umherzuwandern, wobei er erst wieder zurückkommen wollte, wenn er jemanden fände, der genauso töricht wäre.

Schon bald traf Atija eine Frau, der er auf die Frage hin, wohin er gehe, „in die Hölle“ und auf die Frage hin woher er komme „aus der Hölle“ antwortete, woraufhin sie sich über ihre Eltern erkundigte und ihn inständig bat, etwas Geld und Kleider für diese mitzunehmen. Er wollte nicht, doch sie nötigte ihn, die Gaben anzunehmen und so irrte Atija weiter umher, um den Toren zu entkommen. Schon bald holte ihn ein Reiter ein, der ihn über einen Mann befragte, der seine Frau um Geld und Kleider betrogen hatte, denn diesen wolle er die verschiedensten Sorten der Züchtigung schmecken lassen. Atija gab vor, den Mann gesehen zu haben und wies einen Abhang hinunter. Da bat ihn der Reiter auf sein Pferd aufzupassen, während er den Dieb zu verfolgen gedachte, auch versprach er, bald wieder zurück zu sein. Als die Nacht hereinbrach, beschloss Atija weiterzuziehen, stieg auf das Pferd, das er den wilden Tieren nicht preisgeben wollte, und ritt davon.

In einer Stadt angekommen bemerkte Atija einen von Leuten umringten Jungen, der mit seiner Hand in einem Krug festhing, wobei die einen ihm die Hand abschlagen wollten, um den wertvollen Krug zu retten, die anderen aber den Krug zerstören wollten, um den Jungen zu retten. Mit einer List brachte er den Jungen dazu, die festgehaltenen Walnüsse loszulassen, sodass er freikam, woraufhin Atija von allen sehr bewundert wurde. Später begegnete er Leuten, die um eine Wasserlache saßen und nicht davon loskamen, da sie nicht mehr wussten, wem welche der vielen Beine gehörten. Atija schlug daraufhin mit einem Stock an die Beine, sodass einer nach dem anderen aufsprang und schließlich alle befreit waren. Danach rettete er, mit seinem Pferd als Leihgabe, eine Hochzeit, da die Braut auf einer Kamelstute ritt und so gedemütigt gewesen wäre, wenn sie ihren Kopf hätte beugen müssen, um unter einem Torbogen hindurchzureiten.

Weiterhin auf der Flucht vor den Toren, sah Atija einen rennenden Mann, dessen Grußgeste er so verstand, dass er ihm folgen solle, um eventuell ein Feuer zu löschen oder einen Ertrinkenden zu retten oder aber um sich vor einem wilden Tier oder Wegelagerern in Sicherheit zu bringen. Atija rannte also mit und mit der Zeit schlossen sich ihnen etliche weitere Männer an, doch keiner wusste, warum sie rannten, also fragte Atija den Läufer ganz vorne, der antwortete, dass er seine Muskeln trainiere. Da erkannte Atija, dass er selbst ein Tor war und kehrte zurück zu seiner Frau, die in der Zwischenzeit bereits wieder Waren für die Bedürftigen zum Ramadan gesammelt hatte.

Hintergrund Das Märchen erhielt in Samia al Azharia Jahns Arabische Volksmärchen (Berlin 1970) den Titel Atija und stammt aus Libyen. Veröffentlicht wurde es in Henriette Saksak Farrāğs Paßt auf! Paßt auf! Sammlung libyscher Volkserzählungen (Tripolis 1963, S. 13).

Zur Verbreitung nennt al Azharia Jahn für AT 1288 den Irak (Mosul) mit Albert Socins Der arabische Dialekt von Mōṣul und Märdīn in Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 36 (Leipzig / Wiesbaden 1882–1883, S. 15, Nr. 3), Irak (Bagdad) mit Elijahu Agasis Der Dumme aus Bagdad (Tel Aviv 1960, S. 82, Nr. 26), rez. in Fabula, Zeitschrift für Erzählforschung 4 (Berlin 1961) und die Türkei mit Wolfram Eberhards und Pertev Naili Boratavs Typen türkischer Volksmärchen (TTV 331 III). Für AT 1294 A* wird der Jemen mit Dov Noys Jefet Schwili erzählt, Hundertneunundsechzig jemenitische Volkserzählungen, aufgezeichet in Israel 1957–1960 (Berlin 1963, S. 268, Nr. 117), der Irak (Bagdad) mit Agasis Der Dumme aus Bagdad (Tel Aviv 1960, S. 84, Nr. 27) und ebenfalls die Türkei mit TTV 331 III angegeben. Für AT 1295 B* werden ebenfalls Agasis Nr. 26 sowie Persien mit David Lockhart Robertson Lorimers und E. D. Lorimers Persian Tales written down for the first time in the original Kermānī and Bakhtiārī (London 1919, S. 154, Nr. 25) und Albanien mit Maximilian Lambertz’ Albanische Märchen (Wien 1922, S. 233) genannt. Für AT 1540 ist Marokko (Marrakesch) mit Françoise Legeys Contes et légendes populaires du Maroc, recueillis à Marrakech (Paris 1926, S. 155, Nr. 35), Malta mit Bertha Ilgs Maltesische Märchen und Schwänke (Leipzig 1906–1907, 2 Bände, S. 30, Nr. 88), Ägypten (Kairo) mit A. H. Sayces Cairence Folklore in Folklore (London, S. 357 Nr. 1), Jordanien (Nablus) mit Fā’iz ‘Alī al-Ġūls Die Welt der Erzählungen (Jerusalem 1965, S. 156), Palästina (Bīr-Zēt) mit Hans Schmidts und Paul Kahles Volkserzählungen aus Palästina gesammelt bei den Bauern von Bīr-Zēt und in Verbindung mit Dschirius Jusif in Jerusalem (Göttingen 1918, Band 2, S. 113, Nr. 97), Irak (Mosul) mit Ahmad as-Sūfīs Volkserzählungen aus Mosul in Folklore-Bibliothek, Bagdad 4 (1962, S. 26), Persien mit Lorimers Nr. 25 und die Türkei mit TTV 331 angegeben. Für AT 1541 werden Legeys Nr. 35, Algerien mit P. P. H. Haslucks Algerian Folktales II in Folklore (London, S. 178, Nr. 7), Ägypten (Kairo) mit Enno Littmanns Arabische Märchen und Schwänke aus Ägypten (Wiesbaden 1955, S. 103, Nr. 20), Jordanien (Nablus) mit al-Ġūls Die Welt der Erzählungen, Palästina (Bīr-Zēt) mit Schmidts und Kahles Nr. 96 (S. 111), Persien mit Lorimers Nr. 21 (S. 124) und die Türkei mit TTV 332 III angegeben.

Verglichen werden kann Die kluge Else der Brüder Grimm.

Literatur Samia al Azharia Jahn (Hrsg. und Übers.): Arabische Volksmärchen. Akademie-Verlag. Berlin 1970, S. 361–375, 547–549.

Einzelnachweise

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