Die 92nd Infantry Division () war ein infanteristischer Großverband der US-Armee in beiden Weltkriegen. Im Rahmen der US-amerikanischen Rassentrennung war die 92. Division ein ausschließlich aus Afroamerikanern zusammengesetzter Großverband, dem lediglich kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs zeitweise weiße sowie asiatische Verbände unterstellt wurden, wobei auch hier die Rassentrennung innerhalb dieser Verbände bestehen blieb.
Gemeinsam mit ihrer Schwesterndivision, der 93rd Infantry Division, war die 92. Division sowohl im Ersten Weltkrieg als auch im Zweiten Weltkrieg eine von nur zwei mehrheitlich afroamerikanischen Heeresdivisionen der US-Armee. Diese beiden Divisionen waren mit Abstand die größten afroamerikanischen Verbände, die aufgestellt wurden.
Erster Weltkrieg Aufstellung der Division
Die 92. Division wurde am 24. Oktober 1917 aktiviert. Alle Generäle und Stabsoffiziere waren Weiße. Am 26. Oktober übernahm der weiße Brevet-Generalmajor Charles C. Ballou bei Camp Upton auf Long Island den Befehl über die Division. Ballou war zuvor der Kommandeur des Ausbildungslager für farbige Offiziere () bei Des Moines gewesen und schien deshalb als Befehlshaber einer schwarzen Division geeignet. Im Ausbildungslager hatten am 15. Oktober 639 Afroamerikaner (inklusive 250 bisherigen Unteroffizieren) ihre Offizierslehrgänge bestanden und wurden als Offiziere für den Dienst in der 92. Division übernommen. Von diesen 639 Absolventen (von ursprünglich 1250 Bewerbern) wurden 106 zu Hauptmännern, 329 zu Oberleutnanten und 204 zu Leutnanten ernannt. Die meisten der Hauptmänner waren zuvor erfahrene Unteroffiziere der regulären afroamerikanischen Regimenter der Vorkriegszeit gewesen. Der neue Divisionskommandeur Ballou hatte jedoch eine sehr geringe Meinung vom militärischen Kampfwert von Afroamerikanern und befürwortete den Einsatz von Schwarzen nur in Unterstützungsaufgaben, nicht aber in Kampfeinsätzen. Trotzdem versuchte Ballou (nicht zuletzt um seiner eigenen Karriere willen), das Potenzial seiner Division auszuschöpfen.
Die 92. Division bestand während des Ersten Weltkrieges aus der 183. Infanteriebrigade, 184. Infanteriebrigade und 167. Feldartilleriebrigade. Die 183. Brigade aus dem 365. und dem 366. Infanterieregiment zusammen und wurde von Brigadegeneral Malvern Hill Barnum befehligt, der bereits in den regulären schwarzen Kavallerieregimentern Erfahrungen im Umgang mit afroamerikanischen Soldaten gesammelt hatte. Die 184. Brigade bestand aus dem 367. und dem 368. Infanterieregiment. Darüber hinaus besaß die Division drei Feldartillerieregimenter (349, 350, 351). Besonders die Artillerie sollte an der Westfront auf Probleme stoßen, da es den Soldaten in den USA verboten gewesen war, mit scharfer Munition zu üben.
Das 365. Regiment (Oberst Vernon A. Caldwell) bestand vornehmlich aus Rekruten aus Texas und Oklahoma, das 366. Regiment (Oberst Ralph B. Parrott) umfasste viele Männer aus Alabama, das 367. Regiment (Oberst James A. Moss) verfügte über viele Soldaten aus New York und das 368. Regiment (Oberst William P. Jackson) bestand aus Männern aus Pennsylvania, Tennessee und Maryland. Die disparate Herkunft der Rekruten, die darüber hinaus zumeist militärisch völlig unerfahrene Wehrpflichtige waren, war für den direkten Vergleich mit weißen Infanteriedivisionen nachteilhaft, da diese oft auf Vorkriegsregimentern der amerikanischen Nationalgarde mit vielen erfahrenen Reservisten und starker regionaler Identität aufgebaut waren. Unter den vier Regimentern der Division tat sich früh das 367. Regiment bei Paraden und Übungen besonders hervor. Die Rassenbeziehungen im hauptsächlich aus Nordstaatlern bestehenden 367. Regiment waren vergleichsweise harmonisch; der weiße Regimentskommandeur James A. Moss wählte für die schwarzen Soldaten seines Regiments den aus den Indianerkriegen stammenden positiv konnotierten Spitznamen Buffalo Soldiers, der schon bald von der gesamten Division übernommen wurde.
Während der Aufstellung der Division kam es mehrfach zu Zwischenfällen zwischen Schwarzen und Weißen. Als ein schwarzer Unteroffizier im April 1918 in der Nähe von Camp Funston ein Theater in Manhattan betreten wollte und daran (trotz eines in Kansas gültigen Verbots derartiger Rassendiskriminierung) gehindert wurde, stellte sich der weiße Divisionskommandeur Ballou auf die Seite der Zivilisten und ermahnte in seinem Rundschreiben Nr. 35 (), dass ein Unteroffizier trotz seiner juristischen Rechte darauf zu achten haben, das Schüren von Rassenunruhen um jeden Preis zu vermeiden, da ansonsten die weiße Bevölkerungsmehrheit der Vereinigten Staaten dem Experiment der mehrheitlich schwarzen 92. Division ein Ende setzen könnte. Das Rundschreiben wurde in der afroamerikanischen Presse bekannt und löste unter Schwarzen einen Proteststurm aus. Die NAACP reichte Beschwerde ein, da der fragliche Unteroffizier nur seine Bürgerrechte wahrgenommen hatte und Opfer illegaler Rassendiskriminierung geworden sei. General Ballou verteidigte seine Linie unter Verweis auf die Wahrung öffentlichen Friedens auch in einem Briefwechsel mit dem berühmten schwarzen Bürgerrechtler W. E. B. Du Bois. Für die schwarzen Soldaten der 92. Division war der öffentlichkeitswirksame rassistische Zwischenfall ein bedeutender Einschnitt in ihrem Vertrauensverhältnis zu ihrem weißen Divisionskommandeur.
Die äußerst beschränkten Karrieremöglichkeiten für schwarze Offiziere der US-Armee im Ersten Weltkrieg waren auf die 92. und 93. Division begrenzt. Auch hier konkurrierten schwarze Offiziere jedoch mit Weißen: Der Anteil weißer Offiziere in der 92. Division stieg bis Kriegsende von zunächst 18 % auf 42 %. Der wichtigste Befehlshaber der 92. Division im Ersten Weltkrieg war der weiße Generalmajor Charles C. Ballou.
Verlegung nach Frankreich Zwischen dem 16. Juni und 12. Juli 1918 schiffte die 92. Division in den französischen Häfen Brest und Saint-Nazaire ein. Das erste Hauptquartier schlug die Divisionsführung am 29. Juni in Bourbonne-les-Bains auf, wo im Ausbildungsareal Nr. 11 am 6. Juli eine weitere Ausbildungsphase begann. Bei einem Divisionsbesuch am 27. Juni hatte der amerikanische Generalstabsoffizier Oberst Harold B. Fiske jedoch bereits eklatante Mängel festgestellt: Der Division fehlte es völlig an Lastwagen, schweren Maschinengewehren, Pistolen für die Offiziere und Unteroffiziere, 37-mm-Geschützen, Mörsern und Handgranaten. Drei Wochen später waren zwar drei Maschinengewehr-Bataillone zur Division gestoßen, aber die meisten von Fiske festgestellten Mängel waren nicht behoben; besonders die drei Artillerieregimenter waren in einem desolaten Zustand. Die 167. Artilleriebrigade musste bis Oktober von der Division abgetrennt werden, um zunächst artilleristische Lehrgänge nachzuholen, die in den USA nicht durchgeführt worden waren. Die geringe Effizienz und der schlechte Trainingsstand der Division erregten schnell das Missfallen der übergeordneten Führung inklusive des amerikanischen Oberbefehlshabers John J. Pershing.
Anders als die 93. Division, die in ihre Einzelregimenter unterteilt der französischen Armee angegliedert wurde, verblieb die 92. Division unter dem Oberbefehl der American Expeditionary Forces (AEF). Die Division litt von Anfang an unter der Fehde zwischen ihrem Divisionskommandeur Charles C. Ballou sowie dem übergeordneten Armeebefehlshaber Robert Lee Bullard, dem Kommandeur der 2. US-Armee, der neben seiner persönlichen Abneigung gegenüber Ballou auch ein ausgeprägter Rassist war und nach dem Krieg entscheidend zum schlechten Ruf der 92. Division beitragen sollte. Auch der Stabschef der 92. Division und Ballous rechte Hand, Oberst Allen J. Greer, verunglimpfte den Ruf seines eigenen Verbandes, indem er schon vor der Verlegung nach Frankreich in Zirkularen unwahre oder übertriebene Geschichten über die schwarzen Soldaten verbreitete. mini|Soldat des 366. Regiments mit Gasmaske, 8. August 1918 Am 12. August wurde die Division nach Bruyères und Saint-Dié-des-Vosges in die frontnahen Vogesen verschoben. Zwischen dem 23. und 29. August deckte die 92. Division den Rückzug der französischen 87. Infanteriedivision und übernahm ihren Sektor, ohne die eigentlich vorgesehenen Ausbildungseinheiten von der fronterfahrenen 87. Division zu erhalten. Ein für die schlechten Rassenbeziehungen des amerikanischen Militärs typischer Vorfall dieser Zeit war, dass der ungeklärte Tod einer französischen Zivilistin in der Nacht des 22./23. August 1918 durch Schusswaffeneinwirkung ohne Beweise einem Soldaten des 367. Regiments angelastet wurde, was zu einer persönlichen Rüge des Oberbefehlshabers John J. Pershing an den Divisionskommandeur Charles C. Ballou führte. Pershing drohte sofort die Auflösung der gesamten Division an. In der Realität gibt es weder in diesem noch in anderen Fällen historische Belege dafür, dass die Soldaten der 92. Division gegenüber Französinnen sexuelle oder andersartige Gewalt angewandt hätten, zumal die weißen Offiziere der Division ihre schwarzen Untergebenen spezifisch überwachten, um exakt solches Verhalten zu vereiteln.
Maas-Argonnen-Offensive Die 92. Division nahm als Teil der gemeinsamen französischen und US-amerikanischen Operationen an der Maas-Argonnen-Offensive teil, wobei sie im Argonnerwald zum Angriff antrat. Ab dem 26. September bewegten sich die Truppen des 368. Regiments bei Vienne-le-Château und Binarville vorwärts, gerieten aber in schweres Abwehrfeuer und brachen am 28. September zusammen. Die Soldaten zunächst des 2./368 und dann des 3./368 flossen aus der Linie rückwärts, ohne dass ihre Offiziere sie daran hätten hindern können.
Die wenig erfolgreichen Feindkontakte der jungen 92. Division gegen hocherfahrene deutsche Gegner dienten weißen Rassisten in den USA als willkommene Propaganda gegen den Einsatz afroamerikanischer Truppen, obwohl sowohl schwarze als auch weiße Soldaten vor den Deutschen hatten fliehen müssen. Auch die höheren weißen Offiziere des US-Heeres machten rassische Unzulänglichkeiten für die Probleme der 92. Division verantwortlich, obwohl die französische Armee zur gleichen Zeit nichtweiße Kolonialtruppen mit wesentlich größerem Erfolg einzusetzen wusste. Die unzureichend ausgebildeten und wenig motivierten Soldaten schlugen sich gegen die Deutschen schlecht, weswegen die 92. Division schnell aus der Linie gezogen wurde. Die Rückkehr in die Frontlinie war für Mitte November 1918 veranschlagt. Am letzten vollen Kriegstag, dem 10. November 1918, konnte das Bataillon 1./365 befestigte deutsche Stellungen bei Bois-Fréhaut (Bavay) einnehmen. Dabei schlug sich das Bataillon auffällig besser als benachbarte weiße Einheiten. Dies vermochte den zweifelhaften Ruf der 92. Division jedoch nicht mehr zu retten. Die afroamerikanische Schwesterdivision, die der französischen Armee angegliederte 93. Division, hatte sich insbesondere mit dem berühmten 369. Regiment („Harlem Hellfighters“) wesentlich mehr Ruhm verdient als die 92. Division. mini|Afroamerikanische Offiziere der 92. Division an Bord der Aquitania während der Rückfahrt in die USA, 1918/1919 Kurz nach Kriegsende übernahm am 19. November 1918 Generalmajor Charles H. Martin die Division. Er wurde am 16. Dezember von Brigadegeneral James B. Erwin abgelöst, der die Division während der Demobilisierung bis zur Deaktivierung im Februar 1919 leitete.
Insgesamt erlitt die 92. Division im Ersten Weltkrieg 1647 militärische Verluste, darunter 120 Tote und 1527 Verwundete.
Übergang in die Zwischenkriegszeit mini|Soldaten des 367. Regiments bei einer Flaggenparade nach Kriegsende, ca. März 1919