Ludowine Helena Maria Anna Regina Johanna Freiin von Haxthausen (* 24. Dezember 1794 in Bökendorf, Hochstift Paderborn; † 16. Juli 1872 ebenda) war eine westfälische Adlige und die letzte Stiftsdame des freien adeligen Damenstifts Geseke. Als Angehörige des Bökendorfer Romantikerkreises wirkte sie an der Sammlung von Märchen für die Brüder Grimm mit. Ab 1832 leitete sie das St. Annen-Hospital auf der Brede bei Brakel, eine Waisen- und Freischule, und führte 1836 als erste im Bistum Paderborn die ignatianischen Exerzitien ein.

Leben Herkunft

Ludowine war das zweitjüngste Kind aus der zweiten Ehe von Werner Adolph von Haxthausen (1744–1822), kurpfälzischem Kammerherrn und Drosten des Amtes Lichtenau, mit Anna Maria Freiin von Wendt zu Papenhausen (1755–1829). Aus der ersten Ehe des Vaters stammte Therese Louise, spätere Freifrau Droste zu Hülshoff, die Mutter der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff; Ludowine war damit deren - ungefähr gleichaltrige - Stieftante. Unter ihren Brüdern erlangten Werner von Haxthausen und August von Haxthausen überregionale Bedeutung.

Bildung Die Töchter des Hauses erhielten neben dem Haushaltsunterricht im Bökerhof auch eine auswärtige Schulbildung. Ludowine verbrachte einige Zeit in einem Mädchenpensionat in Rüdenberg in der Oberpfalz, wo sie Adele von Glaubitz kennenlernte, die 1848 in Straßburg die Kreuzschwestern gründete.

Annette von Droste-Hülshoff, in deren Elternhaus Burg Hülshoff Ludowine 1819 einige Zeit wohnte, beschrieb sie in einem Brief an Sprickmann als „ein gutes, stilles, verständiges Mädchen, deren Umgang mir sehr werth ist, besonders wegen ihrer klaren und richtigen Ansicht der Dinge“. Für Ludowine verfasste Droste zwei Widmungsgedichte: „Immer glücklich zu sein“ (1810) und „Was ist mehr als Schmuck und Kleid?“ (1819).

Durch ihre Halbschwester Therese auf Burg Hülshoff lernte Ludowine den Münsteraner Pädagogen und Theologen Bernhard Overberg kennen. Von ihrer Erstkommunion bis zu seinem Tod 1826 war Overberg ihr geistlicher Berater; nach dem Zeugnis ihrer eigenen Aufzeichnungen sowie der Einschätzung Hubert Schiels übte er einen prägenden Einfluss auf ihre religiöse Entwicklung aus. Ihren intensivsten Kontakt zu Overberg pflegte Ludowine während eines längeren Aufenthalts in Münster und auf Burg Hülshoff in den Jahren 1818/19.

Religiös-caritatives Wirken

Stiftsdame des Damenstifts Geseke Die Familie von Haxthausen hatte für ihre Töchter Präbenden an drei westfälischen Damenstiften erworben. Ludowine war Stiftsdame des freien adeligen Damenstifts Geseke, das nur Angehörige des katholischen Adels aufnahm. Die Präbende erhielt sie 1808. Im Jahr 1820 erhielt sie Dispens von der Residenzpflicht. Sie war die letzte Stiftsdame dieses 1823 aufgehobenen Stifts. Infolge der Aufhebung erhielt sie bis zu ihrem Tod Leistungen aus dem Überschuss- und Pensionsfonds.Ulrich Löer: Das adlige Kanonissenstift St. Cyriakus zu Geseke. Berlin u. a. 2007 (Germania Sacra NF 50: Die Bistümer der Kirchenprovinz Köln. Das Erzbistum Köln 6)S.398f.

Leiterin des St. Annen-Hospitals Ab 1832 leitete Ludowine das von ihrem Schwager Graf Hermann von Bocholtz-Asseburg gestiftete St. Annen-Hospital auf der Brede bei Brakel, eine Waisen- und Freischule. Sie finanzierte den Betrieb teilweise aus ihrer eigenen Stiftspension und durch Spendenakquise im Familienkreis. Die Anstalt wuchs rasch: Aus anfänglich zwölf Mädchen wurden binnen weniger Jahre über dreißig Zöglinge. Neben Unterricht, Kost und Unterkunft erhielten die Kinder eine praktische Ausbildung in einer von Ludowine eingerichteten Industrieschule; die Lehrerinnen legten das Staatsexamen am Seminar in Paderborn ab. Behördlich anerkannt wurden Waisenhaus und Waisenhausschule am 8. Oktober 1846.

Ignatianische Exerzitien Bei einem Aufenthalt in Rom lernte Ludowine von Haxthausen die ignatianischen Exerzitien kennen. Im Oktober 1836 ließ sie auf der Brede durch den Pfarrverweser Tewes die ersten Exerzitienkurse dieser Art in der Diözese Paderborn abhalten, die nach Einschätzung der Forschung zugleich die ersten im gesamten norddeutschen Raum waren. Die Kurse zogen bald Lehrerinnen aus dem Münsterland, aus Hannover und aus Mainz. Auf Einladung Ludowines nahm auch Pauline von Mallinckrodt 1842 daran teil. Als die preußischen Regierungen den Lehrerinnen die Teilnahme verboten, wandte Ludowine sich direkt an König Friedrich Wilhelm IV., der die Verbote zurücknehmen ließ.

Literarisches Wirken

Sammlerin westfälischer Volkslieder In den Jahren 1806 bis 1820 sammelte Ludowine von Haxthausen zusammen mit ihren Brüdern August und Werner sowie der Schwester Anna etwa 400 Volkslieder und Melodien aus Westfalen.Ludwig Erk, Franz Magnus Böhme (Hrsg.): Deutscher Liederhort. Band 1. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1893. Seite XX August von Haxthausen veröffentlichte aus der Sammlung 1850 Geistliche Volkslieder, weitere Lieder wurden 1879 von Alexander Reifferscheid in Westfälische Volkslieder gedruckt, gewidmet der 1877 verstorbenen Anna.

Beiträgerin zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm Wilhelm Schoof zählt die Schwestern Ludowine und Anna zu den eifrigsten Märchensammlerinnen der Brüder Grimm.Wilhelm Schoof: Zur Entstehungsgeschichte der Grimm'schen Märchen. Diesterweg, Frankfurt a. M. 1931. S. 73 ff.Wilhelm Schoof: Freundesbriefe der Familie von Haxthausen an die Brüder Grimm. In: Westfälische Zeitschrift, Band 94 (1938), S. 57–142 (hier: S. 124) Hans-Jörg Uther nennt folgende Beiträge Ludowines: KHM 52: König Drosselbart (Ergänzungen 1819Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. 3. Auflage. De Gruyter, 2021.) KHM 91: Dat Erdmänneken (Vermittlerin) KHM 96: De drei Vügelkens (Manuskript) KHM 113: De beiden Künigeskinner (Vermittlerin) KHM 142: Simeliberg (Vermittlerin) KHM 209: Die himmlische Hochzeit (münsterländische Variante, Manuskript in der Staatsbibliothek Berlin)

Ehrungen

1866 verlieh König Wilhelm I. Ludowine von Haxthausen den Luisenorden I. Klasse in Anerkennung ihrer sozialen und pflegerischen Verdienste. Obgleich keine Ordensschwester, führte sie den Titel „Ehrwürdige Mutter“. Sie war Dame des preußischen Luisenordens. In Brakel-Bökendorf sind nach ihr die Ludowinenstraße sowie der Ludowinengarten, ein Generationenpark, benannt.Märchenhafter Ludowinengarten. In: Westfalen-Blatt, 10. Mai 2020.

Siehe auch Haxthausen (Adelsgeschlecht)

Literatur Aquina Tilgner: Das Kloster Mariae Opferungsthal auf der Brede bei Brakel. Bonifacius-Druckerei, Paderborn 1950, S. 109. Apollinaris Jörgens: Ludowine von Haxthausen (1794–1872). Waisenmutter, Erzieherin, Bahnbrecherin einer zeitgemäßen Frauenbildung, Wohltäterin der Armen. In: Winfried Woesler (Hrsg.): Droste Jahrbuch 2. 1988–1990. Schöningh, Paderborn 1990. ISBN 3-506-72160-7, S. 153–165. Apollinaris Jörgens: Ludowine von Haxthausen 1794–1872. In: Westfälische Zeitschrift, Band 141 (1991), S. 407–438 (online). Wilderich von Droste zu Hülshoff: Freiin Ludowine v. Haxthausen (1795–1877), die Mutter der Waisen. In: ders.: Annette von Droste-Hülshoff im Spannungsfeld ihrer Familie (= Aus dem deutschen Adelsarchiv. Band 11). C. A. Starke, Limburg (Lahn) 1997, ISBN 3-7980-0683-0, S. 271–275. Wilderich von Droste zu Hülshoff, Sibren Verhelst: Werner Adolph Freiherr von Haxthausen – Inspirator des Bökendorfer Romantikerkreises und seine Nachkommen, Gorinchem (Niederlande), 2014. Norbert Nagel: Die plattdeutschen Redeanteile in Ludowine von Haxthausens Aufzeichnungen ihrer Gespräche mit Bernhard Overberg in den Jahren 1818/1819 in Münster. In: Augustin Wibbelt-Gesellschaft (Hrsg.): Jahrbuch 31, Bielefeld 2015. ISBN 978-3-7395-1051-4, S. 25–52 (online). Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung – Wirkung – Interpretation. 3. Auflage. De Gruyter, 2021. ISBN 978-3-11-074663-1 Bernhard Aufenanger: Zum 150. Todestag von Ludowine von Haxthausen (1794–1872). In: Die Warte, Heft 195, 2022, S. 30–35.

Einzelnachweise

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