Crocidura stanleyi ist eine Art der Spitzmäuse aus der Gattung der Weißzahnspitzmäuse (Crocidura). Sie kommt im Hochland von Äthiopien im nordöstlichen Afrika vor, wo sie Gebirgsregionen mit waldreichen sowie offenen Landschaften bewohnt. Die Tiere gehören zu den kleinsten Repräsentanten der Gattung. Charakteristisch ist die zweifarbige Felltönung mit scharfem Umbruch auf den Seiten. Wissenschaftlich benannt wurde die Art im Jahr 2025. Zuvor wurden die Tiere Bottegos Spitzmaus zugesprochen, doch zeigten genetische Untersuchungen deutliche Unterschiede auf.
Merkmale Habitus Crocidura stanleyi ist ein kleiner Vertreter der Weißzahnspitzmäuse. Anhand von 40 vermessenen Individuen beträgt die Kopf-Rumpf-Länge 4,2 bis 6,1 cm und die Schwanzlänge 2,5 bis 4,0 cm. Damit erreicht der Schwanz rund 68 % der Länge des restlichen Körpers. Das Gewicht variiert von 2,0 bis 4,2 g. In der Größe entspricht die Art Bottegos Spitzmaus (Crocidura bottegi), allerdings ist ihr Schwanz kürzer. Das äußere Erscheinungsbild gleicht mit der spitzen Schnauze, dem verhältnismäßig langen Schwanz und den schlanken Gliedmaßen dem der anderen Angehörigen der Gattung. Das Rückenfell weist eine bräunlich-graue Färbung auf, jedoch nicht so deutlich braun wie bei Bottegos Spitzmaus. Einzelhaare haben eine schiefergraue Basis und bräunliche Spitzen. Die Unterseite des Körpers ist schiefergrau, wobei die Haare hellere Spitzen zeigen. Insgesamt entsteht dadurch eine Zweifärbung des Fells, anders als bei Bottegos Spitzmaus mit drei differierenden Farbtönen. Der Umbruch ist an den Seiten deutlich erkennbar und verläuft an den Seiten auf Höhe des Schwanzansatzes. Ähnlich gefärbt sind auch die Ober- und Unterseite des Schwanzes sowie die Vorder- und Hinterseiten der Gliedmaßen. Der Schwanz wird auf drei Viertel Länge von borstigen Haaren mit hellgrauer Farbgebung bedeckt. An den Füßen und Ohren treten weißliche Haare auf, zusätzliche schwarze Streifen kommen an den Seiten der Hinterfüße vor. Die Ohren sind gut einen halben Zentimeter lang, die Hinterfußlänge reicht von 0,7 bis 1,2 cm.
Schädel- und Gebissmerkmale mini|hochkant|links|Schädel von Crocidura stanleyi Der Schädel wird 14,9 bis 16,2 mm lang und am Hirnschädel 6,3 bis 7,1 mm breit, während das Rostrum 4,2 bis 4,9 mm weit ist. Er wirkt insgesamt gerundet und ohne scharfe Kanten. In Seitenansicht verläuft die Stirnlinie nur leicht gewölbt. Im Bereich des Hirnschädels ist sie aber markanter aufgehöht als etwa bei der Kleinen Somalia-Weißzahnspitzmaus (Crocidura nana). Auf der Schädeloberseite erhebt sich bei Crocidura stanleyi ein nur mäßig ausgebildeter Scheitelkamm. Die Gelenkflächen am Hinterhaupt treten wiederum in Seitenansicht markant hervor. Die Länge des Unterkiefers beträgt 8,9 bis 9,0 mm. Er verfügt über einen jeweils langen und schlanken Kronen- sowie Winkelfortsatz.
Die Zahnformel entspricht der anderer Weißzahnspitzmäuse. Hinter dem gebogenen oberen ersten Schneidezahn, der massiver ausfällt als im Vergleich zur Bale-Weißzahnspitzmaus (Crocidura bottegoides), folgen drei einspitzige Zähne. Von diesen ist der erste am größten, der zweite am kleinsten mit nur 80 % der Größe des dritten. Die beiden hinteren einspitzigen Zähne sind aber größer als bei der Bale-Weißzahnspitzmaus, was auch auf den hinteren oberen Molar zutrifft. Gelegentlich kommt ein zusätzlicher Schneidezahn vor. Die obere Zahnreihe erstreckt sich über 6,1 bis 6,5 mm Länge, die untere über 5,7 bis 5,9 mm.
Verbreitung und Lebensraum Das Verbreitungsgebiet von Crocidura stanleyi befindet sich im nordöstlichen Afrika. Es umfasst das Hochland von Äthiopien, vor allem die Simien-Berge und die südwestlich davon liegende Region um Dangila, beide im Norden von Äthiopien. Abgetrennt davon treten einzelne Populationen auch bei Dhati-Welel und Baco sowie am Damota-Berg im südlichen Teil des Landes auf. Die Höhenverbreitung reicht von 1420 bis 3600 m über dem Meeresspiegel. Die Tiere bewohnen verschiedene Landschaftsräume. Sie reichen von Bergwäldern bis hin zu offenen Grasgebieten. In den Simien-Bergen kommen die Tiere in Bereichen vor, die mit Wacholder, Ölbäumen, Kosobäumen, Baumheiden und Lobelien bestanden sind. Dies schließt sowohl trockenere als auch feuchtere Standorte ein, so Flächen durchsetzt mit Akazien und Johanniskräutern oder dichte Baumheidenhaine.
Lebensweise Zur Lebensweise von Crocidura stanleyi Liegen keine Informationen vor.
Systematik
Crocidura stanleyi ist eine Art aus der Gattung der Weißzahnspitzmäuse (Crocidura) innerhalb der Familie der Spitzmäuse (Soricidae). Die Gattung stellt mit mehr als 220 Arten die variantenreichste Gruppe der Familie. Molekulargenetischen Befunden zufolge ist sie aber möglicherweise paraphyletisch, da einige Formen wie die Gescheckte Wüstenspitzmaus (Diplomesodon) und die Kongo-Wimperspitzmäuse (Paracrocidura) tief in Crocidura eingebettet sind. Es lassen sich innerhalb der Weißzahnspitzmäuse mehrere Kladen unterscheiden. So kommen eine asiatische, eine afrotropische, eine west-paläarktische und eine altweltliche Gruppe vor, letztere vereinen verschiedene eurasische und afrikanische Arten. Möglicherweise formen die Weißzahnspitzmäuse den jüngsten Zweig innerhalb der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Spitzmäuse. Ein Großteil der Vertreter kommt heute in Afrika vor, ein weiterer, nicht unerheblicher Anteil lebt in Asien. Ihren Ursprung hat die Crocidura-Linie wahrscheinlich in Eurasien, wo sie sich vor rund 8 bis 6,8 Millionen Jahren von den übrigen Linien abtrennte. Von hier aus erreichte sie dann wohl die anderen heutigen Verbreitungsgebiete.
Die Einteilung der Weißzahnspitzmäuse in verschiedene Gruppen stammt von Sylvain Dubey und Kollegen aus dem Jahr 2008. Die damalige genetische Studie berücksichtigte aber nur einen geringen Teil der afrikanischen Arten. Während einer Feldstudie im Jahr 2015 im Hochland von Äthiopien konnten zahlreiche Weißzahnspitzmäuse gesammelt werden. Dies führte nachfolgend nicht nur zur Beschreibung von zwei weiteren neuen Arten in der Region, es wurde zudem festgestellt, dass mehrere kleine Individuen zwar formal mit Bottegos Spitzmaus aus dem nordöstlichen Afrika übereinstimmten, dieser aber genetisch nicht entsprachen. Letzterer Umstand ließ sich durch weitere und umfangreichere Analysen bestätigen. Hierin waren vor allem Vertreter aus der nordostafrikanischen Gebirgsregion eingeschlossen, wobei sich aber bezüglich der Arten kaum Überschneidung zur vorherigen Untersuchung von Dubey und Mitarbeiter ergaben. Die Wissenschaftler wiesen für die Arten der Gebirgsregionen eine afromontane Gruppe mit mehreren Kladen aus, darunter eine für die Exemplare, die phänotypisch Bottegos Spitzmaus ähnelten. Die Ergebnisse nutzte ein Teil der beteiligten Forscher dann im Jahr 2025, um Crocidura stanleyi wissenschaftlich zu beschreiben, wobei hier Evan W. Craig federführend war. Als Holotyp bestimmte die Arbeitsgruppe ein junges männliches Individuum, das aus dem Simien-Nationalpark in den Simien-Bergen im Norden Äthiopiens stammt, der Typusregion der neuen Art. Mit dem Artzusatz stanleyi ehrten die Wissenschaftler William T. Stanley, einen Säugetierexperten des Field Museum of Natural History, der gleichzeitig auch das Belegexemplar entdeckt hatte.
Literatur Evan W. Craig, Anna Bryjová, Josef Bryja, Yonas Meheretu, Leonid A. Lavrenchenko und Julian C. Kerbis Peterhans. 2025. Integrative Taxonomic Revision of endemic Dwarf Shrews from the Ethiopian Highlands. Journal of Vertebrate Biology 74, 2025, S. 25031, doi:10.25225/jvb.25031
Einzelnachweise Evan W. Craig, Anna Bryjová, Josef Bryja, Yonas Meheretu, Leonid A. Lavrenchenko und Julian C. Kerbis Peterhans. 2025. Integrative Taxonomic Revision of endemic Dwarf Shrews from the Ethiopian Highlands. Journal of Vertebrate Biology 74, 2025, S. 25031, doi:10.25225/jvb.25031 Adam Konečný, Rainer Hutterer, Yonas Meheretu und Josef Bryja: Two new species of Crocidura (Mammalia: Soricidae) from Ethiopia and updates on the Ethiopian shrew fauna. Journal of Vertebrate Biology 69 (2), 2020, S. 20064, doi:10.25225/jvb.20064 Anna A. Bannikova, Elena D. Zemlemerova, Vladimir S. Lebedev und Leonid A. Lavrenchenko: The phylogenetic relationships within the Eastern Afromontane clade of Crocidura based on mitochondrial and nuclear data. Mammalian Biology 101, 2021, S. 1005–1018, doi:10.1007/s42991-021-00120-7 Malahat Dianat, Adam Konečný, Leonid A. Lavrenchenko, Julian C. Kerbis Peterhans, Terrence C. Demos, Violaine Nicolas, David Ortiz und Josef Bryja: How to cross the desert if you are small and need mountains? Out-of-Ethiopia dispersal in Afromontane shrews. Journal of Biogeography 51, 2024, S. 230–245, doi:10.1111/jbi.14748 C. J. Burgin und K. He: Family Soricidae (shrews). In: Don E. Wilson und Russell A. Mittermeier (Hrsg.): Handbook of the Mammals of the World. Volume 8: Insectivores, Sloths and Colugos. Lynx Edicions, Barcelona 2018, S. 332–551 ISBN 978-84-16728-08-4 Sylvain Dubey, Nicolas Salamin, Manuel Ruedi, Patrick Barrière, Marc Colynv und Peter Vogel: Biogeographic origin and radiation of the Old World crocidurine shrews (Mammalia: Soricidae) inferred from mitochondrial and nuclear genes. Molecular Phylogenetics and Evolution 48, 2008, S. 953–963 Sophie Quérouil, Rainer Hutterer, Patrick Barrière, Marc Colyn, Julian C. Kerbis Peterhans und Erik Verheyen: Phylogeny and Evolution of African Shrews (Mammalia: Soricidae) Inferred from 16s rRNA Sequences. Molecular Phylogenetics and Evolution 20 (2), 2001, S. 185–195 Sylvain Dubey, Nicolas Salamin, Satoshi D. Ohdachi, Patrick Barrière und Peter Vogel: Molecular phylogenetics of shrews (Mammalia: Soricidae) reveal timing of transcontinental colonizations. Molecular Phylogenetics and Evolution 44, 2007, S. 126–137 Evan W. Craig, William T. Stanley, Julian C. Kerbis Peterhans, Josef Bryja und Yonas Meheretu: Small terrestrial mammal distributions in Simien Mountains National Park, Ethiopia: a reassessment after 88 years. Journal of Mammalogy 101, 2020, S. 634–647, doi:10.1093/jmammal/gyaa040
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Kategorie:Weißzahnspitzmäuse stanleyi