Elektronbrandbombe B 1 E bezeichnet drei Brandbomben, die im Deutschen Reich entwickelt und während des Zweiten Weltkriegs eingesetzt wurden. In Deutschland wurden sie umgangssprachlich als Stabbrandbomben bezeichnet.
Entwicklung Die Entwicklung der Elektronbrandbombe B 1 E entstammt einem Vorschlag der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron aus dem Jahr 1917. Die ersten Elektronbrandbomben wurden 1918 an die deutschen Fliegertruppe für den sog. Feuerplan geliefert. Dieser Plan sah vor, Paris und London während mehrerer Tage massenweise mit den Elektronbrandbomben zu bombardieren und damit einen Frieden mit Frankreich und dem Vereinigten Königreich zu erzwingen. Am 23. September 1918, am Vorabend des geplanten Angriffs, wurde der Einsatz von Erich Ludendorff, dem Chef der OHL untersagt.Wolfgang Fleischer: Deutsche Abwurfmunition bis 1945. Sprengbomben, Brandbomben, Sonderabwurfmunition, Abwurfbehälter, Zünder. Motorbuch Verlag, 2003, S. 29.Neil Hanson: First Blitz. Corgi Books, 2009, S. 433–434.
Zur Zeit der Weimarer Republik wurden von der Reichswehr Versuche mit der B 1 E durchgeführt. Diese geschahen im Rahmen der Geheimen Zusammenarbeit zwischen Roter Armee und Reichswehr. Dabei wurden 1929 im sowjetischen Lipezk, die nun Streubrandbomben bezeichneten Bomben ab einer modifizierten Junkers G 24 abgeworfen.Wolfgang Fleischer: Deutsche Abwurfmunition bis 1945. Sprengbomben, Brandbomben, Sonderabwurfmunition, Abwurfbehälter, Zünder. Motorbuch Verlag, 2003, S. 37.
Im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht wurde auch eine Bomberflotte für die Luftwaffe aufgestellt. Für diese Bomber forderte der Reichskommissar für Luftfahrt Hermann Göring verschiedene Spreng- und Brandbomben. Dabei sollte auch abgeklärt werden, ob die aus dem Ersten Weltkrieg stammende B 1 E den Anforderungen der Luftwaffe entsprach. Daraufhin wurde im Frühling 1934 die B 1 E zusammen mit den neu entwickelten Elektronbrandbomben B 0,2 E und B 4 E getestet und deren Wirkung verglichen. Bei einem letzten Großtest im Oktober 1935 wurde die Wirkung der beiden noch verbliebenen Bombenmodelle verglichen. Bei diesem Test wurden auf das wüst gefallene Schillersdorf, auf dem Testgelände der Erprobungsstelle Rechlin rund 2000 B 1 E sowie etwa 4000 B 0,2 E abgeworfen. Dabei zeigten die schwerere B 1 E eine bessere Durchschlagskraft, worauf die Entscheidung zugunsten dieses Bombenmodells ausfiel. Nachdem der Entwurf minimal angepasst worden war, erteilte das Reichsluftfahrtministerium den Auftrag zur Massenproduktion. Die B 1 E war einfach sowie billig herzustellen und das Rohmaterial problemlos zu beschaffen. Die Produktion erfolgte in verschiedenen Betrieben der I.G. Farben und die Produktionszahlen gingen in die Millionen. Ab dem Frühjahr 1943 lief die Fertigung der B 1 E aus und nur noch die schwereren B 1,3 E, B 2 EZ sowie B 2,2 EZ wurden weiter produziert.Wolfgang Fleischer: Deutsche Abwurfmunition bis 1945. Sprengbomben, Brandbomben, Sonderabwurfmunition, Abwurfbehälter, Zünder. Motorbuch Verlag, 2003, S. 53–54.
Technik Die Elektronbrandbombe B 1 E war eine Stabbrandbombe die aus Abwurfbehältern oder verpackt in Streubomben abgeworfen wurde. Sie wurde im Flächenbombardement gegen Städte und Industrieanlagen mit hohem Anteil an brennbaren Materialien eingesetzt. Die Bomben wurden aus mittlerer sowie großer Flughöhe abgeworfen. Sie wurden beim Aufschlag auf der Erdoberfläche gezündet.
Bombe mini|Blindgänger einer Elektronbrandbombe B 1 E Der Bombenkörper bestand aus einem Hohlzylinder aus brennbarem Elektron. Der Hohlzylinder hatte Länge von 24,7 cm und ein Durchmesser von 50 mm. Befüllt war der Bombenkörper mit 0,36 kg Thermit. Vorne am Bombenkörper war der flache Bombenkopf aus Elektron eingeschraubt. In diesem befand sich der Aufschlagzünder vom Typ 8312 (auch Zünder (13) A). Dies war ein einfach aufgebauter Zünder mit einer schraubfedergespannten Zündnadel. Gesichert war der Zünder mit einem Splint, der quer durch den Bombenkörper sowie durch die Schraubfeder verlief. Vorne im Bombenkörper, auf der Höhe des Zünders waren seitliche Bohrungen angebracht, welche zu Beginn der Redoxreaktion des Thermits für Luftzufuhr sorgten. Gegen das Heck verjüngte sich der Bombenkörper konisch. Im Bombenkörperheck war ein kreisrundes Bodenstück aus einer Magnesiumlegierung eingesetzt. Über dem konischen Bombenkörperheck war das Heckteil aufgesetzt und mit drei Hammerschlagnieten am Bombenkörper befestigt. Das hohle Heckteil aus Blechen hatte eine Länge von 12 cm und besaß drei Stabilisierungsflügel (Heckflossen) um die ein Ringleitwerk montiert war. Bis auf das Heckteil waren nahezu alle Teile der Bombe brennbar. Die Grundfarbe des Bombenkörpers war grau und das Heckteil dunkelgrün oder schwarz.Wolfgang Fleischer: Deutsche Abwurfmunition bis 1945. Sprengbomben, Brandbomben, Sonderabwurfmunition, Abwurfbehälter, Zünder. Motorbuch Verlag, 2003, S. 173–174.Karl R. Pawlas: Munitions-Lexikon. Band 3: Deutsche Bomben. 2. Auflage. Journal-Verlag, 1992, S. 149–155.
Die Elektronbrandbombe B 1 E wurden für den Abwurf in Abwurfbehälter und Streubomben gepackt. Dabei musste der Splint aus dem Bombenkörper gezogen werden, wodurch der Zünder der Bombe scharf war. Die Behälter und Streubomben wurden in der Regel mit 95 % Standard-Elektronbrandbomben sowie 5 % Elektronbrandbomben mit zusätzlichen Sprengladungen beladen. Die Explosion der Sprengladungen war nicht tödlich, sondern diente primär der Abschreckung, um Bergungs- und Löschversuche zu behindern. Nach dem Abwurf aus dem Abwurfbehälter bzw. dem Ausstoßen aus der Streubombe folgten die Elektronbrandbomben einer Wurfparabel und verteilten sich nach dem Gießkannenprinzip über der Zielfläche. In Abhängigkeit von Flughöhe und Fluggeschwindigkeit verteilten sich die Bomben über ein größeres oder kleineres Gebiet. Aus einer Flughöhe von 2000 m über Grund konnte die Elektronbrandbombe Dachziegel und Stahlbetonplatten bis zu einer Stärke von 5 cm durchschlagen bevor sie zündete. Danach sollte sie im Dachgeschoss abbrennen und dabei das Gebäude in Brand setzen. Beim Aufprall schlug die Zündnadel auf ein Zündhütchen und nach einer kurzen Verzögerung begann die Thermitreaktion im Bombenkörper. Dabei trat eine grelle Stichflamme aus der Bombe hervor. Die Thermitreaktion lief während rund 30 Sekunden bei einer Temperatur von bis zu 2500 °C ab. Dabei wurde der Bombenkörper aus Elektron entzündet. Dieser brannte nun während 10 bis 15 Minuten bei rund 1300 °C ab und zerschmolz die Bombe zu einer weißglühenden, brennenden Metallschmelze. Ein direktes Löschen der Elektronbrandbombe B 1 E mit Wasser oder Sand war nicht möglich. Sich einer abbrennenden Bombe zu nähern, war durch die teilweise verbauten Sprengladungen im Bombenkörper gefährlich. Von der Elektronbrandbombe B 1 E entstanden die folgenden Modelle: Elektronbrandbombe B 1 E: Standardmodell wie oben beschrieben. Elektronbrandbombe B 1 EZ: Mit 8 g Nitropenta im Bombenkörperheck. Dieses explodierte nach 0,5 bis 1,5 Minuten und verstreute das brennende Thermit und Elektron. Elektronbrandbombe B 1 EZB: Mit einer Ladung Nitropenta in einer Bohrung im Bombenkopf. Dieses explodierte nach 0,5 bis 5 Minuten und zerlegte den Bombenkopf in Splitter. Dabei wurde auch das brennende Thermit und Elektron verstreut.
Abwurfbehälter & Streubomben Die Elektronbrandbomben B 1 E wurden nicht einzeln, sondern massenweise mit Streubomben oder aus an Flugzeugen montierten Abwurfbehältern abgeworfen. Die Elektronbrandbomben konnten von zahlreichen Bombern der Luftwaffe eingesetzt werden, wie etwa die Junkers Ju 88, Junkers Ju 188, Dornier Do 17, Dornier Do 217 oder Heinkel He 111. Für die Luftwaffe wurden die folgenden Streubomben und Abwurfbehälter entwickelt:Wolfgang Fleischer: Deutsche Abwurfmunition bis 1945. Sprengbomben, Brandbomben, Sonderabwurfmunition, Abwurfbehälter, Zünder. Motorbuch Verlag, 2003, S. 223–233. Abwurfbehälter AB-36: mit 36 × B 1 E, Gewicht 42,5 kg Abwurfbehälter AB-42: mit 42 × B 1 E, Gewicht 43,5–59 kg Abwurfbehälter ABB-500: mit 140 × B 1 E, Gewicht 200 kg Abwurfbehälter AB-1000: mit 610 × B 1 E, Gewicht 955 kg Brandbomben-Schüttkasten BSK-36: mit 16 × B 1 E, Gewicht 42–46 kg Brandbomben-Schüttbehälter BSB-360: mit 360 × B 1 E, Gewicht 435 kg Brandbomben-Schüttbehälter BSB-700: mit 700 × B 1 E, Gewicht 905 kg Drei-Seiten-Abwurfbehälter: mit 36 × B 1 E, Gewicht 46–48 kg
Einsatz mini|Elektronbrandbombe im London Police Museum Erstmals wurden Elektronbrandbomben B 1 E im Spanischen Bürgerkrieg von der Legion Condor bei Luftangriffen auf Madrid, Barcelona sowie beim Luftangriff auf Guernica verwendet.Richard Overy: Der Bombenkrieg. Europa 1939–1945. Rowohlt Verlag, 2014, S. 63–66.Malvern Lumsden: Incendiary Weapons. Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), 1975, S. 28.Sven-Felix Kellerhoff: , In Die Welt, Ausgabe 29. Mai 2013
Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Elektronbrandbomben erstmalig bei der Schlacht um Warschau im September 1939 eingesetzt. Bei dieser Schlacht warf die Luftwaffe neben Sprengbomben rund 72 Tonnen Elektronbrandbomben auf die Stadt ab.Richard Overy: Der Bombenkrieg. Europa 1939–1945. Rowohlt Verlag, 2014, S. 106–107.Malvern Lumsden: Incendiary Weapons. Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), 1975, S. 31. Auch 1941 beim Luftangriff auf Belgrad und Luftangriff auf Moskau setzte die Luftwaffe Elektronbrandbomben ein.Richard Overy: Der Bombenkrieg. Europa 1939–1945. Rowohlt Verlag, 2014, S. 108.
In großem Umfang kamen die Elektronbrandbomben B 1 E bei der Luftschlacht um England zum Einsatz. Allein zwischen September und November 1940 warf die Luftwaffe bei den Luftangriffen auf London rund 1 Million Elektronbrandbomben und Brandkanister auf die Stadt ab.Richard Overy: Der Bombenkrieg. Europa 1939–1945. Rowohlt Verlag, 2014, S. 150–151. In der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 1940 wurden von der Luftwaffe 127 Tonnen Sprengbomben und rund 22.000 Elektronbrandbomben auf London abgeworfen. Auch bei den Luftangriffen auf Coventry, den Luftangriffen auf Liverpool sowie bei dem Baedeker Blitz kamen Massenweise Elektronbrandbomben zum Einsatz.Richard Overy: Der Bombenkrieg. Europa 1939–1945. Rowohlt Verlag, 2014, S. 151–152 & 175. Im Vereinigten Königreich wurde die Elektronbrandbombe umgangssprachlich „Fritz“ genannt.
Die Luftwaffe verwendete die Elektronbrandbomben B 1 E bis zum Kriegsende bei Luftangriffen auf Städte in Europa.
Nutzerstaaten
Siehe auch Deutsche Abwurfmunition des Zweiten Weltkrieges
Literatur Karl R. Pawlas: Munitions-Lexikon. Band 3: Deutsche Bomben. 2. Auflage. Journal-Verlag, Deutschland, 1992. Malvern Lumsden: Incendiary Weapons. Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), Schweden, 1975, ISBN 0-262-19139-3. Neil Hanson: First Blitz. Corgi Books, Vereinigtes Königreich, 2009. ISBN 978-0-552-15548-9 Richard Overy: Der Bombenkrieg. Europa 1939–1945. Rowohlt Verlag, Deutschland, 2014, ISBN 978-3-87134-782-5. Wolfgang Fleischer: Deutsche Abwurfmunition bis 1945. Sprengbomben, Brandbomben, Sonderabwurfmunition, Abwurfbehälter, Zünder. Motorbuch Verlag, Deutschland, 2003, ISBN 3-613-02286-9.
Weblinks Incendiary bombs bei jimdofree.com (englisch) B1E 1-kg Incendiary Aircraft Bomb bei cat-uxo.com (englisch) 1kg Incendiary Bombs (IB's) bei ww2airdroppedordnance.com (englisch) WW2 German ordnance bei bombsawayuxo.com (englisch) Elektronbrandebombe B-1E 1 kg bei iwm.org (englisch)
Einzelnachweise
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