Johann ufm Keller (* 1640; † 1706) war ein Hessen-Kasseler Offizier, zuletzt Generalleutnant und Kommandant der Festung Marburg. Er war wohl schweizer Abstammung, stand zunächst in Braunschweig-Lüneburger Diensten und trat dann in den Dienst der Landgrafschaft Hessen-Kassel. Dort tat er sich insbesondere als Kommandeur Hessen-Kasseler Subsidientruppen 1677 und 1678 im Nordischen Krieg von 1674 bis 1679 hervor.
Herkunft und Jugend Seine Eltern waren Gerhard ufm Keller (1604–1675), der 1644 Kommandant des Stadtmilitärs in Bremen wurde, und dessen Ehefrau Anna Maria geb. Busch (1614–1679). Seine Schwester Katharina Margaretha (1645–1721) heiratete 1693 den Vizekanzler im hessen-kasselschen Oberfürstentum Hermann von Vultejus in dessen zweiter Ehe.
Zu Johanns Kindheits- und Jugendjahren wie auch zu seinen braunschweigischen Dienstjahren ist bisher nichts bekannt. Ab 1664 ist er in Marburg nachweisbar – und somit in hessischem Dienst, wo die Landgrafenwitwe und Regentin Hedwig Sophie (1623–1683) die nach dem Dreißigjährigen Krieg auf ein Minimum reduzierten Kasseler Truppen wieder aufzustocken begann. Diese Aufrüstung wurde von ihrem Sohn Karl (1654–1730), der von 1670 bis 1677 noch unter Vormundschaft seiner Mutter stand, dann fortgeführt.
Nordischer Krieg Feldzug 1677–1678 In dieser stetig anwachsenden Armee avanzierte ufm Keller zügig, und am 1. April 1677 wurde er als Oberst zum Kommandeur des im Jahre 1676 unter Oberst Johann zur Brüggen mit acht Kompanien aufgestellten ältesten stehenden Infanterieregiments der Landgrafschaft Hessen-Kassel ernannt. Das Regiment war im Juli 1676 zur Reichsarmee gezogen, um an der Rückeroberung der seit 1644 von Frankreich besetzten Festung Philippsburg teilzunehmen. Von den ursprünglich 1000 Mann kehrten nach der Kapitulation von Philippsburg am 10. September 1676 nur noch 304 unter Waffen nach Hessen zurück; die übrigen waren gefallen oder Krankheit zum Opfer gefallen. Durch Neuanwerbungen und Eingliederung von zwei bereits bestehenden Kompanien wurde das Regiment wieder aufgefrischt und Johann ufm Keller unterstellt.Carl von Stamford: Das stehende hessische Heer von 1670 – 1866. In: Hessenland: Zeitschrift für die Kulturpflege des Bezirksverbandes Hessen, 13. Jahrgang, Nr. 20, Kassel, 16. Oktober 1899, S. 258–260 (hier S. 259)
Bereits im Frühjahr 1677 mobilisierten die Regentin und ihr Sohn Karl das nun rund 1600 Infanteristen in 10 Kompanien zählende Regiment ufm Keller und vier Kompanien Kavallerie mit etwa 300 Reitern unter Obristleutnant Wilhelm von Hornumb, um sie – auf Wunsch des Kaisers Leopold I. – dem dänischen König Christian V., Karls Schwager,Karls Schwester Charlotte Amalie hatte am 25. Juni 1667 den dänischen Kronprinzen und späteren König Christian V. geheiratet. im Schonischen Krieg gegen Schweden zur Unterstützung zuzuführen. Der König sollte Subsidiengelder und Unterhalt zahlen. Die Truppen marschierten am 31. Mai 1677 aus Kassel ab, setzten über die Ostsee in die Gegend von Landskrona in Schonen über, wo die ersten am 13. Juli eintrafen, sich König Christians Heer anschlossenCarl von Stamford: Das stehende hessische Heer von 1670 – 1866. In: Hessenland: Zeitschrift für die Kulturpflege des Bezirksverbandes Hessen, 13. Jahrgang, Nr. 20, Kassel, 16. Oktober 1899, S. 258–260 und bereits am folgenden Tag, dem 14. Juli, an der verlorenen Schlacht bei Landskrona teilnahmen. mini|Aufstellung der schwedischen, dänischen, brandenburgischen, hessischen und kaiserlichen Truppen in der Schlacht von Warksow; zeitgenössische Darstellung Christian V. gab den Versuch, Schonen zu erobern, auf und wandte sich stattdessen nach Schwedisch-Pommern. Am 17. September 1677Gregorianischer Kalender. landeten die hessischen Truppen, inzwischen insgesamt 1525 Mann, mit dem König und als Teil seines rund 8000 Mann starken Heers aus Dänen, Kaiserlichen, Brandenburgern, Hessen und Münsterischen beim Prorer Wiek auf Rügen, um die Insel zu besetzen. Es kam zwar zu Gefechten mit Truppen des Gouverneurs von Schwedisch-Pommern, Generalmajor Otto Wilhelm von Königsmarck, aber zunächst zu keiner entscheidenden Schlacht. König Christian verließ Rügen am 21. Oktober. Seine Truppen litten schwer unter dem nasskalten Herbstwetter, Nahrungsmangel und Krankheiten. Entgegen seinem Befehl, sich defensiv zu verhalten, rückte der dänische Oberbefehlshaber, Generalmajor Detlef von Rumohr, in Richtung Altefähr gegenüber von Stralsund vor. Königsmarck landete im Januar 3800 Mann an der Neufährschanze und griff am 18. Januar 1678 die zwischen Poseritz und Gustow beim Gut Warksow stehenden 4150 Mann der Verbündeten an.
Rumohr wurde bei einem Erkundungsritt vor der Front erschossen. Auf einen neuen Oberbefehlshaber konnte man sich nicht einigen und die Schlacht bei Warksow ging katastrophal verloren. Ufm Kellers Regiment mit etwa 1000 Mann befand sich in der Mitte der Schlachtordnung und als er mit seinen Leuten angriff, gingen die beiderseits von ihm postierten kaiserlichen bzw. münsterischen Kontingente nicht mit, sodass der Angriff blutig scheiterte. Die Reiterei der Verbündeten floh auf die Halbinsel Wittow im Norden von Rügen, und die noch nicht gefallenen Fußsoldaten kapitulierten. Da keine dänischen Schiffe zu ihrer Evakuierung erschienen, gerieten auch die Reiter in Gefangenschaft. Die Verbündeten verloren rund 400 Tote und etwa 5000 Gefangene. Nur etwa 100 Mann entkamen, unter ihnen Oberst ufm Keller, der mit einem Fischerboot an die pommersche Küste gelangte.Die hessen-kasselsche Kriegsmacht unter dem Landgrafen Karl bis zum Frieden von Ryswick 1697. In: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde, Achter Band, Kassel, 1860, S. 125–126
Feldzug 1678–1679 Bereits im Oktober 1677 hatte Kaiser Leopold Anweisung gegeben, dass die Kasseler Truppen auch 1678 in dänischen Diensten bleiben sollten. Trotz anfänglichen Widerstands durch Landgraf Karl wurde im April 1678 in Kopenhagen ein neuer Vertrag geschlossen. Nach weiteren Verhandlungen einigte man sich auf 1400 Fußtruppen in acht Kompanien und 50 Grenadiere. Kommandeur war wiederum Oberst ufm Keller. Er marschierte am 23. Mai 1678 mit sechs Kompanien aus Kassel ab; in Rinteln kam eine der beiden dort liegenden Kompanien hinzu und zuletzt auch die aus dem Feldzug von 1677/78 noch in Holstein verbliebene. Das Regiment traf am 1. Juli vor Helsingborg ein und nahm am Sturm auf die Festung teil. Danach zog es mit dem dänischen Heer unter Friedrich von Arensdorff zum Entsatz der von den Schweden belagerten Festung Kristianstad, die dennoch nach 3½ Monaten am 4. August 1678 kapitulieren musste. Bei der dann folgenden Eroberung Rügens im September 1678 waren die Hessen nicht beteiligt, da sie in Schonen geblieben waren.
Als die dänischen Truppen in der ersten Oktoberhälfte ihre Winterquartiere bezogen, vergaß man die Hessen. Erst nach mehrfacher Intervention ufm Kellers in Kopenhagen wurde das Regiment nach Kopenhagen zurückgebracht. Der Rückmarsch über Land wurde verwehrt und die Männer wurden von Helsingør nach Kiel verschifft, wo die ersten am 4. November 1678 ankamen. Als man sie dort auf dänische Anweisung aus der Stadt verweisen wollte, weigerte sich ufm Keller, bis nicht auch noch die letzten Kranken seines Regiments eingetroffen seien. Die ersten von ihnen erreichten Kiel erst am 4. Dezember: 120 der 160 eingeschifften Kranken waren gestorben; von den 60 auf zwei weiteren Schiffen transportierten waren 32 unterwegs gestorben. Das gesamte Regiment zählte nun nur noch 862 Mann, darunter viele Kranke.Carl von Stamford: Das stehende hessische Heer von 1670 – 1866 (Fortsetzung). In: Hessenland: Zeitschrift für die Kulturpflege des Bezirksverbandes Hessen. Dreizehnter Jahrgang, Heft 21, Kassel, 1. November 1899, S. 270–273 Das Regiment wurde durch Entsendung weiterer Truppen zunächst teilweise wieder aufgefrischt, kehrte dann 1679 nach Hessen zurück und wurde aufgelöst („reduziert“).Die hessen-kasselsche Kriegsmacht unter dem Landgrafen Karl bis zum Frieden von Ryswick 1697. In: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde, Achter Band, Kassel, 1860, S. 125–126
Spätere Jahre Johann ufm Keller wurde 1679 nach der Auflösung seines Regiments von Landgraf Karl zum Kommandanten der Festung Marburg ernannt.HstAM, 15, 997 Diese Stellung hatte er bis zu seinem Tod inne.
Nachdem Landgraf Karl 1682 zum Kreisobristen des Oberrheinischen Reichskreises gewählt worden war, stellte er wegen der ständigen französischen Bedrohungen neue Regimenter in seiner Landgrafschaft auf. Als das osmanische Heer 1683 vor Wien erschien, bestand im nun vergrößerten hessisch-kasselschen Heer u. a. ein neu gebildeten Regiment zu Fuß, unter dem Befehl des Obristen und Marburger Kommandanten Johann ufm Keller, mit 1200 Mann in 11 Kompanien; seinen Kern bildeten einige verbliebene Kompanien des unter ufm Keller 1677 gebildeten und 1679 aufgelösten Regiments.Die hessen-kasselsche Kriegsmacht unter dem Landgrafen Karl bis zum Frieden von Ryswick 1697. In: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde, Achter Band, Kassel, 1860, S. 129–131Carl von Stamford: Das stehende hessische Heer von 1670 – 1866 (Fortsetzung). In: Hessenland: Zeitschrift für die Kulturpflege des Bezirksverbandes Hessen. Dreizehnter Jahrgang, Heft 22, Kassel, 16. November 1899, S. 286–288Werner Christoph Schultheis & Rüdiger Böhme: 1953—2003 Fünfzig Jahre Gonsenheimer Füsilier-Garde: Geschichte und Geschichten, Hrsg. Gonsenheimer Füsilier-Garde im Jubiläumsjahr 2003, S. 17 Als Landgraf Karl im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697) der Reichsarmee rund 9000 gut ausgebildete Soldaten zur Verfügung stellte, war das Regiment dabei und nahm 1689 an der Belagerung und Eroberung von Mainz teil.Werner Christoph Schultheis & Rüdiger Böhme: 1953—2003 Fünfzig Jahre Gonsenheimer Füsilier-Garde: Geschichte und Geschichten, Hrsg. Gonsenheimer Füsilier-Garde im Jubiläumsjahr 2003, S. 18–19
1688 verkaufte Landgraf Karl die Burg, das Gut und das Dorf Schiffelbach an Johann ufm Keller.Schiffelbach im Historischen Ortslexikon Hessen der um 1700 erhebliche Umbauten an der um 1500 von den Schleier erbauten Wasserburg durchführen ließ und 1700/01 den Neubau der dortigen Fachwerkkirche betrieb und tatkräftig unterstützte. Schiffelbach blieb bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts im Besitz seiner Erben; dann wurden Acker- und Waldbesitz verkauft und die einstige Burg wurde abgebrochen.
1698 wurde ufm Keller von Landgraf Karl zum Generalmajor befördert und zum Gouverneur des sogenannten Oberfürstentums (der Landesteil um Marburg) bestellt;HStAM, 15, 998. seine Stellung als Kommandant der Festung Marburg übte er gleichzeitig aus. Im Jahre 1706, als seine Gesundheit sich rapide verschlechterte, wurde Kapitän Murren zum Interimskommandanten der Festung Marburg bestellt,HStAM, Marburg 800, 1958. und nach dem bald darauf erfolgten Tod ufm Kellers ernannte der Landgraf den Obristen Wolf Christoph Schenk zu Schweinsberg zum Generalmajor und Kommandanten zu Marburg;HStAM, 15, 1002. 1709 wurde dieser Generalleutnant und Gouverneur des Oberfürstentums.
Fußnoten
Literatur Carl von Stamford: Die Feldzüge der Regimenter Ufm Keller und von Hornumb von Hessen-Cassel in dem Reichskriege gegen Schweden, auf Schonen und auf Rügen 1677 und 1678: ein Beitrag zur hessischen Kriegsgeschichte wie zur Geschichte der hessischen Kriegsverfassungen ; mit 6 Anlagen. Verlag von U. Freyschmidt Hofbuchhandlung, Kassel, 1882 Carl von Stamford: Das stehende hessische Heer von 1670 – 1866. In: Hessenland: Zeitschrift für die Kulturpflege des Bezirksverbandes Hessen, 13. Jahrgang, Nr. 20, Kassel, 16. Oktober 1899, S. 258–260 Anon.: Die hessen-kasselsche Kriegsmacht unter dem Landgrafen Karl bis zum Frieden von Ryswick 1697. In: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde, Achter Band, Kassel, 1860, S. 109-215 (hier 125ff.)